Mit Kunst die Welt erkennen

Endmoräne 2016 "Und die wunderliche Welt dreht sich weiter" lautet der poetische Titel der Ausstellung, die noch dieses Wochenede in Cottbus zu sehen ist.
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Der Boden bewegt, ist das jetzt eine Wippe oder eine optische Täuschung? „Schwindel“ lautet die durchaus doppeldeutige Bezeichnung der Installation, die die Künstlerin Ka Bomhardt in einen kleinen Raum in einen Nebengebäude des Cottbuser Dieselkraftwerkmuseums untergebracht hat. Soll der Titel jetzt sagen, dass wir einen Schwinden aufsitzen oder werden wir von selbigen befallen, wenn wir den Raum betreten? Solche Fragen werden alle Arbeiten der 25 Künstlerinnen auf, die die diesjährige Ausgabe der Ausstellung „Endmoräne“ bespielen. Es sind ausschließlich Frauen, die mittlerweile zum 25ten Mal an unterschiedlichen Orten in Brandenburg für einige Wochen ihr Domizil errichten. Ein ehemaliger Flughafen war ebenso darunter wie ein stillgelegter Bahnhof im Oderbruch, ein Gutshof am Rande Berlins und dieses Jahr also das ehemalige Museum für Natur und Umwelt in Cottbus. Zur Jubiläumsausstellung gibt es auch einen Katalog, der so wie die Exposition den poetischen Titel trägt: „…und die wunderliche Welt dreht sich weiter“. Nun ist also das Festival auch schon ein Viertel Jahrhundert alt, das seine Wurzeln in einer Gruppe mit dem für heute Ohren wunderlichen Namen „Zirkel für künstlerisches Volkschaffen“ im Kulturhaus Rüdersdorf hat. Er gehörte zu den in der DDR sehr verbreiteten Bemühungen, das Proletariat in diesem Fall vom Zementwerk Rüdersdorf, mit der Welt von Kunst und Kultur Bekannt zu machen. Dem widmete ich die Arbeiter_innenbewegung in ihrer revolutionären und reformistischen Variante widmete. Peter Weiss hat diesen Bemühen, die Proletarier_innen und die Kunst zu verbinden in „Ästhetik des Widerstands“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

King Kohle ist nackt

Damals war Kunst und Kultur eben kein Wirtschaftsfaktor und kein Event sondern ein Mittel, um sich die Welt zu erklären zu versuchen und sie sich anzueignen. Etwas von diesen zutiefst emanzipatorischen Zielsetzungen kann man beim Spaziergang durch die Räume des seit Jahren ungenutzten Museumsgebäudes erkennen. So unterschiedlich die Malereien, Installationen und Videos auch sind, so ist das Bemühen doch überall zu erkennen, dass es darum geht, zumindest ein kleines Stück der Welt zu erkennen. Besonders deutlich wird es bei den beiden Videoarbeiten von Monika Funk Stern, die in wenigen Minuten Aufschluss über die unvernünftige Verfasstheit dieser Welt geben. Black Blox II lautet der Titel eines Videos, in dem sich ein kleiner Junge aus Gambia mit Blick auf ein gutfrequentiertes Hotel mit Europäer_innen wünscht: „Wenn ich groß bin, werde ich Tourist“. In der letzten Szene ist aus dem kleinen Jungen ein alter Mann geworden, der als Liftboy in dem Hotel die Touristen hoch und runter begleitet. ER hat gelernt, in dieser Welt ist für ihn eine Rolle als Tourist nicht vorgesehen. Ingrid Kerma zeigt auf humoristische Weise in dem Video „ELSA und Elsa“ wie ihre 102 Jahre alte Großmutter das IPAD entdeckt. Auch diese scheinbar so unbeschwert und leicht daherkommende Installation bringt die Betrachter_innen zu der Erkenntnis: Technische Geräte können für Senior_innen hilfreich sein, wenn sie nicht dort geparkt werden sondern wenn sie Freud_innen haben, die sie mit den Geräten bekannt machen und sie gemeinsam nutzen. Wie in der Vergangenheit, beschäftigten sich viele Künstler_innen der diesjährigen Endmoräne mit Ereignissen am Ausstellungsort. So verwandelt Angelica Lubic einen Raum in ein Projektionsbüro der Ostsee. Damit spielt die Künstlerin auf die hoch umstrittenen Pläne der Stadtverwaltung an, Cottbus zur Hafenstadt zu erklären. Vielleicht kann man diese Pläne unter die Rubik „aus der durch den Klimawandel bedingten Anstieg der Meere das Beste machen“ fassen. Dorothea Neumann und Undine Giseke widmen sich auf sehr unterschiedliche Weise ebenfalls einem in Cottbus und Umgebung sehr kontrovers diskutierten Thema. der Kohlenutzung. Bei Neumann sitzt King Kohle auf einen Thron aus Briketts und gebietet über die Lausitz. Doch wie lange noch? Längst ist klar, dass King Cool längst ein nackter König ist und sein Produkt ein Auslaufmodell. Die Besucher_inenn verlassen die Ausstellung mit sehr vielen Gedanken und Fragen. Damit steht die Exposition in der guten Tradition einer Kunst, die dabei helfen will, die Welt zu erkennen und sie sich anzueignen .An diesem Wochenende gibt es das letzte Mal die Gelegenheit die Jubiläumsausstellung der Endmoräne anzusehen.

http://www.endmoraene.de/images/EndMo25cover.jpg


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25 Jahre ortsbezogene Ausstellungsprojekte
und Sommerwerkstätten, Austausch,
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(zzgl. 4,50 € Verpackung und Versand)
Bestellung an: info@endmoraene.de

Eingang zur Ausstellung sowie
Rückblick auf 25 Jahre Endmoräne
im Foyer des dkw. Kunstmuseum
Dieselkraftwerk Cottbus
Uferstraße/Am Amtsteich 15

Ausstellungsdauer
vom 25. 6. – 7. 8. 2016
Öffnungszeiten:
Di-Fr. 15-18h Sa./So. 12-18h

http://www.endmoraene.de/

Peter Nowak

17:55 05.08.2016
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