Linke Kritik an deutsch-ukrainischen Geschichtsrevisionismus

Holodomor Mit dem Antrag zur ukrainischen Hungerkrise der 1930er Jahre werden Thesen der Rechten übernommen

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Gerhard Hanloser hat in seinen Beitrag die Holodomor-Thema als Geschichtsrevisionsnismus plus Nato-Apologie auf seinen Blog gut kenntlich gemacht. Hier soll noch ergänzt werden, dass hier die revisionistischen Thesen der deutschen und ukrainischen Rechten im Bundestag eine Mehrheit bekommen haben. Es geht um die Relativierung der Shoah, was seit 1945 ein großes Anliegen der deutschen Täter und ihrer Nachkommen bis heute ist. Das wiedergutgemachte Deutschland leugnet den Holocaust nicht mehr, sondern stellt ihn mit anderen Verbrechen auf eine Stufe: Die Relativierung klappt natürlich am besten, wenn entschiedene Gegner von Nazideutschland, die wesentlich zu deren Zerschlagung beigetragen haben, dieser Verbrechen beschuldigt werden. Die ukrainischen Nationalisten, die seit 2014 in den Kiewer Regierungsapparaten hegemonial sind, sind die politischen Erben jener prodeutschen ukrainischen Nationalisten, die zeitweise Bündnisse mit den Nazis eingegagen sind und sich beim Antisemitismus nicht von ihnen übertreffen ließen. Aus diesen Kreisen kommt der Holodomor-Mythos, der nicht zufällig auch begrifflich dem Holocaust ähnelt. Es waren lange Zeit rechte deutsche und ukrainische Kreise, die diesen Holodomor-Mythos verbreiteten. Sie wurden aber lange nicht ernst genommen. Dass diese revisonistische rechte Politik jetzt vom Bundestag mehrheitlich beschlossen wurde, zeigt wie recht eine deutschlandkritische Linke nach 1989 hatte, die genau vor einer solchen Entwicklung warnte. Wenn ein viertes Reich als Schreckensbild an die Wand gemalt wurde, war nicht gemeint, das der Nationalsozialismus im alten Stil wiederaufersteht. Es wurde vielmehr davor gewarnt, dass die deutsche Ideologie es schaffen könnte, die Denkmäler schleifen zu lassen, die den Sieg über den NS feierten. Damit war auch gemeint, dass sie den Sieg über den NS umdeuten und Anti-Hitler-Aliierten zu den schlimmeren Nazis stempeln. wollten. Deswegen hat die deutschlandkritische Linke so vehement den Dresden-Mythos entgegengewirkt. Genau diese Entwicklung ist in Osteuropa eingetreten und der erfolgreiche Holodomor-Vorstoß, ist nur ein erneuter Höhepunkt dieses Siegs der deutschen Ideologie. Es ist nur bedauerlich, dass kaum jemand aus der deutschlandkritischen Linken jener Jahre sich mal erinnert, wie recht sie leider doch hatten, als sie gewarnt haben, dass es nach der 1989 nicht lange dauern wird bis sich deutsche Geschichtsrevisionisten mit ihren ehemaligen osteuropäischen Verbündeten zusammentun und sich für die Niederlage von 1945 revanchieren werden. Der Holodomor-Antrag ist ein solcher Akt der Revanche. Das die Grünen zu dne lautesten Befürwortern gehören, verwundert nicht, wenn man weiß, dass dort auch schon in den Gründertagen jene Ostlandreiter dabei waren, die lauthals das System von Jalta zum Einsturz bringen wollten. Damit war jene Nachkriegsordnung gemeint, die die Alliierten nach dem Sieg über den NS ohne und jeden Deutschland durchgesetzt hatten. Die Neue Rechte und sogenannte Linksnationalist*innen wollten schon Mitte der 1970er Jahre eine linke Deutschlanddiskussion anzetteln. 1989 waren sie am Ziel, das System von Jalta brach zusammen. Überall witterten die Naziverbündeten in Osteuropa, die 1945 mit der Wehrmacht und den SS-Einsatztruppen vor der Roten Armee zurück nach Deutschland geflüchtet waren, Morgenluft. Im Kalten Krieg überlebten sie gut in der BRD, weil ihre Dienste im Kampf gegen die "Moskowiter" weiter gefragt war, nur ihren Antisemitismus mussten sie etwas verstecken. Die Holodomor-Abstimmung ist also nur ein Höhepunkt

