ICH BIN NICHT CHARLIEs Meinung

Eine Provokation Solidarität ist wichtig, wenn sie einer guten Sache dient und deshalb Sinn macht. In Frankreich ist sie im emotionalen Rausch auch missbraucht worden
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Ich weiß, dass ich jetzt harsche Kritik ernte, und doch behaupte ich: die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist mehr als oberflächlich angelegt, viele sind nur mäßig, zumeist einseitig gebildet, zu 70% politisch uninteressiert, und deshalb vor allem auf dieser Strecke „unterbelichtet“, oder sagen wir es einfach: Die meisten glauben, die immer komplizierter werdende Welt weder verstehen noch beeinflussen zu können. Und sitzen in dieser Hilflosigkeit den Schlagzeilen der Massenmedien auf – wöchentlich, täglich, oft stündlich. Nur so sind Pegida - und jetzt topaktuell - die gleichgeschaltete Betroffenheits-Geste zu den Morden in Frankreich zu begreifen. Dass hier von der Politik kräftig nachgefeuert wird, um Dinge durchzusetzen, die nach normalem Demokratieverständnis nie und nimmer die Parlamente passiert hätten, liegt auf der Hand. Heute kamen in Paris anderthalb Millionen zusammen – um ein Zeichen zu setzen – wohlwissend (oder auch „nicht schnallend“), dass muslimische Selbstmordattentäter durch nichts zu bremsen sind – auch nicht durch große Demonstrationen. Aber offenbar will man es nicht versäumt haben, die Massenmeinung bekundet zu haben und die heißt – wir lassen uns die Presse- und Meinungsfreiheit um kein Jota kürzen. Natürlich ist die Angelegenheit viel komplexer als das spontane „Bleistifterhebungen“ weismachen. Alles, auch die furchtbaren Ereignisse in Frankreich haben mit den Anfängen zu tun. Um die aber kümmert sich kaum jemand, auch darum nicht, wie Muslime wirklich ticken. Die Amerikaner sind Weltmeister auf dieser Strecke – Irak und Afghanistan waren und sind Brandstätten dieser Ignoranz. Wer sich zu Muslimen, zu ihnen und ihrem Weltbild äußern möchte, sollte zumindest drei oder drei gleichwertige Quellen studiert haben: Peter Scholl-Latour – der Fluch der bösen Tat; Jürgen Todenhöfer – Warum tötest Du, Zaid; DER SPIEGEL-5/2014: Hundert Jahre Krieg. Spätestens dann nämlich wird er eines begreifen: Der Hass auf den Westen, speziell auf die USA, Frankreich und Großbritannien hat mannigfaltige Gründe, die in der Historie des arabischen Raums, sprich: in der raffgierigen, ausbeuterischen und damit auch dummen Politik der westlichen Allianz begründet sind. Das reicht bis in die Vorgeschichte des 1. Weltkrieges zurück und zieht sich als Blutfaden bis in die Gegenwart. Dass eine Entsprechung der westlichen Aufklärung, folglich die Trennung von Kirche und Staat, dass Menschenrechte „westlicher Bauart“ im muslimisch geprägten Raum völlig oder nahezu gänzlich ausblieben, hat die Sache weiter kompliziert. Was wir inzwischen vor uns sehen, sind grundverschiedene Auffassungen zu ethischen, vor allem aber religiösen Fragen und natürlich das im Arabischen verwurzelte Gefühl, unterjocht, entwurzelt und gedemütigt geworden zu sein. Nicht erst mit den willkürlichen, jeder ethnischen Gegebenheit widersprechenden Grenzziehungen und Staatenbildungen (Syrien, Libanon, Irak, Jordanien …), sondern durch alles, was an Folgen daraus erwuchs. Wie etwa die unzähligen Kriege, die in den Irak- und Afghanistan-Schlächtereien ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Es dürfte fast ausschließlich dieses latent vorhandene Gefühl der Unterlegenheit, des Verdrängtseins und der Würdeverletzung sein, dass viele Muslime anfällig macht für die Hasstiraden und brutalen Massaker der islamistischen Eiferer. Die nämlich hätten mit ihren militanten Koran-Zitaten, dem überholten Rechtsbegriffen der Scharia und den darauf fußenden Attentaten und Menschenrechtsverletzungen nie landen können, wenn es eine Politik der gegenseitigen Achtung, des Ausgleichs, der Entschädigungen für begangenes Unrecht, gepaart mit fairen Wirtschaftsbeziehungen zwischen „Morgen- und Abendland“ gäbe. Natürlich will der