Eine Wahrheit über den Roten Oktober

Katrin Rothe Die Berliner Regisseurin hat mit ihren neuesten Film einen sehensweren filmischen Beitrag zur Geschichte der Oktoberrevolution vorgelegt
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Was geschah zwischen dem Februar und dem Oktober/November 1917 in Russland? Diese Fragen stellen sich 100 Jahre danach viele. Auf eine sehr originelle Weise beantwortet die Berliner Filmemacherin Katrin Rothe diese Frage, in dem Film „Der wahr Oktober“. Vom Titel soll mensch sich nicht täuschen lassen. Indem Film soll keineswegs die endgültige Wahrheit über Oktoberrevolution verkündet werden. Rothe hat sich vielmehr die Frage gestellt, wie zeitgenössische russische Künstler-innen diese Zeit erlebten. Sie hat sich in Bücher vertieft und so ein politisch denkbar breites Spektrum zu Wort kommen lassen. Dabei hat sie ein denkbar bereits Spektrum von Künstler_innen aufgeführt.

Da ist die Monarchistin Zinaida Gippius, der Salonmarxist Gorky, der nie um eine revolutionäre Phrase verlegene Majakowski und der Bürgersohn Alexander Blok, um nur einige zu nennen. Doch wie schafft man es, ihre Gedanken in einen Film zu packen, ohne ihm text- und theorielastig zu überfrachten? Diese Herausforderung hat die Regisseurin Rothe mit Bravour gelöst. Sie arbeitet mit Animationen und die wichtigen Figuren der russischen Kunst werden zu lustigen Sprechpuppen. Rothe schafft es auch, die Lebenswelt der Künstler_innen im Film abzubilden. So wanderte die Reaktionärin Zinaida Gippius ruhelos durch ihre noble Petersburger Stadtwohnung und ist wütend, dass die Dienstbot_innen sich nicht mehr alles gefallen lassen, seit der Zar gestürzt und die revolutionäre Linke in Gestalt der Bolschewiki auf der Straße an Einfluss gewinnen. Gippius beklagt die neue Zeit in der die Arbeiter_innen aufmucken, die Stra0en und Plätze nicht mehr nur den oberen Klassen gehören und sie erwartet den Umsturz, einen starken Mann, der mit den Revolutionär_innen kurzen Prozess macht. Sie belässt es nicht beim Lamento sondern beteiligt sich an Versuchen, die Verhältnisse in Russland wieder auf die Zeit vor dem Februar 1917 zurückzudrehen. Majakowski hingegen propagiert zeitgleich auf den Straßen von Petersburg die totale Revolution und intoniert Lieder, die die Bourgeoisie verhöhnen. „Bürger fresst Ananas, morgen werdet ihr nichts mehr zu sagen haben“. In dieser Phase steht er zwischen den Bolschewiki und den Anarchist_innen. Die verlangen zunehmend ungeduldiger einen Bruch mit der alten Ordnung auch im Wirtschaftsordnung. Währenddessen denkt selbst der Marxist Gorki über eine Weiterführung des Krieges nach, um Russland wieder ein Ziel zu geben. Er gründet eine Kommission, die nun die alten zaristischen Denkmäler vor der Zerstörung durch die Revolutionär_innen retten will, in dem er propagiert, diese seien jetzt „Volkseigentum“. Einige Anarchist_innen stellen die berechtigte Frage, ob nicht eine Kommission sinnvoller wäre, die die Zerstörung einiger besonders verhasster Denkmäler des alten Regimes in Angriff nehmen sollte. Insgesamt stellt die von Rothe gezeichnete der Welt der Intelligenz ein Spiegelbild jener dem Untergang geweihten Gesellschaft dar, die Trotzki in seiner Geschichte der Oktoberrevolution so gut beschreibt. Sie sind schon von kurz vor dem Abgrund, aber zankten und streiten gegeneinander wie eh und je. Und ihr Feind sind die Massen der Armen, doch sie glauben immer noch, dass sie die schon in Griff haben. Und falls die frech werden, halfen immer noch Kanonen. Doch die Geschichte ging vor 100 Jahren in Russland anders aus, wie wir wissen. Und das lag an Arbeiter_innen und Bäuer_innen, die Schluss machen wollten, mit de Ausbeutung und Unterdrückung. Sie werden im Film nicht vorgestellt.

Die Bolschewiki waren mit den Massen

Dass sich Rothe auf die Köpfe der Intelligenz konzentriert und die Revolutionär_innen nur als Masse dargestellt hat, brachte ihr die Kritik von Kai Köhler in der jungen Welt. Doch auch diese Massen, die im Film die Straßen und Plätze erobern, bekommen von der Regisseurin durch die unterschiedlichen Wimpel und Banner noch eine besondere Note. Und die Bolschewiki kommen durchaus nicht schlecht weg in dem Film. Sie konstatiert richtig, dass sie in der politischen Arena isoliert sind, aber auf der Straße vor allem durch ihre konsequente Opposition gegen die Weiterführung des Krieges immer mehr an Unterstützung bekommen, wird richtig beschrieben. Auch manche Intellektuelle werden So gesteht Alexander Blok seiner langjährigen Mäzenin Gippius, dass er die Argumente der Bolschewiki zunehmend überzeugend finde, sie möge ihm die Freundschaft nicht aufkündigen. Doch in dem Augenblick wurde er für sie zum Feind. Der Film endet damit, dass Gorki nach dem Oktoberumsturz im Palast erstaunt feststellt, dass kaum was gestohlen wurde und die Arbeiter_innen und Soldaten sich in ihren klobigen Schuhen vorsichtig durch den Palast bewegt haben. Er spricht von einem unerklärlichen Tabu, dass sie an der Zerstörung hinderte. Vielleicht waren es nur die bürgerlichen Ressentiments über die Arbeiter_innen, die sich nicht bestätigten. Rothe beendet den Film, ohne pathetisch auf den Fortgang der Revolution und ihrer Geschichte hinzuweisen, die ja bekannt ist. Am Ende erfährt die Zuschauer_in, dass der Titel kritisch gemeint war. Rothe hatte nicht den Anspruch, die sondern eine Wahrheit über die Revolution zu zeigen. Und wir erfahren ihre Motivation, dass sie als DDR-Bürgerin zeigen wollte, wie alles anfing mit dem Sozialismus. Sie hätte noch erwähnen können, dass sie auch schon ihre Erfahrung mit dem Kapitalismus gemacht hat. In dem Film „Betongold“ thematisiert sie ihre eigene Vertreibung aus Berlin-Mitte. Dort musste sie erstmals mit dem Mittel der Animation arbeiten, weil die Makler_innen und Investor_innen nicht gefilmt werden wollte. In ihren neuen Film nutzt sie dieses Mittel, zu einem Film, der eine Wahrheit über die den Roten Oktober verbreitet.

Peter Nowak

Homepage zum Film:

http://www.1917-derfilm.de/

In diesen Berliner Kinos wird der Film aktuell gezeigt:

http://www.berlin.de/kino/_bin/filmdetail.php/242400

17:11 30.06.2017
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