Die Ölgier endlich ausbremsen !

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Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bewegt nach wie vor die Gemüter. Vor allem deshalb, weil sich anders als bei vergleichbaren Vorfällen (z.B. Kalifornien, 1970) politisch nichts tut. Damals hatte Nixon mehrere radikale Gesetze zum Umweltschutz unterzeichnet. Heute schafft es Obama nicht einmal, die Tiefenbohrungen nachhaltig zu verbieten – geschweige denn Senat und Kongress auf eine neue Umwelt- und Energiepolitik einzuschwören. Von den großen Sprüchen vor und unmittelbar nach der Wahl ist nichts geblieben. Die Öl- und Kohle-Lobby ist mächtiger denn je, ja sie darf frohlocken, dass der britische Konkurrent – was durchaus absehbar scheint – in die Knie geht. Dann nämlich könnte dessen Fell schnell verteilt werden.

Die Amerikaner, die 1970 ihre Rabattmarken für Tankstellen verbrannten und der Politik kräftig einheizten („DIEZEIT“, 22. Juli 2010) – man sucht sie heute vergebens. Weder gibt es kraftvolle Protestaktionen, noch Abwahlforderungen. Selbst die arbeitslosen Fischer, selbst die Strand- und Urlaubverkäufer scheinen mit Blick auf mögliche Abfindungen beruhigt. Das ist mehr als bedenklich. Spielt nur noch das Geld eine Rolle, nicht aber mehr die Natur als wichtigster Begleiter des Menschen. Vermutlich sähe es etwas anders aus, wenn all das Öl, das jetzt im Verborgenen wabert, mit einem Mal an die Oberfläche träte. Fürwahr: Das Optische scheint heutzutage wichtiger denn je. Nur was mit den Augen fassbar ist, kann Wirkung entfalten. Niemand scheint ernsthaft die Frage zu stellen, ob die in Etagen treibenden Ölwolken in die gewaltige, alle Weltmeere umfassende Zirkulation gelangen, ob nicht wir in Europa den schwarzen Schlick auch bald vor Ort haben.

Stattdessen denken die Multis über neue Ölbohrungen in der Tiefsee nach, so auch der Hasardeur BP – der jetzt zusätzlich im Golf von Sidra/Libyen, wo das Meer noch tiefer ist als im Golf von Mexiko, auf Grund gehen möchte. Ähnlich sieht es in Brasilien aus. Dort hat der Ölkonzern Petrobras zwei große Ölfelder ausgemacht – beide in sehr tiefem Wasser (bis - 5000 Meter!!!). Ihre Kapazität wird auf insgesamt 38-41 Milliarden Barrel Erdöl geschätzt („SPIEGELONLINE“, 15. April 2004). Auch dort wird man zügig zur Sache kommen wollen. Fragt sich, ob die Weltgemeinschaft, die mittlerweile in ihrer Gesamtheit berührt ist, das durchgehen lässt. Schließlich werden künftige Verhaltensmuster Teststrecken für neue Ziele des Raubbaus – etwa am Nordpol.

Warum, frage ich, giert der Mensch nach immer neuen, immer unzugänglicheren fossilen Quellen, wo doch alternative Energien 600 mal mehr Potential beinhalten als die Menschheit braucht. Es geht, da bin ich sicher, ausschließlich um die Renditen, und die müssen MAXIMAL bleiben, was beim Wechsel zum ökologischen, nachhaltigen Wirtschaften nicht gegeben ist, und verdammt noch mal, nicht gegeben sein muss !

Meines Erachtens müssen wir gegen Bohrungenin der Tiefsee ebenso protestieren wie gegen die Nutzung der Kernenergie. Auch hier geht es um eine Art „Brückentechnologie“, die nicht funktioniert, bei der Sicherheitsmaßnahmen zugunsten höherer Profite außer Acht gelassen und Millionen Menschen größten Gefährdungen – von tödlichen Krankheiten bis hin zur Existenzvernichtung – ausgesetzt werden.

Dr.-Ing. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

14:24 26.07.2010
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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