Westen weder für die Schandtaten seiner Kolonialpolitik büßen, noch einem System zu Kreuze kriechen, dass die Religion über alles und fundamentale Menschenrechte in Frage stellt. Wenn die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher jetzt fordert, dass die Muslime die Kampfaufrufe des Propheten für ungültig erklären sollten, wenn sie die Trennung von Religion und Staat, ja: letztlich das Gegenstück zur europäischen Aufklärung anmahnt, scheint das aus Sicht des Westens logisch - bedeutet dann aber auch nicht mehr als die Zuspitzung des Konfliktes. Denn wie sollten Schlauredner von außen so tiefgreifende Reformen auch nur anstoßen können. Es dürfte extrem schwer fallen, die notwendigen Veränderungen im Bereich des Islam zu beschleunigen, was auch damit zu tun hat, dass es nicht einen, sondern hunderte Ansprechpartner in dieser Frage gibt. Muslime haben bekanntlich kein „einheitliches, einziges“ Oberhaupt. Auch diese Tatsache und der erschütternde Befund, dass es in muslimisch geprägten Ländern quasi keine Atheisten geben darf, erschweren den Versuch, auf Augenhöhe übereinzukommen. Die Entwirrung dieser „Gesamt-Gemengelage“ aber scheint Voraussetzung dafür zu sein, friedliche Muslime (Anhänger des Islam) von Extremisten (IslaMISTEN) ein für alle Mal zu trennen. Auch wenn das so ist, will es uns nicht in den Kopf, dass großflächige Demos von Muslimen gegen ihre „gewalttätigen Artgenossen“ so gut wie ausbleiben. Vor allem jetzt, da in Europa – bedingt durch das schreckliche Attentat in Frankreich – die Fremdenfeindlichkeit steten Zulauf erfährt. Solange der Prophet Mohammed ohne Relativierung, sprich: zeitunabhängig und korangetreu vor allem als begnadeter Krieger abgebildet/nachgeahmt werden, solange die Versuche, einen gemäßigten Koran zu kreieren, fehllaufen und der Geist der Bergpredigt (liebe deine Feinde) von Imamen aller Couleur verlacht wird, sind Konfliktlösungen nicht in Sicht. Und die Bemühungen um Schutz für unschuldig gebrandmarkte Muslime ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir brauchten eine paritätisch zusammengesetzte Welt-Ethik-Kommission, die sämtliche Probleme verhandelt und verbindliche Beschlüsse zu Papier bringt. Davon aber sind wir weit entfernt. Weil die Vorteilsnahme des reichen Westens wie auch die der Islamisten derzeit nur eines forcieren: den Krieg. Extremisten auf beiden Seiten profitieren von der Spannung und können nur, wenn diese weiter anhält, ihre Machtpositionen halten bzw. ausweiten. Die Friedfertigen – man sieht das insbesondere im Nahost-Konflikt – haben da wenig Chancen. Solche Verzerrungen implizieren einen Balanceakt. Sie nehmen die Bürger in Geiselhaft (wenn ihr nicht kämpft, geht ihr unter!) und kochen sie gar. Sollte das Ganze allerdings in einen Kampf der Kulturen ausarten, ist die ganze Welt gefährdet. Diese Situation droht inzwischen. Weil selbst schlimmste Konflikte nicht zur Einsicht, sondern zum bloßen Draufschlagen führen. Die ungelösten Konflikte im Irak und in Syrien mit der daraus resultierenden Geburt des islamischen Staates, die latente Intifada in Palästina und die brutalen Morde in Frankreich haben neue, extreme Verhaltensweisen auf beiden Seiten hervorgebracht. Auf der einen Seite wird der Westen – nicht nur wegen seiner Verbrechen im Irak und in Afghanistan - sondern sehr pauschal auch wegen all seiner kulturellen Besonderheiten (Presse- und Meinungsfreiheit, Frauenrechte, Trennung von Kirche und Staat etc.) verteufelt. Zum anderen regiert genau dieser Westen ebenso undifferenziert und zieht polemisch über die Andersgläubigen her. Gewiss. Gegen diese Komponente von Le Pen und Pegida kommt Widerstand auf. Der verhindert zumindest das Schlimmste. Mehr aber nicht, und so sind die Folgen einer erneuten Problem-Verkleisterung bereits sichtbar. Im Westen gibt es beträchtlichen Zuwachs für die Rechtspopulisten, aber auch für die Gemäßigteren, die jetzt sehr massiv Vorratsdatenspeicherung und Überwachungsstaat einfordern. Die Verteidigung von Freiheit (Presse- und