Die unsichtbare Hand des Meinungsmarktes

Verschwörungen Ein Spitzenaußenpolitiker der SPD erregt sich über das Umsichgreifen von Verschwörungstheorien. Andere Sorgen hat er jetzt offenbar nicht.
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Unter dem Titel „Elvis lebt“ präsentiert Rolf Mützenich, MdB und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD für die Bereiche Außenpolitik, Verteidigung und Menschenrechte, in der Dezember-Ausgabe des von der Friedrich-Ebert-Stiftung editierten Online-Journals „Internationale Politik und Gesellschaft“ einen umfangreichen Essay zum Thema „Verschwörungstheorien“. „Krude Verschwörungstheorien“ heißt es darin, „gab es zwar schon immer, doch jetzt werden es immer mehr. Mittlerweile mischen sogar ganze Staaten dabei mit.“ Ungeachtet der Frage, ob ein führender Außenpolitiker der Regierungspartei SPD angesichts einer Weltlage, wo uns alles sehr schnell um die Ohren fliegen kann, keine anderen Sorgen hat, als sich mit „Verschwörungstheorien“ zu beschäftigen, dem Lieblingsthema des virtuellen Stammtisches, regt die Lektüre des Textes zu einer Replik an:

Die Rede ist von einem offensichtlich pathologischen Phänomen, nämlich einer augenscheinlich größer werdenden Gruppe von Menschen, die in gewisser Skepsis vereint sind, diesen oder jenen regierungsoffiziellen Verlautbarungen des abendländischen Lagers hinreichenden Glauben zu schenken. Im dominanten Diskurs-Design ist der Topos „Verschwörungstheoretiker“ eine Fremdzuschreibung in denunziatorischer Absicht, ein diskreditierendes Etikett, das die damit Beklebten aus dem Kreis jener exkommuniziert, denen das Recht und die Ehre gebührt, mit ihren Argumenten gehört oder gar ernstgenommen zu werden und zum gesellschaftlichen Dialog zugelassen zu sein. Kein Mensch würde sich selbst dieses Schild umhängen. Dieser ausgrenzende Effekt beruht auf dem psychologischen Trick, „die“ Verschwörungstheoretiker mit Menschen minderer geistiger oder mentaler Gesundheit in einen Korb zu legen: Wer „uns“ nicht glaubt, hat nicht alle Tassen im Schrank. „Wir“ sind schließlich die „gesunde Mitte“, also weder rechts noch links.

Binäre rhetorische Waffe

Diese Zuschreibung führt zu einer wundersamen semantischen Aufladung: Erst als Kompositum gewinnt der Begriff „Verschwörungstheorie“ seine Funktion als Diskurskeule, gleichsam als binäre rhetorische Waffe. Den ihm zugrunde liegenden beiden Morphemen „Verschwörung“ und „Theorie“ haftet, jeweils für sich betrachtet, nichts von dem geheimnisvollen finsteren Nebensinn an. Woher nun plötzlich diese Aufladung? Jedem halbwegs Sprachkundigen dürfte doch klar sein, daß jedes Verbrechen, zu dem sich mindestens zwei Individuen verabreden, per definition eine Verschwörung darstellt, und jede vorerst gerichtlich unbewiesene Theorie dazu folglich eine „Verschwörungstheorie“ ist. Jeder OK-Ermittler hat zunächst nicht viel mehr zur Verfügung als solche „Verschwörungstheorien“. Der Hauptanklagepunkt im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß gegen die Führung des Deutschen Reiches lautete auf „Verschwörung gegen den Frieden“. Bis zum Urteilsspruch der Richter enthielt diese Anklageschrift folglich nichts anderes als eine „Verschwörungstheorie“. Niemand wäre auf die Idee gekommen, deren Verfasser als „Verschwörungstheoretiker“ im heute aufgeschwemmten Sinne zu bezeichnen, die in die geschlossene Psychiatrie gehörten. Eine „Verschwörungstheorie“ strictu sensu ist also nichts anderes als ein analytisches Werkzeug im Erkenntnisprozeß, eine erkenntnisleitende Arbeitshypothese bei dem Versuch, die Akteure oder Hintermänner eines Verbrechens herauszufinden oder der Wahrheit zumindest ein Stückchen näherzukommen. Sie unterscheidet sich mithin durch nichts von jeder anderen „Theorie“ oder Hypothese. Auch ihr liegt der Zweifel an der allgemein oder vorgeblich „gültigen“ Wahrheit zugrunde, ohne den es keinen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt gäbe.

Nun wäre daraus zu schließen, der Diagnose „Verschwörungstheorie“ müsse als sinnbelastetes Kompositum zumindest die Kernbedeutung beider Morpheme zugrunde liegen, also z. B. in Bezug auf ersteres stets ein Verbrechen als Ausgangspunkt haben. Aber dem ist nun durchaus nicht so: Wie aus der Pistole geschossen werden beim Signalwort „Verschwörungstheorie“ mit pawlowschem Reflex zunächst die „Illuminaten“ genannt, eine von hunderten antipapistischen und aufklärerischen Geheimklubs im 18. Jahrhundert (in Goethes „Turmgesellschaft“ in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ literarisch verewigt). Als umstürzlerischer „Verschwörer“-Club galt dieser Lesezirkel nur in den Augen des Papstes und der deutschen Duodezfürsten, demnach die Urahnen aller „Verschwörungstheoretiker“ avant la lettre. Das Treiben der „Illuminaten“ (der „Erleuchteten“ oder der „Aufgeklärten“) war kein größeres „Verbrechen“ als die Aufklärungsschriften Rousseaus, Montesquieus, Voltaires oder Kants. Was das nun wieder mit der Behauptung zu tun, Elvis würde noch unter den Lebenden weilen, ist nun völlig schleierhaft. Welches „Verschwörungsverbrechen“ sollte einem solchen Hirngespinst zugrunde liegen, daß ihm die Ehre gebührt, mit den Vorwürfen des Papstes gegen die „Illuminaten“ in einen Topf geworfen zu werden?

Noch beliebter ist diese Keule gegen Vermutungen, die „Appollo“-Mondlandung 1969 könne so nicht stattgefunden haben, sondern müsse im Studio wie ein Film gedreht worden sein. Dies wäre allenfalls ein dreister mediale Bluff, aber kein Verbrechen gewesen, alle diesbezüglichen Mutmaßungen darüber folglich keine „Verschwörungstheorien“ strictu sensu. Die Mutter aller jüngeren „Verschwörungstheorie“-Vorwürfe ist bekanntlich die Hypothese, bei den Luftangriffen auf New York und Washington am 11. September 2001 könnte es sich um einen Fals-Flag-Insider-Staatsstreich gehandelt haben. Hier nun haben wir es in er Tat mit einer „Verschwörungstheorie“ zu tun, nämlich mit einem monströsen Verbrechen einerseits und einer hypothetischen, weil bislang unbewiesenen Theorie über vermutete Hintermänner innerhalb des militärischen Establishments der USA andererseits. Diese, für Washington zugegeben wenig komfortable Hypothese nun in einem Atemzug mit den oben erwähnten „Verschwörungstheorien“ zu nennen, hat den Vorteil, nicht näher auf die darin vorgebrachten Indizienketten und den Plausibilitätszweifeln an der regierungsoffiziellen Rekonsruktion des Tathergangs und der Identifizierung der Täter und Hintermänner eingehen zu müssen, denn wer solchen Zweifeln anhängt, ist per definition nicht zurechnungsfähig. Nun ist zwar auch die regierungsoffizielle Darstellung über die Urheber und Hintermänner im „9/11 Commission Report“, weil bislang ebenfalls nicht gerichtsfest, im Grunde auch nichts anderes als eine „Verschwörungstheorie“ unter anderen, ohne jedoch mit dem pathologischen Schandmal bedacht zu sein. Da kann der seinerzeitige französische Außenminister de Villepin ja nochmal von Glück reden, nicht als „Verschwörungstheoretiker“ an den Pranger gestellt worden zu sein, als er sich namens seines Landes im Februar 2003 in einer weltweit Aufsehen erregenden Rede vor dem UN-Sicherheitsrat weigerte, den von Colin Powell aufgetischten kriegsbegründenden Anschuldigungen gegen Sadam Hussein Glauben zu schenken, d. h. sie implizit für einen Schwindel hielt, als was sie sich ja später auch herausstellen sollten. Wer wiederum die „Theorie vom dritten Mann“ in der NSU-Affäre weiterverfolgt, handelt sich schon mal, wie in der „Süddeutschen Zeitung“ geschehen, den Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ ein, was insofern bizarr ist, weil natürlich alle Mutmaßungen über die NSU-Morde bis zum Gerichtsurteil ohnehin „Verschwörungstheorien“ sind. Was denn sonst?

Ins Töpfchen oder ins Kröpfchen

Auffallend ist, daß der vorauseilend-parteiergreifende und abwehrende Gebrauch des Terminus' „Verschwörungstheorie“ ausschließlich zur Abwehr gegen Vermutungen westlicher Urheberschaft in Anschlag gebracht wird. Dies unterstellt implizit, im westlich-christlich-abendländisch-amerikanisch-freiheitlich-demokratischen usw. Kulturkreis seien „Verschwörungen“ a priori undenkbar, obskure Verschwörer könnten nur unter seinen Feinden sitzen, wo Kritiker an deren vermuteten geheimen Machenschaften dann auch nie die Diskurskeule „Verschwörungstheorie“ fürchten müssen. So wurde nach dem Papstattentat 1981 auf dem Petersplatz niemals die (bis heute unbewiesene) “Bulgarische Spur“ als „Verschwörungstheorie“ gescholten, was sie semantisch korrekt in der Tat ja doch ist. Gleiches gilt für die Bombenattentate in Moskau, deren prompte Identifizierungen als „Falls Flag“-Operationen des FSB nie dem Risiko ausgesetzt waren, sich den Vorwurf einer „Verschwörungstheorie“ einzuhandeln. Nach dem 2. WK beruhte die Bündnisarchitektur der gesamte Weltpolitik auf der nach den „Protokollen der Weisen des Zion“ wohl gigantischsten aller Verschwörungstheorien, nämlich der Hypothese, der Kreml hätte nichts anders zu tun, als bei erster sich bietender Gelegenheit über den Westen herzufallen und die Weltherrschaft zu erobern. (Mutadis mutandis erlebt sie in den heutigen Expansions-Vorwürfen an die Adresse Moskaus eine bizarre Auferstehung.) In diese Schußrichtung kann man also das Blaue vom Himmel mutmaßen, ohne die Männer mit den weißen Kitteln befürchten zu müssen. So sieht etwa der frühere NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hinter der Anti-Fracking-Kampagne die lenkende Hand des Kremls. Auch hinter der Abhöraffäre in Warschau kann nur Putin stecken: „Ich weiß nicht, in welchem Alphabet das Szenario (der Affäre) geschrieben wurde, aber ich weiß, wer der Nutznießer von Chaos im polnischen Staat sein kann“, so der damalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk. Auffälligerweise genießen diese beiden „Verschwörungstheoretiker“ eine wundersame publizistische Immunität, die sie davor bewahrt, mit jenen Leuten in einen Topf geworfen zu werden, die, wie gesagt, die Mondlandung für einen dreisten medialen Fake halten, Elvis noch unter den Lebenden wähnen, die Illuminaten als Hintermänner der Französischen Revolution vermuten, die Luftangriffe auf New York und Washington am 11. September 2001 für einen Insider-Staatsstreich halten usw., kurz, mit Leuten, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Bleibt die spannende Frage, nach welchen Sortierkriterien die Verschwörungstheoretiker entweder ins Töpfchen oder ins Kröpfchen gehören.

CIA-Direktive 1035-960

Bemerkenswert ist schließlich die Genesis des Begriffes „Verschwörungstheorie“. In den Wörterbüchern und Lexika taucht er in seiner hier beschriebenen heutigen propagandistisch aufgeladenen Verwendung erst in den 60er Jahren auf. (Im Larousse und „Petit Robert“ fehlt er gar noch in den 70er Auflagen.) Erst seit den Zweifeln an der Einzeltätertheorie im Warren-Bericht über die Hintergründe des Kennedy-Mordes wird er als Diskurs-Keule gegen all jene geschwungen, die den regierungsoffiziellen Verlautbarungen des Weißen Hauses oder seines PR-Netzes keinen hinreichenden Glauben schenken und sich weigern, das Weiße Haus - dem Papst gleich - a priori als unfehlbare Wahrheitsinstanz zu respektieren. Nach Lance deHaven-Smith „the term ,conspiracy theory‘ entered the American lexicon of political speech to deflect criticism of the Warren Commission and traces it back to a CIA propaganda campaign to discredit doubters of the commission’s report.“ („Conspiracy Theory in America“. N.Y. 2013) Auch der amerikanische Professor für Medienwissenschaften James F. Tracy von der Atlanic Universität in Florida kommt zu diesem Schluß: "Der Begriff der »Verschwörungstheorie« löst bei den meisten in der Öffentlichkeit stehenden Menschen und insbesondere bei Journalisten und Akademikern Angstgefühle und Beunruhigung aus. Seit den 1960er Jahren wurde diese Etikettierung zu einem Disziplinierungsmittel, das sich als überwältigend effektiv erwies, wenn es darum ging, zu verhindern, daß bestimmte Ereignisse untersucht oder kritisch hinterfragt wurden. Vor allem in den USA gilt es als schweres Gedankenverbrechen Orwellscher Prägung, die offizielle Darstellung zu bestimmten Ereignissen oder Einstellungen, die darauf abzielt, die öffentliche Meinung (und damit die öffentliche Ordnung) zu beeinflussen, berechtigterweise infrage zu stellen. Und von einem solchen Verbrechen muss das öffentliche Bewusstsein mit allen Mitteln abgehalten werden." In den publizistischen Orbit geschossen wurde dieses verbale „Disziplinierungsmittel“ mit der CIA-Direktive 1035-960, die auf Antrag der „New York Times“ nach dem Freedom of Information Act (FOIA) deklassifiziert werden mußte. Darin wird die Befürchtung geäußert, „das Ansehen der amerikanischen Regierung“ könnte grundlegenden Schaden nehmen, wenn die Einzeltäter-Theorie des Warren-Berichtes öffentlich angezweifelt würde.

Aus alledem ließe sich schlußfolgern, die rhetorische Wunderwaffe „Verschwörungstheorie“ in dem auch von Rolf Mützenich geschätzten Wortsinne sei als probates PR-Sturmgeschütz von der unsichtbaren Hand des Meinungsmarktes erfunden und gegen allzu renitente und zweiflerische Zeitgenossen in Stellung gebracht worden. Aber das ist sicher wieder nur so eine Verschwörungstheorie, und zwar eine besonders „krude“.

Pathologische Community

Abgesehen von einer allgemeinen Funktionskritik der Begriffs-Figur „Verschwörungstheorie“ im politischen Diskurs verdient der Artikel von Rolf Mützenich auch im Detail eine nähere Betrachtung und Kommentierung. So heißt es darin über „die“ Verschwörungstheoretiker:

Zitat: „Sie fantasieren von der Herrschaft des „jüdischen Finanzkapitals“, Außerirdischen in Roswell, den Protokollen der Weisen von Zion und natürlich von Freimaurern und Illuminaten.“ Dieser Satz in seiner Vermengung mehrerer Phänomene, die absolut nichts miteinander zu tun haben, und in dem die einzelnen Elemente sehr willkürlich aufeinander bezogen werden, hat als Ganzes eine unbestreitbare assoziative Strahlkraft. Wie bei Amazon („Wer dieses Buch gekauft hat, interessiert sich auch für...“) wird hier eine geschlossene Community im Geiste unterstellt, die überdies noch mit „Phantasien“ ein gemeinsamer pathologischer Befund eint. Der Verfasser dieser Zeilen räumt ein, keinem der in diesem Satz aufgezählten Mythen anzuhängen, und auch Fieberphantasien wurden bei ihm bisher noch nicht diagnostiziert. Dennoch findet er diesen Satz hanebüchen. Vor allem die Wortkombination „jüdisches Finanzkapital“ hat es in sich, läßt sie doch alle Debatten über die Frage im Skat, ob es neben dem „jüdischen“ Finanzkapital möglicherweise auch ein „nichtjüdisches“ geben könnte, etwa ein „christliches“ oder gar „atheistisches“ usw. und was man sich überhaupt unter einem religiös gefärbten Kapital vorzustellen habe. Im moralischen Windschatten des Kampfes gegen Antisemitismus wird hier suggestiv jede Kritik an der Herrschaft des Kapitals, also auch die in den Schriften von Karl Marx, Rosa Luxemburg oder Karl Kautsky, in die Tonne antisemitischer und überdies verschwörungstheoretischer Spinnereien getreten. Von einem Sozialdemokraten wäre dies nicht so ohne weiteres zu erwarten gewesen. Was nun die übrigen Komponenten in diesem Satz anbetrifft, so bleibt es dem „Fantasieren“ des Lesers überlassen, welchen zwingenden Zusammenhang es geben sollte, an Außerirdische zu glauben (was übrigens konsequenterweise jeden Gottesglauben einschlösse!), die „Protokolle der Weisen von Zion“ für bare Münze zu nehmen (und nicht für ein geheimdienstfabriziertes antisemitisches Machwerk) und die Freimaurer und die Illuminaten für verschwörerische, glaubensfeindliche dunkle Kräfte zu halten (was, nebenbei vermerkt, der Vatikan bis heute tut). Was, in aller Welt, hat das eine mit dem anderen zu tun? Kurzschlüssig gedacht: Wer „Das Kapital“ plausibel findet, glaubt auch an Außerirdische und braucht einen Psychiater.

Leichtgläubigkeit

Zitat: „Die Anhänger von Verschwörungstheorien kommen von rechts oder links – und werden immer mehr. Für (meist antiwestliche) Verschwörungstheorien und Demokratieverachtung sind zahlreiche Menschen durchaus empfänglich“. Sie kommen von rechts oder links - nur nicht von der Mitte, wie die NAZIS, ist man verführt zu schlußfolgern. In der Tat gilt das Schandmal „Verschwörungstheorie“ ausschließlich Einwendungen gegen als verlogen verdächtigte Verlautbarungen abendländischer, westlicher, pro-atlantischer, marktwirtschaftlicher usw. Provenienz, nie jedoch Mutmaßungen, die etwa politischen Kräften anderer politischer Lager oder Himmelsrichtungen geheime Machenschaften unterstellen. Die im Kalten Krieg Zusammenhalt stiftende Theorie einer globalen „bolschewistischen Weltverschwörung“ etwa, gleichsam die Zwillingsschwester der „Jüdischen Weltverschwörung“, war wundersamerweise niemals Gegenstand derartigen Hohns. Wieso nun die diversen „Verschwörungstheorien“ mit „Demokratieverachtung“ einhergehen, mag im Falle des Vatikans in seiner historischen Feindseligkeit gegen die Illuminaten, die antiklerikalen Freimaurer und überhaupt die gesamte Aufklärung ja noch einleuchten. Auch daß Antisemitismus und Demokratieideale nicht kompatibel sind, bedarf keiner weiteren Erörterung. Aber hier ist unverkennbar jede Kritik an westlichem Regierungshandeln gemeint, dabei verkennend, daß umgekehrt solcher Art Skepsis, Ungläubigkeit oder gar Empörung gerade ein konsequenter Ausdruck von Sorge um das demokratische Gemeinwesen sein kann (s. „Empört Euch!“ Stéphane Hessel).

