Nichts ist schlimmer als Saddam ...

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...schwadroniert der Ex-Präsident. George DubbleYOU würde geradewegs erneut in den Irak einmarschieren, stellte sich denn die Situation wie damals. Anlässlich seiner Buchvorstellung („Decision Points“) fand er auch die Wasser-Folter neuerlich akzeptabel. Was den Brandstifter auch heute noch anmacht, was vor allem junge Texanerinnen trieb, vor seinem Leseplatz Schlange zu stehen und bei Erwerb des Schinkens zu jubeln, wird mir ewig schleierhaft sein.

Bei Naomi Klein („Die Schockstrategie“) fand ich ganz andere Fakten zum Irak. Die lassen sich heute noch trefflich ergänzen:

Saddam (Hussein) stellte keine Bedrohung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten dar, wohl aber für die Sicherheit der amerikanischen Energiekonzerne, denn er hatte gerade erst Verträge mit einem russischen Ölgiganten unterzeichnet und verhandelte mit der französischen Ölgesellschaft Total, sodass die amerikanischen und britischen Ölgesellschaften mit leeren Händen dastanden. Die drittgrößten bekannten Erdölvorkommen der Welt drohten dem amerikanischen und britischen Zugriff zu entgleiten (S.435).Sadams Sturz eröffnete den Ölkonzernen, darunter ExxonMobil, Chevron, Shell und BP, wie auch Halliburton neue Chancen. Die genannten Ölgiganten haben inzwischen die Grundlage für neue Geschäfte im Irak geschaffen, während Halliburton mit der Niederlassung in Dubai bestens aufgestellt ist, um all diesen Unternehmen seine Energiedienstleistungen zu verkaufen. Schon jetzt ist der Krieg selbst die profitabelste Unternehmung in der Geschichte der Firma. Sowohl Rumsfeld als auch Cheney hätten sich leicht von ihren Anteilen an den von Katastrophen profitierenden Unternehmen trennen und damit jeden Zweifel an der Rolle ausräumen können, den der Gewinn bei ihrer Begeisterung für katastrophenträchtige Situationen spielte. Aber dann hätten sie den Boom in ihren eigenen Branchen verpasst. Vor die Wahl zwischen privatem Profit und einem Leben in Staatsämtern gestellt, entschieden sie sich immer wieder für den Profit und zwangen die staatlichen Ethikausschüsse, sich ihrer trotzigen Haltung zu beugen.[...] Im Zweiten Weltkrieg wandte sich Präsident Franklin D. Roosevelt entschieden gegen Kriegsgewinnler und sagte: „Ich möchte nicht erleben, dass diese Weltkatastrophe auch nur einen einzigen Millionär in den Vereinigten Staaten hervorbringt“ (S.436) [...].Als die Idee, einen arabischen Staat zu besetzen und zum Modell für die Region zu machen, nach dem 11. September aufgebracht wurde, standen zunächst mehrere Namen im Raum: der Irak, Syrien, Ägypten oder [...] der Iran. Doch der Irak hatte besondere Vorzüge zu bieten. Abgesehen von den gewaltigen Ölreserven, eignete sich seine zentrale Lage auch zur Einrichtung von Militärstützpunkten, zumal Saudi-Arabien nicht mehr so abhängig erschien. Außerdem fiel es leicht, Saddam Hussein wegen des Einsatzes von Giftgas gegen sein eigenes Volk zu hassen. Ein weiterer, oft übersehener Faktor war die Tatsache, dass man den Irak gut kannte [...]. Da man nicht die ganze arabische Welt in einem Zug erobern konnte, musste man ein einzelnes Land herausgreifen, dass als Katalysator dienen sollte. Die USA sollten das Land besetzen und [...] daraus „ein andersartiges Modell im Herzen der arabisch-muslimischen Welt“ machen, von dem dann eine Serie demokratisch-neoliberaler Wellen auf die gesamte Region ausstrahlen sollte [...]. Doch im Zentrum der Modell-Theorie stand immer nur jene andere Art von Freiheit, die man in den siebziger Jahren Chile und in den neunziger Jahren Russland angeboten hatte: die Freiheit westlicher Multis, sich aus dem Vermögen der frisch privatisierten Staaten zu bedienen [...]. Man wollte – gleichsam im Dreierpack – den Nahen Osten von Terroristen „säubern“, eine riesige Freihandelszone schaffen und schließlich auf der Grundlage dieser vollendeten Tatsachen Wahlen abhalten [...]. Wenn man Irak „eine Nation erschaffen wollte“, was genau sollte dann aus der vorhandenen werden? Von Anfang an ging man stillschweigend davon aus, dass der größte Teil davon verschwinden müsste, um dem großen Experiment Platz zu machen. In seinem Buch „The One Percent Doctrine“ schreibt Ron Suskind, für Rumsfeld und Cheney habe „das Hauptmotiv für die Invasion des Irak“ in dem Wunsch bestanden, „ein Demonstrationsmodell zu schaffen, welches das Verhalten all jener zu lenken vermag, die sich erdreisten, Vernichtungswaffenzu erwerben oder in irgendeiner Form die Autorität der Vereinigten Staaten in Frage zu stellen“ [...]