Nichts als Fußball

Fußball Fußball ist eigentlich nur ein Sport. Eigentlich...
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Fußball ist - etwas polemisch gesprochen - ein relativ simpler Sport mit 22 Feldspielern in zwei Teams, die einen Ball ins Tor der gegnerischen Mannschaft schießen wollen und doch – zum Leidwesen der Verächter – für viele Menschen weltweit sehr viel mehr als das. Fußball ist eine moderne Ersatz-Religion, mit Spielern, die zuweilen wie Halbgötter verehrt und Stadien, zu denen die Fans in Massen pilgern wie zu einem Heiligtum. Im Stadion können die Zuschauer ihren Emotionen freien Lauf lassen, sie können singen, beschimpfen, manchmal sogar tanzen, wenn die Sitzplätze der modernen Sportarenen es zulassen. In der Fan-Gruppe findet der Zuschauer Bestätigung und soziale Verbundenheit, die Liebe zum Verein, dass Tragen von dessen Farben und Vereinswappen auf Trikots, Schals und Fahnen, manifestiert die identitätsstiftende Wirkung. In der Gruppe werden die Herausforderungen des Vereins angegangen, man teilt Freud und Leid, genießt den Erfolg und trauert bei der Niederlage, außer man gehört zu jenen, für die Fußball nicht mehr ist das abendliche Sich-berieseln-lassen.

Für die überzeugten Fans gilt das nicht. Der Verein ist für sie essentieller Bestandteil des Lebens, eine Zuneigung, die, wenn sie einmal gewachsen ist, selten vollständig zerbricht. Diese Zuneigung wird vermittelt durch bestimmte Milieus, in Vierteln, Städten, Regionen und sozialen Schichten, wo ein dein bestimmer Verein besonders unterstützt wird. Immer öfter und stärker dienen auch die Medien als Katalysator. Ohne das mediale Bombardement in Fersehen, Radio und Internet wäre die Fußballbegeisterung in Deutschland 2006 gewiss geringer ausgefallen. Es gibt Fans, für die Fußball alles ist. Wer bei Fan-Gruppen wie den Ultras mitmischt, dessen Privatleben gehört zumindest an den Wochenenden und Spieltagen vollständig den unterstützten Vereinen. Es ist eine Zuneigung, die teuer ist und aus Sicht von Außenstehenden irrationele Züge trägt und das ist völlig korrekt. Mit Vernunft ist die Fußballbegeisterung erklär- und soziologisch erfassbar und dennoch bleibt sie für viele Zeitgenossen ein unlösbares Rätsel.

Das Spiel als Ritual und Grundlage für den modernen Mythos

Dabei ist die Faszination für den Fußball gar nicht so schwierig zu verstehen. Das Bekenntnis zum Fußballverein als moderne Form sozialer Identitätstiftung übernimmt eine wichtige gesellschaftliche Funktion. In einer Kultur, in der soziale Identität immer weniger von den traditionellen gesellschaftlichen Instutionen vorgegeben wird, die Konstruktion derselben mithin mehr und mehr Aufgabe des Einzelnen ist, bietet das gemeinsame Erleben des Fußballereignisses die Möglichkeit, an einer Gemeinschaft teilzuhaben und dass soziale „Wir-Gefühl“ zu erleben. Jene Grundlage sozialer Identitätskonstruktion, die in der Gegenwartskultur für den Einzelnen eine immer anspruchsvollere Aufgabe darstellt.

Die Spieler stehen als die Heroen im Zentrum dieser Ersatz-Religion, das Spiel ist die Zeremonie, eine dynamische Abfolge vorgebener, fast ritualisierter Handlungen. Durch lautes Anfeuern können die Fans aktiv an der Zeremonie partizipieren, was von den Spielern ausdrücklich erwünscht wird. Auf diese weise bietet sich dem Einzelnen die Möglichkeit, selbst einen kleinen Beitrag zum Erfolg der Mannschaft zu leisten. Zum Mythos erwächst die große Vergangenheit der Vereins bzw. der Nationalmannschaft, d. h. die identitätstiftende Erzählung, durch welche deren historischen Erfolge vermittelt werden. Das „Wunder von Bern“, das „Jahrhundertspiel“ etc, etc... vermutlich hat sich jede Vereins- und jede Nationalmannschaft ihre eigenen Mythen geschaffen und es sind jene Mythen, welche sich die Fans im Spiel zu vergegenwärtigen versuchen: Die Rückkehr zu den großen Zeiten, zu großen Siegen, glanzvollen Spielen und großen Titeln. Je mehr Heroen und je mehr Mythen, desto besser und desto beliebter ist der Verein.

In diesem Rahmen haben die Spiele auch eine kontingenzbewältigende Funktion. Hier können die Fans durch die gemeinsam gemeisterten Herausforderungen Vertrauen und Kraft schöpfen und Bestätigung finden. Meistert eine Mannschaft diese Herausforderungen längere Zeit nicht, hat das negative Auswirkungen das Verhältnis von Fans und Mannschaft leben die Träume von Millionen von Reichtum und Erfolg. Dann erlebt der Kult eine Krise. Die Folgen können je Ausmaß der Krise und nach spezifischem Kontext stark varriieren, in seltenen Fällen gar in Gewalt gegen die eigenen Heroen umschlagen, die den in sie gesteckten Erwartungen nicht gerecht worden sind.

