Entsorgt die Atompolitik nicht linke Kritik in Gorleben!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine Replik auf den Beitrag „Mythische Zeichen“ von Axel Brüggemann, im Freitag vom 8.11.2010, Titelseite

Keine Frage, der Widerstand gegen die Atompolitik der Bundesregierung hat seine Berechtigung. Doch, es ist schon auffällig, dass auch kritische Medien den Eindruck erwecken, als drehe sich in diesen Tagen die Welt nur um den Castor. Andere Proteste werden in diesenTagen kaum zur Kenntnis genommen. Oder wurde irgendwo vermeldet, dass am 5. November Erwerbslosengruppen auf dem CDU-Landesparteitag von NRW in Bonn Krach geschlagen haben? Sie haben damit den Schwung der bundesweiten Demonstration vom 10.Oktober in Oldenburg in dezentrale Aktionen umgesetzt und sie haben ein ganz aktuelles und existentielles Anliegen:

„Jetzt gilt es, weiter Druck zu machen, damit die schwarz-gelbe Koalition mit ihren Plänen zur Neufestsetzung der Hartz-IV-Sätze nicht durchkommt.“ Dieses Anliegen hat aber nur Aussicht auf Erfolg, wenn die Erwerbslosen nicht allein bleiben. Nach dem Hype um den Castor fragt man sich doch, warum nicht mit einen Teil der Energie auch gegen die Hartz IV-Politik mobilisiert wird.

Der Beitrag „Mythische Zeichen“, der sogar auf der Titelseite des aktuellen Freitag zu finden ist (www.freitag.de/politik/1044-mythische-zeichen) liefert einige Antworten. Denn er ist ein gutes Beispiel für linke Aktivisten, die vor allem deshalb so heftig auf den Kampf gegen AKW gesetzt haben, weil sie damit jede Kritik an Kapital undStaat besonders gründlich entsorgen können. Warum in Westdeutschland die Verschmelzung der linken Restgruppen in die große ökologische Volksgemeinschaft in den frühen 80er Jahren so besonders erfolgreich verlaufen ist, kann nicht hundertprozentig beantwortet werden. Aber einige Vermutungen gibt es. Hatten hier nicht die ehemaligen 68er, die sich in ihren bewegten Studentenjahren mit ihren Erzeugern und deren Vorfahren verzankt hatten,so die beste Gelegenheit, über alle Generationen hinweg wieder Versöhnung zu feiern. Das blieb natürlich nicht in der Familie sondern die linken Aktivisten wollten sich gleich mit der gesamten Bevölkerung versöhnen. Endlich spielte es keine Rolle mehr, was Opa und Oma unter den Nazis getrieben haben und ob jemand rechts oder links war, wenn man nur gemeinsam gegen die die Atomkraft auf die Straße gehen konnte. Während oft esoterisch angereicherte Umweltbücher boomten, blieb der Berliner Verlag Olle & Wolter auf der deutschsprachigen Ausgabe des Buches "Die Vernichtung der europäischen Juden" von Raul Hiberg sitzen, das er 1982 herausgegeben hatte. Eine gründliche Lektüre hätte wohl die Versöhung zwischen den Generationen gestört.

Axel Brüggemann brachte diese Regression gut auf den Punkt:

„Es ging nicht mehr um links oder rechts, sondern um Atomkraft ja oder nein“. Deswegen dauerte es auch lange, bis die bekanntesten Blut- und Bodenökologen aus der ersten Reihe der neuen Bewegung verdrängt werden konnte. Die Ökosozialisten, die dafür verantwortlich waren, wurden dafür sehr stark angefeindet, weil sie die ökologische Volksfront infrage stellten.

Faktenresistente Mythenbildung

Brüggemann macht in seinenBeitrag auch deutlich, dass deren Mythenbildung von Fakten wenig hält. So will er uns glauben machen, dass die Anti-Atom-Demonstrationen in Deutschland zum ersten Mal gezeigt habe, dass die Straße ein legitimer Ort für praktische Demokratie sein kann. Als hätte es nicht seit 1945 zahlreiche Bewegungen, gezeigt, dass die Straße und nicht das Parlament der Ort des Widerstandes ist. Die Bewegung gegen die Remilitarisierung wäre da ebenso zu nennen, wie der oft lokale Widerstand gegen alte und neue Nazis. Nicht vergessen werden sollten oft mit Streiks verbundenen soziale Kämpfe der 50er und Jahre. Dabei ging es immerhin um so wichtige Forderungen wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch die Septemberstreiks von 1969 gehören in diese Reihe. Genau dieses Erbe sozialer Kämpfe will Brüggemann mit der großen ökologischen Front beerdigen.

So behauptet er jenseits jeglicher Argumente: „In seiner Bildermächtigkeit unterscheidet sich der Atomprotest auch von anderen Protestformen. Ostermärsche oder Manifestationen gegen Hartz IV haben den auch ikonographischen Nachteil, dass bei ihnen meist für schwer Definierbares wie den Weltfrieden oder gegen ungreifbare Parlamentsbeschlüsse demonstriert wird. Im Wendland konnten die Demonstranten die Züge und LKW physisch aufhalten und der rollenden Politik medientauglich Paroli bieten“. Sein Hantieren mit den Bildern dient hier nur zu einer neuen Mythenbildung. Da werden Bilder von Menschen beschworen, die sich den rollenden Zügen entgegensetzen, aber nie erwähnt, dass bislang noch jeder Castor ans Ziel gekommen ist. Erfolgreiche Blockaden gab es in der Vergangenheit beiAktionen gegen Naziaufmärsche, die Herr Brüggemann aber nicht erwähnt, weil er eine Bewegung lobpreist, in der Rechts und Links keine Rolle mehr spielt. Bei aller Kritik an der Antifabewegung, ist sie soweit noch nicht gesunken. Dass Blockaden von Fahrzeugen und Gebäuden ein probates Mittel auch in sozialen Auseinandersetzungen sein können, haben die jüngsten Streiks in Frankreich gezeigt, wo tagelang Raffinierien und andere Fabriken blockiert wurden. Brüggemann steht für eine Linie, die den Widerstand gegen die Atompolitik in aller ersten Linie zur Entsorgung von jeglicher emanzipatorischer Inhalte nutzen will. Die Restlinke soll in ein diffuses ökologisches Heimatschutzbündnis aufgehen, das weder rechts noch links kennt und von Kapital- und Staatskritik schon gar nichts wissen will. Es ist zu wünschen, dass auch ganz viele, die jetzt in Gorleben aktiv waren, dieses Ansinnen zurückweisen. Schließlich sind siedort hingefahren, um die Atompolitik der Bundesregierung, nicht aber linke Inhalte sowie die Vernunft zu entsorgen.

Peter Nowak

01:42 08.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Nowak

lesender arbeiter
Schreiber 0 Leser 25
Avatar

Kommentare 1