Peter Nowak
25.12.2016 | 02:35 74

Kein Herz für Arbeiter

Rezension "Proleten, Pöbel, Parasiten" will erklären, wieso Linke Arbeiter verachten. Die eigentliche Verachtung ist es, ihnen zuzurufen: "Bleibt, wie ihr seid"

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Kein Herz für Arbeiter

Hier gibt es nichts zu sehen, weitergehen

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Der Aufstieg des Rechtspopulismus in vielen europäischen Ländern ruft unter Linken Besorgnis hervor. Besonders seit klar ist, dass ein Teil ihrer Wählerbasis aus der alten Arbeiterklasse kommt. Dabei handelt es sich oft um Regionen, in denen mit den fordistischen Fabriken auch die alte Arbeiterkultur verschwunden ist. So hat der Front National in Frankreich dort, die bis in die 1970er Jahre dominierende Kommunistische Partei beerbt und wurde zur Partei des in seinem Stolz verletzten zu Proleten herabgesunkenen Proletariats. In dem Buch „Rückkehr nach Reims“ stellt sich der Soziologe Didier Eribon die Frage, warum das Band der Linken zur Arbeiterklasse durchtrennt wurde und welchen Anteil die Politik der linken Parteien daran hat (siehe Rezension in GWR 412). Eriborn spart den subjektiven Faktor nicht aus. Er beschreibt, wie er selber als Kind einer Arbeiterfamilie im akademischen Milieu von Paris Fuß fasste, bevor er als linker Akademiker in seine Heimatstadt zurückkehrt.

Nun hat Christian Baron, der Feuilletonredakteur des Neuen Deutschland, auf Eribons Spuren seine Rückkehr nach Kaiserslautern vollzogen. Gleich das erste Kapitel seines im Verlag „Das Neue Berlin“ erschienenen Buches mit dem Titel „Proleten, Pöbel, Parasiten“ beginnt mit einer Szene, die eigentlich eine Antwort auf seine im Untertitel vertretenen These sein könnte: „Warum die Linken die Arbeiter verachten“.

Das erste Kapitel beschreibt, wie der achtjährige, asthmakranke Christian von seinem betrunkenen Vater geschlagen und gegen die Wand geschleudert wird. Die Szene hat sich Christian Baron eingeprägt, weil er erstmals Widerstand und sich mit einem Holzscheit vor seinen Vater aufbaute. Das scheint den Mann mit den Kräften eines Möbelpackers zumindest so beeindruckt zu haben, dass er von seinem Sohn für dieses Mal abließ. Dass es sich bei der Gewalttätigkeit um keine Ausnahme handelte, wird im Buch deutlich. Baron zieht einen Zusammenhang zwischen dem frühen Krebstod seiner Mutter und dem gewalttätigen Vater. Hier liefert Baron Gründe, warum Linke bestimmte Aspekte des realen proletarischen Lebens ablehnen. Damit wäre er auch ganz nah bei Eribon, der als Schwuler den Kontakt zu seinem homophoben Vater abgebrochen hatte und der aktuell vor einer linkspopulistischen Politik warnt. Die Flucht aus Reims bzw. aus Kaiserslautern war also zunächst ein Akt der individuellen Befreiung. Doch bei Baron wird die Szene des gewalttätigen Vaters im ersten Kapitel nicht weiter aufgegriffen. Es dominiert die steile These, dass die Linken die ArbeiterInnen hassen und damit implizit mit dafür verantwortlich sind, dass diese rechts wählen. „Warum gewinnt ausgerechnet die AfD die Stimmen der Arbeiter?“, lautet eine der Fragen auf der Rückseite des Buches. Dass diese WählerInnen, egal aus welcher Schickt sie kommen, womöglich ein rassistisches Weltbild haben könnten, wird gar nicht zur Diskussion gestellt. Stattdessen wird die Verantwortung bei einer Linken gesucht, die das Band zu den ArbeiterInnen gekappt habe. Mit seinen subjektiven Berichten aus dem Studierendenalltag kann Baron zumindest den Hass auf die ArbeiterInnen nicht belegen.

Ressentiment gegen Intellektuelle

Doch politisch fataler ist, dass Baron in dem Buch ein Ressentiment gegen Intellektuelle bedient, die Gedanken formulieren, die nicht gleich allgemein verständlich sind. Das wird im Kapitel „Arbeiter vergraulen und Adorno rezitieren“ besonders deutlich. Dort verteidigt er Deutschlandfahnen schwingende Fußballfans gegen Überlegungen von Adorno, die dieser in einen Radiobeitrag über den deutschen Fußballpatriotismus entwickelt hatte: „Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen.

Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“ Dafür schmäht Baron Adorno als „einen Lehnstuhlphilosophen mit greiser Glatze und klobiger Brille“, der sich „geschwollen ausdrückt und über etwas redet, von dem er offenbar keine Ahnung hat“.

Warum der aus dem Exil zurückgekehrte Adorno nicht in das „Wir sind wieder wer“-Geschrei einstimmen wollte, das nach dem als „Wunder von Bern“ gefeierten WM-Sieg der BRD-Mannschaft 1954 einsetzte, scheint Baron keiner Überlegung Wert. Er sieht hier eine Arbeiterkultur angegriffen und geht in die Verteidigungshaltung. Doch wer wirklich einen Beitrag zur Emanzipation der ArbeiterInnen leisten will, sollte Adornos Erkenntnisse den Menschen nahebringen, die sich für einige Wochen im Fußballrausch ergehen, nur noch Deutschland sein sollen und manchmal gleich mehrere schwarz-rot-goldene Fahnen mit ihren Autos spazieren fahren.

Es ist nicht arbeiterInnenfeindlich, Kritik an dieser Zurichtung für die Interessen von Staat und Nation zu formulieren.

Es zeugt eher von einer Verachtung der ArbeiterInnen, wenn man ihnen dabei noch auf den Rücken klopft und ihnen zuruft, bleibt wie ihr seid. Wenn dann in einen der letzten Buchkapitel Christian Baron mit zwei seiner ehemaligen JugendfreundInnen, die in Kaiserslautern geblieben sind, in einer Busstation spricht, dann erinnert das an Rapper, die sich ein Gangsterimage geben, obwohl sie längst in einem Bungalow leben.

„Kein Herz für Arbeiter“ lautet der Titel des Kapitels, in dem sich auch die Adorno-Schelte findet. Mit dem Spruch bewirbt der Eulenspiegel-Verlag auch das Buch. Die Analogie zur Bild-Kampagne „Ein Herz für Kinder“ ist sicher nicht zufällig. Andere bekundeten ein Herz für Tiere. Weder Verlag noch Autor scheint aufgefallen zu sein, dass diese paternalistische Parole wenn nicht Hass so doch Verachtung für die Arbeiter ausdrückt.

Linke Intellektuelle könnten eine ÜbersetzerInnenfunktion einnehmen

Dabei könnten linke Intellektuelle, zumal, wenn sie aus dem Arbeitermilieu kommen, tatsächlich zur Emanzipation der ArbeiterInnen beitragen. Tatsächlich ist es ein großes Problem, dass soziologische, politische und philosophische Texte oft außerhalb des akademischen Milieus schwer verständlich sind. Dafür sind auch „Das Kapital“ und andere Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels wichtige Beispiele. Dass diese Schriften in großen Teilen der Arbeiterklasse rezipiert wurden, war das Verdienst einer sozialistischen Bewegung, für die Bildung ein zentrales Anliegen war, um die Welt zu erkennen und zu verändern. Der Soziologe Jürgen Kuczynski hat in seinem Monumentalwerk „Die Lage der Arbeiter unter den Kapitalismus“ sehr gut beschrieben, welche Rolle diese Bildungsbewegung für die Entstehung eines politischen Bewusstseins bei großen Teilen des organisierten Proletariats hatte.

In Arbeiterbildungsschulen wurden literarische, philosophische aber auch naturwissenschaftliche Schriften gelesen, interpretiert und diskutiert. Linke Intellektuelle spielten als InterpretInnen und ÜbersetzerInnen der oft schwierigen Texte eine wichtige Rolle. So könnten auch heute linke AkademikerInnen aus der ArbeiterInnenklasse, wie Baron, aktuelle Texte zu Klasse und Geschlecht, zu Antisemitismus und Nationalismus so übersetzen, dass sie auch jenseits des akademischen Milieus verstanden werden. Das wäre ein realer Beitrag zur Emanzipation der ArbeiterInnen.

In den 1970er Jahren, als linke JungakademikerInnnen vor den Fabriken agitierten, gab es mehrere Strömungen. Die meisten Mitglieder der kommunistischen Gruppen passten sich bis auf die Haarlänge der vermeintlichen ArbeiterInnenkultur an und hatten doch wenig Erfolg.

Vor allem jüngere Beschäftigte hatten andere Vorstellungen von ArbeiterInnenemanzipation. Viele ließen sich die Haare wachsen und erhofften sich durch den Kontakt mit den jungen Linken einen Zugang zur linken Subkultur. Nicht wenige tauschten die Fabrik mit der linken Wohngemeinschaft.

Peter Nowak

Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2016, 288 Seiten, 13 Euro, ISBN 978-3-360-01311-8

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (74)

Reinhold Schramm 25.12.2016 | 10:18

"Dabei könnten linke Intellektuelle, zumal, wenn sie aus dem Arbeitermilieu kommen, tatsächlich zur Emanzipation der ArbeiterInnen beitragen." -

Allerdings gibt es die Emanzipation der Gesellschaft, insbesondere der sozioökonomischen Emanzipation der differenzierten Arbeiterklasse, erst im sozial-revolutionären Kampf und Überwindungsprozess, - mit der Aufhebung und Beseitigung des Kapitalismus. Zugleich ein gesellschaftspolitischer und sozial-revolutionärer Entwicklungsprozess, - auf dem Weg zum Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen [Aufhebung der Entfremdung].

In diesem Zusammenhang ein lesenswerter Beitrag in der aktuellen Taz.:

Reinhold Schramm 25.12.2016 | 10:24

Nachtrag:

Vgl. Tageszeitung, taz.de am 24.12.2016. Klassengesellschaft in Deutschland. Rückkehr nach Flörsheim. Von Doris Akrap, Redakteurin. »Unsere Autorin las Didier Eribon – und fühlte sich zum ersten Mal verstanden. Sie weiß, was es bedeutet, den gesellschaftlichen Aufstieg zu wagen.« -

»Trotzdem: Es war das erste Mal, dass jemand in meiner linken, bürgerlichen Filterblase über seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie so über diese redete, wie es Linke nicht so gern hören: wie ätzend eng es in Arbeiterhaushalten ist, räumlich, ökonomisch, geistig und emotional. Er thematisiert, was für bürgerliche Linke kein Thema ist: Dass man als Exot mit proletarischer Herkunft keinen profitablen Sonderstatus in der bürgerlichen Welt hat, sondern einen hohen Preis zahlt: den radikalen Bruch mit der eigenen Herkunft, die man dennoch nicht los wird.«
http://www.taz.de/Klassengesellschaft-in-Deutschland/!5368011/

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Ehemaliger Nutzer 25.12.2016 | 11:34

Erfreulich, dass eine im englischsprachen Raum schon lange geführte Diskussion nun endlich auch hier Einzug hält. Während die englischen Bücher und Texte geradlinig, lebendig und direkt den Leser erreichen, tun sich die deutschen Bücher und Texte damit wesentlich schwerer.

In diesem sicherlich gut gemeinten Beitrag schimmert eine Parteiklebrigkeit durch, wie sie auch für Kuczynski typisch war.

Richard Zietz 25.12.2016 | 16:04

Zumindest die blogschreibenden Redakteure und sonstigen Autoren beim Freitag sind angesichts Christian Barons Proleten, Pöbel, Parasiten offenbar total total aus dem Häuschen – ähnlich wie der Rottweiler beim Anblick der Katze, die rings um seine Hundehütte streunt. Nach Verriss eins Ende November und einer temporären Verteidigung meinerseits nun ein erneuter Verriss – als müsse man Barons Betrachtungen geradezu in Grund und Boden stampfen.

Was tun? Den Arbeiter als dumm abqualifizieren – als Mensch mit minderem Bewußtsein, wie es Adorno tat? Oder ihn mit Theorie aufpampern, wie es linke Intellektuelle zeitweilig versuchten? Beide Strategien gehen am wesentlichen vorbei. Das Wesentliche aber ist nicht, den Arbeiter zu ändern. Voraussetzung von allem weiteren ist die Veränderung der Gesellschaft.

Sicher lassen sich – theoretisch – andere Bündnispartner für linke Projekte suchen. Der linksliberale Freitag versucht aktuell, im Milieu der Bobos und Hipster Boden zu gewinnen. Wird das reichen? Und auch die Unterklassen-Strategie mancher Siebzigerjahre-Linker, derzufolge sich nur das Lumpenproletariat als Revolutionsträger eigne, hat sich grosso modo als Flopp erwiesen.

Die Frage »Wer wird’s machen?« mal gänzlich außen vor gelassen – mit Umerziehungsversuchen wird man sich wohl kaum Bündnispartner an Land ziehen.

Entsprechend sehe ich für den Adorno-Lesekreis in Kaiserslautern eher wenig Zukunft.

Reinhold Schramm 25.12.2016 | 16:17

"Das Bürgertum und die Proletarier - wie sehr sich das [seit 1933] {...} vermischt hatte."

Arbeiterklasse, Kapital und Faschismus

Aus einer umfangreichen wissenschaftlich-ökonomischen Untersuchung über die Entwicklung der Produktivität der Kriegswirtschaft im Dritten Reich, insbesondere über die Produktion von Rüstungsgütern und Waffensystemen, geht hervor, dass es bis in das Frühjahr 1944 hier einen Anstieg gab. Erst mit dem ausbleiben von kriegswichtigen Rohstoffen, vor allem durch den zunehmenden Verlust der zuvor eroberten fremden Territorien, brach auch hier die materielle Produktion ein.

Diese Hochleistung an quantitativ und qualitativ hochwertigen Kriegsgütern für die imperialistische Kriegsführung und Eroberung fremder Territorien wäre ohne die freiwillige und aktive Beteiligung der ökonomischen Kerntruppen der deutschen Arbeiterklasse (Ak) nicht möglich gewesen.

Vgl. Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939–1945. 5 Teilbände.

Reinhold Schramm 25.12.2016 | 16:45

Herr Zietz, sie schreiben „Voraussetzung von allem weiteren ist die Veränderung der Gesellschaft.“ Demnach wollen Sie im Anschluss wohl auch die Arbeiterklasse „aufpampern“?

Nein! Die emanzipatorische Umwälzung und Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist nur möglich unter der gesellschaftspolitisch führenden, organisierten, selbstbewussten und aktiven Beteiligung der großen Mehrheit der [differenzierten] deutschen und europäischen Arbeiterklasse!

Die sozialrevolutionäre Emanzipation, die Umwälzung und Aufhebung der kapitalistischen Ordnung – von “Soziale Marktwirtschaft“ bzw. Bourgeoissozialismus internationaler Prägung – wird sein, oder sie wird eben nicht sein, – im elektronischen Kriegs- und Nuklearzeitalter des 21. Jahrhundert.

R.S.: Tischler-Facharbeiter, Betriebsschlosser und Metall-Dreher-Facharbeiter, Handwerksmeister, Ausbilder und vormaliger Lehrgangsleiter [- berufliche Vorbereitung und Fachpraxis]. Gewerkschafter der Basis, - seit 48 Jahren.

Querlenker 25.12.2016 | 18:25

Die Diskussion zur proletarischen Herkunft der kommunistischen Arbeiterführer und zur Beziehung der linken Intellektuellen zum Proletariat ist längst überfällig. Also schauen wir mal in die Jugendzeit bedeutender linker Führer der Arbeiterklasse. Das meiste dazu kann man auf Wikipedia nachlesen.

Der eindeutige Befund bei den meisten lautet: Das Sein der bedeutendsten Arbeiterführer prägte nicht deren Bewusstsein!

Die wenigen, deren proletarische Herkunft belegt ist, gehören tatsächlich zu der Fraktion, der besondere Gewalttätigkeit in ihrem späteren politischen Handeln nachgesagt wird. Ihre Namen sind kursiv-fett hervorgehoben.

Karl Marx:

Der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter die Tochter eines Textilhändlers. Marx selbst war Doktor der Philosophie, der an der Uni Bonn wegen nächtlichem Lärm und Trunkenheit verurteilt und gegen den wegen Tragen eines Säbels ermittelt wurde.

Friedrich Engels:

Der Vater war Baumwollfabrikant, die Mutter kam aus einer pietistischen Philologenfamilie.

Engels selbst war ebenfalls Textilunternehmer mit philosophischen und sozialen Interessen.

Wladimir Iljitsch Lenin:

Der Vater war Mathe- und Physiklehrer und wurde in den erblichen Adelsstand erhoben. Die Mutter war eine deutsche Hausfrau mit Lehrerexamen. Lenin selbst war Jurastudent an der Uni Kasan, Rechtsanwaltsgehilfe und lebte von dem Pachtzins, den das Gut seines Vaters abwarf. Er selbst zeigte sich als Gutsverwalter ungeeignet. Sein Wissen über die Bauern stammte aus Büchern von Gleb Uspenski, der den russischen Bauern Trunksucht, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit unterstellte.

Josef Stalin:

Der Vater war Schuhmacher und Alkoholiker, der seinen Sohn prügelte und Frau und Kind früh verließ. Als Georgier hatte der junge Josef unter der Fremdenfeindlichkeit der Russen zu leiden. Josef selbst wurde von seiner allein erziehenden Mutter, einer Putzfrau, aufgezogen. Josef wurde von einem ihrer Kunden, einem jüdischen Kaufmann, gefördert, und konnte so das Tifliser orthodoxe Priesterseminar besuchen, eine Oppositionshochburg gegen den Zaren. Weil er bei den meisten Prüfungen gefehlt hat, wurde Stalin aus dem Priesterseminar ausgeschlossen. Statt Priester wurde er dann Berufsrevolutionär.

Fidel Castro:

Uneheliches Kind des Besitzers einer Zuckerrohrplantage mit dessen Köchin. Castros Taufschein soll vordatiert worden sein, damit er das Jesuitenkolleg besuchen konnte. Castro selbst wurde Doktor des Zivilrechts und war zunächst Anwalt in Havanna.

Karl Liebknecht

Die Mutter war Tochter eines Gefängnisaufsehers in Freiburg. Sein Vater war ein radikaldemokratischer Studentenrevolutionär über den Marx 1859 an Engels schrieb: „Liebknecht ist ebenso schriftstellerisch unbrauchbar wie er unzuverlässig und charakterschwach ist. Der Kerl hätte diese Woche einen definitiven Abschiedstritt in den Hintern erhalten, zwängen nicht bestimmte Umstände, ihn einstweilen noch als Vogelscheuche zu verwenden.“ Karl Liebknecht selbst war Doktor der Rechtswissenschaft.

Rosa Luxemburg:

Ihr Vater war Holzhändler, die Mutter entstammt einer Familie von Landschaftsarchitekten. Sie selbst studierte in Zürich Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie und gründete später die sozialdemokratische Partei Polens und Litauens.

Walter Ulbricht:

Sein Vater war Schneider, die Mutter Hausfrau. Er selbst war Möbeltischler. Durch seine Militärzeit im 1.Weltkrieg geriet er zu den aufständischen Soldatenräten. Seit 1920 KPD Funktionär, später Mitglied des Reichstags.

Wilhelm Pieck:

Sein Vater war ein streng römisch-katholischer Kutscher, über die Mutter ist nichts bekannt.

Er selbst war Tischlergeselle auf Wanderschaft. Später Tischler und Stadtbezirksvorsitzender in Bremen, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Militanter Kriegsgegner und Mitbegründer der KPD.

Erich Mielke:

Sein Vater war Stellmacher und Gründungsmitglied der KPD. Über die Mutter ist nichts bekannt. Er selbst machte eine Lehre zum Speditionskaufmann und wurde 1931 wegen Teilnahme an einem Arbeitskampf bei Siemens entlassen. Seither Mitglied einer paramilitärischen Selbstschutzgruppe der KPD. Erich Mielke erschoss 1931 in Berlin auf offener Straße zwei Polizeioffiziere und floh deshalb in die Sowjetunion. 1936 bis 1939 im spanischen Bürgerkrieg verantwortlich für die stalinistischen Säuberungen in den Internationalen Brigaden.

Gregor Gysi:

Seine Eltern sind offenbar bürgerlichen Ursprungs mit KPD Nähe während der Nazi-Zeit. Der Vater war später Regierungsmitglied der DDR. Gregor Gysi selbst ist Facharbeiter für Rinderzucht und seit 1971 Rechtsanwalt. Er verteidigte zahlreiche DDR Bürgerrechtler.

Sarah Wagenknecht:

Ihr Vater war ein iranischer Student aus West-Berlin, ihre Mutter staatliche Kunsthändlerin in der DDR. Sie selbst hat nach dem DDR Abitur gegen die militärische Grundausbildung für Schüler rebelliert und durfte daher nicht studieren. Nach der Wende Studium der Philosophie, später der Volkswirtschaftslehre zum Dr.rer.pol. 2004 Mitglied des Europaparlaments.

Dietmar Bartsch:

Über sein Elternhaus ist nichts bekannt. Er selbst ist Diplom-Wirtschaftswissenschaftler, 1990 Promotion zum Dr.rer.oec. in Moskau. Später Geschäftsführer der Tageszeitung Neues Deutschland. 1991 – 1997 Bundesschatzmeister der PDS.

Katja Kipping:

Der Vater war DDR Ökonom, die Mutter Lehrerin. Sie selbst studierte 1997 – 2003 Slawistik zum Magister Artium. Seit 1998 Mitglied der PDS.

Bernd Riexinger:

Über sein Elternhaus ist nichts bekannt. Er selbst war Bankkaufmann bei der Leonberger Bausparkasse und verdi Geschäftsführer für Stuttgart. 1978 – 1990 Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Pfadfinder. Seit 2007 Mitglied der Partei „Die Linke“, wohl aus Protest gegen die Hartz IV Gesetze, die ihn selbst ja nicht existentiell betrafen.

Die Nichtzugehörigkeit der aktuellen linken Führungsfiguren zur Arbeiterklasse könnte in der Tat ein wichtiger Grund sein, dass sich Teile der Arbeiterklasse von ihr nicht vertreten fühlen und sich den rechten Demagogen zuwenden.

Ich hoffe, ich konnte einen Wissensgrundstein zur weiteren Diskussion über das Verhältnis der linken Intelligenz zur Arbeiterklasse beisteuern

Heinz 25.12.2016 | 18:39

Kein Herz für Arbeiter?

Vom Vormärz bis 1933 gab es Arbeiterbildungsvereine; die im Geiste der mittelalterlichen Bauhütten Bildung betrieben.

Lassen ich die 1.000 Jahre von 1933 bis 1949 mal unter den Tisch fallen, dann hatte sich die deutsche Gesellschaft neu orientiert. Außerschulische Bildung können Erwachsene in Volkshochschulen erwerben; die Gewerkschaften knüpften an der Arbeiterbildung an und vermittel heute vorwiegend Bildung zur Gewerkschaftsarbeit:
(Zentrales ver.di-Seminarprogramm 2017).

In der Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel verändert. War es in der »Guten alten Zeit« noch möglich, einen Beruf zu lernen und den ein Leben lang auszuüben, dann ist das Gelernte heute bereits nach wenigen Jahren überholt. Ein Arbeitnehmer ist heute darum ständig am Dazulernen, um sein Wissenskapital zu restrukturieren.

Ich fürchte, da gehen Überlegungen der Richtung »Die Linke habe kein Herz für Arbeiter« am Problem vorbei. Arbeiter bilden sich heute freiwillig weiter – sonst sind sie bald schrottreif.

Das Problem der Linken scheint mir anders gelagert zu sein, sie steht mit einem Bein in der Vergangenheit und mit dem andern in der Zukunft – nur in der Gegenwart stehen sie nicht.

pleifel 25.12.2016 | 19:45

Ich habe das Buch im Urlaub mit Gewinn gelesen und ziehe andere Schlüsse als Peter Nowak und Frédéric Valin. Da mir das Buch digital zur Verfügung steht, bleiben wir mal bei den Fakten und ich zitiere ohne Kommentar nur die Stellen zum Hass. Mögen es mir Verlag und C. Baron nachsehen,dass ich einfach zitiere.

"Wie und warum Linke dazu beitragen, dass der gesellschaftliche Klassenhass gegen materielle Arme und von bürgerlicher Bildung fern Gehaltene sich reproduziert, das will ich in diesem Buch zeigen. Natürlich kann ich hier nur über die linke Bewegung in Deutschland und speziell über Westdeutschland sprechen. Eine Analyse der Situation und geschichtlichen Entwicklung Ostdeutschlands bzw. der DDR wird dieses Buch nicht leisten können, weil das dem bewusst subjektiven Ansatz zuwiderlaufen würde. Dafür versuche ich aber, Eindrücke vieler Strömungen zu verarbeiten – vom anarchistischen Hausbesetzer bis zum staatstragenden Sozialdemokraten."

„Darum ist dieses Buch keine wissenschaftliche Abhandlung. Es formuliert keine »Wahrheiten« mit stilistisch angezogener Handbremse und penibler Begriffsstrenge, sondern will Gewissheiten hinterfragen, zur Diskussion anregen und Menschen zu Wort kommen lassen, die in der gesellschaftlichen Linken sonst stumm bleiben müssen – und zwar auf drei Ebenen: Mein eigenes (Er-)Leben setzt sich in Bezug zur gesellschaftlichen Produktion von sozialer Verachtung und fragt nach dem Anteil der Linken an der Stabilität dieses Klassenhasses. Deshalb kommen hier nicht nur sozial aufgestiegene Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler oder hochrangige Politiker zu Wort, sondern überwiegend diejenigen, denen Spott und Hass von allen Seiten gilt.“

Und das Buch zeigt, wie linksliberale Medienmacher (Kapitel 7) sowie Künstlerinnen und Kulturschaffende (Kapitel 8) ihr Scherflein zum florierenden Klassenhass beitragen.

In Zeiten allseitiger Prekarität, in denen fast jeder binnen kurzer Zeit vom unbefristeten Job in die sichere Armut rutschen kann, richtet sich von allen Seiten ein massiver Klassenhass gegen jene, die noch schwächer sind als man selbst.“

Nicht nur der Kfz-Mechaniker oder die Friseurin sind lohnabhängig, sondern auch Grafikdesigner, Freelancer, ja, sogar fast alle Journalisten und Künstler sind es. Die Arbeiterklasse besteht aus allen, denen jahrzehntelang abtrainiert worden ist, sich als Teil der Arbeiterklasse zu verstehen. Das darf aber nicht bedeuten, jene feinen Unterschiede zu ignorieren, die es innerhalb der Arbeiterklasse gibt, weil sie dieses komplexe System des Klassenhasses überhaupt erst ermöglichen.“

Kapitelüberschrift: Der Hass auf die Unterschicht“

Damit hat die Redaktion einer sich populärwissenschaftlich gebärdenden Zeitschrift auf nur zwei Seiten alle Ebenen des Hasses auf die Unterschicht abgehandelt: Das Foto verhöhnt eine Bevölkerungsgruppe durch die Akzentuierung optischer Klischees; in Kombination mit dem herablassenden Text entsteht das Bild einer Unterschicht, die selbst schuld ist an ihrer Lage, weil sie »gleichgültig« erscheint – ihre Armut soll deswegen gerechtfertigt sein.“

Nolte macht eine aus seiner Sicht ablehnenswerte Diskrepanz aus, denn der »hohen materiellen Fürsorge der Unterschicht steht eine Vernachlässigung in sozialer und kultureller Hinsicht gegenüber«. Hohe materielle Fürsorge? Ein alleinstehender Hartz-IV-Empfänger hat (Stand: 2016) kaum mehr als 400 Euro zur Verfügung, um außer Miete und Heizung alle Fixkosten, den Strom und seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Das erscheint einem auf Lebenszeit verbeamteten Professor mit hohem vierstelligen Nettomonatsverdienst und privater Krankenversicherung also zu üppig? Als ich Noltes Hasstiraden gegen die schwächsten Glieder der Gesellschaft an der Bierbank am Asternweg …“

Im September 2012 wiederum erschien ein Buch desStern-Journalisten Walter Wüllenweber mit dem Titel »Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert«8, das den bisherigen Höhepunkt im journalistischen Hass auf die Unterschicht bildet.“

Wüllenweber leugnet die sich rasant ausbreitende Armut und hetzt die umgarnte Mittelschicht wohlfeil auf die hemmungslos stereotypisierte Sozialfigur der Unterschicht. Die Erkenntnis der echten, weitaus komplexeren Beschaffenheit dieser gnadenlos gehassten Gruppe liegt nur einen einzigen Besuch am Kalkofen in Kaiserslautern entfernt.

Selbsthass kennzeichnet viele aus der Unterschicht, während die Mittelschicht das Radfahrer-Prinzip anwendet: Nach oben buckeln und nach unten treten. Die Oberschicht verfügt als Einzige über das, was man früher als »subjektives Klassenbewusstsein« bezeichnet hat. Ihre Aufgabe sieht sie darin, eigene Privilegien zu sichern und Unfrieden unter den Lohnabhängigen zu stiften. Wie stark sich diese Tendenz in Deutschland seit der Einführung von HartzIVverfestigt hat, das zeigt der bereits weiter oben zitierte Soziologe Michael Hartmann in seinem Buch »Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten?«

Familie? Freunde? Kino? Theater? Sommerurlaub? Kinder? Für Linke in diesem Land der protestantischen Arbeitsethik sind das Fremdworte. Jan Ole Arps, selbst unter anderem als Redakteur der linken Monatszeitungakein Aktivist im Arbeitsrausch, hat das 2012 hellsichtig beschrieben: »In unserem Leistungseifer ähneln wir Linken auf überraschende Weise dem Kapitalisten und Weihnachtshasser Ebenezer Scrooge. Nur treiben wir nicht unsere Angestellten, sondern uns selbst ohne Rücksicht auf Feiertage zu permanenter Höchstleistung an. Hier zeigt sich eine erstaunliche Doppelmoral: Wir sind zwar für das Recht auf Faulheit – aber man kommt einfach nicht dazu.“

Lucius Teidelbaum: Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus. Münster 2013

Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln wurden so zielgenau in eine Diskussion um eine angeblich frauenfeindliche Kultur muslimischer Flüchtlinge überführt, dass es nichts nützt, lediglich auf die kulturalistische Themensetzung der Gegenseite zu reagieren. Es sei bei den Übergriffen ja nicht nur um Sex oder Sexismus gegangen, wie Žižek sagt: Er sieht die Täter »gefangen in einer Haltung aus Neid und Hass. Ein Hass, der nichts anderes ist als der Ausdruck einer unterdrückten Sehnsucht nach einem guten Leben im Westen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde vor allem deswegen die Ehre der Hassfigur der Rechten zuteil, weil sie die Entpolitisierung der Ökonomie clever für sich zu nutzen verstand.“

In der linken Debatte gibt es in Deutschland die Neigung, jede öffentliche Kritik am Islam mit noch schärferen Volten gegen die angeblich grassierende »Islamophobie« zu kontern. Ein solcher Begriff pathologisiert Bedenken gegen die politische Instrumentalisierung einer Religion, der sich weltweit 1,6 Milliarden Menschen zugehörig fühlen. Es muss gelingen, zwischen den brüchigen Fronten der rassistischen Hassprediger wider die »nicht-abendländische Kultur« und der notwendigen Kritik an politisierten Religionen wie dem Christentum oder dem Islam zu agieren, wie Lothar Galow-Bergemann inkonkretschreibt …“

Beschert schon der Vereinsfußball vielen Linken aggressive Abgrenzungsbestrebungen nach unten, erlebt der Fußballhass der deutschen Linken alle zwei Jahre seinen Höhepunkt, wenn kickende Nationalteams bei Europa- oder Weltmeisterschaften (EMundWM) aufeinandertreffen.

Aber rechtfertigen es diese paar Idioten wirklich, dass Linke in ein von blankem Hass kaum mehr zu unterscheidendes, weil gnadenlos schadenfrohes Triumphgeheul ausbrechen, wenn sie Mario Balotellis steife Jubelpose mit vom Körper gerissenem Trikot, grimmigem Blick und stolzgeschwellter Mackerhaltung betrachten?

Die Grün-Alternativen negieren sozusagen jeden Tag aufs Neue den radikalen Satz von Theodor W. Adornound machen sich vor, es gäbe ein richtiges Leben im falschen – und alle, die das anders sehen, werden als unanständig, doof oder boshaft verachtet. Da Arbeiter, vor allem jene im Grundsicherungsbezug, in ihrer lebensweltlichen Entscheidungsfreiheit aus finanziellen wie kulturellen Gründen meist stark eingeschränkt sind, treffen Hohn, Spott und Hass vonseiten Grün-Alternativer diese Gruppe besonders stark. Nichts als Abscheu haben sie übrig für die angeblich konsumgeilen Hartzer, die einfach keine Bio-Produkte essen wollen, sondern zu Discountern gehen und den ganzen Tag »Kohlehydrate in sich reinstopfen« (O-Ton des langjährigen prominenten Grünen-Politikers Oswald Metzger)

Frauen aus der Arbeiterklasse, denen verarmtes Aussehen verhasst ist, wird ihre gute Kleidung zum Vorwurf gemacht, während Secondhand-Klamotten schon als politische Überzeugung gelten.

Offen zur Schau gestellte Überlegenheitsgefühle paaren sich bei vielen Tierrechtlern mit blankem Hass auf den frevlerischen Fleischfressmob.

„…hat sich auf der Insel ein soziales Klima entwickelt, in dem der Hass gegen materiell arme Menschen bei Reichen und bei weniger gut Betuchten zum guten Ton gehört. Mit der durch die rot-grüne Bundesregierung vor zehn Jahren initiierten Agenda 2010, die den deutschen Sozialstaat einiger seiner Grundprinzipien beraubt hat, setzte auch im selbst ernannten Land der Dichter und Denker eine solche Entwicklung ein.

Er (Twilfer)formuliert das in einer Grammatik, mit der er seiner Schantall (»Tschastin, tu dich ma beeilen! Wir wollen doch jetzt mit die anderen Kinder bei Mcdoof gehen«) in nichts nachsteht: »Jeder kennt vielleicht jemanden aus seinem Alltag, wo er vielleicht beim Lesen des Buches sagt: Die is genauso!«. Es handelt sich hier aber nicht nur um ein Pamphlet des Hasses gegen all jene, die durch die kapitalistischen Strukturen schon genug Diskriminierung und Ausgrenzung erfahren, sondern auch um einen stilistischen Offenbarungseid. Twilfers holprige Schreibe liest sich, als sei sein Jochen im Führerscheinamt eingeschlafen und bei der Bewilligungsstelle für Bewilligungsbescheide wieder aufgewacht. Der fast vollständige Verzicht auf mehr als drei Verben wird durch seinen kleinen Notvorrat an Adjektiven nicht aufgewogen, der ohnehin nur dazu dient, die vermeintlich naturgegebenen Eigenschaften der Unterschicht als zutiefst diabolisch zu prononcieren. Erstaunlich, dass sich solch ein Bullshit tatsächlich monatelang an der Spitze der Spiegel-Taschenbuch-Bestsellerliste halten konnte.

Wüsste er (Tucholsky), wie aktiv sich selbst die Lohnabhängigen an der Verharmlosung solcher Hassschriften beteiligen, ihm würde sich der Eindruck aufdrängen, sein Werk sei vergeblich gewesen.

Wo der Unterhaltungsliteraturbetrieb mit der Verachtung der Marginalisierten sich derart profitabel gestaltet, dürfen natürlich auch bewegte Bilder diesen Klassenhass verbreiten.

Der sich im Spott äußernde Hass auf »die da unten« wird zur Projektionsfläche der Antipathie gegen all jene, die Angst vor dem eigenen sozialen Absturz verspüren, der in Zeiten des ausufernden Neoliberalismus für fast alle zur Gefahr geworden ist. Genau darum funktioniert »Blockbustaz« so gut. Wenn mit Jessica die einzige wirklich sympathisch dargestellte Figur bürgerlichen Idealen nacheifert und ihr auf dem Weg ins soziale Oben durch den Alkoholikervater oder den Marihuanamacker ständig Steine in den Weg gelegt werden, dann nimmt die Serie die hegemoniale Erzählung über die Armut unserer Tage auf: Nicht die gesellschaftlichen Strukturen bedingen demnach die steigendeUngleichheit, es ist vielmehr die selbst gewählte »Kultur der Unterschicht«, die soziale Aufstiege blockiert.“

„taz-Autor Arno Frank leidet gar so sehr unter den Trolls, dass er in seinem Buch »Meute mit Meinung« schon den Untergang der journalistischen Sitte und des streitkulturellen Anstands nahen sieht: »Es ist die Meute, die das Netz in eine lupenreine Ochlokratie, eine Pöbelherrschaft, verwandelt.« Franks Kollegen haben einen Weg gefunden, diesen immer wieder aufscheinenden Hass zu kanalisieren: Sie deklarieren die »schönsten« Beleidigungen als »Hate Poetry« und tragen sie auf gut besuchten Abendveranstaltungen vor.“

Mir selbst, das gebe ich gerne zu, fällt das noch oft schwer (<-- die große Mehrheit der nicht trollenden Leser ernst zu nehmen) Mehr noch: Er muss beginnen, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren.. In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit Onlineleserkommentaren und traf dabei teilweise auf unbändigen Hass. Meist führen aufgebrachte Leser darin logisch fort, was ihnen nach unten tretende Massenmedien vorsetzen. Selbstverständlich stehtBilddafür symptomatisch.

Durch individuell umsichtiges Verhalten alleine lässt sich das komplexe gesellschaftliche Arrangement namens Kapitalismus natürlich nicht bändigen. Würden Linke dem Hass auf die Unterschicht jedoch stärker entgegentreten, fiele es der neoliberalen Interessenpolitik immerhin schwerer, ihre Arbeitnehmerfeindlichkeit zum realpolitischen Erfolg zu führen.“

So wäre offengelegt, wie reich Deutschland wirklich ist, und damit ebenso dem im ersten Kapitel aufgezeigten Hass auf die Unterschicht die Grundlage entzogen.

Möge es nützen.

Sascha 25.12.2016 | 21:38

Ich denke auch, dass es völlig absurd ist, den Nationalismus und Rassismus als Erklärungsmuster nicht gelten zu lassen, warum Arbeiter rechtsextreme Parteien wählen und stattdessen die Linke und ihren angeblichen "Hass" auf die Arbeiter, der sie zur AfD treibe, dafür verantwortlich zu machen.

Es mag ja stimmen, dass es manchmal bei Linken eine gewisse Überheblichkeit gibt und manche akademische Linke ein wenig verächtlich auf die weniger gebildeten Arbeiter herabblicken. Aber von "Hass" kann ja wohl keine Rede sein.

Das Beispiel mit Adorno finde ich hier symptomatisch: Der Autor des Buches zieht über einen Kritiker des Nationalismus und des völkischen Denkens her und meint auch noch verteidigen zu müssen, dass so mancher Arbeiter sich heute lieber einer Nation als seiner Klasse zugehörig fühlt.

Wenn die Linke etwas hassen sollte, dann sind das nicht die Arbeiter, sondern der Nationalismus, Rassismus und das Völkische. Wenn sich heute manche Arbeiter gerne mit der Nation identifizieren, dann sind sie ein Teil des Problems. Nicht weil die Linke die Arbeiter hasst, sondern weil die Nation ein zutiefst menschenfeindliches Konzept ist, das zudem auch den Interessen der Arbeiterklasse zuwider läuft. Die Arbeiter haben nämlich bekanntlich kein Vaterland.

Reinhold Schramm 25.12.2016 | 21:53

Die Millionen Zwangsverpflichteten und Häftlinge wurden vor allem auch von den Vorarbeitern und Meistern im Produktionsablauf zur Qualitätsarbeit angehalten. Ohne die Millionen beruflich gutausgebildeten Fachkräfte -aus der deutschen Arbeiterklasse- hätte der deutsche Imperialismus nicht seine zeitweilige max. Ausdehnung erreichen können.

Meine Info.-Empfehlung, um die Selbstaufgabe der Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse nach 1933 ---und vor allem deren Unterordnung und Mitwirkung am IG-Farben- und Kapital- Faschismus--- zu verstehen:

Der Verrat 1918/1919 - als Deutschland wurde, wie es ist

von Sebastian Haffner // Verlag 1900 Berlin

Anm.: Es geht mir hierbei nicht um die Diffamierung der deutschen Arbeiterklasse, ganz im Gegenteil. Ich verfolge seit Jahrzehnten das Projekt der emanzipatorischen Aufklärung der AK. Dazu müssen aber auch alle äußeren und selbstverschuldeten Schweinereien auf den Tisch. Nur so kommen wir zur Selbst-Erkenntnis und zum tragfähigen und praxisorientierten Klassenbewusstsein, als emanzipatorische Voraussetzung auf dem Weg zur Befreiung vom Kapitalismus/Imperialismus.

Reinhold Schramm 25.12.2016 | 22:08

* * * - )

"Allerdings besteht kein Zusammenhang zwischen der Aktualisierung von beruflichem Fachwissen und der Bildung politischen Bewusstseins." (!) Wir finden auch heute unter Kapital- und NS-Neo-Faschisten hervorragende berufliche Fachkräfte!

Die heutigen Gewerkschaften sind vor allem Einrichtungen der (un- bzw. freiwilligen) Sozialarbeit fürs Kapital!

Die deutschen Gewerkschaften sind vor allem Sozialeinrichtungen der erweiterten Sozialarbeit im Kapitalinteresse, dabei auch noch finanziert von den Mitgliedern.

Die deutschen wirtschaftsliberalen und sozialdemokratischen Gewerkschaften — aller kapitalfraktionellen und spezialdemokratischen spätbürgerlichen Schattierungen — dienen der Harmonisierung der Klassengesellschaft und der Abgewöhnung der letzten geistigen Funken vom emanzipatorischen Klassenkampf.

Die Bildung von kritischen und handlungsorientierten politischen Bewusstsein findet nicht statt. Und schon gar nicht, wenn es an die ökonomischen und gesellschaftspolitischen Grundlagen der differenzierten Ausbeutung von Menschen im Kapitalismus, vor allem, an die privaten Eigentumsverhältnisse an den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmitteln in der Bundesrepublik, gehen sollte.

Die gewerkschaftliche Fortbildung reduziert sich im wesentlichen auf die ideologische und praktische betriebliche Sozialarbeit, auf die Aneignung des Regelwerks der „Sozialpartnerschaft“ zwischen (abhängiger) Arbeit und (privaten) Kapital [von DGB-Putzfrau und Familie Quandt/Siemens/Bosch/Mohn/Springer/Bayer etc.]. Die gewerkschaftliche Fortbildung hat in diesem Zusammenhang die zentrale Aufgabe zur Integration der abhängig m/w Beschäftigten in den (kapitalistischen) Verwertungskreislauf. Alle bürgerlichen reformistischen Gewerkschaften übernehmen, analog dem differenzierten deutschen Volksbildungssystem, die Fortführung der Integrationsaufgaben. Die Aufgabe aller (bürgerlichen) Gewerkschaften besteht in der gau(c)klerischen Harmonisierung der springerschen und mohnschen Kapital- und Gesellschaftordnung*

* Hierbei nicht ganz unähnlich dem Bourgeois-Sozialismus chinesischer Prägung. Obwohl hierbei die bundesdeutschen Parteistiftungen, Wirtschaftsstiftungen, IGM-Gewerkschaften und staatlichen Ver-Bildungseinrichtungen, so auch in China, zu den führenden Wegbereitern des “Rechtsstaatsdialogs“ und Manipulations- bzw. Bewusstseinsdialogs (bei der erfolgreichen Konvergenz der Systeme und kapitalistischen Transformation der chinesischen Gesellschaftsordnung) gehörten.

R.S.: Gewerkschafter der Basis, - seit 1969 Jahren.

gelse 26.12.2016 | 02:57

>>... wenn die Mehrheit weiterhin die Koalition wählt?<<
Oder Viele glauben, Wahlenthaltung könne die Kapitallobbyvereine irgendwie beindrucken und zum Einlenken bewegen.
Das ist die Folge davon, dass die Obrigkeit unter "Bildung" ausschliesslich optimale Ausbeutbarkeit versteht. Und dass wir dem Fachidiotentum nichts entgegensetzen.

gelse 26.12.2016 | 03:15

>>Wenn die Linke etwas hassen sollte, dann sind das nicht die Arbeiter, sondern der Nationalismus, Rassismus und das Völkische.<<
Im Prinzip ja. Wobei Hass allerdings keine Lösung ist. Wichtiger ist eine analytische Betrachtung, ausgehend von der Frage: „Wem nützt es?“
Kann Nationalismus und Rassismus der nichtbesitzenden, lohnarbeitenden Klasse irgendwelche Vorteile bringen?
International investierende Kapitalisten benützen den Nationalismus, um nationale Arbeiterklassen in einen Konkurrenzkampf um die schlechtesten Arbeitsbedingungen zu hetzen. Nun betrachten wir das Ganze aus der Perspektive der Gegenseite: Für Kapitalisten sind die schlechtesten Arbeitsbedingungen die besten Ausbeutungsbedingungen. Da sehen wir die arbeiterfeindliche Grundlage des modernen Nationalismus.

Ähnlich mit dem Rassismus: Im Kolonialismus diente die Abwertung andersrassiger Menschen der Rechtfertigung der Versklavung der Kolonien. Wie wirkt er heute sich praktisch aus? Rassismus spaltet die Untertanen, die ihre Kräfte in Kämpfen untereinander verheizen. Es ist das alte Prinzip: „Teile und herrsche“. Oder: „Wenn zwei sich streiten freut sich der Dritte“. Und der lachende Dritte ist auch hier wieder der Kaputtalist.
---
>>Die Arbeiter haben nämlich bekanntlich kein Vaterland.<<
Ja. Das "Vaterland" ist das Land des "Landesvaters", so liessen sich absolutistische Fürsten gerne bezeichnen. Von denen stammt auch die griffige Formel: „Cuius regio, eius religio“, umgangssprachlich: „Wes Fürst, des Glaub‘“.
Arbeiter haben kein Vaterland, sondern nur sich selber. Und können ihre Interessen nur selber vertreten, sonst tut es niemand. Wobei ein Klassenbewusstsein natürlich in die „gebildete Schicht“ hineinragen kann, soweit ihre Angehörigen keine Karriere in den kapitalistischen Hierarchien anstreben.
Das Kapital kennt übrigens auch kein Vaterland, Kapitalinvestoren agieren international.

THX1138 26.12.2016 | 04:54

Das Dilemma der Linken gekonnt auf den Punkt gebracht hat Daniel Binswanger hier für das Magazin:

"(...) Stammwähler der Linken sind nicht mehr die Arbeiter, sondern die hochqualifizierte, akademische Mittelschicht.

(...) Die Grundansage der Demokraten an die amerikanische Unterschicht lautet letztlich: Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Ihr steht im Konkurrenzkampf mit chinesischen und mexikanischen Arbeitern. Die einzige Lösung besteht darin, dass ihr produktiver, innovativer, konkurrenzfähiger werdet. Wir werden alles tun, was wir können – aber es ist leider nicht sehr viel –, um eure Leistungsfähigkeit zu verbessern. Durch Bildungspolitik, Förderung, Versicherungsschutz, rudimentäre soziale Abfederung. Wir kämpfen dafür, dass ihr auf dem Markt eine Chance bekommt. Aber wenn ihr nicht imstande seid, diese Chance zu nutzen, können wir nichts mehr für euch tun. Dann seid ihr selber schuld und bekommt, was ihr verdient.

In einem gewissen Sinn ist die amerikanische – und europäische – Linke neoliberal geworden. Sie hat sich den Kennedy-Satz, der zu einem Reagan-Slogan wurde, zu eigen gemacht: Eine steigende Flut hebt alle Boote. Sie hat zwar nie geglaubt, dass dieser Prozess von den Marktkräften allein vollzogen wird, aber sie hat sich den Glaubensartikel zu eigen gemacht, dass nur wachsende Konkurrenzfähigkeit der Schlüssel zu sozialem Fortschritt sein kann. Das sozialdemokratische Credo, dass alle am Wohlstand teilhaben müssen, erfuhr eine subtile, aber fundamentale Wandlung. Heute lautet es: Es müssen alle konkurrenzfähig werden.

(...) Es ist letztlich ganz einfach: Eine Linkspartei erfüllt nur dann ihre Mission, wenn sie prioritär die Interessen der Unterschicht vertritt. Das heisst nicht, dass sie Klassenkampf betreiben muss. Aber stagnierende Einkommen bei steigendem BIP? Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Es dürfte zweitens die Zeit abgelaufen sein, zu der jede Vision sozialer Gerechtigkeit den «Zwängen der Globalisierung» geopfert wird. Entweder kann die Globalisierung sozialpolitisch gestaltet werden, oder sie wird an ein unschönes Ende kommen. Gegen die Interessen der Mehrheit kann dauerhaft keine Politik gemacht werden. Sonst sucht sich die Mehrheit eben andere vermeintliche Interessenvertreter. Man nennt das Demokratie."

Quelle: https://www.dasmagazin.ch/2016/12/16/die-rechte-linke/

gelse 26.12.2016 | 05:32

>>Sonst sucht sich die Mehrheit eben andere vermeintliche Interessenvertreter.<<
Diese anderen vermeintlichen Interessenvertreter sind ebenso korrupt wie die alten und werden vom Treibstoff der gleichen Kapitallobby am Laufen gehalten oder sie sind, wie Trump und Poroschenko, selber Kapitalisten.
Ich fürchte, das wird noch eine Zeit lang so weiter gehen.
Im Prinzipe sind Menschen lernfähig, sonst würden wir noch in Höhlen leben. Aber die Meisten brauchen Zeit und viele Reinfälle, bis etwas kapieren...

philipp9x 26.12.2016 | 05:57

Das vom Querlenker zugespitzte Thema um die proletarische Herkunft der Meinungsmacher ist dazu geeignet, die merkwürdige Diskussion um die "Gewalttätigkeit der Proletarier" in eine vielleicht doch sinnvolle Richtung zu lenken.

Dabei ist auch zu beachten, dass die SPD ihren letzten Vorsitzenden Kurt Beck, der aus der Arbeiterklasse kam - und wichtige Wahlen durch Themen und Sprache der Lohnabhängigen gewann! - als vermeintlichen Linken in die Wüste gejagt hat. Das war das Ende der SPD als Arbeiterpartei auf absehbare Zeit.

Für die proletarische Bodenhaftung noch wichtiger als Elternhaus und Jugend ist, etwas anders als Querlenker schreibt, der eigene Werdegang: Hat ein Vorsitzender / eine Vorsitzende tatsächlich über längere Zeit lohnabhängig gearbeitet, hat Lohnkämpfe mitgemacht, kennt Lohndrückerei, Konsumismus und Solidarität im Arbeitsleben aus eigener Erfahrung? (Oder war er/sie seit der Jugend bereits auf dem Gleis von Studium und/oder Karriere in parteinahen Organisationen?)

Dieses Thema ist nicht neu, konnte in der DDR keine Bedeutung haben, ist heute umso wichtiger: Der "organische Intellektuelle" nannte es der Vordenker Antonio Gramsci (KP Italien). Intellektuelle sind für Gramsci die Meinungsmacher, organisch sind sie, weil sie aus einer "Schwarmintelligenz" der Arbeiterklasse hervorgehen und stets mit ihr verbunden sind. Gramsci weiß, dass führende organische Intellektuelle ausgeschaltet und sogar umgebracht werden (so wie er selbst), daher ist es überlebensnotwendig, dass die proletarische "Schwarmintelligenz" stets neue Intellektuelle hervorbringen kann.

Dies ist eine andere, revolutionäre Denkweise als die der dem Spießertum verhafteten KPD (deren Funktionäre in der Nacht des "Reichstagsbrands" in ihren Betten neben ihren Ehefrauen verhaftet wurden, wie Peter Maslowski spottete). Italien hatte Gramsci, Deutschland hatte Thälmann ...

Die Linke heute hat nach dem Rückzug von Oskar immerhin Sarah - viel Wert! -, aber keinen Kurt Beck. Und wenn die Linke in ihren Reihen einen jungen, noch unbekannten Kurt hätte, dann hätte er oder sie bei ihr wahrscheinlich keine Chance - oder?!

gelse 26.12.2016 | 06:25

Als bekanntesten, aus der Arbeiterklasse Stammenden könnte man in der PdL Bernd Riexinger anführen: Lehre als Bankkaufmann, Betriebsrat, Gewerkschafter.
Natürlich werden Mittelschicht-Snobs jetzt einwerfen, dass ein Bankkaufmann ja kein Arbeiter sei: Der müsse schon im ölverschmierten Blaumann und mit dem Schraubenschlüssel daherkommen. Solchen Schwachsinn muss aber niemand ernstnehmen.
Das Problem der Partei die Linke liegt nach m. E. auf einer anderen Ebene. Allzuviele ordneten die PDL von vornherein der grossen Koalition der Kapitallobbyvereine zu. Wodurch Leute, die sich als Mehrheitsbeschaffer für die Agenda-2010-Parteien verkaufen wollen, Auftrieb erhielten.
Noch ist nicht alles verloren...

philipp9x 26.12.2016 | 07:48

Bernd Riexinger hat ebenfalls auf Didier Eribon geantwortet. Seine Antwort fand ich sehr bemerkenswert:
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bewusstsein-bestimmt

Einige Töne von Bernd (Querlenker sollte seine Liste überarbeiten):
"Die tiefe Scham, die er [Didier Eribon] von Jugend an für seine Herkunft verspürte und die ihn veranlasste, seinem Milieu zu entfliehen und seine Klasse zu verleugnen, habe ich nie verspürt. Wohl aber die unsichtbaren Gräben zwischen uns Arbeiterkindern und Sprösslingen aus gutem Hause."

Hier trifft Bernd die Lage heute in Deutschland (Ost wie West) genau:
"Um den Verstummten ihre Stimme zurückzugeben, muss die verlorene Sprache wiedergefunden werden. Das geht ... mit einer Radikalität, die sich aus Ehrlichkeit und Überzeugung speist."

"Die Linke muss sich als soziale Stimme von Menschen begreifen, die selbstbewusst für ihre Rechte einstehen."

Querlenker 26.12.2016 | 08:44

Es war nicht meine Absicht, vollständig zu sein. Das wäre ja schon deshalb unmöglich,weil es ja gerade unter den Linken Volkssport zu sein scheint, dem jeweils anderen vorzuwerfen, er sei ja gar nicht links. Wagenknecht und Co habe ich hervorgehoben, da sie die gewählten Führer der Partei sind, die sich Die Linke nennt. Das derzeitige Proletariat hat ja nur die Wahl, diesen Personen zu folgen oder eine andere Partei als geeigneter für ihre Interessenvertretung zu empfinden.

Um einen Vergleich zu wagen: Wer Mitglied der Mezgerinnung ist, muss es ja nicht gut finden, wenn ihn studierte Veganer politisch anleiten wollen. Da geht eben mancher lieber zum Verband

der Totengräber.

THX1138 26.12.2016 | 10:28

"The Trump phenomenon is in large part a reaction of Middle America to attacks on its values by intellectual and academic communities. There are other reasons, but this is a significant one."

Man kann von Henry Kissinger halten, was man will. Aber hier hat er für einmal recht. Der akademische Elfenbeinturm ist eine feste (ironische) Grösse. Er hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Nur hat es in den letzten Jahrzehnten Bestrebungen gegeben, ihn zum Wachturm auszubauen. Das war zweifellos ein Fehler.

http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2016/12/the-lessons-of-henry-kissinger/505868/

Peter Nowak 26.12.2016 | 11:29

Es geht ja hier nicht um einen Verriss des Buches, es geht vielmehr darum, die Thesen als Diskussionsangebot anzunehmen, zu diskutieren und auch zu kritisieren.

Wichtig ist auch, ich würde die Arbeiter_innen, auch wenn sie rechts und nationalistisch sind, nicht als dumm oder ungebildet begreifen, denen nur das richtige Bewusstsein eingeimpft werden soll. Es geht um eine Sicht auf die Welt. Die Zumutungen des Kapitalismus nehmen auch die rechts wählenden Arbeiter_innen wahr. Aber sie erklären sie aus einer nationalistischen, sozialchauvinistischen Weltsicht und wählen rechte Egoshooter a la Berlusconi und Trump, weil sie die heimlich beneiden und denken, wenn die die Steuern hinterziehen, wird ihnen ihr kleiner Sozialbetrug auch verziehen. Daher geht es nicht um Bildung im Sinne "die richtige Wahrheit beibringen" sondern von Bildung als Beitrag zum Erkennen der Welt, zur Frage woher wir kommen und wohin wir gehen. Das ist ein Beitrag zur Selbstemanzipation, der auch die Sicht auf die Welt ändert. Das war im bestenfall die Bildung in der Arbeiter_innenbewegung, für die sich Peter Weiss in Ästhetik des Widerstand einsetzte. Daher bringt es eben überhaupt nichts, die Arbeiter_innen zu bestärken, wenn sie mit Deutschlandfahen rumfuchteln, weil sie dann in ihrer rechtne Weltsicht bestärt werden. Bildung im emanzipatorsichen Sinne heißt diese Weltsicht zu erschüttern. Dazu reicht natürlich keine Adorno-Lektüre, eine Organisation von Sportveranstaltungen im emanzipatorsiche Sine können ein wichtiger Baustein dazu sein. In den 1920 er und 1930er Jahren gab es als Alternative zur Olympida Arbeiter_innensportveranstaltungen, bei denen auch das Gewinn- und Wettbewerb-System infrage gestellt wurde. Das waren keine Aktionen von Intelektuellen für die Arbeiter_innen sondern kamen vom linken Flügel der Arbeiter_innenbewegung. Was auch noch mal zeigt, die Veränderung der Gesellschaft und die Veränderung der kämpfenden Menschen, ist eine Einheit. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Menschen, die ihre kapitalistische Sicht auf die Welt nicht hinterfragen, werden die Gesellschaft nicht verändern. Daher gehört diese Selbstveränderung als kollektiver Prozess untrenbar zur Arbeit von linken Organisationen, die sich die Veränderung der Gesellschaft widmen. Da es aber heute diese Organisationen kaum gibt und Bildungsarbeit auch in gewerkschaftlichen Kreisen reduziert wurde, sieht es ja mit dem Potential für die Gesellschaftsveränderng so schlecht aus und die Lohnabhängigen wählen rechts, nicht weil sie dumm und ungebildet sind sondern weil sie eine Interpretation auf die Zustände haben, die dem entspricht.

Andreas Kemper 26.12.2016 | 12:55

Ich denke auch, dass diese Vermittlung sehr wichtig ist. Zum einen muss dafür das entsprechende Bildungssystem geschaffen werden, zum anderen beißt sich da die Katze in den Schwanz: Wie soll das Bildungssystem geändert werden? Ich sehe hier vor allem die Notwendigkeit der politischen Selbstorganisierung der Arbeiterkinder von Didier Eribon über Christian Baron bis zu Julia Roßhart, die gerade ihr Dissertation zu "Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag" vorgelegt hat. Das staatliche Bildungssystem wird dominiert von Eltern aus dem Akademikermilieu, die die Privilegien ihrer Kinder sichern und ausbauen wollen. Die "Straddler*innen" (to straddle: spreizen), die mit einem Bein in der Arbeiter*innenkultur, mit dem anderen in der Akademiker*innenkultur stehen, müssen sich "kohärent arbeiten" und dies ist eine gesellschaftliche und individuelle Arbeit, die nur durch eine gesellschaftliche Organisierung dieser Working Class Academics zu machen ist. Vor dem Hintergrund der Faschisierungsprozesse sollte die vergessene "Direktive 54" aus den Entnazifizierungprozessen entstaubt werden. Dies geht nur solidarisch kritisch und nicht mit einem Ausspielen von Klassismus, Rassismus, Sexismus. https://www.facebook.com/Direktive54/?fref=ts

THX1138 26.12.2016 | 14:24

An der Bildung alleine liegt es nicht. Sozusagen der gesamte, öffentliche Raum wird von ein und demselben, sozialen Milieu geprägt, von der Kultur über die Wirtschaft, die Politik- bis hin zur Publizistik (Verlage aller Arten, d. h. Tageszeitungen, Periodika, Bücher, etc.). Der sicherlich ausgesprochen umtriebige Thomas Meyer ("Die Unbelangbaren - Wie politische Journalisten mitregieren") hat das einmal für den publizistischen Bereich auf den Punkt gebracht:

"Wenn ich die gegenwärtige Berichterstattung beobachte und mir auch die zugehörigen soziologischen Analysen der Gruppen, die sie produzieren, anschaue, muss ich feststellen, dass in den Medien heute sehr stark ein neubürgerliches, aufstiegsorientiertes oder neubesitzbürgerliches Milieu vorzufinden ist.

Das sind also Milieus von Leuten, die ganz stark an ihren eigenen Statusinteressen, ihrem Leistungsstolz und einer Welt, die dazu passt, orientiert sind. Ihr Habitus ist rundum geprägt vom Aufstieg und wohlerworbenem Status und Eigentum. Sie haben eine Mentalität, in der die ganze soziale Welt der Unterdrückten, der Randständigen oder der Ausgeschlossen nicht mehr als ein zu respektierender Teil der gesellschaftlichen Welt erscheint. Aus diesem Milieu geht ein Journalismus hervor, der die eigenen ökonomischen Interessen, auch die in seiner vorherrschende Weltsicht, immer wieder deutlich zum Ausdruck bringt."

https://www.heise.de/tp/features/Die-grosse-Meinungsvielfalt-in-der-deutschen-Presse-ist-Geschichte-3373110.html

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um primitive Medienkritik im Stile von Pegida. Aber es geht um Vielfalt. Das von Ihnen bezeichnte Mittelklasse-Milieu reproduziert sich nicht alleine an den Universitäten, wie hinlänglich bekannt ist, sondern in praktisch allen Schlüsselbereichen unserer Gesellschaft.

Das halte ich für eine der grössten Gefahren unserer Zeit: Diese Überrepräsentation einer ganz bestimmten Klasse in den Entscheidungsgremien von Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft und Publizistik. Lange habe ich geglaubt, dass sei ein Problem von Links und Rechts. Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass das Problem ganz woanders verortet werden muss.

gelse 26.12.2016 | 16:01

Ich hatte auf diese Aussage reagiert:
>>…Arbeiter bilden sich heute freiwillig weiter – sonst sind sie bald schrottreif…<<
Dieses „schrottreif“ bedeutet: wer sich nicht mehr als Profitgeber eignet, findet keinen Käufer der Arbeitskraft mehr.

„Politische“ Diskussionen finden nach meiner Erfahrung in Arbeitspausen statt, dort geht es neben Alltagsthemen um Fragen von Gewerkschaft und Betriebsrat. Um die Frage, ob der seit Kurzem existierende BR mit einer Schulung durch die Gewerkschaft besser beraten gewesen wäre als mit dem eiligst vom Konzern angeheuerten „frei praktizierenden“ Arbeitsrechtler. Ob man einen Tarif erreichen kann wenn genügend Kollegen/innen in der Gewerkschaft sind usw.
Darüber hinausgehende proletarische Bewusstseinsbildung wird kaum spontan betrieben, aber wenn ich darauf hinweise, dass Dividenden nicht dadurch entstehen, dass der CEO, simsalabim, mit dem Finger schnippt, sondern dass sie ganz konkret aus unserer Arbeit kommen: dann besteht darüber schon ein Konsens. Daraus kann ein Arbeiterselbstbewusstsein entwickelt werden: „Wir sind die Profitgeber, ohne unsere Arbeit wären die dort oben arme Würstl“.
Darauf lässt sich aufbauen.

Heinz 26.12.2016 | 17:03

Na gut, wir brauchen uns hier nicht zu streiten, weil wir die Praxis in den Betrieben kennen. Diese »Rezension "Proleten, Pöbel, Parasiten" will erklären, wieso Linke Arbeiter verachten.« meint aber etwas ganz anderes.

Wenn Arbeitnehmer so gestrickt sind, wie sie gestrickt sind, bleiben sie achtenswerte Menschen. Mit der Verachtung der sogenannten linken Intellektuellen drücken diese ihre fehlgeschlagen und arroganten Versuche aus, diese Arbeitnehmer zu instrumentalisieren.

pleifel 26.12.2016 | 17:32

Korrekt, wobei sich diese linken Intellektuellen zumeist nicht mehr in Armutsverhältnissen bewegen, aber vergessen haben, dass sie sich selbst ständig psychischen Belastungen der Selbstausbeutung hingeben und vermeinen, die Revolution wäre schon damit erledigt, wenn etwas mehr Gerechtigkeit bei der Warenverteilung durchgesetzt würde. Einmal im System inkorporierte gehen i.d.R. keine persönlichen Risiken mehr ein.

Alter Linker 26.12.2016 | 18:43

"Gegen die Interessen der Mehrheit kann dauerhaft keine Politik gemacht werden. Sonst sucht sich die Mehrheit eben andere vermeintliche Interessenvertreter. Man nennt das Demokratie."

Vielen Dank für den Link zu dem Artikel von Herrn Binswanger. Kannte ich noch nicht.

Der Artikel beschreibt sehr gut warum die Protestwähler (und viele ehemalige Nichtwähler) jetzt zu den neuen rechten Parteien abwandern. Sein Zitat aus der Vorlesungssammlung des Philosophen Richard Rorty von 1997 klingt in der Tat prophetisch:

"An einem bestimmten Punkt wird etwas einreissen. Die nicht zur gehobenen Mittelschicht gehörende Wählerschaft wird beschliessen, dass das System gescheitert ist, und wird sich einen starken Mann suchen, den sie wählen kann – einen, der bereit ist zu versprechen, dass überhebliche Bürokraten, gerissene Anwälte, überbezahlte Finanzexperten und postmoderne Universitätsprofessoren unter seiner Regierung nicht mehr das Sagen haben."

Genau das erleben wir jetzt in Echtzeit.

Reinhold Schramm 26.12.2016 | 18:44

Erwiderung von GELSE am 26.12.2016 | 07:15

»Er schrieb ja "bedeutendste Arbeiterführer" und nicht "bedeutende Geführte" ;-D«

Zum Verständnis: Demnach unterstellte “Querdenker“ den genannten Personen nicht die Eigenschaft der “bedeutendsten Arbeiterführer“. Sondern dass die von ihm benannten Personen sich nicht das Bewusstsein der (proletarischen) Arbeiterführer zu eigen machten. ( ! ) - Das (Klassen-)Bewusstsein der Arbeiterführer prägte nicht das Bewusstsein der namentlich von "Querdenker" genannten Personen. (?)

gelse 26.12.2016 | 18:50

>>…vermeinen, die Revolution wäre schon damit erledigt, wenn etwas mehr Gerechtigkeit bei der Warenverteilung durchgesetzt würde.<<
Die aber nur ein Produkt des Kalten Krieges war und nach dem vorläufigen Endsieg des Kapitalismus wieder zurückgefahren wird. Was nun von den irgendwie Linken geleugnet wird: „Die Arbeiter“ seien ja mittlerweile materiell so gut gestellt, dass sie gar kein proletarisches Bewusstsein mehr nötig hätten. Die steile These taucht auch in „FC“ immer wieder mal auf: Man will sich halt die geschönte Sicht auf die Aussenwelt nicht kaputtmachen.
Gleichzeitg wird die Konsumfixiertheit der angeblich so Gutsituierten kritisiert, von Leuten, die ja selber sich keineswegs in Askese üben.
Das Alles sind aber Interna der larmoyanten Karrieristen, der Arbeiterschaft geht das völlig am Popo vorbei…
Dami keine Missverständnisse aufkommen: Ich rede & schreibe aus der Perspektive einer per Hatz4 von der technischen Fachkraft zur „besseren Hilfskraft“ mutierten Arbeiterin.

THX1138 26.12.2016 | 19:41

Es ist einer der besten Artikel, die zu diesem Themenkomplex erschienen sind. Er vereint verschiedene Perspektiven auf geradezu brillante Art und Weise. In den Neunzigern / an der Jahrtausendwende erschienen noch viele, sozialkritische Schriften, u. a. Naomi Klein, Joseph Stieglitz, Noam Chomski, Francis Fukuyama u.v.a.m.

Sie alle haben auf dieselbe, komplexe Problematik hin gewiesen: Der tatsächliche Abstieg immer grösserer Teile der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen. Im Falle Fukuyamas wurde dabei sogar explizit die schwarze Bevölkerung der USA analysiert und nicht nur etwa die Weisse.

Es soll mir also keiner damit kommen, man hätte die heutigen, fatalen Entwicklungen nicht kommen sehen. Aber offenbar war es gewissen Kreisen in der ganzen Zwischenzeit wichtiger, soziale Rethorik zu betreiben, anstatt wirksame Sozialpolitik zu machen.

Dafür werden wir voraussichtlich alle einen hohen Preis bezahlen.

Reinhold Schramm 26.12.2016 | 19:58

Meine Antwort an “QUERLENKER“

Wer Mitglied der Mezgerinnung ist, muss es ja nicht gut finden, wenn ihn studierte Veganer politisch anleiten wollen. Da geht eben mancher lieber zum Verband“ * * * - ) So ist es!

Als Handwerksmeister habe ich mich nicht der zuständigen Berliner Tischler-Innung angeschlossen, da ich mit deren Ideologie und Politik nicht einverstanden bin. Aus meiner Entscheidung ergaben sich folglich auch keine beruflichen und finanziellen Vorteile, wegen der hierfür fehlenden Mitgliedschaft. So auch keine Berufung zum (staatlich anerkannten und damit auch nicht zum gerichtlichen) Sachverständigen, trotz meiner umfassenden Teilnahme an einem kostenpflichtigen Lehrgang hierfür. Ich unterstelle: Bei einer freiwilligen Mitgliedschaft in der Tischler-Innung wäre gewiss eine von der Berliner Handwerkskammer ausgesprochene Berufung zum (staatlich) anerkannten Sachverständigten -auf Vorschlag der Innung - für meinen Handwerksbereich erfolgt.

[Hier auch nur ein kleiner Einblick in die gesellschaftliche Realität.]

Heinz 26.12.2016 | 20:06

»Dafür werden wir voraussichtlich alle einen hohen Preis bezahlen.«

Dafür haben wir bereits einen hohen Preis bezahlt und die Gesellschaften in ganz Europa zerlegt.

Die HartzKommission war das öffentliche Theater, vorher hatte Steinmeier als Kanzleramtschef den Rahmen erarbeitet. Die Bertelsmann Stiftung hatte mit Studien Vorarbeit geleistet.

Siehe auch: Die Rolle der Bertelsmann Stiftung beim Abbau des Sozialstaates und der Demokratie oder: Wenn ein Konzern Politik stiftet – zum gemeinen Nutzen?

gelse 26.12.2016 | 20:20

>>Aber offenbar war es gewissen Kreisen in der ganzen Zwischenzeit wichtiger, soziale Rethorik zu betreiben,...<<
...während sie, nach dem Sieg im Kalten Krieg, noch mal kräftig hingelangt haben.

>>Dafür werden wir voraussichtlich alle einen hohen Preis bezahlen.<<
Ja. Wer, wen nicht wir? Kapitalisten zahlen nicht sondern scheffeln. Der Kaputtalismus beruht eben darauf, dass Einige Profit saugen und viele andere Profit geben. Sonst wäre es kein Kapitalismus.
So wie der Bandwurm kein Bandwurm wäre wenn er sein Fressi selber suchen würde...

Reinhold Schramm 26.12.2016 | 23:51

Auch der "Kreditismus" gehört zum Kapitalismus. Er ist fester Bestandteil des Kapitalismus. Sie sagen es doch letztlich auch in ihren letzten Sätzen selbst. Der Kapitalismus ist die ökonomische Gesellschaftsformation, die auf dem privatkapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln, der privaten Aneignung der Ergebnisse der Produktion und der Ausbeutung der LohnarbeiterInnen beruht. Die beiden sich antagonistisch gegenüberstehenden Hauptklassen des Kapitalismus sind: die Bourgeoisie (Kapitalisten), die Eigentümer der Produktionsmittel und die ökonomisch, ideologisch und gesellschaftspolitisch herrschende Klasse ist, und die differenziert qualifizierte Arbeiterklasse (Proletariat), die juristisch frei ist von feudaler Abhängigkeit und als Nichteigentümer von Produktionsmitteln ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen muss. Hier hat sich grundsätzlich nichts geändert, trotz aller modifizierten Verschleierungskünste der "Sozialpartner" der Bourgeoisie (Kapitalisten) und Großaktionäre, so im wesentlichen nichts seit dem 19. Jahrhundert. Allenfalls modifiziert durch (geringe) Beteiligungen, Aktien für Stammbelegschaften von u.a. DAX-Konzernen, Gewinnbeteiligungen und Betriebsrenten etc.

Heinz 27.12.2016 | 00:18

Im Prinzip ja, aber ...

»Der Kapitalismus ist die ökonomische Gesellschaftsformation, die auf dem privatkapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln, der privaten Aneignung der Ergebnisse der Produktion und der Ausbeutung der LohnarbeiterInnen beruht.«

Beim Kreditismus handelt es sich eben nicht mehr um das Eigentum der »Kapitalisten«, sondern um Kredite, die ungenügend gedeckt sind; vielfach ist die marginale Deckung nicht einmal das Kapital der Anleger, sondern gehört über das Geschäftsmodell ganz anderen Leuten, die nicht einmal eine Ahnung davon haben, was mit ihrem Eigentum geschieht.

Das kreditierte Kapital, das an den globalen Börsen zockt, basiert auf einem Mindestreservesystem der Zentralbanken; bei der EZB ist lediglich 1% des kreditierten Kapitals als Mindestreserve zu besichern. Da frage ich mich, was bei dieser Kreditschwemme noch Eigentum sein soll.

Da ist das ewige Herumreiten auf bourgoisen Anlegern weltfremd und zeitlich überholt.

Reinhold Schramm 27.12.2016 | 06:01

Die Quelle und Basis Ihrer Ausführungen ist und bleibt die bestehende Gesellschaftsformation: der Kapitalismus! Alles spielt sich im Kapitalismus ab, wie Sie auch immer das heutige ökonomische Geschehen drehen und wenden. Sie verlassen mit Ihren inhaltlichen Ausführungen nicht die kapitalistische Praxis und Realität. Alle Ihre differenzierten Beschreibungen und Handlungen finden im kapitalistischen Wirtschaftskreislauf statt. So, ob Sie dieses bzw. Ihr ökonomisches Kind nun "Marktwirtschaft", "Soziale Marktwirtschaft" oder "Sozialismus chinesischer Prägung" oder Bourgeoissozialismus im 21. Jahrhundert nennen würden, es handelt sich um Kapitalismus! Hierbei bleibt die Quelle allen Reichtums die (differenzierte) Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Und heute mehr als in historischen Zeiten noch verstärkt durch die Ausbeutung von Umwelt und Natur: Grund und Boden, Rohstoffe und Bodenschätze, Luft und Wasser, Tier und Pflanzenwelt [Ökonomie und Ökologie im Kapitalismus]. Ihre bzw. unsere geschäftlichen/wirtschaftlichen Handlungen im Unternehmensvorstand bzw. Transaktionen mit Banken und an Börsen sind (heute mehr als in früheren historischen Zeiten) ein wesentlicher und untrennbarer Bestandteil des Kapitalismus. [Zugleich eine Gesellschaftsformation der "Entfremdung". Dies spiegelt sich so auch in der Unfähigkeit der vorhandenen Ver-Bildungseinrichtungen und Ver-Bildungsinhalte: Kapitalismus in seinem sozioökonomischen Wesen zu erkennen.

THX1138 27.12.2016 | 06:26

Erst hat man einen Teil der Menschen ökonomisch marginalisiert und dann hat man ihre Emotionen marginalisiert. Dafür rächen sie sich nun an der Wahlurne. Man ist ihnen mit Hochmut, Besserwisserei, Arroganz und meterweise Moral begegnet, me-ter-wei-se, buchstäblich. Mehr war offenbar nicht nötig. Ich frage mich, ob das den Preis wert war.

Richard Zietz 27.12.2016 | 08:13

Sorry – aber alle Überlegungen, ob Arbeiter / Unterklasse / Prekäre gute Menschen sind oder schlechte, gehen am eigentlichen Thema vorbei. Für Linke sollte die Frage entsprechend weniger die sein, ob sie diese Menschen idealisiert oder aber – im Gegenteil – Erziehungsbemühungen unterwerfen möchte, um ihnen ihre Rückständigkeit wegzuerziehen. Die Frage aller Fragen lautet nach wie vor:

Sind Arbeiter / die breiten Volksmassen / Prekäre nach wie vor der Haupthebel, mit deren Unterstützung eine Veränderung der Gesellschaft in die Wege geleitet werden kann? Oder haben diese Rolle zwischenzeitlich andere übernommen?

Praktisch hat die Linke diese Frage längst beantwortet. Die SPD-Linke adressiert hauptsächlich an die (noch) Beschäftigten im Staatsapparat beziehungsweise Beamte sowie an die Mittelschicht. Die Grünen sind noch deutlicher auf die (solventen Teile der) Mittelklassen fokussiert. Die Linkspartei schließlich sucht ihr Heil vorwiegend im Milieu der Bobos und Hipster – also jungen Leuten vorwiegend mit viel Bildungskapital sowie älteren Mitgliedern dieser Spezies, schwerpunktmäßig im Medienbereich und in den universitären Geisteswissenschaften. Bei den außerparlamentarischen Linken sieht die Richtungsentscheidung nicht viel anders aus. Im Wesentlichen deckt sie sich hier mit der Klientschaft der Linkspartei – wobei bei Autonomen sowie Antideutschen noch klassentechnisch nicht so festgelegte erlebnisorientierte junge Leute hinzukommen dürften.

Reicht das skizzierte Spektrum für eine Veränderung aus? Einerseits ja. Die beschriebene Formation hat sich durchaus als voluminös genug erwiesen, um eine bestimmte Richtungsentscheidung – die Aufnahme von Flüchtlingen – politisch durchzusetzen. Andererseits ist absehbar, dass weitergehende soziale Veränderungen mit diesem Spektrum nicht umsetzbar sind – teils, weil die nötige Power nicht ausreicht, teils aber auch, weil im Großen und Ganzen gesehen diese Frage nicht als sehr dringlich erachtet wird.

Nichtsdestotrotz sollte man die anskizzierte Orientierungsfrage nicht durch die Moralbrille betrachten. Aktualisiert auf die aktuelle Klassenbasis lautet die Frage: Ist die Linke in der Lage, ausgehend von ihrer aktuellen Klassenbasis fortschrittliche Veränderungen zu bewirken? Falls ja – decken diese sich noch mit dem alten Grundanspruch (liberté, egalité, fraternité)? Oder muß der Grundanspruch ebenfalls aktualisiert werden? Eng mit dieser Frage verknüpft ist die, ob die Linke es wenigstens bewerkstelligen kann, für ihre unmittelbare Klassenbasis ein materiell wie zufriedenheitstechnisch auskömmliches Leben zu erkämpfen.

Die letzte Teilfrage würde zumindest ich mit Nein beantworten. Aber vielleicht passt sich die linke Ideologie ja dahingehend an, dass ein materieller Grund-Lebensstandard nicht mehr so wichtig ist und postmaterialistischen Themen wie Emanzipation, Bewußtsein und so weiter die neuen Primärthemen sind.

gelse 27.12.2016 | 09:57

>>Hierbei bleibt die Quelle allen Reichtums die (differenzierte) Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.<<
Um das noch mal „linkspopulistisch“ zu verdeutlichen (nicht nur für Heinz): Auch der Zins, den ein Industriekonzern an eine Bank zahlt, stammt aus der Ausbeutung der Lohnarbeit. Sodass Arbeiter indirekt auch Profitgeber der Bankaktionäre sind.
Und wenn wir uns noch mal erinnern, dass unmittelbar vor der Einrichtung des Finanzmarktstabilisierungsfonds die Mehrwertsteuer um 3 % hochgesetzt wurde: Wer hat dann hauptsächlich die Spekulationsverluste aus dem Nettolohn finanziert?

gelse 27.12.2016 | 10:37

>>Sind Arbeiter / die breiten Volksmassen / Prekäre nach wie vor der Haupthebel, mit deren Unterstützung eine Veränderung der Gesellschaft in die Wege geleitet werden kann?<<

Wenn es darum geht, die Ausbeutung im Kreislauf von Produktion/Komsumtion zu beenden: Dann kann das wohl immer noch nur durch die Arbeiterklasse selbst geschehen. Wer könnte an demokratischem Wirtschaften interessiert sein? Für Leute, denen der Kapitalismus ein komfortables Dasein beschert ist das ja uninteressant, eher haben sie Angst etwas zu verlieren.

>>…die Oder haben diese Rolle zwischenzeitlich andere übernommen?<<
Nicht die revolutionäre Rolle. Aber eine scheinbare gesellschaftliche Fortschrittlichkeit, die unter Ausschluss ökonomischer Veränderungen ein paar libertäre Verzierungen am Kapitalismus anbringt und das als „links“ bezeichnet.
Diese fänden sich sehr schnell in einer martialisch arbeiterfeindlichen „Bewegung“, wenn ein ein proletarisches Selbstbewusstsein wieder wächst. Die SPD hat damit ja Erfahrung, siehe Noske & Brigade Ehrhardt.

Die PDL wird sich entscheiden müssen: Geht sie konsequent den Weg der Systemkonformität wird sie überflüssig. Oder sie geht den proletarischen Weg, wofür es im Moment aber an kampfbereiter Basis fehlt. Ein kleines Grüppchen wie die MLPD wird nicht wahrgenommen, das bringt zurzeit auch nichts.
Also bleibt ihr im Moment gar nichts anderes, als ein paar Wählerstimmen aus dem bürgerlich“linken“ Lager einzufangen, um zu überleben.
Noch ist nicht alles verloren, aber nichts ist sicher, meine ich. Die Impulse müssen „von unten“ kommen, oder es geschieht nichts.

Heinz 27.12.2016 | 14:00

Ja, dazu sehe ich bisher aber keine Alternative; der einzige Versuch einer sozialistischen/kommunistischen Gesellschaften, die freiwillig, das heißt ohne Gewalt und Zwang, bestanden haben, sind die Kibuzze in Israel. Diese Gesellschaften haben sich aber gewandelt und funktionieren nach marktwirtschaftlichen Methoden.

Darum sehe ich zur Sozialen Marktwirtschaft (die es in der BannanenRepublik Deutschland BRD niemals wirklich gab) keine praktische Alternative.

Reinhold Schramm 27.12.2016 | 16:29

Die Impulse könnten von außen kommen, so wie auch aktuell und zukünftig, durch Kriege, Flucht und Vertreibung, Wirtschaftskrisen auch in anderen Weltregionen. Aber es gibt in der bundesdeutschen und europäischen Zentral-Region ein historisches Kernproblem. Bekanntlich wurde vor und nach 1945 nicht mit dem Kapital-Faschismus deutscher Prägung -nicht in Deutschland- gebrochen. Die vorgebliche "Befreiung vom Faschismus" und von der "Volksgemeinschaft" erfolgte von äußeren militärischen Mächten. Eine emanzipatorische Revolutionierung im Massenbewusstsein Zentraleuropas hat es bis heute nicht gegeben!

THX1138 28.12.2016 | 06:26

Aber vielleicht passt sich die linke Ideologie ja dahingehend an, dass ein materieller Grund-Lebensstandard nicht mehr so wichtig ist und postmaterialistischen Themen wie Emanzipation, Bewußtsein und so weiter die neuen Primärthemen sind.

Im Klartext: Sie sollten endlich akzeptieren, dass die Ungleichverteilung (des Wohlstandes, der Lebensrisiken, etc.) völlig normal- und Teil des Systems ist und endlich aufhören, Wiederstand dagegen zu leisten? Oder wie muss man sich das konkret vorstellen: Die 'Deplorables' sollen Yoga-Kurse belegen und Tai Chi betreiben..? Das wäre dann so etwas wie ein esotherischer Superkapitalismus mit ganz wenigen Superreichen und ganz vielen verzückt-entrückten Jüngern, deren Ausbeutung eigentlich... total gut ist (solange sie davon nichts bemerken). Da könnte man doch gleich Somatabletten verteilen!

denkzone8 28.12.2016 | 08:19

hier ist doch eher als hass :

von verachtung die rede. oder?

verachtung defizitärer sozialer lagen

und mentalitäten.

die selbst-achtung, die dem traditionellen arbeiter

aus seinem leistungs-bewußtsein erwuchs,

scheint gebrochen durch resignation:

marginalisiert als: depp der modernisierungen

durch global-kapital und agenda-politik.

die arbeiter in der traditionellen energie-erzeugung,

im chemie-bereich und auto-produktion z.b.

sehen sich auch von ökologischen blicken

gemustert und als kollaborateure des

industrie-systems in verachtung.

die ökonomischen einsparungen

durch digitalisierung,

die prävalenz des marketing,

die zaubereien der kredit- und finanz-wirtschaft

scheinen die produktions-arbeit auf den letzten platz

zu verweisen....