Die Sache mit dem „islamischen Faschismus“

Faschismusdebatte Hamed Abdel Samad hat ein wichtiges Buch über den Islamismus geschrieben, aber sind die von ihm beschriebenen Gruppen und Weltanschauungen auch tatsächlich faschistisch?
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Hamed Abdel Samads Faschismus-Definition ist schnell erklärt: Faschismus sei eine politische Religion und verkünde eine absolute Wahrheit. Der Anführer sei ein charismatischer Führer mit heiligem Auftrag, die Nation zu vereinen und deren Feinde zu besiegen. Die Welt werde eingeteilt in ein dualistisches Freund – Feind-Schema, die faschistische Ideologie schüre Hass gegen ihre Gegner und rufe auf zu Gewalt. Faschismus richte sich gegen die Juden, den Marxismus, die Moderne und die Aufklärung, ferner glorifiziere er den Militarismus und die Bereitschaft zu selbstmörderischem Heroismus. Alle diese von Samad aufgezählten Kerneigenschaften des Faschismus fänden sich auch im Islamismus wieder.

Ohne Zweifel treffen viele dieser Punkte auf faschistische Ideologien zu und ohne Zweifel ist es richtig, dass der Faschismus ideologisch nicht im luftleeren Raum entstand, sondern ideologische Vorläufer hatte. Konsequent vertritt er die Ansicht, der islamische Faschismus bzw. Islamismus sei im Ur-Islam angelegt. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich ein spezifische Phänomen der europäischen Moderne, wie es der Faschismus ist, problemlos in die islamische Welt übertragen lässt. Dies gilt umso mehr, als der Faschismus-Begriff selbst im europäischen Kontext keineswegs unumstritten ist und von vielen Wissenschaftlern als Sammelbezeichnung für rechtsradikale politische Bewegungen abgelehnt wird.

Zu groß seien die Unterschiede und nationalen Besonderheiten zwischen den gemeinhin als faschistisch bezeichnenden Bewegungen. International verbindliche programmatische Leitlinien wurden, anders als für den Sozialismus oder Liberalismus nie formuliert, was angesichts des elitären-nationalistischen Selbstverständnisses der jeweiligen Gruppen kaum verwundern dürfte. Wenn sich aber der Faschismus-Begriff schon im europäischen Kontext nur unter großen Schwierigkeiten verwenden lässt, dann wird dessen Begriffsdefinition durch die Übertragung auf historische Phänomene der islamischen Welt nicht unbedingt einfacher. Faschistische Bewegungen existierten im arabischsprachigen Raum in den 30er Jahren durchaus, aber die Muslimbruderschaft wird trotz ihrer Verbindungen zum NS-Regime und dem faschistischen Italien von Historikern wie Gudrun Krämer oder Stanley Payne nicht dazu gezählt. Selbst Bassam Tibi, beileibe kein Freund islamistischer Bewegungen, lehnt in seinem Werk „Krieg der Zivilisationen“ die Gleichsetzung von Islamismus und Faschismus als „polemisch“ ab.

Reaktionär oder faschistisch?

Die Anhänger islamistischer Bewegungen träumen davon, dass der Islam die Welt dominiert, aber dies lässt sich nicht einfach mit dem extremen Ethno-Nationalismus bzw. Rassismus gleichsetzen, wie er auf die ein oder andere Art von allen als faschistisch betrachteten Bewegungen vertreten wird. Als Vertreter einer missionarischen Religion von universalistischem Anspruch müssen die Islamisten grundsätzlich jedem Menschen das Tor in das „Haus des Islam“ offenhalten. Mit biologistischem Denken ist ein solcher Anspruch unvereinbar, aber dieses ist ein fester Bestandteil faschistischer Ideologien.

Islamistische Bewegungen sind ihrem Wesen nach reaktionär und lehnen die Werte der europäischen Aufklärung ab. Die sunnitischen Islamisten streben nach der Errichtung von vormodern strukturierten Feudalstaaten, wie dem beispielsweise dem von den Taliban errichteten Emirat in Afghanistan. Als supranationale und weltweit höchste Herrschaftsinstitution gilt das seit dem Untergang des Osmanischen Reiches nicht mehr existente Kalifat.

Während die sunnitischen Islamisten traditionelle Herrschaftsinstitutionen der islamischen Welt wiederbeleben wollen, ist das Verhältnis der europäischen faschistischen Bewegungen zu diesen traditionell-reaktionären Bewegungen durchaus nicht immer spannungsfrei, obwohl deren Vertreter in der Vergangenheit häufig mit faschistischen Bewegungen zusammenarbeiteten. Ein spezieller Fall sind die türkischen „Grauen Wölfe“, sie bekennen sich zum sunnitischen Islam, werden jedoch nicht als islamistische, sondern als türkisch-nationalistische bzw. genuin faschistische Gruppe wahrgenommen. Bei Samad werden sie gar nicht erwähnt.

Faschistische oder islamistische Schwarzhemden?

Anders als die sunnitischen Vorstellungen eines islamischen Staates steht das Konzept der „islamischen Republik“ wie sie durch den schiitischen Geistlichen Ruhollah Chomeini ausgearbeitet und verwirklicht wurde, nicht in der politischen Tradition der islamischen Staatenwelt. Insofern handelt es sich dabei um ein recht junges islamisches Staatsmodell, aufgrund von dessen strikter Ausrichtung an der islamischen Gesetzgebung, der Berufung auf die universalistische Ideologie und die Machtstellung des traditionellen schiitischen Klerus, sollte jedoch auch im Bezug des Iran nicht von einem faschistischen Staat gesprochen werden, zumal das republikanische Konzept - wenngleich in sehr eingeschränktem Maße – politische Partizipation

ermöglicht.