Meinungsfreiheit) bedingt ganz offensichtlich die Einschränkung von Freiheit an anderer Stelle (Be- und Überwachung). Dabei ist davon auszugehen, dass der Druck auf die Muslime weiter zunimmt, was die Bedingungen für Reformen weiter verschlechtern dürfte. Natürlich: Die wachsenden Pressionen, letztlich auch der Tod der französischen „Märtyrer“, wird neue Attentate generieren – auch hier in Deutschland. Die Unfähigkeit, Ziele und Bedingungen des individuellen Terrors vorausbestimmen und damit den Terror selbst verhindern zu können, beschleunigt die Hysterie. Soll man alle Salafisten, soll man sämtliche Hassprediger, ja alle potentiell gefährlichen Rückkehrer aus den Nahost-Kampfgebieten – nebst der ihnen zugetanen Angehörigen – augenblicklich des Landes verweisen? Soll man aus dem „Schläfergebiet“ Deutschland eine Abschiebe-Region mit Sonderstatus machen - bei der familiäre Bindungen keine Rolle mehr spielen? Riskiert man dabei nicht doppelt, dass der große Gegenschlag kommt – am Berliner Hauptbahnhof oder in einem der provisorischen Lager für Kernbrennstoffe?

Es wird höchste Zeit, zu entscheiden, wie Europa hier weiter verfahren will. Steht es spontan zur uneingeschränkten Presse- und Meinungsfreiheit, selbst wenn dies Attentate am laufenden Band generiert? Oder ruft es die, die mit einer Karikatur ganze Länder in Aufruhr und Rechtspopulisten nach vorn bringen, zu geringfügiger Korrektur? Ist es denn notwendig, frage ich, die Blasphemie so weit zu treiben, dass nicht nur Extremisten, sondern auch einfache Gläubige zur Weißglut getrieben werden. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, der Jordanier Seid Ra’ad al Hussein, hat betont, dass einfach jeder Muslime auf dieser Welt durch besagte Karikaturen beleidigt würde. Das hat selbstverständlich damit zu tun, dass Religion im Leben der Muslime eine sehr viel größere Rolle spielt als bei uns, ja geradezu wie ein Anker an Herz und Seele hängt – ob wir das nun wollen oder nicht.

Wie auch immer: Erklärungen/Wertungen dieser Art sind derzeit wenig gefragt – und wie in diesem Fall nur ein einziger Satz im Wahnsinns-Blätterschaum. Umso mehr frage ich: Wo bleiben gegenseitige Achtung und Toleranz? Wo die Rücksichtnahme auf Gefühle und Befindlichkeiten derer, die doch überall und so auch gleich in unserer Nachbarschaft wohnen. Genauso bestimmt, wie ich die freundliche Nachbarschaft zu friedliebenden Menschen einfordere, verurteile ich Denken und Handeln der Extremisten – auf beiden Seiten. Und versuche zumindest ansatzweise die oben gestellten Fragen zu beantworten: Hassprediger, potentielle Attentäter haben in Europa nichts zu suchen. Sie ausfindig und dingfest zu machen, sie in ihre Herkunftsländer oder dahin abzuschieben, wo ihre Seele lauert, ist unbedingt angesagt. Das allerdings sehe ich als erpresste Maßnahme aus der Not heraus, als Schnellschuss, um die Bevölkerung vor weiterer Gewalt zu schützen. Parallel dazu muss der oben beschworene Prozess des Ausgleichs angeschoben und umgesetzt werden, damit die Quellen des Hasses versiegen. Mit aller Kraft müssen wir uns gegen diejenigen wenden, die den Fremdenhass, den Hass gegen jedermann schüren, der ausländische Wurzeln hat. Gleichzeitig aber auch die scheinheilige Werbung der deutschen Wirtschaft und Politik – „taugliche“, ausländische Fachkräfte betreffend, entlarven. Denn hier wird der Zuzug von Migranten nur in dem Maße toleriert, wie es den egoistischen Zielen deutscher Konzerne guttut. Dabei ist der Brain drain – jenes Abschöpfen von „intelligenter Substanz“ - das, was die Lage nicht etwa entspannt, sondern ständig verschärft. Denn ausländische Fachkräfte, hier auch muslimische, befördern die Rückständigkeit im Herkunftsraum, wodurch der Abbau des wirtschaftlichen Gefälles und damit auch der von Hass und Neid zusätzlich erschwert wird. Deshalb besteht die einzig richtige Lösung darin, die Herkunftsländer wirtschaftlich zu unterstützen, um einen Anreiz für das Verbleiben der Ausreisewilligen und deren Wirken im eigenen Land zu schaffen.

