Peter Nowak
11.05.2017 | 16:00

"Ermittelt gegen Nazis"

NSU-Monologe dieses Theaterstück lässt erahnen, was den NSU-Opfern und ihren Angehörigen in Deutschland angetan wurde.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Der NSU-Prozess in München geht seinem Ende entgegen. Doch viele der Angehörigen der Opfer der rechten Terrorbande nehmen nicht mehr daran teil. Sie konnten es nicht mehr mit ansehen, dass auch dieser Prozess, bei dem sie Aufklärung erhofft haben, hauptsächlich der Täterin Zschäpe ein Forum gibt. Die Frau, die ihre Katzen mehr liebt, als Menschen, sagt Ismail Yozgat in den NSU-Monologen, die heute noch einmal im Berliner Heimathafen zu sehen.

Drei Angehörige von Opfern des NSU-Terrors wurden lange interviewt. Adile Simsek, Frau des ermordeten Enver Simsek aus Schlüchtern bei Nürnberg, ,Elif Kubasik, Frau des erschossenen Mehmet Kubasik aus Dortmund. Und Ismail Yozgat, Vater von Halit, der 2006 in Kassel letztes Mordopfer wurde als zeitgleich der der V-Mann Temme in dem Internetcafe war. Er will nichts gesehen und gehört haben. Wer 90 Minuten diesen NSU-Monologen zugehört hat, der kann in Ansätzen begreifen, was den Opfern in diesem Deutschland zugemutet wurde. Nachdem ihre Angehörigen ermordet wurde, erfolge der Angriff der Ermittlungsbehörden. Die haben in allen Fällen die EErmordeten zu Verbrechern gestempelt. Mal sollen sie der Mafia, einer Schmugglerbanden oder der PKK angehören. „Warum hast Du Deinen Mann erschossen“, mit dieser Frage wurde Adile Simsek von einem großen Polizeiaufgebot in Kenntnis gesetzt, dass ihr Mann, in dem Blumenladen, den er mit seiner Frau aufgebaut hatte, ermordet wurde. Was folgte waren ständige Verhöre, die Entnahme von Speichel, Fingerabdrücken, die Beschlagnahme von persönlichen Briefen. Zunächst hatten die meisten Angehörigen diese Maßnahmen noch unterstützt, weil sie gedacht hatten, dass so die Täter_innen schneller gefasst wurden. Doch bald merkten sie, dass sie selber in den Augen der Polizei die Täter_innen waren. Bald redeten Nachbar_innen und Bekannte nicht mehr mit den Opfern. „Niemand will mit uns spielen“, klagten die Kinder des ermordeten Mehmet Kubasik. Ismail Yozgut findet es besonders empörend, dass sogar in der Türkei gegen die Angehörigen der Opfer ermittelt wurde.

Kein 10tes Opfer

Er war es auch, der Anfang 2006 nach der Ermordung seines Sohnes eine Demonstration in Kassel organisierte. Damals waren 9 Menschen durch die Nazis ermordet wurde, die für die Ermittlungsbehörden, die Medien und die Öffentlichkeit aber nichts damit zu tun hatten. „Kein 10tes Opfer“, ( https://www.nsu-watch.info/2014/01/kein-10-opfer-kurzfilm-ueber-die-schweigemaersche-in-kassel-und-dortmund-im-maijuni-2006/) lautete die Parole der Kundgebung, an der sich fast alle Angehörigen und Freund_innen der Opfer beteiligten. Doch nicht nur die Zivigesellschaft, auch die Antifagruppen blieben fern. Selbst sie hielten es nicht für möglich, dass über ein Jahrzehnt eine NS-Terrorgruppe in Deutschland aktiv war, ohne dass sie aufflog. Später organisierte auch Elif Kubasik eine Demonstration. Eine Angehörige erklärte, dass sie Angst habe und wollte sich nicht daran beteiligen. Adile Simsek wurde im Blumenladen von einer Kundin darauf hingewiesen, dass wohl Nazis ihren Mann erschossen haben. Sie gab diese Erkenntnis sofort an die Polizei weiter. „Ermittelt gegen Nazis“ , habe sie dreimal gesagt. Es wurde nicht auf sie gehört, sowenig wie auf andere NSU-Opfer. Ist es da nicht verständlich, dass alle 3 Angehörigen die in Deutschland ermordeten Angehörigen in der Türkei bestattet haben? Dier NSU-Monologe gibt einen Einblick in die deutschen Verhältnisse, in denen Naziterroristen morden und die Opfer zu den Angeklagten werden. Es geschah nicht zwischen 1933 und 1945, es geschah zwischen 1995 und 2011.

Peter Nowak

Heute sind die NSU-Monologe im Heimathafen Neukölln in Berlin noch einmal um 19.30 Uhr in türkischer Sprache mit deutschen Untertieln zu sehen:

https://heimathafen-neukoelln.de/spielplan?url=DieNSUMonologe

Noch bis zum 17. Juni ist in der Berliner Verdi-Bundesverwaltung die Ausstellung ." zu sehen, die uns vor allem mit erhellenden Fragen stellt:

http://www.verdi-news.de/05-2017/im-kontext-nsu/

Das NSU-Tribunal wird vom 17.- 21.5. in Köln den Opfern eine Stimme geben:

http://www.nsu-tribunal.de/

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