. Für den Irak hatte das Bush-Kabinett in Wirklichkeit einen Anti-Marshallplan auf den Weg gebracht [...]. Während der eigentliche (für Deutschland praktizierte) Marshallplan ausländischen Firmen Investitionen verwehrt hatte, um den Eindruck zu vermeiden, sie profitierten von der Schwäche des Landes, tat der neue Plan (für den Irak) alles, um amerikanische Unternehmen anzulocken [...]. Nichts von dem Geld ging an irakische Fabriken, damit sie wieder öffnen und die Grundlagen für eine dauerhafte Ökonomie legen, neue Arbeitsplätze schaffen und die Finanzierung der sozialen Sicherung gewährleisten konnten [...]. Iraker spielten in diesem Plan nahezu keine Rolle. Stattdessen gab die Regierung der Vereinigten Staaten [...] gleichsam ein in Virginia und Texas konstruiertes Land in Auftrag, das dann im Irak zusammengebaut werden sollte. Für den Zusammenbau benötigte man nicht einmal die billige Arbeitskraft der Iraker, da wichtige amerikanische Auftragnehmer wie Halliburton, Bechtel und [...] Parson lieber ausländische Arbeiter ins Land holten, die sie besser kontrollieren zu können glaubten [...]. Während die ausländischen Unternehmen in das Land einfielen, standen in den 200 irakischen Staatsbetrieben die Maschinen wegen der ständigen Stromausfälle immer noch still. Der Irak hatte einst die am höchsten entwickelte Industrie in der Region besessen. Nun erhielten auch die größten Firmen nicht einmal einen Sub-Sub-Subkontrakt beim Wiederaufbau ihres Landes [...].Die 17 im staatlichen Besitz befindlichen Zementfabriken waren bestens in der Lage, Baustoffe für den Wiederaufbau des Landes zu liefern [...] . Doch die Fabriken bekamen nichts – weder Aufträge noch Stromgeneratoren [...]. Amerikanische Unternehmen importierten ihren Zement wie ihre Arbeitskräfte lieber aus dem Ausland, und das bis zum zehnfachen Preis (S. 487) [...]. Das vom irakischen Kabinett im Februar 2007 verabschiedete Gesetz ist sogar noch schlimmer als befürchtet: Es setzt dem Anteil der Gewinne, die ausländische Gesellschaften aus dem Irak transferieren können, keinerlei Grenzen und gibt auch nicht vor, in welchem Umfang ausländische Investoren mit irakischen Unternehmen zusammenarbeiten oder auf den Ölfeldern irakische Arbeitskräfte einsetzen müssen. Vor allem aber schließt es, und das ist am unverfrorensten, die gewählten irakischen Volksvertreter von jeder Mitbestimmung bei der Ausgestaltung künftiger Ölverträge aus (S. 527) [...]. Im Februar 2007 schätzte Associated Press die Zahl der Beschäftigten privater Sicherheitsdienste im Irak auf 120.000, fast so viele wie die dort stationierten amerikanischen Soldaten [...]. Halliburton nahm (bis zu diesem Zeitpunkt) über seine Irak-Verträge 20 Milliarden US-$ ein [...]. Die Söldnerbranche repräsentierte einen Wert von 4 Milliarden US-$[...]. So war der Wiederaufbau des Irak für die Iraker wie auch für die US-amerikanischen Steuerzahler ohne Zweifel ein Misserfolg., ganz und gar jedoch nicht für den Katastrophen-Kapitalismus-Komplex. Der Krieg im Irak, der erst durch die Anschläge des 11. September möglich wurde, ist also nichts anderes als die blutige Geburt einer neuen Ökonomie. Das war das Geniale an Rumsfelds „Transformationsplan“: Da jede denkbare Facette der Zerstörung und des Wiederaufbaus ausgelagert und privatisiert worden ist, kommt es zu einem Wirtschaftsboom, wenn die Bomben zu fallen beginnen, wenn sie nicht mehr fallen und wenn sie wieder zu fallen beginnen – eine in sich geschlossene Profitschleife aus Zerstörung, und Wiederaufbau, von Einreißen und Neuerrichtung (S. 533).

Heute ist auch das Christentum im Irak diskreditiert. Gerade beschwören katholische Geistliche ihre „Schäfchen“, das Land zu verlassen. Es drohe ein Progrom (ARD/“Tagesschau“, 10. November 2010).

Donald Rumsfeld: 1977-1986 Vorstandsvorsitzender von G.D. Searle & Company - heute zu Monsanto gehörend; außerdem im Vorstand von Gilead Sciences, Pfizer Inc. und Amylin Pharmaceuticals sowie Vorsitzender der DenkfabrikRand Corporationals; 1975-1977 und2001-2006 US-Verteidigungsminister)

Richard „Dick“ Cheney: ab 1995 Aufsichtsratsvorsitzender und CEO von Halliburton, ab 2001 US-Vizepräsident unter George W. Bush


Dr.-Ing. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de/buchtipp

12:20 11.11.2010
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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