Filme aus der Perspektive der Arbeitenden

labournet.tv Die Videoplattform dokumentiert Arbeitskämpfe in aller Welt und braucht jetzt finanzielle Unterstützung, um weiterarbeiten zu können.
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Filme aus der Perspektive der Arbeitenden
Die Regisseurin Schellhagen arbeitet an einen Film, bei den es um die Kooperation zwischen Klima- und Arbeiterbewegung geht

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

"Das deutsche Kino hat ein Problem damit, die Gesellschaft in ihrer Realität und Diverität abzubilden", schreibt Frank Schirrmeister in der Ausgabe 6/2021 des Freitag. Doch die modische Wortwahl verdeckt, was der Autor zumindest im Text klarer benennt: "Die meisten deutsche Filmemacher kennen nur das Leben das Milieu der Mittelschicht". Er hätte da auch ergänzen können, die meisten "Filmemacher*innen" auch. Das wußte schon der Regisseur Haroun Farocki, der immer wie die Arbeitswelt zum Thema seiner Filme machte, gegen Ende seines Lebens sogar mit einen ganzen Zyklus von Kurzfilmen in aller Welt zur Einstellung der Arbeit produziert. Im Frühjahr 1990 stellte er in einem Video fest, wie wenig die Arbeitswelt schon damals in der BRD ein Thema war, im Unterschied übrigens zur DDR. Das Ausblenden der Arbeit aus der Filmwelt hält weiter an, obwohl auch Schirrmacher die löblichen Ausnahmen nicht einmal erwähnt, vielleicht nicht einmal kennt. Ich weise da nur auf die Filme "Die Ausbildung" von Dirk Lütter und "Work hard, play hard" von Carmen Losman hin. HIer soll es nun um eine Videoplattform labournet.tv gehen, die das Ziel hat, Arbeitskämpfe in Film und Video sichtbar zu machen. . Seit 10 Jahren sorgt ein keines Kollektiv von Frauen dafür, dass „die Kämpfe zirkulieren“, wie das Motto von labournet.tv heißt. Im Zentrum stehen die Situation der Lohn- und Landarbeiter*innen, ihre (Selbst)organisierung, historische und aktuelle Arbeitskämpfe und gesellschaftliche Alternativmodelle. Dabei betont Johanna Schellhagen, eine der Gründerinnen von labournet.tv, dass alle Filme aus der Perspektive der Arbeiter*innen entstanden sind. Sie kritisiert, dass die arbeitende Bevölkerung gesellschaftlich kam wahrgenommen wird. Wenn es Berichte gibt, dann würden sie meist als hilflose Opfer dargestellt, die Objekt von Hilfe werden wollen. „Selbst wenn über einen Streik berichtet wird, werden meist nicht die Arbeiterinnen und Arbeiter interviewt, sondern die Gewerkschaftssekretärin - oder überhaupt nur die Arbeitgeber und genervte Kunden. Dem setzen wir etwas entgegen, indem wir aus der Perspektive der Arbeitenden selbst berichten“, betont Jeanne Neton von labournet.tv.

Wie auch in linken Kreisen Lohnarbeit unsichtbar gemacht wird

Dass diese Unsichtbarmachung der Lohnarbeit und der dort ausgetragenen Kämpfe auch in linken Kreisen stattfindet, zeigt das kürzlich im Verlag Bertz + Fischer herausgegebene Buch „Bewegungsbilder“ über politische Videos in Sozialen Medien. Britta Hartmann, Jens Eder und Chris Tedjasukmana, die das Bändchen herausgegeben haben, gehen auf den Videoaktivismus bei Nichtregierungsorganisationen und in antirassistischen und feministischen Kontexten ein. Auf Videos in Klassenkämpfen wird nur kurz im historischen Teil verwiesen. „Viele Leute in Europa denken es gäbe Arbeiter*innen höchstens noch in China. Das schlägt sich auch im linken Videoaktivismus nieder“, erklärt Johanna Schellhagen. Im Mai 2014 hatte ihr Kollektiv zu der Frage „Warum Filme über Arbeitskämpfe machen?“ mit Aktivist*innen in mehreren Ländern diskutiert und darüber 5 Videos gedreht, die auf der Planform heruntergeladen werden können. Inspiriert wurden sie dabei von der Medvedkin Gruppe, einem Kollektiv von linken französischen Filmemacher*innen wie Chris Marker und Arbeitern, die 1967 Filme über die französischen Fabrikkämpfe machte. Daraus entstand der Dokumentarfilm „A bientot j'espère" (“Bis bald, hoffentlich"), in dem die Streikenden in Besanscon über ihren Alltag, den Kampf und ihre Forderungen sprechen.

Den Streikenden ein Mikro vors Gesicht halten

„Es gibt einen immensen Bedarf an Leuten, die losziehen, wenn gestreikt wird und den Arbeiterinnen und Arbeiten ein Mikrophon unter die Nase halten oder deine Veranstaltung organisieren,in der sie berichten können, was bei ihnen im Betrieb passiert und wofür sie kämpfen“, resümiert Schellhagen aus ihren 10jährigen Erfahrungen bei labournet.tv. Sie beschreibt damit auch einen wichtigen Teil der Arbeit der des kleinen Videokollektivs im letzten Dezennium. So machten sie 2015 mit ihren Film „Die Angst wegschmeißen“, einen Zyklus von Arbeitskämpfen von vornehmlich migrantischen Beschäftigten in der norditalienischen Logistikindustrie bekannt. Im Anschluss diskutierte das Publikum über Solidaritätsaktionen. Vor dem Beginn der Corona-Maßnahmen organisierte das labournet.tv-Kollektiv regelmässig Veranstaltungen mit Protagonist*innen ihrer Videos. Jetzt muss diese Solidaritätsarbeit digital laufen. Auf der Plattform findet sich auch der Film „1336 Tage.Höhen, Tiefen, aber immer aufrecht“. Dort dokumentiert der französische Regisseur Claude Hirsch den mehrjährigen Kampf der Beschäftigten einer Teefabrik bei Marseille, die heute von den Beschäftigten selbst verwaltet wird.

Schellhagen arbeitet gerade an einen Film, bei den es um die Kooperation zwischen Klima- und Arbeiterbewegung geht. Der Titel lautet „The Loud Spring – System Change not Climate Change“ Doch labournet.tv hat die institutionelle Förderung durch die Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt verloren und braucht Solidarität. „Wir können auf Dauer nur weitermachen, wenn zu unseren derzeit 120 Fördermitgliedern noch 380 weitere dazu kommen“, so Johanna Schellhagen. Damit die Kämpfe weiter zirkulieren, sollte labournet.tv unterstützt werden:

https://www.startnext.com/the-loud-spring

Peter Nowak

00:05 27.02.2021
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