Warnung vor dem Blockwart

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Kritische Anmerkungen zum Artikel „Die Macht des rosa Zettels“ von Deborah Orr, Freitag Nr. 5 auf Seite 3

„Die Zwangseinweisung ist die schärfste Waffe gegen Menschen, denen eigentlich nichts vorzuwerfen ist. Doch manchmal ist sie nötig“. So wird ein Artikel von Deborah Orr eingeführt, der unter der Überschrift „Die Macht des rosa Zettel“ im Freitag Nr. 5 auf Seite 3 auf einer ganzen Seite veröffentlicht worden war.

Bei Psychiatrieerfahrenen hat der Beitrag Wut und Befremden ausgelöst. Denn schließlich wurde doch von der Autorin letztlich gerechtfertigt, dass Fremde “in wenigen Minuten entscheiden, ob sie einen Menschen die Freiheit nehmen sollen“.

In dem Artikel werden Menschen geschildert, die erkennbar weder sich noch andere gefährden, die nur für ihre Verwandten, Nachbarn, Hausmeister und die Polizei mit dem Stempel verrückt versehen und damit entmündigt wurden.

Da wird von einem Jeremy geschrieben, bei dem eine antisoziale Persönlichkeitsstörung attestiert worden ist. Was ist das bitte schön für ein Befund und woran macht er sich fest?

Sind nicht eher die Verhältnisse antisozial, die ihn und andere wegen einer solchen Konstruktion gegen seinen Willen einsperren? Und träfe nicht eine solche Bezeichnung auch auf die Menschen zu, die diese Freiheitsberaubung exekutieren?

„Jeremy glaubt, dass Leute in seine Wohnung einbrechen und seine Sachen stehlen“, schreibt die Autorin und will damit wohl suggerieren, damit sei seine Krankheit bewiesen. Aber ist das nicht eine mehr als realistische Einschätzung, wenn im Vorlauf des Artikels klar wird, dass Menschen sogar seine Freiheit stehlen wollen.

Dann berichtet Orr von Anna und breitet eine nicht untypische Biographie des abgehängten Prekariats aus. Die Frauverlor ihre Stelle bei der Kulturbehörde und sprach dann dem Alkohol zu, wie Zigtausenden in vielen Ländern. Aus dem Artikel geht eindeutig hervor, dass die Frau ihre Ruhe haben und keineswegs in eine Anstalt eingesperrt werden will. Sie wird bedroht und bedrängt, damit sie freiwillig mit geht und nicht von der Polizei aus der Wohnung gezerrt wird. „Anna gibt auf. Sie hat keine Verbündeten mehr“, heißt es im Artikel. Hier wird sehr exakt beschrieben, wie Menschen gedemütigt, entmündigt und entrechtet werden. Und die Autorin findet auf einer ganzen Seite keinen Platz, auch nur einen kritischen Gedanken dazu einzufügen. Die drängen sich doch geradezu auf:


Soziale Probleme entsorgen

Erinnert die Methode, soziale Probleme, wie im Falle von Anna die Arbeitslosigkeit durch Zwang gegenüber den Betroffenen eindämmen zu wollen? Dass erinnert an das Buch Überwachen und Strafen von Michel Foucault.

Erinnert der beschriebene Hausmeister, der sich mit einem Nachschlüssel Zugang zu der Wohnung von Jeremy in dessen Abwesenheit verschafft, nicht an einen Blockwart, vor dem man alle Mieter nur schützen sollte?

Kein Verweis auf die Rechtslage

Die Autorin verschwendet in ihrer Reportage auch keinen einzigen Gedanken auf die Frage, auf welcher Rechtsgrundlage die beschriebenen Freiheitsberaubungen eigentlich vonstatten gehen. Dann müsste sie erkennen, dass es keine gibt und sich alle in dem Artikel geschilderten Personen, die Anna und Jeremy gegen ihren Willen in eine Anstalt bringen wollen, strafbar machen.

Nach der UN-Menschenrechtskonvention darf „eine Zwangsbehandlung und - Unterbringung bei einer psychischen Störung nur als Ultima Ratio richterlich angeordnet werden, wenn eine Selbst- oder Fremdgefährdung nicht anders abgewendet werden kann und wirklich alle freiwilligen Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden sind“, schreibt der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck in einem von Psychiatrieerfahrenen in Auftrag gegebenen Stellungnahme, die im Internet unter

www.die-bpe.de/stellungnahme/inhalt_1.htm.

zu finden ist.

Keines dieser Kriterien trifft auf Anna und Jeremy zu. Daher ist ihre Zwangspsychiatrisierung rechtswidrig und alle, die sich daran beteiligten, machen sich strafbar. Es stimmt also nicht, wenn Orr in Bezug auf Anna behauptet, sie habe keine Verbündete. Sie kann sich sogar auf das Recht stützen, weiß aber wahrscheinlich nicht. Artikel, wie die von Orr, tragen durch das Verschweigen der rechtlichen Lage noch zusätzlich dazu bei, dass die Betroffenen rechtlos bleiben.

Ein Vertreter der Betroffenenorganisationen findet es besonders bedauerlich, dass ein solch unkritischer Artikel in der Wochenzeitung Freitag erschienen ist, deren verstorbene Mitherausgeberin Gerburg Treusch-Dieter sich vehement für die Abschaffung von Zwang auch in der Psychiatrie eingesetzt hat.

Peter Nowak

16:06 11.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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