Kein Dada mehr in der Einkaufshalle

Browse Gallery Mit dem ungewöhnlichen Experiment, Avantgardekunst im Einkaufszentrum zu begegnen, ist in der Marheinekehalle in Berlin-Kreuzberg ab Samstag Schluss
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wer in den letzten Jahren in der Kreuzberger Marheinekehalle einkaufen wollte, konnte auf wenig bekannte KunstavantgardistInnen stoßen. Doch damit ist zu Monatsende Schluss. Die Browse Gallery, die in der ersten Etage der Halle ihr Domizil hatte, muss einem veganen Markt weichen. Die aktuelle von Eckhard Siepmann kuratierte Ausstellung wird schon nicht mehr in der Gallery sondern im Hauptgang der Halle im Erdgeschoss präsentiert. Auf 40 Tafeln wird an den in Kreuzberg gegründeten „Grosz-Heartfield-Konzern“ erinnert, eine Kooperation der führenden Köpfe des Berliner Dadaismus, John Heartfield und George Grosz. Dokumentiert wird ihre politische und künstlerische Radikalisierung während des 1. Weltkriegs und ihr Engagement in den Reihen der Berliner Rätebewegung. Ausführlich dokumentiert werden die künstlerischen Reaktionen auf die Gräuel der Freikorps, die ab 1919 in Berlin mit Terror und Standgerichten gegen die revolutionären ArbeiterInnen vorgingen. Später gingen Grosz und Heartfield politisch und künstlerisch unterschiedliche Wege. Während Heartfield die Titelseiten der linken Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ) und Wahlplakate für die KPD gestaltete, verabschiedete sich Grosz von der politisch-engagierten Kultur. Auf einigen Fotos sieht man beide nach dem 2. Weltkrieg auf die Berliner Trümmerhaufen stehen und auf die Folgen einer Politik schauen, die sie bereits 1918 bekämpften. Auf den letzten Tafeln sollen Plakate der KPD/RZ und der PARTEI das Fortwirken des Dadaismus in Berlin-Kreuzberg dokumentieren. Zumindest im Kreuzberger Einkaufstempel wird man bald nicht mehr begegnen. Am 27.2. werden jeweils um 18 Uhr im den ehemaligen Galleryräumen bei freien Eintritt Dokumentarfilme von Helmut Herbst über John Heartfield und die Berliner Avantgarde gezeigt. Die bisherigen Veranstaltungen waren gut besucht, nur jüngere Menschen waren wenig gekommen.

5 Finger hat die Hand

Dabei wär es sicher möglich, zumindest manche Jugendliche für eine solche Ausstellung und das Rahmenprogramm zu gewinnen. Schließlich findet sich auf vielen Kreuzberger Wänden als Graffitikunst eine Hand mit 5 Fingern. Just diese Hand kreiierte Heartfield MItte vor fast 90 Jahren für ein Wahlkampfplakat der KPD . "5 Finger hat die Hand - wählt Liste 5", hieß der Slogan auf dem Plakat. Für diese Hand ließ der Künstler zahlreiche Hände von Arbeiter_innen fotographieren und wählte dann die Hand aus, die im ganzen Land auf den Wahlplakaten zu sehen war. Nun hat diese Hand Eingang in die Graffitikultur gefunden. Viele werden von Heartfiled noch nichts gehört haben. Daher ist es umso bedauerlicher, dass die Browse Gallery im Einkaufszentrum schließen muss. Schließlich hat sie es vielen Menschen ermöglicht, avantgardistische Kunst zu betrachten, ohne die Schwelle einer exclusiven Galerie übertreten zu müssen. Gerde die aktuelle Ausstellung ist in diesr Situation beonders gut positioniert. Die Menschen stoßen beim Shoppen automatsich darauf. Schade, dass sich nicht mehr Kund_innen der Marheinkehalle rechtzeitig dagegen wehrten, dass die Kunst dort keinen Platz mehr haben soll.

Bis Samstag gibt es noch Gelegenheit die Ausstellung zu besuchen. Heute wird um 18

Link zu einem Video des Kuratos Eckhard Siepmann zur Ausstellung.

https://www.youtube.com/watch?v=-GVx0BhsEM8

Link zur Ausstellung:

http://www.heartfield.de/kreuzbergdada/

02:34 27.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare