Kommunismus und Rebellion

50 Jahre Kulturrevolution Dasss dieses Ereignis noch manche Göttinger Autonome, die nach dem Diplom den kapitalistischen Weg gingne, das Fürchten lehrt, ist kein Argument dagegen.
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Wenn es um die Beurteilung der Kulturrevolution geht, die vor 50 Jahren in China ihren Ausgang genommen hatte, gibt es fast über alle linken Fraktionierungen hinweg die Grundtendenz, dass diese negativ zu beurteilen sei.

Im Detail gibt es zum Glück noch Unterschiede. Am Entschiedensten in der Totalverurteilung der Kulturrevolution ist der China-Korrespondent der Taz Felix Lee, der sie für eine „Verrohung bis in die Gegenwart“ (http://www.taz.de/!5301569/) verantwortlich macht. Mit fühlbarer Empörung schildert wer Szenen, wo Funktionäre der Kommunistischen Partei und gesellschaftliche Autoritären öffentlich kritisiert und wohl auch verbal angegangen wurden, wenn sie beschuldigt wurden, den kapitalistischen Weg zu gehen. Klar muss ein solches Bild für alle denjenigen einen Schrecken auslösen, die wie Felix Lee in der eigenen Studienzeit in der linksautonomen Bewegung aktiv waren und dann pünktlich zum Diplom die Liebe zum deutschen Staat, seinen Organen und seiner Marktwirtschaft erkannten. Da muss eine Bewegung furchterregend sein, die sich nicht mit den Sinnsprüchen a la „Wer mit 20 nicht Kommunist war…“ begnügte. In einem revolutionären Prozess ist es eben nicht egal, ob jemand als Revolutionär_in eine Funktion erlangt und als Vollstrecker kapitalistischer Sachzwänge endet. Es war die Bewegung der Kulturrevolution, die diesen nominalsozialitischen Normalzustand durchbrochen hat und den Beweis erbrachte, dass Rebellion im Sozialismus möglich und notwendig ist, dass eine Mobilisierung der Massen die Funktionär_innen, die den kapitalistischen Weg gingen, in Angst und Schrecken versetzte. Und das die Kulturrevolution sogar einen ehemaligen Göttinger Autonomen, der nach Ende des Studiums den kapitalistischen Weg ging, noch nach 50 Jahren das fürchten lehrt, spricht nun nicht gegen diese Bewegung.

Wenn die Gewalt die Seiten wechselt

Felix Wemheuer, der auch eine insgesamt negative Bilanz der Kulturrevolution zieht, liefert in der Jungle World (http://jungle-world.com/artikel/2016/19/53997.html) aber insgesamt eine sehr gute Übersicht über die Rezeption der Ereignisse in China. Dabei zeigt sich, dass Lee mit seiner These vom Kulturverfall und der Verrohung der Gesellschaft durch die Kulturrevolution das wiederholt, was die Traditionalist_innen und Konservativen schon seit fünf Jahrzehnten behaupten. Dem setzt Wemheuer die historischen Fakten entgegen: „Die Darstellung der Kulturrevolution als Kulturbruch ignoriert, dass das Land seit 1840 von einer Gewaltgeschichte geprägt war, von ausländischen Interventionen, Kriegen, Bürgerkriegen, Hungersnöten und politischen Kampagnen“. Die Kulturrevolution war vielmehr der Versuch radikal mit einer Gesellschaft zu brechen, die Hunger, Kriege, Ausbeutung möglich gemacht hat. Das Lamento über den besonderen Zivilisationsbruch Kulturrevolution ist nichts anderes als das altbekannte Spiel der Verteidiger_innen des Status Quo. Die Gewaltherrschaft und Ausbeutung wird als Normalzustand akzeptiert. Alle Versuche, diese Gewaltherrschaft revolutionär abzuschaffen, wird dann als der große Kulturbruch beklagt. Kulturbruch wurden den Proletarier_innen entgegen geschrien, die mit der Parier Kommune erstmals einen Ausweg aus den kapitalistischen Normalzustand aufzeigten. Und als sie unterlagen und massenhaft liquidiert wurden, da schwiegen diejenigen, die den Zivilisationsbruch angeprangert haben. Denn die Gewalt hatte ja wieder ihre Ordnung. Zivilisationsbruch wurde auch denjenigen entgegen geschrieen, die in Russland im November 1917 Schluss zu machen versuchten mit Krieg und Gewalt. Die zaristische Gewaltherrschaft hatte ihre Ordnung, aber dass jetzt zerlumpte Arbeiter_innen aus den Fabriken von Petersburg Geschichte schrieben, das war der wahre Zivilisationsbruch und dass haben die Verteidiger_innen der alten Ordnung nie verziehen.

Bedeutung für eine aktuelle Linke

In dieser Reihe steht auch die chinesische Kulturrevolution, aber sie hat etwas auch für eine heutige Linke Bedeutendes gezeigt. Sozialitische Revolutionen müssen nicht in Stalinismus und Erstarrung enden. Es ist auch im sozialistischen Prozess möglich, alle und alles zu kritisieren und die Hauptquartiere der regierenden Parteien zu bombardieren. Diese Erkenntnisse haben in den 1960 und 1970er Jahren Millionen Menschen in aller Welt mobilisiert. Sie haben erkannt, dass das was in der Kulturrevolution passierte, ein realer Bruch mit Stalinismus und autoritären kommunistischen Parteitraditionen war. Sie haben erkannt, dass die Kulturrevolution in China, wenn sie sich globalisiert hätte, nicht nur eine Waffe gegen einen Nominalsozialismus gewesen wäre, der die ursprünglichen Vorstellungen der Revolution längst verraten hatte. Eine globalisierte Kulturrevolution wäre auch ein Mittel gewesen, den Kapitalismus zum Einsturz zu bringen. Daher haben auch die Macht- und Ordnungspolitiker_innen in Ost und West bereits seit 50 Jahren Gift und Galle gegen die Kulturrevolution gespuckt und dieses Experiment verdammt. Das fing in China selber an, wo die all die Parteifunktionäre und Autoritäten, die den kapitalistischen Weg gingen, zurückkamen und Rache an den Kulturrevolutionär_innen nahmen. Und im Westen sollte es als Makel und Verirrung erscheinen, dass Menschen überhaupt an so etwas Unmögliches geglaubt haben, wie an eine Gesellschaft, in der es keine Herren mehr gibt und keine Knechte. Die Kulturrevolution in China und dann auch in ihrer albanischen Variante hat die er Allianz zwischen stalinistischen Parteifunktionär_innen und den alten Gewalten aus Klerus, Patriarchat angeprangert. So waren es in Albanien Frauen, die auf Wandzeitungen denunzierten, dass in den Dörfern auch nach zwei Jahrzehnten Herrschaft der sogenannten Kommunistischen Partei weiterhin die Kleriker herrschten und in der Familie die Männer die Frauen unterdrückten. Die Kulturrevolution forderte die totalen Umwälzung, sie akzeptierten es auch nicht, dass weiterhin kapitalistische Sachzwänge die angeblich sozialistische Ökonomie dominieren sollten. So wäre es für eine Linke, die sich für eine adäquate Strategie im 21. Jahrhundert stark macht, wichtig, die Erfahrungen der Kulturrevolution zu sichten und zu analysieren, was natürlich auch die negativen Erscheinungen mit einbezieht.

Negative Ereignisse nicht verschweigen

Natürlich wird es im revolutionären Prozess viele individueller Vergehen und Willkür gegeben haben. So war es in allen Revolutionen, Russland 1917, in Spanien 1936 bei allen linken Fraktionen. So wird es auch bei jedem neuen Versuch sein. Doch dass ist eine Herausforderung, eine linke Bewegung theoretisch und praktisch so vorzubereiten, dass solche Exzesse, die revolutionäre Ereignisse begleiten, weitgehend minimiert werden. Wenn Fehler aufgetreten sind, müssen sie rückhaltslos kritisiert werden. Auch das kann eine antagonistische Linke aus der Kulturrevolution lernen.

Peter Nowak

Lesetip:

Zu den wenigen Autor_innen, die eine differnzierte Sicht auf die Kulturrevolution haben gehört Hennig Böke

Böke, Henning:
Maoismus
China und die Linke - Bilanz und Perspektive
1. Auflage 2007
215 Seiten, kartoniert
ISBN 3-89657-596-1

http://www.theorie.org/titel/596_maoismus

17:01 17.05.2016
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