Vom Buchverlag zum Softwareanbieter?

Buchbranche Was geschähe, wenn man die Einschätzung des Europäischen Gerichtshofes ernst nähme, eBooks seien nichts als Software?
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Vom Buchverlag zum Softwareanbieter?
Foto: John Pratt/Keystone Features/Getty Images

Rechtlich sind Buchverlage in Europa, die einen Wechsel von papiernen zu digitalen Produkten wagten, nicht mehr in der Buch- tätig, sondern in der Softwarebranche. Diese einfache Ausgrenzung, die auf das Naheliegenste setzt, auf die physische Verpackung, das Wichtigste außer Acht lässt, die Inhalte, traditionell Texte und Bilder, ließe freilich zu, die Buchbranche ganz abzuschaffen und sie nur noch als konzeptionelle Papierverwerter einzuordnen, vielleicht ähnlich den Tapetengestaltern oder Altpapiersammlern. Auch dort wird das Papier übrigens gebunden, bei Tapeten in Rollen, ein durchaus traditionelles Verfahren, bezöge man Schriftrollen ein, und wer schon einmal auf einem Sammelhof für Altpapier war, erinnert sich vielleicht an die groben Stricke, mit denen nach einigen Pressvorgängen Ballen geknüpft wurden.
Die Frage nach Inhalten, den Eindruck hinterlassen die europäischen Juristen, ist unerheblich geworden. Dennoch ist weiterhin von einem sogenannten ‚Kulturgut Buch’ die Rede, zumindest in Deutschland. Was bliebe an Kultur jedoch übrig, wenn lediglich die Verpackung, gleichsam das Geschenkpapier, als Buch relevant sein könnte, auch wenn es vom Handel beigesteuert wird? Vielleicht reichte es für Juristen bereits aus, einen Bogen zu erhalten, statt eines aufwendig erstellten Buches? Versuchsweise ließe sich auch ein Brikett oder Holzscheit verpacken, falls es Ihnen an Gewicht fehlte.

Die sprachliche Ungeschicklichkeit, mit der europäische Juristen zu Werke gingen, möchte ich diesen nicht als maßlose Dummheit im Amt anlasten, obwohl dies leicht möglich wäre. Vielleicht galt es durch die primitive Ausgrenzung etwas zu schützen, etwas Erhaltenswertes, das über jene Dämlichkeit hinausreicht. Und eventuell waren es nicht sie, die sich lediglich nach einem Herrschaftsinstrument, wenn auch nach einem einfach durchschaubaren sehnten, sondern die alte Buchindustrie, zu der nicht nur Verlagskonzerne, sondern auch Druckereien, Buchbindereien und Händlerketten gehören. Dort geht es ums Geld, um richtig viel Geld! Und um Arbeitsplätze. Zudem wäre der Untergang des Abendlandes gewiss, eines Abendlandes, für das symbolisch die Druckerschwärze …, die gesamte Aufklärung hatte davon profitiert. Man benötigt in einer Lobbyarbeit das richtige Stichwort, die Milz muss sich krümmen, dann wird alles nicht nur möglich, sondern plausibel, auch eine maßlose Dummheit im Amt.
Besonders von deutschen Verlagen wurden eBooks als wirtschaftliche Gefahr angesehen. Es hat relativ lange gedauert, bis die Preise auf ein angemesseneres Niveau sanken. Es herrschte die Angst vor, eBooks, die preiswerter als Druckwaren sind, könnten dem Absatz herkömmlicher Bücher schaden. Sogar der Börsenverein des deutschen Buchhandels setzte sich nachdrücklich für faire Preise ein und berichtete über die schleppende Entwicklung.

Doch innerhalb der Softwarebranche beschäftigen sich Unternehmen mit einem Programmieren und Vermarkten von Betriebssystemen, Computer- oder Anwendungprogrammen. Sie fungieren als Softwarehersteller, -anbieter bzw. Softwareprovider. Bei der Herstellung von eBooks, die auf dem Einsatz von ePub beruhen, werden jedoch nur längst bekannte Internettechniken genutzt, zentral HTML und CSS, die keine Programmier-, nur Auszeichnungssprachen sind. Ein Programmieren von eBooks wäre unter diesen Bedingungen gar nicht möglich, es sei denn bildhaft, gleichsam prosaisch und erstaunlich ahnungslos.
Und als einzige Anwendung, die potentiellen Konsumenten zuzumuten wäre, käme ein Lesen in Frage, doch nicht der Auszeichnungssprache, die ist ohnehin öffentlich bekannt und studierbar, also nicht etwas, das sich verkaufen ließe, sondern des vor allem in Absätzen Ausgezeichneten, der Texte.
Die Softwareindustrie produziert auch Texte, Hilfetexte, damit mögliche Anwender den Umgang mit dem Programmierresultat leichter verstehen. Eine Übertragung auf eBooks ließe sich nicht einmal zu Ratgebern vornehmen, es sei denn, man bezöge sich speziell auf solche, die in ein Lesen einführen. Vielleicht wäre so etwas ein angemessenes Weihnachtsgeschenk für Juristen und die in der Buchbranche verbliebenen Leute? „Wie lerne ich lesen? Ein Ratgeber für fortgeschrittene Analphabeten!“

Der Beitrag erschien zunächst bei den Ruhrbaronen.

17:06 11.12.2015
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