Er nannte sich Kazik

In Memoriam Simha Rotem Der letzte überlebende Kämpfer des Warschauer Ghettoaufstands, ist am 22. Dezember 2018 in Jerusalem gestorben. Seine Erinnerungen bleiben uns
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Er nannte sich Kazik
Simha Rotem vor dem Warschauer Ghetto-Ehrenmal im April 2013

Janek Skarzynski/Getty Images

Die polnische Rechtsregierung hat vor einigen Monaten ein Gesetz erlassen, dass bei der israelischen Regierung auf heftige Kritik stieß. Soll doch bestraft werden, wer die polnische Bevölkerung beschuldigt, zwischen 1939 und 1945 mit der deutschen Besatzung zusammengearbeitet und bei der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung geholfen zu haben. Da ist es ein Glücksfall, dass der Verlag Assoziation noch einmal die Erinnerung des letzten Überlebenden des Aufstands im Warschauer Ghetto veröffentlicht hat. Der Verlag hatte sie bereits in den 1990er Jahren das erste Mal aufgelegt. Der Buchtitel verweist auf den Alias-Namen, den er nie getragen hat. Es war ein weitverbreiter Name in Polen. „Als Kazik hatte ihn ein Kamerad aus der Kampfbewegung, gerufen, damit sie selbst von Juden nicht als Jude erkannt wurden“, schreibt Agnieszka Hreczuk in der Einleitung.

In der Erzählung beschreibt Rotem ausführlich, wie er als Junge aus einem Warschauer Arbeiterviertel seine Rolle so überzeugend gespielt hat, dass selbst jüdische Kaufleute darauf hereinfielen. Es ging um Geldbeschaffungsaktionen des Untergrunds. Sie waren eher bereit einige Wertsachen oder einen Geldbetrag für den Widerstand beizusteuern, wenn sie glaubten, an der Aktion sei ein Mann des nichtjüdischen polnischen Widerstands beteiligt. In dem Buch werden viele Beispiele für den Antisemitismus von Teilen der nationalpolnischen Widerstandsbewegung genannt. Manche vergaßen sogar die Aversion gegen die deutschen Besatzer*innen, wenn es gegen die Juden ging.

Deren Verfolgung begann unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch, und sie geschah in aller Öffentlichkeit: „Einen Tag nach dem Einmarsch der Deutschen wurde ich Zeuge, wie Juden auf der Straße aufgegriffen und zur Zwangsarbeit abgeführt wurden… Die Deutschen verhöhnten die Juden, rissen ihnen ihre Hüte vom Kopf, stießen, schlugen und misshandelten sie“, beschreibt Rotem eine dieser Szenen. Auch die Reaktionen eines Großteils der polnischen Bevölkerung notiert er: „Eine Atmosphäre der Denunziation der Kollaboration polnischen Bevölkerung mit der deutschen Besatzungsmacht entstand. Das zeigte sich an der Denunziation von Juden und ihre Auslieferung an die Deutschen“. Gespenstisch sind auch Rotems Schilderungen, wie die letzten Überlebenden des Aufstands in den Kanälen auf ihre Rettung warteten, nachdem das Ghetto von den deutschen Besatzer*innen brutal zerstört wurde. Die noch wochenlang rauchenden Ruinen befanden sich mitten in der Warschauer Innenstadt und wenige Straßen weiter ging das Alltagsleben weiter.

Verbündete in der linken Widerstandsbewegung

Rotem beteiligte sich mit den wenigen Überlebenden des Ghetto-Aufstands, ein Jahr am Warschauer Aufstand der polnischen Opposition. Im Vorfeld nahm seine Gruppe Kontakte zu der nationalkonservativen Opposition auf, entschied sich dann aber, sich der kleineren sozialistischen Widerstandsbewegung Armia-Ludowa anzuschließen, die die jüdische Kampfgruppe in ihre Reihen aufnahm und ihnen auch wichtige Posten gab. Für die wenigen Überlebenden Ghettokämpfer*innen kam der Warschauer Aufstand überraschend. Sie hatten erst zuvor das Archiv mit wichtigen Dokumenten des Widerstands, das sie aus dem Ghetto gerettet hatten, aus der Provinz nach Warschau zurück gebracht. Um es vor dem Zugriff der deutschen Besatzer*innen zu retten, wurden Kazim und seine Kampfeinheit in das schon brennende Gebäude geschickt. Dort wurden sie von den eindringenden Deutschen überrascht.

Über zwei Wochen verstecken sie sich dann in einen Keller und gruben einen Schacht, um an Trinkwasser zu gelangen. Nach dem Ende des Krieges musste Rotem, wie die meisten seiner Kampfgenoss*innen feststellen, dass fast alle ihre Freund*innen und Verwandten ermordet worden waren. Bevor er in Israel ein neues Leben begann, beteiligte er sich noch als Mitglied der Organisation Nakam an Racheaktionen an inhaftierten SS-Männern in Dachau, heißt es im Vorwort. Im Nachwort schreibt Jörg Paulsen: „Wenn wir das Zeugnis eines der wenigen Geretteten hier veröffentlichen, so nur mit der dringenden Bitte, ihm mit der Achtung zu begegnen, die ihm seitens der deutschen Leserschaft gebührt. Es taugt nichts zur falschen Rekonstruktion von „Traditionslinien“ und linken Geschichtsmythen. Es bewahrt das Gedächtnis der Ermordeten“. Das gibt umso mehr, nach dem der letzte Zeuge der Aufständischen des Warschauer Ghettos am 22. Dezember gestorben ist.

Rotem Simha, Kazik Erinnerungen eines Ghettokämpfers, 202 Seiten, Verlag Assoziation A, Berlin 2017, 18 Euro, ISBN: 978-3-86241-460-4

Weitere Infos zum Buch:

https://www.assoziation-a.de/buch/Kazik

14:49 23.12.2018
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