Freilich ändert dies nichts am undemokratischen und gewalttätigen Charakter dieses Staatsmodells oder daran, dass faschistoide Elemente im Auftreten und in den Strukturen von Bewegungen und Strukturen, die auf den Lehren Chomeinis auftreten, sehr wohl verbreitet sind. Dies zeigt sich insbesondere am Beispiel der Hisbollah im Libanon. Von allen islamistischen Führergestalten dürfte auch dem „Revolutionsführer“ Chomeini noch am stärksten jene sakrale Aura des messianischen Erlöser umgeben, wie ihn faschistische Führer für sich beanspruchen. In der Verehrung Chomeinis vermischten sich der von modernen Diktatoren betriebene Personenkult mit der schiitischen Heilserwartung. Seine Anhänger verehrten Chomeini als jenen 12. Imam, der gemäß der im Iran vorherrschenden Glaubensrichtung der Zwölfer-Schia aus der Verborgen zurückkehren und ein Reich der Gerechtigkeit auf Erden errichten werde. Den gegenwärtigen Machthabern scheinen viele Iraner aber nicht diese sakrale Aura zuzubilligen. Wie kein anderes Staatsmodell scheint zudem die islamische Republik mit ihrer Gründerfigur Chomeini verbunden und es scheint zweifelhaft, dass sie dauerhaft ohne dessen Charisma bestehen kann.

Im Mittelpunkt einer faschistischen Staatsordnung steht kein traditioneller Herrscher, sondern ein als Führer bezeichneter Alleinherrscher als deren politisches und spirituelles Zentrum. Legitimiert wird dessen Herrschaft aber nicht durch Gott oder traditionelle Institutionen, sondern durch den Anspruch Vollstrecker des Willens einer organisch verbundenen Volksgemeinschaft zu sein. Das kann, wie in Spanien oder Portugal, mit dem Segen traditioneller religiöser und politischer Institutionen geschehen, muss aber nicht. Faschistische Ideologien sind nicht auf traditionelle Werte und Religionen angewiesen, da sie deren Platz beanspruchen. Dabei sind sie getragen von einer vitalistisch-idealistischen Philosophie und einer voluntaristischen Metaphysik, die ihren Ursprung sehr wohl in der europäischen Aufklärung haben. Für den israelischen Historiker Jackob Talmon ist kein anderer als Rousseau „Vater des Totalitarismus“. Die faschistischen Bewegungen lehnen elementare Aspekte der Aufklärung und der Moderne ab, aber deswegen sind sie nicht unbedingt antimodernistisch. Es mag bezeichnend sein, dass für einen Faschismus-Forscher wie Payne das säkulare Regime Saddam Husseins von seinem Wesen dem europäischen Faschismus am nächsten kommt und nicht eine der islamistischen Diktaturen.

Obwohl die Gleichsetzung von Faschismus und Islamismus aus wissenschaftlicher Sicht eher wenig Sinn macht, so soll dies nicht bedeuten, dass damit Samads Thesen hinfällig wären. Die europäische Geschichte beweist, wie notwendig für den gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt einer Gesellschaft es ist, a) die autoritären bzw. totalitären Elemente einer Religion zurückzudrängen und zu bekämpfen, b) Staat und Religion konsequent und trennen, sowie c) den gesellschaftlichen Einfluss der religiösen Autoritäten einzudämmen und zu beschränken. Mit den islamistischen Bewegungen sind derartige politische Schritte sicherlich kaum durchzuführen. So wichtig die Bekämpfung islamistischer Bewegungen und Weltanschauungen wie auch deren Wurzeln in der islamischen Überlieferung ist, so wenig nutzt es in der öffentlichen Debatte, diese Bewegungen mit dem Faschismus-Begriff zu etikettieren.

Nicht nur aus aus wissenschaftlicher und historischer Perspektive, sondern auch auf der politischen Ebene gerät mit man einer solchen Vorgehensweise leicht in Schwierigkeiten. Die Kennzeichnung des politischen Gegners als „faschistisch“ entpuppt sich allzu oft als plakative und oberflächliche Diffamierung, die sich problemlos widerlegen und als Kampfbegriff abtun lässt. Der Begriff des „islamischen Faschismus“ dürfte in der Zukunft jedoch noch an Bedeutung gewinnen, da viele Islamkritiker kaum auf die vermeintliche Durchschlagskraft des Begriffs verzichten möchten. Man kann davon ausgehen, dass der Begriff des „islamischen Faschismus“ bzw. „Islamfaschismus“ noch intensiv in Wissenschaft und Öffentlichkeit diskutiert werden wird. Die Verwendung des Begriffes sollte in jedem Fall methodisch genau begründet werden, das ist bei Samad nicht der Fall. Ihn deshalb in die islamophobe Ecke zu stellen, ist ungerecht und wer seine Bücher kennt, weiß, dass seine Thesen nichts gemein haben mit den Hass-Tiraden von „Politically Incorrect“ und ähnlichen Gruppen. Es ist aber nicht zu leugnen, dass Samad mit seinem reichlich kurz gegriffenen Faschismus-Begriff von Sarrazin, Wilders und Co. als Stichwortgeber missbraucht werden könnte.

16:01 05.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Schaab

Studierte Religionswissenschaft, Geschichte und etwas Geographie in Heidelberg und Krakau. Schreibt über Religionen, Geschichte u. a. schöne Dinge.
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Philipp Schaab

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