Ein Menschenfreund unter Barbaren

Kurt Mühlenhaupt Zille sein Milieu bis fast in die Gegenwart verlängert, das ist die Kunst des Berliner Malers, dessen Bilder aktuell im Sockel am Kreuzbergdenkmal zu sehen sind
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Ein Menschenfreund unter Barbaren
Berliner Typen: Kurt Mühlenhaupts Milieustudien werden auf dem Kreuzberg ausgestellt

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Man muss sich Kurt Mühlenhaupt als Menschenfreund vorstellen. Seine Bilder drehen sich um das Leben der Männer und Frauen, die nicht in Luxus leben. Arbeiter*innen, Trinker*innen, Spazierengänger*innen, Man sieht auf seinen Bildern das Leben in den berühmt-berüchtigten Berliner Hinterhäusern, die es in Ost- und Westberlin noch bis in die 1980er Jahre gab. Zille sein Milieu bis fast in die Gegenwart verlängert, das ist die Kunst von Kurt Mühlenhaupt. Zum 100ten Geburtstag des Malers gibt es in Berlin eine Reihe von Jubiläumsausstellungen. Der Höhepunkt ist die Exposition im Sockel des Kreuzbergdenkmals auf dem gleichnamigen Berg. In den selten geöffneten Räumen sind Mühlenhaupts Bilder mit den Werken der preussischen Hofkünstler Karl Friedrich Schinkel und Johann Gottfried Schadow zu sehen. Ein größerer Kontrast zwischen ihnen und dem „Maler des Berliner Milieus“ ist kaum denkbar, und gerade deshalb ist die Konfrontation der so unterschiedlichen Werke so interessant. Da werden Schadows Fresken gezeigt, die er für eine im Krieg zerstörte Berliner Herrschaftsvilla gefertigt hatte. Bis in die 1970er Jahre stand die Ruine noch im Berliner Tiergarten und kam in der Szene eines Filmes vor, in der ein junger Künstler mit dem Fahrrad vom Atelier Kurt Mühlenhaupts in Kreuzberg zu dem zerstörten Gebäude im Tiergarten fährt.

Wege in die Barbarei

Gerade weil nicht nur die Kunst sondern auch das gesellschaftliche Bild dahinter so grundverschieden ist, ist die Konfrontation der so unterschiedlichen Arbeiten so interessant. Auf einer Tafel wird aus einer Rede von Mühlenhaupt zitiert, die er bei einer Preisverleihung gehalten hat. Dort sprach er sich gegen preussische Zucht und Ordnung und für eine Welt ohne Nationen und Grenzen aus. Dagegen steht die preussische Renommierkunst aus einer historischen Phase, die manche als wichtige Etappe auf dem Weg in den Nationalsozialismus sehen: die sogenannten Befreiungskriege, als gegen die bürgerlichen Reformen eines Napoleon Bonaparte germanische Mythen und Antisemitismus mobilisiert wurden. Man sieht auf den Fresken die germanischen Barbaren, die auch von den letzten Monarchen Wilhelm II zum Leitbild für den Kampf Deutschlands um einen Platz an der Sonne angerufen wurden. Im Nationalsozialismus wurde die Barbarei dann zum Staatsprogramm. Man kann natürlich darüber streiten, ob den sogenannten Befreiungskriegen der Weg in den NS schon geebnet war. Tatsächlich ist dort aber die Geburtsstunde jenes völkischen Antisemitismus, der von den Nazis nur noch radikalisiert werden musste.

Eine Wiedererinnerung an die (West)Berliner Boheme

Kurt Mühlenhaupt gilt als nicht explizit politisch, weil er mit der späteren Kreuzberger Alternativbewegung fremdelte. Doch er gehörte zu der heute fast vergessenen Westberliner Boheme, die schon seit den 1950er Jahren gegen das Klima der Frontstadt Westberlin agierte. Hier trafen sich Lebenskünstler*innen, die Anarchist*innen ohne Dogma und die Kommunist*innen ohne Parteibuch. Dieses Milieu war durch die spätere Westberliner Alternativbewegung lange in Vergessenheit geraten. Der Stadtforscher Jürgen Enkemann hat in seinem 2019 erschienenen Buch „Kreuzberg – das andere Berlin“ diesem Milieu ein ganzes Kapitel gewidmet. Vielleicht könnte auch der 100te Geburtstag von Mühlenhaupt einen Beitrag dazu leisten, es noch bekannter zu machen. Die Ausstellung ist auch ein Beitrag zur Entnationalisierung des Kreuzbergdenkmals, dass ebenfalls ein Produkt des Deutschen Furore gegen die bürgerlichen Reformen aus Frankreich 1821 als N*denkmal eröffnet wurde. Es ist durchaus auch im Sinne des Menschenfreundes Mühlenhaupt, wenn dieses besondere N-Wort nicht mehr verwendet wird.

Peter Nowak

01:47 24.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare