Ansichten eines Spions

BND Über die Transparenzoffensive des deutschen Nachrichtendienstes und die Fotografien der menschenleeren Zentrale in Pullach
Ausgabe 33/2014
Ansichten eines Spions

Bild: Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Wenn man bei Google „BND-Pullach“ eingibt, dann zeigt einem die elektronische Karte den Standort des Nachrichtendienstes in der Gemeinde im Süden von München. Das hätte es früher nicht gegeben. Genau 10,3 Kilometer Entfernung sind es von dort bis zur Maximilianstraße 53, wo in der Kulturstiftung der Münchner Versicherungskammer aktuell die Innereien des Dienstes ausgestellt werden. Noch bis Herbst ist dort die Dokumentation Die BND-Zentrale in Pullach des Fotografen Martin Schlüter zu sehen, der des Nachts Zugang zu deren Werkstätten, Büros und IT-Anlagen bekam. Stichwort Transparenzoffensive. Hätte es früher auch nicht gegeben. Früher, das war bevor die Politiker den Dienst geleitet haben, als die Militärs noch das Sagen hatten. Meint jedenfalls Werner M., ein ehemaliger Mitarbeiter des BND, der sich die Ausstellung ansieht und hier selbstverständlich nicht mit Klarnamen erscheinen will.

Betritt man die Ausstellung, so wird man zuerst mit einer riesigen Fotografie des Herzstücks der Pullacher Anlage konfrontiert: dem Stabsgebäude. Die bauliche Urzelle des Nachrichtendienstes bildet eine ehemalige Nazi-Siedlung samt Führerbunker – ein bauhistorisch einmaliges Ensemble, das aber seit Kriegsende bis heute für die Öffentlichkeit unzugänglich war und ist. Schlüters Fotos zeigen allesamt keine Personen. Das war die Vorgabe.

„Ein Stillleben aus einer anderen Welt“, erkannte darin das TV-Kulturmagazin TTT und verlegte sich aufs Spekulieren: „Der Schreibtisch eines Spezialisten für chemische Analysen, der, wie es scheint, sein Pausenbrötchen vergessen und Reißaus vor dem Fotografen genommen hat.“ Bei Werner M., dem Ex-Spion, weckt das Foto andere Assoziationen: „Die Chemiker, die haben ihren Schnaps immer selbst hergestellt. Die waren vielleicht besoffen!“ Ein weiteres großformatiges Foto zeigt den Dienstplan für die Wachhunde. „Dienstfreie Hunde vom Vortag zuerst in den Freilauf“, steht auf der Holztafel. Darunter Namenskästchen in verschiedenen Rubriken wie „Samstag“, „Sonntag“ und „Krank“. „Der Kinkel“, erinnert sich Werner M. da, „der hatte ja selbst einen Hund. Und weil der Hundezwinger nachts so kalt war, hat er dort eine Fußbodenheizung einbauen lassen.“ Klaus Kinkel (FDP) war von 1979 bis 1982 Präsident des BND. Den Hunden wird ihr Dienst am Vaterland übrigens nicht gedankt. Nach sechs Dienstjahren werden sie eingeschläfert. Weil sie so scharf auf den Mann dressiert sind, dass sie mit keinem anderen können. Sagt Werner M.

So geht es durch die Ausstellung mit den Fotografien, die alle vom BND sorgfältig geprüft wurden. Sie zeigen Büros, die so auch im Wasserwirtschaftsamt oder in der TU München zu sehen wären. Der Fotograf meinte dazu: „Das BND-Hauptquartier entsprach so gar nicht meinen Erwartungen und ließ mich nach dem ersten Besuch ratlos zurück.“ Ratlos waren auch die BND-Mitarbeiter, als 1989 die Mauer fiel und der Feind abhanden kam. „Wir sind in ein tiefes Loch gefallen“, sagt Werner M. „Da gab es Leute, die haben seit 20 Jahren an der Zonengrenze die Briefe aus der DDR geöffnet, mit Wasserdampf. Die wussten gar nicht mehr, was sie tun sollten. Die haben dann in ihrer Dienstzeit Wollsocken für die ganze Verwandtschaft gestrickt.“

Ein paar Jahre später – 1996 – leistet sich der BND dann erstmals eine Pressestelle. Bis dahin lautete die Vorgabe eher: Uns gibt es ja gar nicht. Man firmierte unter Decknamen in Fantasiebehörden wie der „Bundesstelle für Fernmeldestatistik“. Oder als „Ionensphäreninstitut“. „War ’ne schöne Zeit“, findet Werner M.

Die BND-Zentrale in Pullach. Fotodokumentation von Martin Schlüter Versicherungskammer Kulturstiftung München, bis 5. Oktober 2014

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