Trayvon Martin und die Neuköllner Verhältnisse

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Nach zwei gewaltsamen Todesfällen in Neukölln gibt es viele Spekulationen und Kritik an der Polizei

Der Tod von Trayvon Martin (www.heise.de/tp/blogs/8/151782 ) in den USA hat auch in Deutschland für Diskussionen gesorgt. Der dunkelhäutige Jugendliche war von einem Mann mit weißer Hautfarbe erschossen worden. Das Mitglied einer Bürgerwehr machte Notwehr geltend, weil der mit einem Kapuzenpullover bekleidete Jugendliche über ein Nachbarschaftsgrundstück gelaufen ist. Weil der Schütze zunächst nicht festgenommen wurde, war die Empörung groß. Mittlerweile wurde gegen den Mann Anklage erhoben und er ist auch in Haft. In Deutschland, wo in der Debatte sofort eine US-Schelte laut wurde, könnte man sich jetzt den gewaltsamen Tod eines Jugendlichen zuwenden, der durchaus Ähnlichkeiten mit dem Fall Martin hat, sich aber im Berliner Stadtteil Neukölln zutrug.

Dort war am 4. März der 18-jährige Youssef El A. bei einem Streit nach einem Fußballspiel durch Messerstiche getötet worden.Der Täter Sven N. hatte sich nach der Tat bei der Polizei gestellt, auf Notwehr berufen und war deshalb nicht festgenommen worden. Dabei war N. schon mehrmals wegen verschiedener Delikte darunter Körperverletzung auffällig geworden. Daran entzündete sich schnell Kritik.

Ist des denkbar, dass ein einschlägig polizeibekannter Jugendlicher mit arabisch klingenden Namen in Freiheit bliebe, wenn er bei einem Streit einen Ur-Neuköllner getötet hätte und sich auf Notwehr beriefe, fragen sich im Anschluss manche Zumal sich der getötete Jugendliche wie seine eine Eltern zivilgesellschaftlich im Stadtteil engagiert hatten und selbst von dem multikultureller Anwandlungen unverdächtigten Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky als Bilderbuchfamilie bezeichnet wurde.

Die Mutter des Getöteten kritisierte mittlerweile das Verhaltne der Polizei nach dem Tod ihres Sohnes

„Ich hatte noch keinen Brief oder Besuch von der Polizei, noch kein Aktenzeichen, als im Fernsehen schon bekannt gegeben wurde, der Täter sei wieder frei“, klagte sie.in einem Interview mit der Taz.

Fortsetzung der NSU-Mordserie?

Die Debatte gewann an Fahrt, als auch die Eltern des in der letzten Woche erschossenen Burak B. (www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/368478/index.html) ähnliche Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Auch sie gaben an, von der Polizei nicht über den Tod ihres Sohnes informiert worden zu sein. Er stand nach Zeugenberichten mit Freunden vor einem Neuköllner Krankenhaus und feierte den Antritt einer Ausbildungsstelle bei einem Autohändler, als ein noch unbekannter Mann bis auf wenige Meter an die Gruppe herantrat ist und geschossen hat. B. wurde getötet, zwei weitere Jugendliche schwer verletzt. Nicht nur in türkischen Medien wird über einen rechten Hintergrund der Tat spekuliert Auffällig ist, dass in verschiedenen deutschen Medien sofort darauf hingewiesen wurde, dass der Tatort von Familien mit türkischen Hintergrund geprägt sei. Soll damit suggeriert werden, dass eine solche Tat damit einfacher erklärt werden kann, als wenn sie in Zehlendorf oder Charlottenburg passiert wäre? Dann hätten die Medien aus der Debatte nach dem bekannt werden der NSU-Mordserie wenig gelernt. Zeitweilig gab es danach kritische Stimmen, weil bei der Polizei und viele Medien die Gründe für den Tod sofort bei den Opfer gesucht und rechte Tatmotive gar nicht in Erwägung gezogen hatten. Im Aufruf für eine länger vorbereiten Demonstration gegen Neonaziumtriebe in Neukölln zeitzuhandeln.antifa.cc/, die am 13. April stattfand, wurde ausführlich auf die NSU eingegangen. Das Thema könnte ist durch den Angriff auf die Jugendlichen aktueller geworden, als die Verfasser wohl vor Monaten geahnt hatten.

„Von einem neonazistischen Motiv auszugehen“

In der von Neuköllner Antifaschisten betreuten Chronik antifa-neukoelln.net/chronik rechter Vorfälle in Neukölln wird der Tot von Barik B. in diese Reihe gestellt. Dort heißt es:

„Da die Betroffenen Migrationshintergrund haben und wegen der Ähnlichkeit zum Vorgehen des rechtsterroristischen NSU ist von einem rassistischen bzw. neonazistischen Motiv auszugehen. Andere sinnvolle Erklärungen sind nicht ersichtlich.“ .

Wie allergisch aber auch Teile des virtuellen Stammtisches in Deutschland schon auf die Aufforderung reagieren, Standards die im Falle von Trayvon Martin von den USA mit Recht eingefordert wurden, auch in Neukölln anzuwenden, zeigten die Kommentarspalten unter den Artikel des Verfassers auf Telepolis www.heise.de/tp/blogs/8/151795

Während einige den für den Tod von Martin verantwortlichen Mann nicht als Weißen anerkennen wollten, weil er aus Lateinamerika stammt, hielten es andere für eine Zumutung, die Frage aufzuwerfen, warum der unter anderem wegen Körperverletzung bekannt Sven N. nicht in Untersuchungshaft genommen wird, nachdem er für den Tod eines Menschen verantwortlich ist. Sofort wurde gegen eine angebliche Vorverurteilung von. Deutschen gewettert. Als wäre den Autoren solcher Hinweise nicht bekannt, dass eine Untersuchungshaft keine Verurteilung ist. Es geht auch nicht darum jetzt pauschal für ein schnelleres Wergsperren zu plädieren. Aber es muss die Frage gestellt werden, ob auch so verfahren worden wäre, wenn ein Jugendlicher mit arabisch klingenden Namen für den Tod eines zivilgesellschaftlich engagierten Ur-Neuköllners verantwortlich gewesen wäre. Und wie würden dann die Internetuser, die sich jetzt so für Sven N. einsetzen, reagieren? Manche vielleicht nicht nur für Untersuchungshaft sondern gleich den kurzen Prozess? Solange aber mit der ethnischen und rassistischen Brille auf gewaltsame Todesfälle geblickt wird, brauchen wir uns wirklich nicht über die USA aufregen. Dort gibt es, wie sich im Falle des Schützen von Trayvon Martin zeigt, eine starke Bewegung, gegen rassistische Justiz.

Peter Nowak

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14:26 14.04.2012
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