Das Leben als Selbstversuch

Theaterbrief aus Bern Das Theater-Team „Affekkt“ holt den Schweizer Schriftsteller Walter Vogt mit einem Kammerspiel aus der Versenkung auf die Kellerbühne des „Schlachthaus Theater Bern“
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Zu den wichtigsten Schweizer Autoren der Generation nach Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt gehört neben Peter Bichsel, Walter Mathias Diggelmann, Paul Nizon, Alfred Muschg und Kurt Marti zweifelsohne auch Walter Vogt. 1927 in Zürich geboren, lebte er bis zu seinem Tode 1988 als Facharzt für Psychiatrie in Muri bei Bern. Er war ein brillanter Erzähler und in seiner kafkaesk-parabelhaften und mitunter grotesken-satirischen Prosa ein Erfinder ebenso amüsanter wie unheimlicher Figuren.

Seine Romane, Essays, Erzählungen, Gedichte, aber auch seine dramatischen Texte für Theater, Radio und Fernsehen speisten sich zunächst vorwiegend aus seinen Erfahrungen im medizinischen Milieu und wurden vom medizinischen Establishment als Nestbeschmutzung und Stiche ins Wespennest des eidgenössischen Krankenhausbetriebes wahrgenommen. Darin sind aber auch seine persönlichen Erfahrungen mit schwerer Depression und Drogenkonsum verarbeitet. (LSD nannte er „die einzigste heitere Erfindung des 20. Jahrhunderts“ und war mit dessen Entdecker Albert Hofmann befreundet.)

Als Satiriker und Melancholiker, Psychiater und selbst Patient, Familienvater mit homosexuellen Eskapaden, Drogenabhängiger und „verkappter Theologe“, Naturfreund und scharfsinniger kritischer Beobachter der Schweizer Gesellschaft, („ein wichtiger Nonkonformist“ - Berner Zeitung) vereinigte Walter Vogt in sich sehr widersprüchliche persönliche Charakterzüge, Leidenschaften und Lebenserfahrungen.

Diese Widersprüchlichkeit reizt nachgerade dazu, in eine dialogisch-dramatische Form gegossen und auf die Bühne gebracht zu werden. Diesem Reiz sind Saladin Dellers, Meret Matter und Philippe Nauer erlegen. Die drei bekannten Akteure der Freien Schweizer Theaterszene haben sich unter dem Team-Label „AFFEKKT“ zu diesem Projekt zusammengetan und dazu gemeinsam die Texte der 10-bändigen Werkausgabe Walter Vogts durchforstet. Herausgekommen ist ein bewußt subjektives, die jeweiligen persönlichen Lebenssituationen reflektierendes Dialog-Destillat aus dem umfangreichen Oeuvre Walter Vogts, ohne damit den Anspruch zu erheben, dessem Facetten-Reichtum erschöpfend gerecht zu werden. Unter dem Titel „Vogt – Ein Selbstversuch“ ist es als Zwei-Personen-Stück unter Regie von Meret Matter gegenwärtig im Keller des „Schlachthaus Theater Bern“ in der Szene-Meile der Berner Rathausgasse zu sehen.

Der Zuschauer wird schonungslos mit der literarischen Vivisektion einer gespaltenen Persönlichkeit konfrontiert, die ihre von Kindheit an auferlegten Rollen in der Gesellschaft und oktroyierten Identitäten permanent in Frage stellt, sei es beruflich als Psychiater, als Familienvater oder als Eidgenosse mit der damit erwarteten politischen Loyalität. Die dadurch ausgelösten endlosen Krisenschleifen tiefer Depressionen führen Vogt in Grauzonen von psychischer Gesundheit und Krankheit, oszillierender sexueller Identität und nicht zuletzt in eine Alkohol- und Drogensuchtspirale, die er selbsttäuschend mit wissenschaftlichem, literarischem und spirituellem Interesse bemäntelt - ein Leben als Selbstversuch. Dieses in einer messerscharfen, gleichsam ungeschützten Sprache dokumentierte Lebensexperiment wird im Bühnenraum theatral überzeugend rekapituliert, erleichtert durch eine gewisse dialogische Grundstruktur der Prosa Walter Vogts, einer der Väter der heutigen performativen Literatur (Matthias Burki). Die Dramaturgie (Guy Krneta) und die evidente Konzentration bei der Textauswahl auf solche mit fast schon aphoristisch-philosophischer Dichte und daher eindrücklicher Bühnenpräsenz verstärken diese Wirkung auf den Zuschauer nachhaltig.