Heroen zum Anfassen

Wer als sportlicher Akteur den Erwartungen gerecht wird, der rückt in den Pantheon der großen Spieler auf und wird zu unvergessenen Identifikationsfigur. Abgehoben sollten diese Spieler jedoch nicht sein, denn dies entspräche nicht dem Idealbild des „Stars von Nebenan“. Keine abgehobenen Millionäre oder gar Intellektuelle sondern einfache, netteTypen, mit denen man zusammen auch ein Bier trinken könnte. Sie sollen so sein wie „wir“. Da passen Starallüren nicht ins Bild, weshalb die Medien auch sehr bemüht sind, „uns“ das passende Bild zu präsentieren, dass wir zu sehen wünschen und auch sehen sollen. Wenn es funktioniert, winkt den Spielern auch Unterstützung von ganz oben, denn auch die Bundeskanzlerin läßt es sich nicht nehmen, die Nationalmannschaft publikumswirksam zu bejubeln um sogleich für ihre volkstümliche Fußballbegeisterung von der Springer-Presse bejubelt zu werden. Ist ja auch nett anzuschauen, wie Frau Kanzlerin sich nicht zu Schade dafür ist, mit „unserem“ Poldi auf dessen Selfie zu posieren. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

In Deutschland versuchen die bürgerlichen Medien, voran die Springer-Presse, internationale Fußballturniere zwischen den Ländern für ihre patriotische Agenda zu instrumentalisieren. Die gemeinschafts- und identtitätsstiftende Wirkung des Fußballs soll auf das Kollektiv der Nation übertragen werden. Ein Vorhaben, dass alle zwei Jahre aufs neue zu Verärgerung bei Teilen der Linken führt. Die deutsche Nationalmannschaft fungiert im Allgemeinen nicht als Fixpunkt für gesellschaftliche Rebellion. Als Symbol für das ungeliebte Nationalstaatsmodell wird sie von vielen Linken vehement abgelehnt, gleiches gilt für die internationalen Turniere, an denen Nationalmannschaften teilnehmen. Ein Blick in die entsprechenden Foren macht dies deutlich. Die Beflaggung und das hier und dortnationale Pathos sind nicht allen Zeitgenossen geheuer. Versuche von Links, die Begeisterung für die DFB-Auswahl als Ausbund nationalistischen Denkens anzugreifen, laufen jedoch regelmäßig ins Leere.

Fußball als Bedrohung nationaler Werte

Vielleicht mag es manchen dieser Linken trösten, dass die gegenwärtige Nationalmannschaft auch von vielen Rechtsradikalen abgelehnt wird, da dort inzwischen zahlreiche Spieler mit nichtdeutschen Wurzeln aktiv sind. In den USA ist es hingegen der Fußball insgesamt, der einigen Vertretern der rechtskonservaitven Flügels dort zu Schaffen macht. Während man in Deutschland über den Fußball Werte und kollektive soziale Identitäten zu vermitteln sucht, stellen sie in den USA für manche eine Bedrohung nationaler Werte dar. So ereiferte die sich die ihre polemischen Ausfälle bekannte Journalistin Ann Coulter darüber, dass eine wachsende Begeisterung für Fußball den moralischen Niedergang des Landes zur Folge haben werde. Fußball sei ein Spiel für „Liberale“ (aus amerikanischer Sicht also wenigstens Linksliberale), wo es keine klaren Sieger und Verlierer gäbe, wo der Einzelne mit seinen Leistungen nicht herstechen könnte etc. etc. Wenn das so ist, dann steht der geistig-moralische Niedergang der USA bald bevor, denn Fußball ist dort heute so populär wie wohl nie zuvor und Ann Coulters Hoffnung, dass fußballbegeisterte Einwanderer ihre Begeisterung für diesen Sport ablegen und sich doch bitte kulturell assimilieren werden, scheint sich nicht zu erfüllen. Warum auch, wenn sich selbst der Präsident in der Öffentlichkeit als Fußball-Fan inszeniert und das vielleicht sogar ernst meint.

Es gibt unendlich viel zu kritisieren am aktuellen Fußballgeschehen. Nicht nur instrumentalisiert die Politik den Sport, sie nutzt die Turniere und mediale Ablenkung der Massen, um still und leise umstrittene Gesetze zu verabschieden. Die Korruption in den großen Fußballverbänden ist offensichtlich, ebenso die Indifferenz gegenüber der Zusammenarbeit mit diktatorischen Systemen. Wie viele große Vereine sind inzwischen das Freizeitvergnügen eines Oligarchen oder eines Ölscheichs und Konzerne wie Red Bull stampfen sich ihre eigenen Fußballvereine zwecks Marketing aus dem Boden. Andere sichern sich die Namensrechte an den Arenen, Namen wie „Allianz-Arena“ und „Commerzbank-Arena“ verdeutlichen nur die seit Jahrzehnten zu beobachtende Kommerzialisierung des Sports. Die Fußball-Tempel finden in immer größerem Ausmaß auch als Konsum-Tempel Verwendung.

