Zwei Revolutionen - ein Ziel

Lenin und Dada Warum beide gegen Verhältnisse kämpfen, die uns heute noch immer bedrücken.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Tage wird das hundertste Dada-Jubiläum zelebriert und Medien, die sonst alles Dadaistische ignorieren, haben ein Paar gute Worte für die Kulturrevolutonär_innen aus dem letzten Jahrhundert. Die Taz zumindest hatte eine originale Idee mit ihrer Dada-Taz vom letzten Freitag (http://www.onleihe.de/static/content/taz/20160205/TAZ_20160205/vTAZ_20160205.pdf). Eine Zeitung wird zum Kunstwerk, da merkt man wieder einmal, dass die Taz ihre Wurzel aus der kulturrevolutionären Bewegung der 60er und 70er Jahre noch nicht ganz gekappt hat. Explizit darauf ein geht Andreas Fanizadeh, der bevor er die Leitung des Taz- Feuilleton übernahm, Initiativen und Projekte an der Schnittstelle zwischen Kultur und linker Politik mit vorantrieb. So war er maßgeblich an der heute leider weitgehend vergessenen Zeitschrift "Die Beute" beteiligt.

Beide bekämpfen Krieg und Nation

Fanizadeh präsentiert in der Dada-Taz eine in vielerlei Hinsicht steile These: „Hätte Lenin 1916 nicht nur in der Spiegelgasse in Zürich gewohnt, sondern auch das Cabaret Voltaire besucht, die Oktoberrevolution wäre ausgefallen“. Der Autor sieht in Lenin und den Dadaist_innen zwei Antipoden in der Linken, die ein noch heute aktuelles Schisma einleiteten. Der russische Revolutionär stehe für eine autoritäre Variante der Linken, die alles Unkonventionelle gehasst und bekämpft und habe und der daher auch keinen Bezug zu Dada gehabt habe. . Die Kulturrevolutionär_innen stehen hingegen für eine westliche Linke, die den Kapitalismus selbst nach Fanizadeh nicht veränderten sondern etwas zivilisierte, und autoritäre Momente zu mäßigen. Es ist klar, dass sich Fanizadeh dieser zweiten Variante linker Politik zugehörig fühlt.

Doch hält seine These der historischen Realität stand? Zunächst fallen einem bei dem Text in der Taz auf, dass sich Fanizadeh wohl Geschichte scheinbar nur als Werk großer Männer vorstellen kann. Wie sonst kommt er zu der Vermutung, dass die Oktoberrevolution ausgefallen wäre, wenn Lenin nur häufiger Dada gehört und gesehen und hätte? Es ist frappierend, dass Fanizadeh , wie vor ihm viele, die behaupteten, dass Lenin letztlich die Oktoberrevolution gemacht haben, einen stalinistischen Geschichtsmythos Glauben schenken. Denn erst nach dem Sieg der Konterrevolution in der SU Mitte der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde jenes Geschichtsbild des Marxismus-Leninismus konstruiert, das den Oktoberraufstand 1917 als Werk der unfehlbaren Partei und ihres Steuermanns Lenin darstellt. Nur mit der Realität hat das alles nichts zu tun. Wer die realen äußert turbulenten Ereignisse rekonstruieren will, greife zu dem Buch „Die Sowjetmacht, Die Revolution der Bolschewiki 1917," von Alecander Rabinowitch. (https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/ein-anderer-blick-auf-den-roten-oktober ). Dort wird deutlich, dass die Revolution tatsächlich von den bewussten Proletarier_innen im damaligen Petersburg vorangetrieben wurden, die auch an der bolschewistischen Basis sehr aktiv waren und es auch verstanden, ihre Vorstellungen auch gegen die Parteiführung durchzusetzen. Kaum jemand der Petersburger Arbeiter_innen dürfte damals etwas von Dada und ihren Protagonist_innen gehört haben. Die meisten hatten vor der Revolution nie die Gelegenheit, eine avantgardistische Kultur kennen zu lernen. Das änderte sich nach dem roten Oktober/November 1917. Und es waren die von die von Fanizadeh so geschmähten Bolschewiki, die es ermöglichten.