Die beiden sich verbal duellierenden Männer, der eine jeweils das Alter Ego des andern, mit Verve dargestellt von Saladin Dellers und Philippe Nauer, verkörpern in mitunter performativer Zuspitzung die widerstreitenden Seelen in Vogts Brust in all ihren spannungsreichen Widersprüchlichkeiten, Ängsten und Selbstzweifeln und vor allem ihrer chronischen Schwermut. Aus jeweils kontrastierender, zuweilen wechselnder Perspektive vergegenwärtigen sie emphatisch und spürbar voller Identifikation mit dem Stoff die gespaltene Persönlichkeit Walter Vogts als Arzt und Patient, Jugendlicher und reifer Mann, Liebender und Geliebter, Sohn und Vater usw. Das alles erinnert an das Kammerspiel „Spiele der Macht“, hier in Bern vor fast 50 Jahren uraufgeführt, in welchem Walter Vogt auf groteske Weise in die grausamen Abgründe eines von Abhängigkeit, Routine und Perspektivarmut geprägten menschlichen Miteinanders blicken läßt, über dem seufzend das Banner gespannt ist: „Immer ist das Paradies am anderen Ufer.“

Das dem Kammerspielcharakter des Stückes angepaßte sparsame Bühnenbild (Stephan Weber, seit Sommer 2015 Bühnenbildner am Schauspielhaus Wien) zitiert mit wenigen Requisiten stichworthaft die prägenden Schlüsselattribute und Kernkonflikte im Leben Walter Vogts wie seine Passion als Hobby-Ornithologe und Naturkenner, Alkohol- und Drogensucht, Medikamentenabusus, homosexuelle Eskapaden, mittels distanzierender Life-Video-Installation mit gebotener Dezenz in Szene gesetzt, usw.

Für das „AFFEKKT“-Team war Walter Vogt nach eigenem Bekunden gleichermaßen „Leidender und Heilender, Menschenfreund und Zyniker, Nonkonformist und Vogelkenner, ein früher Grüner, den die Zerstörung tierischer und pflanzlicher Welt beelendet hat.“ Er habe „sich und seine Nächsten nie geschont.“ Die Auseinandersetzung mit seinem Werk führe auch den Leser von heute immer wieder dazu, die eigene Lebensweise selbstkritisch zu hinterfragen, der wohl entscheidende subjektive Antrieb für das Projekt.

Eine Schweizer Radio-Journalistin bescheinigte vor einiger Zeit der Verlegerin Doris Halter, Mitherausgeberin der Werkausgabe Walter Vogts bei Nagel & Kimche, Zürich, Vogt sei nicht mehr aktuell, weil es heute nichts Besonderes mehr sei, über die eigene Homosexualität und Drogenabhängigkeit zu schreiben. Die Akteure der Theaterproduktion „Vogt - ein Selbstversuch“ finden das nun ganz und gar nicht: Vielleicht auch, weil sie dem literarischen Werk des Zeitkritikers deutlich mehr zu entnehmen vermochten als nur dies. Zu Recht.

(weitere Aufführungen in Bern am 15., 19., 20. und 22. März, sodann Oktober in Muri, Winterthur, Leipzig und Chur)

14:59 13.03.2020
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