Als Erzieherinnen noch nach Weinbrand rochen

Die Dingsbums Gewisse Produkte versetzen unsere Autorin immer in ihre Kindheit zurück – in die Zeiten von Mariacron, Bac und Odol
Als Erzieherinnen noch nach Weinbrand rochen
Good Odol Times
Foto: United Archives/Imago

Wenn ich eine Flasche Odol-Mundwasser sehe, so eine weiß glänzende, erotische, mit schwanengleich gebogenem Hals, läuft in mir sofort ein kleiner Film ab, der die Produkte aus dem Badezimmer meiner Kindheit zeigt: das Sir-Irisch-Moos-Aftershave meines Vaters, eine Flasche Ei-Shampoo, die Lux-Creme­­seife am Badewannenrand und eine Flasche Hattrick auf der Waschmaschine, deren grauer Abwasserschlauch in die Wanne hineinragte. Ein „Mein-Bac-dein-Bac“-Deodorant gehörte wohl auch zu diesem Sortiment zeittypischer Massenprodukte, das heute geradezu bescheiden wirken mag, aber damals so verbreitet war, dass alle Erwachsenen und Kinder in den 1970ern danach rochen. Manche Kinder rochen aus dem Mund auch nach Brekkies, denn sie knabberten sie ihren Katzen weg. Die Erwachsenen rochen nach Mariacron-Weinbrand und Johnnie-Walker-Whisky. „Der Abend geht, Johnnie Walker kommt“ lautete der Werbespruch, aber bei vielen Menschen kam Johnnie Walker schon während der Arbeitszeit.

Als ich ein Kindergartenkind war, schickten mich die Erzieherinnen regelmäßig mit Einkaufszettel und Geld­beutel ausgestattet zum Kiosk, um ihnen Mariacron und Zigaretten von HB oder Lord Extra zu kaufen. Das glaubt heute niemand mehr, aber ich schwöre, es war so. Die Erzieherinnen saßen den ganzen Tag mit Strickheften, Angora-Wollknäueln und Little Helpers in den Ecken der Gruppenräume, keiften uns an, damit wir bei gutem Wetter still bastelten und bei Regen draußen spielten. Die Flasche Weinbrand, die ich oder der kleine Dirk einkaufen mussten, war ausgetrunken, bevor die Eltern uns abholten oder die Schlüsselkinder allein nach Hause gingen.

Am Basteltisch oder im Schularbeitsraum flüsterten wir Kinder uns unter­einander Horrorgeschichten über diese Frauen zu. Dass sich ihre Männer aufgehängt hätten, dass sie unfruchtbar seien, dass sie auf dem Nachhauseweg schlimm überfallen worden seien. Zwischendurch schnüffelten wir am Klebstoff; welch ein himmlischer Geruch das war! Wahrscheinlich wurden unsere Horrorgeschichten von XY … ungelöst, Derrick und den Lösungsmitteldämpfen aus der Uhu-Tube angeheizt. Die Eltern damals dachten, die Sesamstraße bilde nicht die Realität ab und dass man den Kindern auch das wahre Leben über Anhalterinnen, die nach der Disco verstümmelt werden, zeigen muss. Dass wir älteren Kindergartenkinder, die schon in der Grundschule waren, zum Alkohol-Einkaufen geschickt wurden, hörte erst auf, als der kleine Dirk am Zebrastreifen vor dem Kindergarten überfahren wurde. Er überlebte, aber die Kindergärtnerinnen mussten danach ihren Alkohol selbst einholen. Ich weiß
noch, dass Frank Elstner seine Tochter eine kurze Zeit in unseren Kinder­garten gesteckt hatte. Vielleicht hatte er damals einen Job beim NDR in Hamburg, ich weiß es nicht. Anders als wir wurde sie nie zum Mariacron-Kaufen geschickt, sondern immer wie eine Prinzessin behandelt.

Der kleine Dirk und ich hatten eine Methode, uns zu rächen. Wir gruben ein tiefes Loch in die Sandkiste, legten ein Plastiksieb darauf und verdeckten die Falle oberflächlich mit Sand. Die Falle war unsichtbar, aber tödlich. Sobald eine Kindergärtnerin in den Sandkasten stapfte, um jemanden zu schimpfen oder an den Haaren von der Schaukel wegzuziehen, stakste sie früher oder später mit einem Fuß rein und tat sich scheußlich weh. Das war das Schönste! Ein Hoch auf Odol-Mundwasser. Sein Erfinder starb an Zungenkrebs.

Sarah Khan schreibt als Die Dingsbums für den Freitag regelmäßig über die besonderen Dinge und Gegenstände des Alltags

06:00 26.07.2017
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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