Zitat: „Die den Verschwörungstheoretikern eigene Selbsteinschätzung als kritische Skeptiker. Dabei zählen sie zu den leichtgläubigsten Menschen, die es gibt.“ Das hieße im Umkehrschluß, jeder kritische und zur Skepsis neigende Mitmensch sei a priori ein leichtgläubiger Verschwörungstheoretiker. Allerdings sind Leichtgläubigkeit und Skepsis zwei Verhaltens- und Rezeptionsweisen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können: Die erstere steht nachgerade in diametralem Gegensatz zur letzteren. Und wieso gilt die Leichtgläubigkeit nur für Kritiker und Skeptiker und nicht umgekehrt auch für Apologeten und notorische Ja-Sager? Ist die Leichtgläubigkeit nicht gerade eine Erkennungsmerkmal etwa für die 12 Millionen Bild-Leser, um nur von denen zu reden? Wieso sind die Millionen „heute“-Zuschauer, wenn sie den Ausführungen von Claus Kleber aufs Wort folgen, nicht weniger „leichtgläubig“ als diejenigen, die bereits nach drei Minuten kopfschüttelnd weiter- oder gar abschalten? Ist nicht religiöser Glaube per se die traditionsmächtigste Erscheinungsform von Leichtgläubigkeit? Wer besitzt und von wem verliehen die Autorität, ein Ranking der Leichtgläubigkeit aufzustellen? Genauer betrachtet, beruht unser gesamtes wirtschaftliches und gesellschaftliches Zusammenleben auf „gutem Glauben“, ohne den die Wahlbeteiligung noch geringer und der Mißmut über die intransparente Mechanik politischer Entscheidungsprozesse noch viel größer wäre. Mit der Werbeindustrie lebt eine ganze milliardenschwere Branche von nichts anderem als von der Gut- und Leichtgläubigkeit der Konsumenten.

Zitat: „Sie glauben alles, so lange es ihrer Meinung entspricht.“ Mit Verlaub, Euer Ehren, dieser Satz ist nicht anderes als reine Tautologie: Ich glaube das, weil es meiner Meinung entspricht. Das ist auch meine Meinung, also glaube ich das. Wie jede Tautologie enthält dieser Satz keine erkenntnisfördernde Erklärung und klammert das Entscheidende aus, nämlich die Frage, wie und unter Einfluß welcher Faktoren sich eine „Meinung“ erst einmal herausgebildet hat. Überdies wird mit diesem Satz der hier inkriminierten Spezies, so sie denn als kohärente Gattung überhaupt existierte, a priori die Fähigkeit abgesprochen, die Meinung zu ändern. Aber der politische Diskurs in einem demokratischen Gemeinwesen beruht letztlich auf nichts anderem als auf der Hoffnung der Protagonisten, die Anhänger konkurrierender Lager zum Meinungswandel und zum Übertritt ins eigene bewegen zu können. Obige Tautologie besagt im Subtext nichts anderes als „Bei denen ist Hopfen und Malz verloren, und die sind für die Demokratie ungeeignet.“ Falls die Schätzung über die Zahl der 9/11-Skeptiker in den USA von einem Drittel der Bevölkerung zutreffen sollte, wäre das dortzulande, immerhin dem Flaggschiff der Demokratie, eine Menge Holz...

Zitat: „Nichts befeuert und verbreitet Verschwörungstheorien dabei schneller als das Internet. Denn dort ist jeder „Experte“, egal wie fundiert oder sinnfrei die Argumente auch sein mögen. Ein Blick in die Kommentare einer beliebigen Zeitungsseite – ja, sogar in die des IPG-Journals – bestätigt das auf‘s Eindrücklichste.“ Von dieser Publikumsbeschimpfung einmal großzügig abgesehen, wäre dazu anzumerken, daß nun auch regierungsfromme und notorisch apologetische Informationen und Meinungen den Vorteil rascher Verbreitung genießen. Die hier an den Foren-Beiträgen geübte Kritik und der Vorwurf der „Experten-Anmaßung“ richtet sich indes ausschließlich an „verschwörungsheoretische“ Kritiker und Skeptiker. Sobald jedoch die Laien-Expertise das Verlautbarte bestätigt, ist natürlich gegen eine solche Anmaßung nichts einzuwenden. (In den Foren wimmelt es z. B. nur so von Flugzeug- und Raketen-Experten, die jede Urheberschaft und Verantwortung des Poroschenko-Regimes für den Abschuß des Passagierflugzeuges im Juli kategorisch widerlegen.)

