Eine linke Geschichte

Deckname Jenny Kann es linke Krimis geben? »Deckname Jenny« beweist, dass es möglich ist
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Die Szene spielt in einem Krankenhaus. Eine schwer kranke Frau in mittlerem Alter verabschiedet sich von ihrer kleinen Tochter Jenny mit den Worten: »Da wo ich jetzt hingehe, müssen wir alle eines Tages gehen.« Ich wäre aber gern noch bisschen geblieben.» Ein sehr konventioneller Anfang für einen alternativ-politischen Spielfilm.

Doch danach erleben die Zuschauer_innen 100 Minuten eines ganz und gar nicht konventionellen Films. Es geht um politisch aktive junge Menschen, die mehr machen wollen, als auf Demonstrationen zu gehen und die nach den Wurzeln einer Linken suchten, die genau das schon vor einigen Generationen versuchten.

Dabei lernen sie die Geschichte ihrer Eltern kennen, die in ihrer Jugend in der Bewegung 2. Juni und den Revolutionären Zellen aktiv gewesen waren, dies aber vor den Kindern gut verborgen gehalten hatten.

In dem Film werden viele Themen angesprochen, die aktuell die außerparlamentarische Linke beschäftigen. Da geht es um ehemalige Linke, die, nun wohlhabend geworden, nur noch mit Zynismus auf ihre Vergangenheit zurückblicken. Da geht es um Geflüchtete, die abgeschoben werden und untertauchen, um selbstbewusste Frauen, die sich über die Vorstellung von romantischer Liebe auch zwischen Frauen lustig machen.
Es ist ein Film. mit klarer Sympathie für eine antagonstische Linke. Er feiert sie allerdings überhaupt nicht. Den sehr treffenden Humor erkennen wohl am ehesten Menschen, die mit der linken Szene etwas Vertrauter sind.

«Keine Reformautonomen, kein Kuscheln mit Fördertöpfen, keine Staatsantifa», sagt ein junger Autonomer auf einem der vielen linken Plenen im Film. Dass er trotzdem nicht redundant und langweilig wirkt, liegt an der Ironie und an einem Humor, der auch die eigene Szene nicht verschont. So fremdelt ein Ex-Militanter sichtlich, als er in ein Biorestaurant zum Treffen eingeladen wird. Eine Einführung in die Feinheiten der Biokost beendet er mit der trockenen Feststellung, dass dem Staat nichts passiert, solange Militante dort einkaufen. Er ist wie viele der im Film auftretenden Personen auch in der Berliner Linken aktiv und wirkt deshalb besonders identisch.

In solchen Szenen wird dann nicht nur der neue grüne Mittelstand mit Hohn und Spott überzogen. Auch vegane Linksradikale und Tierrechtler_innen sind gemeint.

Die Regisseurin Samira Fansa hat mit diesem Film die real existierende Linke, ob reformerisch oder militant, gut nachgezeichnet. Das mag auch daran liegen, dass sie selbst seit mehr als drei Jahrzehnten in der radikalen Linken aktiv ist. Überregional bekannt wurde Fansa übrigens durch ihre umstrittene Farbbeutelattacke auf den damaligen grünen Außenminister Joschka Fischer, als dieser im Mai 1999 seine grüne Partei auf dem Bielefelder Parteitag auf den Natokrieg gegen Jugoslawien einschwor. Mit mehreren Filmen hat Fansa in den letzten Jahren in aktuelle politische Debatten interveniert. In "Ende der Vertretung" ( https://www.netzwerkit.de/Members/valter/gewerkschaft/streik/film-ende-der-vertretung-emmely-und-der-streik-im-einzelhandel) ging es um rebellische Kassierinnen, die sich im Laufe ihres Arbeitskampfs auch von den Vorständen ihrer Gewerkschaften emanzipierten. In dem Film «Verdrängung hat viele Gesichter» (http://www.wem-gehoert-kreuzberg.de/index.php/multimedia/9-dokumentarfilm-verdraengung-hat-viele-gesichter ) zeigte sie, wie die ärmere Bevölkerung in einem Berliner Stadtteil auch durch linke Baugruppen verdrängt wird. Nun hat Fansa erstmals einen Spielfilm gedreht. Wie die anderen Projekte der streitbaren Regisseurin wird auch «Deckname Jenny» wieder für Kontroversen sorgen, allein schon deshalb, weil darin Militanz nicht als kompletter Irrweg dargestellt wird. Es sind in den letzten Jahren einige Filme entstanden, in denen junge Menschen mehr machen wollten, als auf Demonstrationen zu gehen und Unterschriften zu sammeln. Doch in der Regel endete das für sie böse. Sie gerieten ins Visier der Polizei, isolierten sich in der Gesellschaft und gerieten auch persönlich in existielle Krisen. Da ist Deckname Jenny schon die große Ausnahme und schon deshalb sollte mensch ihn sich anschauen.

Aktuelle Aufführtermine finden sich hier:

https://jenny.in-berlin.de/kino/

Hier geht es zur Homepage des Films:

https://jenny.in-berlin.de

Peter Nowak

14:58 22.06.2018
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