Eine ganz normale Familie

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Der Amoklauf von Winnenden hat in der letzten Woche eine Fülle von Hobby-Psychologen zu den abenteuerlichsten Erklärungsansätzen ermutigt. Alles und jedes soll verantwortlich gewesen sein.
Dabei sind diese mehr oder weniger komplexen Erklärungsansätze ein hilfloser Versucheiner Rationalisierung, die nichts erklären, aber ein ganzes Heer von Psychologen, Sozialwissenschaftlern etc. ernährt hat.
Dabei könnte ein Satz, den die Eltern von Tim K. in ihren Brief an die Verwandten der Getöteten geschrieben haben viel mehr über die Ursachen sagen: Er lautete:
„Wir waren eine ganz normale Familie“.
Genau das dürfte mehr als alles andere zur Herausbildung des jungen Amokläufers beigetragen haben. Auch die Eltern anderer Amokläufer betonten, dass sie ganz normale Familien waren, bis zu dem Tag, der ihr Leben veränderte. Die Amokläufer waren keine verlassenen, verlorenen Kinder. Sie kamen nicht einmal aus dem viel zitierten abgehängten Prekariat, und es waren auch keine Nachkommen von Alt-68ern. Nein die ganz normale Kleinfamilie, wie sie Franz Josef Degenhardt in seinem Song „Sonntag, in der kleinen Stadt“ schon vor über 30 Jahren beschrieb, hat auch heute noch nichts von ihrem Schrecken verloren.
Es gab eine Zeit, in der die Kleinfamilie als Teil der repressiven ideologischen Staatsapparate entmystifiziert worden war. Damals wurdenim Hier und Jetzt verschiedeneExperimente eines anderen Lebens jenseits der Kleinfamilienidiotie ausprobiert. Die jungen Leute, die daran beteiligt waren, taugten nicht zum Amoklaufen. Viele von ihnen kämpften für ein besseres Leben im Hier und Jetzt und bestimmt nicht für den Tod.
In einer Gesellschaft, wo für Utopien kein Platz mehr ist, wo sogar die Mehrheit der Studenten die Verteidigung der traditionellen Familie zu einer zentralen Aufgabe erklärt,braucht man sich über Amokläufer nicht wundern. Und es wird sie geben, solange es „diese ganz normalen Familien“gibt.

Peter Nowak
02:30 21.03.2009
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