Und noch eines sollten wir bedenken, wenn wir so enthusiastisch für das von «Charlie Hebdo». vertretene Fünkchen Meinungsfreiheit eintreten: Seine Aufkündigung würde nichts bedeuten, schon gar nicht den vielfach befürchteten Türöffner für weitere Selbstbeschränkungen, denn die könnten wir ebenso leicht verhindern wie zulassen. Mir persönlich scheinen diese 100% an Meinungs- und Pressefreiheit auch oktroyiert. Einfach in die Köpfe unserer Bürger gepflanzt, weil sich auf dieser Basis auch Geschäfte gut rechnen. Wer die Religionen angreift oder Tabus bricht, ist in unseren Gesellschaften ein Aufsässiger und als solcher interessant für den Medienwald. Das schafft zwar hier und da Aufklärung, genauso aber auch Umsatz. Und fußt nicht gerade auch die Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“ auf diesem Irrwitz grenzenlosen Veröffentlichungswillens? Niemand – außer den Neonazis - braucht dieses Buch. Doch jeder, der die Neuvermarktung für sich erobert, hat Profitchancen. Hier eine Beförderung des geschichtlichen Diskurses zu unterstellen (wie das sogar namhafte Historiker tun), zeugt entweder von Blindheit, heimlicher Zuneigung oder von bloßem Geschäftssinn. Denn der Verweis auf das Kleingedruckte, auf „einge-nordete“ Einführungs- und Klappentexte, ist mehr als irrelevant. Die nämlich dürften in Frage kommende Käufer schnell beiseite blättern, entweder, weil sie nichts verstehen oder eben nicht verstehen wollen. Wie bekloppt muss man dann sein, dem Gros potentieller Hitler-Leser Geschichtsversessenheit und wissenschaftliches Herangehen zu bescheinigen, und wie infam ist es schließlich, uns solche Drecksbegründung anzubieten. Blasphemische, pornographische, gewaltverherrlichende und rassistische Machwerke sind bezeichnenderweise nur dort verboten, wo sie massiv gegen Juden Front machen. Da, und ich weiß nicht wo noch, gibt es den Index. Was sofort die Frage aufwirft: Warum nur dort? Jenseits der „eingehegten“ Verbote bleibt der Vorsatz, Aufmerksamkeit und Umsatz vor allem dort einzufahren, wo Ethik und guter Wille massakriert werden, ungebrochen. Uns ist dieser schizophren Gedanke wenig gewärtig. Die Ereignisse in Frankreich zeigen uns jetzt, dass es ihn gibt. Ich verstehe die Trauer um die Opfer in Frankreich. Jedes Menschenleben zählt in dieser Welt. Aber gleichzeitig glaube ich, dass man dem Terror niemals nur mit gleicher Münze und schon gar nicht mit der Aufforderung zum Terror begegnen sollte – auch nicht satirisch (Charlie Hebdo: „Immer noch keine Anschläge in Frankreich – man hat ja noch bis Ende Januar Zeit für seine Neujahrswünsche“ ). Andererseits bleibt der Spielraum, Gott, Jesus und den Propheten außen vor zu lassen. Um dann mit doppelter Anstrengung diejenigen zu bekämpfen, die - welche Religion auch immer - verfälscht und indoktrinär als Waffe gegen friedliebende Menschen benutzen.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

20:30 11.01.2015
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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