Confirmation bias

Zitat: „Menschen sind darauf programmiert, Informationen aufzunehmen, die ihre Meinung unterstützen. Die Psychologie nennt das den ,Bestätigungsfehler‘. Zuerst kommt die Meinung, dann die Beweise.“ Nun, auch hier stellt sich die Frage, warum das nur bei „Menschen“ gilt, die sich nicht jeden Bären aufbinden lassen und nicht etwa auch für solche aus dem Lager der Apologeten. Der beliebteste Einwand etwa der 9/11-Truther gegen den „9/11 Commission Report“ besteht bekanntlich eben genau darin, dort sei aus der Informationsmasse eine interessengeleitete Selektion nach dem Muster des confirmation bias vorgenommen worden, um allen Zweifeln an der von Bush in Windeseile verkündeten Urheberschafts-Theorie zu begegnen.

Die Beispielliste im Artikel für staatlich lancierte „Verschwörungstheorien“ ist wiederum recht selektiv und sehr sparsam hinsichtlich der deutschen Kriegspropaganda. Im Grunde gehören die genannten Beispiele dann auch eher in die klassischen Fächer „Kriegslist“, "Inszenierung eines casus belli", "Ablenkung des Kriegsgegners", "Bluff" usw., also alles Praktiken, die so alt sind wie die Menschheitsgeschichte. Auch die Pearl-Haber-Story würde in diese Rubrik gehören, so sie denn zuträfe: Sie wäre keine „Verschwörung“ im hier verhandelten Sinne gewesen, sondern eher ein cleveres Manöver Roosevelts, die Japaner in einen Hinterhalt zu locken, um sie zum ersten Schuß in dem unvermeidlichen Konflikt zu provozieren und damit seine kriegsfaule eigene Nation zu mobilisieren. Niemand, der Deutschland und Japan in diesem Krieg zum Teufel wünschte, würde an dieser Kriegslist etwas auszusetzen haben, ganz im Gegensatz etwa zur den Vietnam-Krieg auslösenden Tonking-Affäre 1964 oder der Brutkasten-Nummer in Kuweit, um den Kongreß den US-Einmarsch in den Irak 1991 schmackhaft zu machen. Was das nun alles mit „Verschwörungstheorien“ in besagtem Sinne zu tun hat, bleibt schleierhaft, ebenso die Behauptung, unter demokratischen Regierungen gebe es derartiges grundsätzlich nicht. (Man sieht nicht nur Churchill förmlich im Grabe grinsen.)

Die Tour d‘horizon zum Thema „Verschwörungstheorien“ mündet schließlich in die gegenwärtigen Propaganda-Kriege um die Konflikte in der Ukraine und in Nahost, um natürlich auch hier den suggestiven Topos „Verschwörungstheorie“ grosso modo allen Vorwürfen der antiatlantischen Protagonisten an die Adresse des Westens anzuheften, vergleichbare Vorwürfe in umgekehrte Richtung an die Adresse der Gegenseite hingegen empört zurückzuweisen: Wir betreiben doch keine antirussische Kabale! Wir doch nicht! Haben wir in der Geschichte noch nie getan!

Rolf Mützenich hat Recht, gegen Unwissenheit und Leichtgläubigkeit in Krisen- und Kriegszeiten hilft nur Aufklärung. Sein Artikel in der „ipg“ wäre dazu eine gute Gelegenheit gewesen. Die Erwartung blieb unerfüllt. Dazu vielleicht zwei nützliche Lektüretipps: Fritz Fischer „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18“ (1961) und Zbigniew Brzezinski, „DIE EINZIGE WELTMACHT. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (1998). Beide Bücher behandeln die jeweiligen geostrategischen Programme Deutschlands im 1. Weltkrieg und der USA nach dem Ende des Kreml-Imperiums. Doch Vorsicht, man könnte bei der Lektüre auf die Idee kommen, hier handele es sich um nichts anderes als um Verschwörungstheorien und beide Autoren hätten nicht alle Tassen im Schrank...

"Elvis lebt", eine Kolumne von Rolf Mützenich (IPG-Journal Dez. 2014);

Lance deHaven-Smith „Conspiracy Theory in America“. N.Y. 2013;

Fritz Fischer „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18“ (1961);

Zbigniew Brzezinski, „DIE EINZIGE WELTMACHT. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (1998)

Stéphane Hessel, „Empört Euch!“ 2012

21:38 19.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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