Stunde der Patr(id)ioten

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Wie eine Diskussionsrunde über "Künstleridentitäten in politisch bewegten Zeiten" in ein Lob an vorkapitalistische Gemeinschaften und Appelle an Patriotismus verkam


Wussten Sie schon, dass in Leipzig die Bevölkerung mit der Internationale auf den Lippenden russischen Panzern entgegen getreten ist? Sicher nicht, dass ist ja auch in Prag 1968 passiert. Der britische Rocksänger Billy Bragg hatte da einfach was verwechselt. Aber der Herrist ja auch in die Jahre gekommen und hat wohl schon Probleme mit den kleinen, grauen Zellen. So wird außer ihm auch niemand Billy Bragg füreinen Punk gehalten haben. Aber, wir wollen nicht kleinlich sein. Schließlich ist viel wirres Zeug geäußert worden, beim Gespräch des Musikmagazins Folker, das im Rahmen des Festivals "Musik und Politik" am 21.Februar in der Wabevon dem MusikjournalistenMichael Kleff moderiert wurde.
Neben Bragg saß noch der unvermeidliche Hans-Ekardt-Wenzel auf demPodium. Es war wohl nur der Höflichkeit des Moderators geschuldet, dass er Wenzel als einen bedeutenden Barden bezeichnete. Kleff wird wissen, dass bei Wenzel allerhöchsten das Unvermögen einen vernünftigen Gedanken zu artikulieren und die Chuzpe, sich deswegen für einen Künstler zu halten, bedeutend ist.

Das machte er bei dem Gespräch wieder einmal sehrdeutlich. Das Gesprächsthema "Künstleridentität in politisch bewegten Zeiten" war Wenzel ganz egal. Der schwadronierte über verlorene Gemeinschaften, seine deutschen Traditionen und über die ach so böse Globalisierung, die alle Menschen gleich macht. Das einzige Fortschrittliche am Kapitalismus wirdhierangeprangert. Wenzels Utopie sind die vorkapitalistischen Stämme, die er irgendwie bei einem Auftritt im osttürkischen Dersim gespürt haben will. Viel dürfte er dort aber nicht mitbekommen haben, haterdoch bekundet, am liebsten in Deutsch zu kommunizieren und das dürfte in Dersim keine Mehrheitssprache sein.


Bekennender britischer Patr(Id)iot

Nun könnte man ja den Wenzel noch ertragen, wenn ihm am Podium wenigstens mal einer gesagt hätte, was für ein abgrundtief dummes Zeug er von sich gibt. Dochda wartete man vergebens. Denn Billy Bragg stieß ins gleiche Horn, bekannte sich zum britischen Patriotismus, sah im Nationalismus ein Gegenmittel zur Globalisierung und fand es ganz normal, wenn Sportfans ihre Nationalfahnen schwenken. Der ehemalige Workingclass-Barde, derwie kein anderer die Songs der britischen Bergarbeiter schmetterte und dann für die Labour-Party Wahlkampf machte, gibt sich enttäuscht und desillusioniert. Die Sprache des Marxismus will er nicht mehr verwenden, weil er sie für überholt hält. Da fragt sich nur, ob er nichtdie Propaganda der Labour-Party mit dem Marxismus verwechselt. Da soll dann der von Bragg gleich noch als Waffe gegen den Faschismus gepriesene Patriotismus die Leerstelle füllen. DassArbeiter in seiner Heimat kürzlichfür die Forderung nach britischerArbeit nur für Britengestreikt haben und die Rechtsaußenparteien sich das Copyright auf den Patriotismus sicher nicht nehmen lassen,ficht Bragg nicht an. Er wünscht sicheine „mitfühlende“ Gesellschaft und erntete dafür vom Moderator eine kritische Nachfrage. Wenigtens ein Mal suchte Kleff eine kontroverse Debatte. Ansonsten steigerte er die Ödnis der Diskussionkultur noch, in dem er doch tatsächlich fragte, wie sichBragg und Wenzel zu den Bundestagswahlen verhalten. Da hatte Wenzel mal einen seiner seltenen Geistesblitze und erklärte, dass ihn die nicht interessieren.


Wer über Arbeitsverhältnisse nicht reden will---

Dass Bragg besser bei der Musik bleiben sollte, zeigte sich am Samstagabend beim Konzert im Kino-Babylon. Bis auf die kurzen Ansprachen war es ausnahmslos gut. Er kann einfach singen und Gitarre spielen. Bei einer Ansage lohne sich auch das Zuhören. Er solidarisierte sich mit den Mitarbeitern des Kinos Babylon, die für einen höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Vor dem Eingang wurden dazu Flugblätter verteilt.

Das wäre ein interessantes Thema für die Debatte am Nachmittag gewesen. Zur Künstleridentität in politisch bewegten Zeiten gehören schließlich auch zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Bezahlung und Überarbeitung. Aber der Verlauf der Debatte hatte mal wieder deutlich gemacht, dass wer von Patriotismus schwadroniert, von Ausbeutung und schlechten Arbeitsverhältnissen nicht reden will und kann.

Peter Nowak
03:20 22.02.2009
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