Die hellen Seiten des deutschen Rap

Rap Die Echo-Affäre verwies auf die dunklen Seiten des Rap. Aber es gibt auch andere Stimmen. Zu Ihnen gehört der francophone Rapper „Le First“ alias Johann-Christof Laubisch
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Die hellen Seiten des deutschen Rap
Johann-Christof Laubisch alias „Le First“

Foto: Johann-Christof Laubisch

Der Rap als eine der fünf Säulen der HipHop-Kultur hat im Allgemeinen keine gute Presse im hiesigen Feuilleton der Official-Mind-Medien (OMM), sofern man sich dort überhaupt gelegentlich zu dessen Wahrnehmung herabläßt. Der „Freitag“ scheint zu den wenigen Kulturjournalen zu gehören, die sich zu Recht nicht mit der „dunklen Seite des deutschen Rap“ begnügen wie die ARD jüngst in einer Dokumentation zur Echo-Affäre um Farid Bang und Kollegah. Vor allem die gelegentlichen Beiträge von Falk Schacht, dem "Papst unter den deutschen HipHop-Journalisten", Jörg Augsburg oder Jan Rebuschat schaffen es, auch solchen interessierten Lesern dieses Kulturphänomen nahezubringen, die der Generation schon längst entwachsen sind, die es hervorgebracht hat und an die es sich vorrangig richtet. Immerhin handelt es sich um „Deutschlands größte Jugendbewegung“, eine Szene, die „eine kreative Explosion nach der anderen“ erfahre und „dabei politisch breiter aufgestellt (sei) als der Bundestag“. (Leon Dische Becker im „Freitag“ v. 12. 04. 2018).

Natürlich bekommt auch im „Freitag“ die „Spießer-With-Attitude“ etwa von Bushido oder Shindy mit ihrem „langweiligsten HipHop der Welt“ ihr Fett ab, einer „ausgesprochen hohlbirnigen Ansammlung von bemerkenswert schlechten Reimen, unterlegt mit einem Billigsoundtrack“. Dies zielt auf einen durchkommerzialisierten Pop-Rap für „den Lebenshorizont eines Zwölfjährigen“, also so was wie „Rap-Populismus“ für Teenager, auf die „Sonnenschein-Rapper“ mit ihrer „Wohlfühl-Indie-Pop-Melange“ und ihrem „konservativen und kleinbürgerlichen Text-Weltbild“ voller „äußerst dröger Gewalt- und Porno-Teenagerfantasien“, aufgeladenen mit maßloser Homophobie und Sexismus (Jörg Augsburg im „Freitag“ vom 17. 07. 2013).

Es ist diese „Major“-Szene des Rap mit ihren „dunklen Seiten“, die dessen vorherrschendes kulturelle Image im öffentlichen Bewußtsein insgesamt prägt. Die jüngsten Aufgeregtheiten um die „Echo“-Verleihung an Farid Bang und Kollegah wegen deren geschmacklosen, als antisemitisch perzipierten Textzeilen, ob wirklich ernst gemeint und angemessen oder nicht, dürften dieses Klischee nur noch verstärken, die manchen Beobachtern zufolge mit snobistischer Herablassung verblüffenderweise auch unter den Linken verbreitet ist, dabei die sozialen Wurzeln des HipHop als ursprünglich ghettokultureller Ausdruck der rassistisch Ausgegrenzten und sozial Abgehängten übersehend.

Unterhalb dieser Oberfläche der massenmarkt-konformistischen „Major“-Pop-Rap-Szene, sozusagen im „Underground“, navigiert hingegen auch hierzulande eine bemerkenswerte Vielzahl von Rappern (auch einige Rapperinnen), denen man mit dem Klischee eines vorwiegend a-politischen Money-, Gangster-, Gewalt-, Porno- oder Fitness-Kultes nicht gerecht wird.

Dazu gehört auch der aus Berlin stammende francophone Rapper „Le First“, gemessen an seiner Fanbase ein sicher etwas breitspurig-ambitiöses Pseudonym. Der Rap ist dabei für den gegenwärtig im Ensemble des Theaters in Freiberg/Sa. tätigen Schauspieler Johann-Christof Laubisch eher das Spielbein. Als ein authentisches „Produit de Berlin“ (so auch der Titel seines ersten Albums) gehört das Switchen zwischen den Kulturen zu seinen Leitmotiven und künstlerischen Antrieben. Der Titel eines seiner Tracks “Shalom, Salam, Salut” ist dafür emblematisch, in dem es auch um das Zusammenleben von Juden und Moslems, Antisemitismus, rassische Vorurteile, den Respekt vor anderen kulturellen Prägungen usw. geht. (Das war 2013 sein gefeierter Beitrag zur Youtoube-Rapper-Reihe „Spuck auf Rechts“ von Gigoflow und seiner Crew „Gittaspitta“.) Sein Album „Foreigners“ (zusammen mit Knighstalker) war ein echtes mehrsprachiges Europa-Multikulti-Projekt mit Rapperfreunden aus neun Ländern. „Le First“ ist mithin in jenem Segment dieser Szene zu lokalisieren, von der Falk Schacht meint, „60 Jahre Integrationspolitik konnten nicht das vollbringen, was 15 Jahre HipHop vollbracht haben.“ („Freitag“ v. 23.07. 2014).

Zu seinen Neigungen nach solcherart von Grenzüberschreitungen gehört auch das Switchen zwischen deutsch- und französischsprachigen Lines, sein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen HipHop-Szene, womit er der Erste war, eben „Le First“. Kein Wunder, daß er sich den französischen Rap der Vorstädte und Migranten mit dessen poetischen und politisch pointierten Botschaften zum Vorbild nimmt.

