Der folgenreiche Irrtum der Mittelschicht

Selbstbetrug: Ein Beitrag zu Ulrike Herrmanns Artikel in "Denkanstöße 2011", mit "Der Selbstbetrug der Mittelschicht" oder: Warum die Mehrheit sich als "Mittelschicht" empfindet.
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Liegt es an einer deutschen Rechenschwäche, den Schwierigkeiten mit Statistiken, dem Vorrang des "Bauchgefühls" vor der Realität, oder mehr an dem Verschleiern von Fakten, um sich ein korrektes Bild der Wirklichkeit machen zu können? Es könnte natürlich auch einer Bequemlichkeit geschuldet oder eine gewisse Denkfaulheit vorhanden sein. Woran liegt es also, warum sich die Mehrheit der Deutschen (aus vielfachen Befragungen heraus), dem Mittelstand zugehörig fühlt?

Ulrike Herrmann stellt klar, dass die tatsächliche Mittelschicht mit den weitaus meisten Wahlberechtigten sowohl Opfer als auch Täter der misslichen gesellschaftlichen Fehlentwicklung ist, was die Einkommens- und Vermögensverhältnisse betrifft, ganz zu schweigen von der Konzentration der Produktivvermögen in Deutschland, in den Händen weniger Familienclans.

"Warum also stimmt die Mittelschicht immer wieder gegen ihre eigenen Interessen?"
Auffallend ist schon einmal, dass die Benennung "Oberschicht" selten fällt, stattdessen von Eliten gesprochen wird. Damit verbunden geht eine Verschiebung des qualitativen Inhalts des Begriffs von Eliten einher, die man nun mehr mit Reichtum und Macht in Verbindung bringt. Das ist kein Zufall, denn erst durch die initiierte Ausbildung eines Gefühls, sich selbst der Elite zugehörig zu fühlen, trübt die Wahrnehmung der Mittelschicht im Sinne der Eliten. Da kommt die Oberschicht (ab jetzt so genannt) der Mittelschicht gerne entgegen.

Frau Herrmann hat dazu drei Thesen:

1. Die Reichen rechnen sich arm und erklären sich selbst zu einem Teil der Mittelschicht. Sie verschleiern ihren Wohlstand derart gekonnt (politisch zumindest wohlwollend geduldet), dass völlig unklar ist, wie reich sie wirklich sind. Fest steht nur, dass Billionen Euro aus der/ den Statistik(en) verschwindet(en). Zudem suggeriert die Oberschicht der Mittelschicht, das ein Aufstieg in die oberen Ränge jederzeit möglich sei - und verbrämen damit geschickt, dass sich die Oberschicht faktisch nach unten abschließt, was schon mit der Partnerwahl beginnt. Diese heimlichen Techniken der Dominanz lassen sich von niemandem besser lernen als vom deutschen Adel, der sich noch immer an der Spitze hält, ohne eigentlich Macht zu besitzen.

2. Die Mittelschicht nimmt wiederum nicht wahr, wie groß der Abstand zur Oberschicht tatsächlich ist. Die Mehrheit der Deutschen hält sich für einigermaßen wohlhabend und neigt dazu, die Grenze des Reichtums knapp oberhalb ihres eigenen Einkommens und Vermögens anzusetzen. In dieser Weltsicht muss man sich also nur ein bisschen anstrengen oder ein wenig Glück haben - und schon gehört man selbst zur Oberschicht. Leistung lohnt sich, davon ist die Mittelschicht noch immer überzeugt (dürfte hoffentlich mit der Krise ein wenig realistischer geworden sein). Und sollte man selbst nicht an die Spitze gelangen, dann könnten zumindest die eigenen Kinder Karriere machen. Der Glaube an den eigenen Aufstieg in der Mittelklasse ist (noch?) ungebrochen, wie auch der Boom der Privatschulen zeigt.