Diesen Vereinnahmungen durch Staat und Kapital stehen die vielen uneigennützigen Fan-Initiativen gegenüber. Die Fußballvereine sind Orte des sozialen Zusammenlebens, nicht wenige Fan-Gruppen politisiert. So waren Ultra-Gruppen an vorderster Front der Proteste in Ägypten und der Türkei beteiligt. Der FC Barcelona war unter der Franco-Diktatur Symbol der kulturellen Identität Kataloniens, das Stadion Camp Nou einer der wenigen öffentlichen Plätze, wo die Katalanen ungestört ihre offiziel verbotene Sprache sprechen konnten. In der DDR genoß wiederum Union Berlin seit den 70er Jahren aufgrund mehrer Siege gegen von MfS-Chef Erich Mielke protegieren Verein BFC Dynamo große Popularität bei Gegnern des SED-Regimes. Die Liste ließe sich fortsetzen. Fußballvereine sind nicht nur Ortes des sozialen Zusammenlebens, sie können sich vielmehr zu Foren des Protestes und des politischen Widerstandes entwickeln. So vie alsol zu den Vereinen, aber wie soll man' s nun mit der Nationalmannschaft halten?

Nationstaat und Nationalmannschaft

Die politische Linke sollte endlich ein dialektisches Verhältnis zu Nation entwickeln: Das bedeutet deren gegenwärtige Existenz zu Akzeptieren als gegenwärtige Grundlage zur kollektiven Identitätsbildung und gleichzeitig an dessen Überwindung arbeiten. Dabei arbeitet die Zeit eindeutig gegen den Nationalstaat. Die wachsende Globalisierung schafft langfristig die Grundlage zur Überwindung nationalstaatlicher Grenzen. Dennoch muss die politische Linke akzeptieren, dass die in den vergangen 1-200 Jahren gewachsenen nationalen Identitäten nicht über Nacht verschwinden werden. Ihre längerfristige Zukunft ist indes mehr als ungewiss.

Die nationalstaatlichen Strukturen sind nicht mehr in der Lage, ökonomische und politische Prozesse zu steuern, wenn sie es überhaupt je waren. Immer wichtiger wird die internationale Kooperation um ökonomische und politische Krisen zu steuern. Der globalisierte Kapitalismus schafft durch seine systematische Missachtung nationalstaatlicher Interessen die Grundlage für die Überwindung des Nationalstaatsprinzips. Die politischen Akteure spüren jetzt schmerzlich, dass sie die entfesselten Finanzmärkte, die sie einst selbst durch deren Deregulierung und der kritiklosen Huldigung des Marktprinzips geschaffen hatten, nicht mehr mit nationalen Gesetzen bändigen können. Der Ausbau supranationaler Instutionen und Verträge bleibt daher ohne echte Alternative, auch wenn Kräfte wie die AfD an der Illusion der nationalen Renaissance festhalten.

Und was wird mit der Fußball-WM? Die wird es vermutlich noch eine ganze Weile geben und es wäre den Gegnern der Euphorie für die Nationalmannschaft zu etwas mehr Gelassenheit geraten. Die wirklichen Schlachten gegen Nationalismus gewinnt man nicht dem Einsammeln von Deutschland-Fähnchen und dem Meckern über Fußball-Fans in deutschen Trikots, sondern in der konkreten Auseinandersetzung mit nationalistischen und faschistischen Strömungen, Gruppen und Personen. Mit den sozio-ökonomischen Prozessen, die zur Überwindung des Nationalstaats-Modells führen werden, hat der Fußball nichts zu tun. Das nationale Farbenspiel ist nichts mehr als kommerzialisierte Folklore, die auf einem längerfristig dem Untergang geweihten Staatsmodell basiert. Über dessen Schicksal entscheidet nicht die Fußball-WM, denn der ganze fußball Hype ist spätestens nach ein paar Wochen wieder vorbei. Jener Fußball-Patriotismus mal anstrengend sein, aber bedrohlich ist er nicht.

Berger, Perter L.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main 2003.

Habermas, Jürgen: Die postnationale Konstellation. Politische Essays. Frankfurt am Main 1998.

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/145600/index.html > 06.07.2014.

http://blog.br.de/woran-glauben/2014/06/12/gott-im-abseits-fussball-als-ersatzreligion/ > 06.07.2014.

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http://www.clarionledger.com/story/opinion/columnists/2014/06/25/coulter-growing-interest-soccer-sign-nations-moral-decay/11372137/ > 06.07.2014.

22:54 07.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Schaab

Studierte Religionswissenschaft, Geschichte und etwas Geographie in Heidelberg und Krakau. Schreibt über Religionen, Geschichte u. a. schöne Dinge.
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Philipp Schaab

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