Antistalinisistische linke Literatur zu den Klassenkämpfen in der Sowjetunion

Die entschiedene Zurückweisung des geschichtsrevisionistischen Holodomor-Mythos heißt nicht, die stalinistische oder poststalinistische Sichtweise auf die Geschichte zu übernehmen. Vielmehr sollte auf eine antistalinistische Kritik an der Entwicklung in der Sowjetunion erinnert werden. Das mehrbändige Werk von Charles Bettelheim unter den Titel "Die Klassenkämpfe in der UdSSR" liefert hier eine wichtige Grundlage. Im Verlag "Die Buchmacherei" sind vor einigen Jahren die Bände 3 und 4 in deutscher Erstausgabe erschienen und können hier bestellt werden. Es ist eine empfehlenswerte Lektüre, weil hier die auch die ukrainische Hungerkrise in die Geschichte Klassenkämpfe in der UdSSR eingebettet werden, die eben entgegen dem stalinistischen Geschichtsbild mit der Oktoberrevolution nicht zu Ende waren. Ein ausführliches Kapitel widmet Bettelheim der "Massenrepression und dem Terror". Dort schreibt er: "Der historische Ausgangspunkt des Terrors und der Massenrepression ist der Krieg gegen die Bauern Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Dieser Krieg ist Ergebnis der Aufkündigung des Kompromisses, den die NÖP zwischen der Bauernrevolution und der nunmehr auf die Spitze getriebenen kapitalistischen Revolution hergestellt hat". Hier benennt Bettelheim einen zentralen Aspekt, der natürlich in der gesamten Holodomor-Debatte verschwiegen wurde. In der Sowjetunion der 1930er Jahre wurde nicht der Sozialismus sondern der Kapitalismus aufgebaut, was Linkskommunist*innen schon früh erkannt haben. Der Aufbau des Kapitalismus aber war in allen Ländern mit der Enteignung und Entrechtung der Bauern verbunden. Der Begriff Bauernlegen hat sich da durchgesetzt.

Bauernlegen und Hungerkrisen gehören zur Geschichte des Kapitalismus

Der Aufbau des Kapitalismus war so auch in allen Teilen der Welt mit massiven Hungersnöten und vielen Hungertoten verbunden. Die pauperisierten Massen waren die doppeltfreien Arbeiter*innen, die so gezwungen waren, ihre Arbeitskraft an einen Kapitalisten zu verkaufen. Die Hungerkrise war Teil der kapitalistischen Akkumalation in Irland, in Italien, in Indien und auch in der Sowjetunion. Es ist nicht verwunderlich, dass Apologet*innen der unterschiedlichen Formen des Kapitalismus darüber nicht reden wollen. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die deutsch-ukranischen Nationalisten geschichtsrevisionistische Thesen zur Staatspolitik werden lassen. Was aber verwundert ist dass Schweigen von linken Stalismuskritiker*innen der unterschiedlichen Couleur. Sie müssten doch die Schriften kennen. Oder hatte Robert Kurz doch recht, der in seinen vor 20 Jahren vieldiskutierten Schwarzbuch des Kapitalismus, das jetzt Online gelesen werden kann, schrieb:

"Wie sich aber die einzelne Person selbst lebensgeschichtlich legitimiert, so erst recht die herr- schende Struktur der Gesellschaft. In die persönlichen Erinnerungen dringen wie Ätzmittel die ideologische Selbstrechtfertigung und die offizielle, in den Schulbüchern kolportierte Geschichts- schreibung der bestehenden Machtverhältnisse ein, setzen das Denken unter Druck und drohen es aufzulösen. Zur persönlichen Selbstzensur addiert sich die gesellschaftliche. Weltmeister in dieser Hinsicht ist der moderne Kapitalismus. Noch keine Gesellschaft in der menschlichen Geschichte hat sich derart unverfroren als Absolutes gesetzt. Das totale Marktsystem färbt seine eigene Geschichte aber nicht bloß schön, sondern löscht sie sogar großenteils aus."

Robert Kurz, Schwarzbuch des Kommunismus, S. 4

Peter Nowak

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