Seine jüngste CD „Dekaden“ mutet fast schon wie eine Zwischenbilanz seiner bisherigen künstlerischen Ambitionen an, sei es als Schauspieler oder Rapper, für einen gerade mal 31-jährigen vielleicht noch zu früh. Die Texte von „Le First“ auf diesem Album wirken überaus subjektiv und authentisch ohne die genreübliche narzistische Aufschneiderei mit gestanzten Versatzstücken und angestrengter wortakrobatischer Effekthascherei. Sie muten bisweilen wie sensible Zeugnisse kritischer Selbstreflexion und Protokollierung des persönlichen Reifeprozesses an und sind auf ihre Art originäre poetische Textkreationen strictu sensu ganz im Sinne des ursprünglichen Akronyms des Rap als „Rhythm and poetry“.

Ein thematisches Leitmotiv der Texte ist die Dankbarkeit für erwiesene Unterstützung und Ermutigung, wie in dem Track „BruderVaterMutter“. Im Decrescendo gleitet die Titelfolge von hektisch-harten Beats wie „Rapport“ hinüber zu sanfteren und nachdenklicheren des „Vielleicht“:

„Vielleicht ist Solidarität alles, was uns noch bleibt/

ob Moslem, Jude, Christ, Buddhist, schwarz, gelb oder weiß/

Mann, es ist an der Zeit, den Weltverbesserer nicht nur zu spielen/“

In der Szene wird „Le First“ alias Johann-Christof Laubisch dann auch zu Recht als Rapper wahrgenommen, der „seine grimmige Facette lieber cremig verschleift und sich in seinen Raps eher Gedanken über Toleranz und Charakterbildung macht, weniger über Knarren, Drogen, Frauen oder was sonst noch zum herkömmlichen Deutschrap-Video gehört“. (Tim Hofmann in der „Freien Presse“, Chemnitz)

Seine Neigung zum künstlerischen Cross-Over hat nun zu einer neuen originellen Kreation geführt, dem Tanzprojekt „Rencontre“ mit der italienischen an der Palucca-Schule ausgebildeten Tänzerin Martina Morasso: Eine Begegnung zweier Künstler unterschiedlicher Herkunft, geprägt durch nachgerade gegensätzliche künstlerische Ausdrucksformen und Denkweisen wie Rap und Modern Dance. Wie soll das zusammengehen? In ihrem faszinierenden Experiment demonstrieren beide ihre Kunst, sich wechselseitig in ihrem Rhythmus produktiv zu inspirieren und aufeinander bezogen zu improvisieren. Es fand u. a. im "Europäischen Zentrum der Künste Hellerau" in Dresden und kürzlich auf dem HUT-Festival in Chemnitz ein begeistertes Publikum.

Der Rap als nicht zu ignorierender Teil der Jugendkultur hat konsequenterweise auch hie und da Eingang in die Jugendbildung gefunden. Der Bremer Rapper Immo Wischhusen (FlowinImmO) etwa veranstaltet immer wieder Workshops in Schulen, Jugendgefängnissen, Pfadfinderlagern usw. („Freitag“, 1.5. 2016). Auch Johann-Christof Laubisch ist inzwischen in dieser Hinsicht sehr aktiv. Zu seinen Rap-Workshops im Freiberger Kinder- und Jugendtreff der evangelischen Jugend „Tee-Ei“ kamen einheimische und Jugendliche aus dem Flüchtlingswohnheim zusammen - und das in einer AfD-Hochburg! Als Programmangebote des Mittelsächsischen Theaters Freiberg sind seine Rap-Projekte an den umliegenden Schulen sehr beliebt, wie etwa an der Heiner-Müller-Oberschule in Eppendorf. Schüler der 5. und 7. Klasse lernen dort unter seiner Anleitung, eigene Rap-Texte zu verfassen und mit selbsterzeugten Beats zu präsentieren. Die Themen bestimmen die Kids selbst und drehen sich natürlich um deren ureigenste Probleme wie Schule, Freundschaften, erste Liebe usw. Nicht nur die Schüler haben viel Freude daran, auch Laubisch selbst genießt das Echo auf diese etwas andere Art von Deutsch-Unterricht. Wie Immo Wischhusen will auch er auf diese Weise den jungen Leuten dabei „helfen, ihren Mund aufzukriegen“.

Den Mund mit dem Rap aufzukriegen, kann mitunter allerdings auch gefährlich werden, wie in jüngster Zeit die spanischen Rapper Valtonyc, Hasél, Los Chikos del Maíz, Ayax y Prok und so manch andere erfahren mußten. Seit dem Machtantritt des korrupten post-franquistischen Rajoy-Regimes 2011 kam es zu einem drastischen Anstieg von Anklagen und Strafen gegen politisch aufmüpfige Rapper, immerhin ein Zeichen für die mögliche Wirksamkeit dieses Genres auch in der politischen Kommunikation.

Sollten sich unter den Schülern von „Le First“ künftige Rapper befinden, so ist natürlich nicht ausgemacht, was dabei herauskommt, wenn sie dann auf diese Weise „den Mund aufmachen“ und welcher künstlerischen oder politischen Färbung dieses Genres sie dann zuneigen werden. Möge es „Le First“ gelingen, ihnen nicht nur handwerkliche Skills des Rappens nahezubringen, sondern auch etwas von seiner Massage - „Vielleicht“. Gerade in Mittelsachsen, sozusagen in der Höhle des AfD-Löwen, könnte das nicht schaden.

12:44 01.06.2018
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