Andreas Potzlow
23.11.2012 | 20:06 8

Journalismus verdient es bezahlt zu werden

Zeitungskriese Die Gesellschaft hat sich verändert. Es ist das Smartphone in der Hand, was die morgendlichen Nachrichten bringt.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Andreas Potzlow

Das Ende der Frankfurter Rundschau und das aus für die Financial Times Deutschland erzeugen bei einigen Verlagen eine Art Panik. Das Wort „Zeitungssterben“ macht die Runde und eine breitere Diskussion scheint zu beginnen. Dabei sind die Probleme eigentlich seit Jahren bekannt. Nur einige haben den Zug anscheint verpasst.
Als ich vor Jahren auf der ersten re:publica in Berlin war, traf sich eine interessante Mischung. Die Erwartungen an die Blogger Konferenz waren eher diffus. Zum einen traf sich eine Community, die sich bis dahin meist nur aus dem Netz kannte. Twitter hielten damals viele für so etwas wie eine Sekte oder eine neue Droge. Und es schien wirklich ansteckend zu machen. Einige Power User liefen damals schon mit T-Shirts rum, die suggerierten, dass niemand mehr als 140 Zeichen bräuchte, um die neue Revolution zu starten. Auf der anderen Seite war das Medieninteresse ebenfalls enorm. Trafen sich auf dem Chaos Communication Congress des CCC's eher die Hardcore Nerds und die, die es werden wollten, kam hier etwas zusammen, was in den folgenden Monaten und Jahren die digitale Boheme getauft wurde. Viele Journalisten versuchten zum einen zu verstehen, was es mit Bloggen, Twittern und so weiter auf sich hatte. Dazu kamen dann die passenden Diskussionen über Citizen Journalism, nachvollziehbare Recherche und auch bereits neue finanzierungs Modelle. Diese Veranstaltung war allerdings in etwa noch so familiär, dass sich am Abend die halbe „Boheme“ und Berliner Journale zum großen Besäufnis bei Sascha Lobo in der WG einfand.
Das erwachen war nicht nur am nächsten Tag schwer, denn auch in den folgenden Jahren zeigte sich immer mehr, dass einige Zeitungen es von Anfang an kapiert hatten und mit dem Netz gearbeitet haben und nicht gegen die User, also ihre Kunden. Denn Zeitungen wie z.B. der Freitag bildeten ihre eigenen Communitys und schotteten sich nicht hinter Paywalls ab. Eine Wochenzeitung lässt Zeit für mehr Hintergrund und ist nicht so altbacken wie ein Magazin. Die Disskusion über die Finanzierung ist immer noch nicht zu einer perfekten Lösung gekommen. Aber in Zeiten mit sinkenden Auflagen, müssen schnell neue Konzepte her. Und ich nehme mich dabei nicht aus. Ich kann mich selber als Nachrichten Junkie bezeichnen, aber mir fällt es immer schwerer Tageszeitungen in der Print Ausgabe zu lesen, denn die Artikel sind entwieder bereits im Netz gelesen worden, oder sie sind nicht mehr Aktuell. Die schnelllebige Zeit lässt uns sehr verwöhnt reagieren und manchmal vergesse sogar ich, dass hinter diesen Zeilen auch Journalist_innen stehen, die damit ihre Brötchen verdienen will und muss. Und die Zeilen- und Bildhonorare haben auch wirklich schon bessere Zeiten gesehen. Und nun kommen Hunderte Journalisten dazu, die auf dem Arbeitslosenmarkt drängen. Hier bietet sich auch eine Chance, wenn Journalisten sich zusammenpacken und vielleicht ihre Energie und ihr Wissen in neue Projekte stecken. Online Journalismus kann und sollte auch mit guter Recherche arbeiten. Als Pressekollektive könnten Journalisten sich auch wieder versuchen freizumachen, um tiefgründigere Themenkomplexe zu recherchieren. Denn eines ist auch klar, die Copy dpa Ticker Paste Kategorien bei diversen Onlineangeboten der Tageszeitungen verscheuchen ebenfalls potentiele Leser_innen. Hier können gut recherchierte Portale schnell zu wachsenden Leser_innen zahlen führen.
Die Gesellschaft hat sich verändert. Morgens in den öffentlichen Verkehrsmitteln wird nicht mehr die Zeitung gelesen, es ist das Smartphone in der Hand, was die morgendliche Nachrichtenübersicht bringt. Das Zeitungssterben wird leider weitergehen, dabei können aber die Zeitungen und Verlage nicht nur etwas dafür, denn auch bei den Leser_innen muss ein Umdenken stattfinden. Journalistisches Handwerk hat es verdient auch dafür bezahlt zu werden, wenn eine Recherche wirklich noch stattfindet. Für das bloße Kopieren eines Nachrichtentickers werde ich auch nicht zahlen, dafür habe ich Twitter und da kann ich bei meinen persönlichen Korrespondent_innen rückfragen stellen und so die Nachrichten gegenchecken.

Andreas Potzlow, geboren 1986, freier Fotograf und Journalist aus Berlin. Schwerpunkte sind politische und soziale Themen des klassischen Fotojournalismus, sowie Reportage und Dokumentationen. In Berlin begleite ich vor allem Demonstrationen und tagesaktuelle Geschehnisse.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (8)

Georg von Grote 23.11.2012 | 20:30

Wenn ich ständig lese, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, Cafés und sonst noch was haben die Leute ihr Smartphone in der Hand um Zeitung zu lesen, dann fass ich mich nur noch an den Kopf.

Ich würde mir mal die Mühe machen und nachsehen, was da bei den einzelnen auf dem Display zu sehen ist.

Mit Zeitung hat das nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. :-)

Johannes Gralfs 23.11.2012 | 22:18

Davon ist hier doch gar nicht die Rede. So wie ich den Artikel verstanden und gelesen habe, ist es eine Selbstbeschreibung der Nutzung, der Möglichkeiten und Netzwerke sowie die Erfahrungen mit diesen... Das kann man weder dem Autor absprechen! und leugnen schon gar nicht, dass es auch noch wesentlich mehr Menschen gibt, die in der Bahn oder im Cafe via Smartphone, IPad oder whatever Zeitungen/Bloggs/Infos lesen.

#Herrlich nicht nur 140Zeichen zu haben :)

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Ehemaliger Nutzer 24.11.2012 | 12:46

Nun sind Medien (nice to have) nicht das, was auf den untersten Ebenen der Maslowschen Bedürfnispyramide existentiell wichtig ist. Aber genau dorthin kommen immer mehr Menschen, auch hierzulande wengleich medial gesoftet.

Klagen auf hohen Niveau also, wenn man noch dazu gehört, dazu gehören wollte, Qualität bezahlen kann und auch will.

"Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein."

sprach wohl mal der olle Marx; und das sei zum Interpretieren und gern auch über den gehypten, den sachbezwangten betriebswirtschaftlichen Tellerrand hinaus, frei gestellt.

Was ansonsten im gern qualitätshaltig gestreamten Top-Down die Aufgabe der Medien ist, das sei via Noam Chomsky, dessen "Propagandamodell" nachzulesen, zu verstehen.