3. Die Mittelschicht überschätzt (daher) ihren Status auch deshalb, weil sie viel Kraft und Aufmerksamkeit darauf verwendet, sich vehement von der Unterschicht abzugrenzen. Nur zu gern pflegt die Mittelschicht das Vorurteil, dass die Armen eigentlich Schmarotzer seinen (Migranten). So meinen immerhin 57 Prozent der Bundesbürger, das sich Langzeitarbeitslose "ein schönes Leben auf Kosten der Gesellschaft machen". Aus dieser Verachtung für die Unterschicht entsteht dann eine fatale Allianz: Die Mittelschicht sieht sich auf der Seite der Oberschicht, weil sie meint, dass man gemeinsam von perfiden Armen ausgebeutet würde." (Zitat Ende)

Jetzt kommt dann noch erschwerend hinzu, dass sich die Unterschicht selbst noch der Mittelschicht zugehörig fühlt und ihre Position in der Gesellschaft als "gerechtes" Ergebnis ihres eigenen Verhaltens betrachtet. Ebenfalls das erfolgeiche Ergebnis eines Großexperiments, das mit dem Begriff Hartz IV verbunden ist.

Solange sich also die Mittelschicht ihres großen Irrtums nicht bewusst wird, handelt sie gegen ihre ureigensten Interessen, denn die Unterschicht ist ihr wahrer Verbündeter und daher weder Last noch Konkurrenz. Allerdings trägt ihr Verhalten tatsächlich dazu bei, dass sich die Kosten der Unterschicht (und der Krise!) mehr und mehr auf sie verlagern. Man lässt es zu und wählt genau die Parteien, die dafür die Verantwortung tragen.

Damit der Beitrag nicht zu lang wird, nur noch kurz etwas über die tatsächliche Unkenntnis (vorhandenes Defizit an objektivem Datenmaterial) der Vermögen und Einkommen der Oberschicht. Forbes listet jährlich die Milliardäre auf. Sie kennen also die Zahlen von Milliardären wie die der Aldi-Brüder, die selbst in Deutschland keiner genau kennt. Es sind reine Schätzlisten, die dann weitergereicht werden. Wenn dann noch Prozente der Veränderungen angegeben werden, wirkt das einfach objektiv. Nur, wenn Gates durch die Finanzkrise 10 Milliarden Dollar Buchwerte verloren hat, dann muss niemand die Tränen kommen, denn er kann in Ruhe abwarten, bis das Tief überwunden ist. Der entlassene Arbeitnehmer spürt die Konsequenzen aber sofort.

Nicht viel anders ist es mit dem Weltreichtumsbericht von Merryl Lynch und der Beratungsfirma Capgemini. Abgesehen davon, dass es nicht nachvollziehbare Unterschiede und Schwankungen untereinander gibt, hat das wenig oder nichts mit seriöser Statistik zu tun. Aber der Effekt einer seriösen Statistik wird erreicht und dann wird auch munter abgeschrieben.

Zum Abschluss noch einmal wörtlich Frau Herrmann zitiert, betreffend der Wirkungen von nicht verstandenen Statistiken, ausgehend von der Einkommensentwicklung in Deutschland:
"Wie schon gesagt, sind die Reallöhne in Deutschland selbst in Boomzeiten gesunken, während gleichzeitig die Gewinne explodieren. Die Mittelschicht wird also ärmer, während die Oberschicht reicher wird. Doch in der Statistik sieht das anders aus: Weil die Einkommen der meisten Haushalte sinken, sinkt auch der Median - und damit (verschiebt sich auf der Linie) gleichzeitig die Grenze zum Reichtum. Während also die Oberschicht ihren Reichtum (objektiv) mehrt, ist gleichzeitig immer weniger Einkommen nötig, um zu den Reichen zu zählen. Das ist (scheint) paradox, aber so funktioniert Statistik." (Zitat Ende)

Seit dem Beitrag von Ulrike Herrmann sind nun fast fünf Jahre vergangen und trotz der Finanzkrise wird sich der Fokus der Mittelschicht kaum verändert haben.

Ich vermute mal, dass sie in ihrem Buch "Hurra, wir dürfen zahlen", ausführlich darüber geschrieben hat.

19:48 26.07.2015
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