Als Kunstavantgarde und Kommunismus zusammenkamen

Wenn Fanizadeh schreibt, auf Lenins Programm hätten „Psychoanalyse, Vegetarismus, sexuelle Experimente oder Kunsthappeings nicht gestanden“, dann lässt er die gesamte kulturrevolutionäre Phase der Oktoberrevolution einfach wegfallen. Die Bolschewiki haben mit ihrer maßgeblichen Rolle im Herbst 1917 dazu beigetragen, dass avantgardistische Kunst und Kultur aus den Züricher Clubs auf die Straßen der russischen Metropolen kamen. Die ersten fünf Revolutionsjubiläen wurden von avantgardistischen Künstler_innen aus aller Welt mitgestaltet. Die avantgardistischen Ansätze auf dem Feld der Musik, der Literatur, der Architektur und Filmkunst, die durch die Revolution in Russland freigesetzt wurden, haben der jungen Sowjetunion damals bei Avantgardekünstler_innen in aller Welt große Sympathien eingebracht. Darunter waren auch Dadaist_innen. Viele besuchten die Sowjetunion und leisteten mit künstlerischen Mitteln ihre Unterstützung. Sie erkannten, dass die Bolschewiki in vielen den Dadaist_innen sehr nahe waren. Beide zertrümmerten eine alte Gesellschaft und schufen Raum für das Neue. Was die Dadaist_innen auf kulturellem Gebiet vollbrachten, versuchten die Bolschewiki auf dem viel schwierigem Feld des Gesellschaftlichen. Die Kunst auf die Straße, in die Fabriken und auch in die verlassensten Weiler im Fernen Osten, lautete die Devise der Revolutionär_innen. In Chris Markers Film „Der letzte Bolschewik“ wird an die legendären Filmzüge erinnert, mit denen junge Revolutionär_innen Kunst auch für die Ärmsten der Armen verbreiteten. Mit Alexandra Kollontai wurde schließlich die weltweit erste marxistische Feministin Ministerin. Nicht etwa in einem westlichen Land sondern in der nachrevolutionären Sowjetunion wurde die Emanzipation der Frau in den ersten Jahren der Sowjetunion zur Regierungspolitik. Kollontai war Mitglied der Bolschewiki.

So leisteten die rühen Bolschewiki im Gegensatz zu Fanizadehs Verdikt auf dem Feld der Kulturrevolution Beachtliches.Vieles davon ist durch die stalinistische Konterrevolution zerschlagen worden, viele der avantgardistischsten Künstler_innen, Architekt_innen endeten im Gulag oder wurden ermordet, so wie der Großteil der bolschewistischen Aktivist_innen der ersten Stunde. Wenn nun so getan wird, als wäre der Stalinismus bereits mit der Oktoberrevolution in Russland an die Macht gekommen, werden sie noch einmal ermordet.

Über Lenins Freizeitaktivitäten nur so viel

Über Dada und Lenin gibt es seit nun mehr 100 Jahren viele Mutmaßungen und Spekulationen. Schon Peter Weiss kommt in seinem Monumentalwerk ‘Ästhetik des Widerstands“ auf die räumliche Nähe zwischen Lenins Wohnung im Züricher Exil und dem Club Voltaire hingewiesen. Dort wird auch deutlich, dass es auch einer politischen Gemeinsamkeit zwischen den Exponent_innen des linken Flügels der damaligen sozialdemokratischen Arbeiter_innenbewegung und den Dadaist_innen gab. Das ist auch der Tenor vieler anderer Schriften, die sich mit Lenin und Dada beschäftigten. Kontroversen gibt es über die Frage, ob Lenin selbst Gast im Club Voltaire war und wenn ja, wie oft er den Club frequentierte. Manche meinen, wenn dann wäre er nur gelegentlich dort gewesen. Andere wollen nachweisen, dass Lenin zu den häufigeren Gästen zählte. Doch, da ich oben schon dargelegt habe, dass die eigentlichen Protagonist_innen des russischen Oktoberaufstands, die Petrograder Arbeiter_innen, bestimmt nicht im Züricher Club Voltaire waren, finde ich diese Frage nach Lenins Züricher Freizeitaktivitäten müßig. Unabhängig davon gab es auf jeden Fall viele Berührungspunkte zwischen die Bolschewiki und den Dadaist_innen. Beide hassten die Vaterlandsverteidiger_innen aller Länder und den Krieg. Beide kämpften für die Niederlage sämtlicher an diesem Krieg beteiligten herrschenden Klassen. Das was die Dadaist_innen in ihren kulturellen Programm vertraten, dafür kämpften die Bolschewiki auf dem Feld der Politik.

Deutscher Kriegspolitologe in der Dada-Taz

Es ist bezeichnend, mit Herfried Münkler einer der neudeutschen Historiker in der Dada-Taz ausführlich zu Wort kommt, der sich in den letzten Jahren für die Wiederkriegsfähigkeit dieses Landes sehr stark einsetzt. Er ist einer führenden Köpfe der Riege der Historiker, die mehr als 70 Jahre nach dem Ende von Weltkrieg II wieder für eine selbstbewusste deutsche Nation werben, die ihre nationalen Interessen gerade mit Auschwitz und den deutschen Verbrechen verbindet. Was hat der Beitrag eines solchen Mannes in der Ausgabe einer Taz zu suchen, die sich einer Bewegung widmet, die alles das bekämpft haben, wofür Münkler heute steht? . Nicht nur gegen die Münklers und Konsorten vor 100 haben die Bolschewiki und die Dadaist_innen auf der richtigen Seite gekämpft. Daran sollten wir heute anknüpfen. Eine revolutinäre auf der Höhe der Zeit muss sich mit den avantgardistischen Strömungen der Kultur verbinden.

Lesetipp:

Wer sich über die Ereignisse im Herbst 1917 in Russland informieren will, komt an diesem Buch nicht vorbei:

http://www.mehring-verlag.de/gesamtkatalog/die-sowjetmacht/das-erste-

Peter Nowak

02:41 08.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 1