Protestiert gegen die Laufzeitverlängerung bei Atomkraftwerken !

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Die Boston Consulting Group, ein in der Management-Beratung tätiges Unternehmen, ist im Juli 2010 zu der Feststellung gelangt, dass die Ära der Großkraftwerke zu Ende geht. Bereits für 2020 wird der Anteil der dezentralen Stromversorgung – sie summiert sich aus einer Vielzahl kleiner Erzeuger von alternativen Energien („prosumer“= produzierende Verbraucher) – mit etwa 40% prognostiziert. So könnten beispielsweise Wind- und Photovoltaik-Anlagen, kleine Blockheizwerke, Biogasanlagen und andere Produzenten erneuerbarer Energien zusammen mehr als die Hälfte aller in der EU benötigten Elektrizität liefern („DIEZEIT“, 29. Juli 2010). Vor diesem Hintergrund sind die haarsträubenden Kungeleien unserer Regierung mit den vier deutschen Energie-Multis aus deren Sicht zwar nachvollziehbar, mit Blick auf eine zukunftsfähige europäische Energiepolitik aber völlig unverantwortlich. Fast alle maßgeblichen Energiepolitiker unseres Landes sind sich darüber einig, dass

die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke nur dazu dient,

·zusätzliche Profite aus abgeschriebenen Mailern zu generieren und

·den Übergang zu alternativen Energien und damit auch zu den o. a. neuen Versorgungsstrukturen zu behindern (Ziel: Machterhalt für die zentrale Energieversorgung durch die Monopole).

Wie EUROSOLAR, die europäische Vereinigung für erneuerbare Energien e.V., in einer kürzlich erschienenen Anzeige feststellt, bedürfen die erneuerbaren Energien keiner zusätzlicher Brücken (-Technologie). Im Gegenteil: Gäbe es nicht vieler Orten – vor allem aber in Baden-Württemberg und Bayern massiven Widerstand gegen die neuen Energieformen (Versagen von staatlichen Standortgehmigungen, Einspeiseblockaden für Windstrom und Biogas in konzerneigene Netzte etc.), Deutschland könnte seinen Strom bereits heute zu 30 % aus alternativen Quellen decken („DIEZEIT“, 9. September 2010).

E.On, RWE, EnBW und Vattenfall sind sich dieser Gesamtlage – die ihren Machtanspruch bedroht – bewusst. Und sie zögern deshalb nicht, dem Normalbürger eine Reihe von irritierenden Shows vorzuführen. Etwa die vom internationalen Trend zu neuen Kernkraftwerken (etliche der weltweit geplanten Neuinvestitionen weisen in diese Richtung), die von der emissionsfreien Stromerzeugung mittels Kernkraft oder die von weniger stark steigenden Stromkosten bei Weiterführung der alten Meiler. Demnächst könnte es sogar heißen, dass nur durch Weiterführung der Kernkraft eine flächendeckende Wende im Automobilbau denkbar sei (Elektroauto).

All diese Argumentationen gehören ins Reich der Legende. Allenfalls dienen sie der Verblendung unserer Bevölkerung. Denn mit den wenigen international geplanten Neubauten, für deren Realisierung bis zu 20 Jahre benötigt werden, können die Versorgungsprobleme unseres Planeten nicht einmal marginal gelöst werden (Anteil der Kernkraft an der Gesamtenergieversorgung 2007: ca. 3% - S. 201). Überdies ist die CO2-Bilanz für die Kerntechnologie, wenn man neben der Stromerzeugung denAufbau und Rückbau der Meiler sowie die Zwischenlagerung, Neulagerung (Asse!) und die (bisher ungelöste) Endlagerung der strahlenden Abprodukte einbezieht (ganzheitliche Betrachtung), alles andere als vorzeigbar (S. 203). Bleibt uns noch, über die Zukunft der Strompreise zu reden. Sie werden zweifellos weiter steigen – ohne dass uns irgendwer irgendwann überzeugend nachweisen könnte, dass sie bei planmäßigem Auslaufen der KKWs stärker (vor allem: um wie viel mehr stärker) gestiegen wären. Jedes Kind weiß heute, dass der Strompreis von der Strombörse bestimmt wird, und die unterliegt vielfachen Einflüssen (Strom-Angebot und -Nachfrage, Regulierung/ Deregulierung der Stromversorgung, Förderung der alternativen Energien, Netzkosten etc.).

Wenn ich Sie heute aufrufe, mit mir gemeinsam gegen die Laufzeitverlängerung der KKWs zu demonstrieren, dann hat das nicht nur mit diesen Tatbeständen, sondern vor allem auch damit zu tun, dass ich unser Land zunehmend durch die Kernkraft gefährdet sehe. Allein die Tatsache, dass man in der Vergangenheit überaus fahrlässig mit dem radioaktiven Müll umgegangen ist, muss uns aufschrecken. In Asse wurde offenbar nicht einmal Buch geführt. Da finden sich statt der bisher vermuteten 1.300 Fässer verkippten Abfalls plötzlich 15.000 („Süddeutsche Zeitung“, 11./12. September 2010). Darüber, wie die Zwischenlagerung des mittel- und hoch radioaktiven Mülls an den einzelnen AKWs funktioniert, muss ebenfalls kaum debattiert werden. Das Zeug liegt in z. T. ungesicherten Baracken, Hallen und Schächten – jederzeit angreifbar über einfache Panzerabwehrgeschosse. Doch was vor allem zu Buche schlägt, ist die ungesicherte Endlagerung der kontaminierten Substanz. Gorlebenund Schacht Konrad sprechen da Bände. Gorleben, so heißt es, sei ein denkbar ungeeigneter Standort (mögliche Gefahr eines Wassereinbruches). Es sei gegen die Empfehlung des berufenen Gutachters – ausschließlich aus politischem Kalkül heraus - ausgewählt worden. Derzeit heißt es, dass die vollständige Erkundung noch 5-8 Jahre dauernkönnte. Erst dann wisse man verbindlich, ob der Salzstock geeignet sei oder nicht. Bis zum vollständigen Ausbau (die Eignung vorausgesetzt) könne es dannnoch weitere 15-20 Jahre dauern. Über Krankheiten im Umfeld von Atomkraftwerken ist bis heute nicht abschließend befunden worden. Kernkraftgegner protestieren, die Energie-Multis wiegeln ab. Gefahren – vor allem für Schwangere und Kleinkinder – sind derzeit nicht auszuschließen.

Jeder deutsche Bürger ist heute und sicher auch in naher Zukunft einer mehrdimensionalen Zeitbombe ausgesetzt. Dabei ist noch nicht bedacht, dass die Kerntechnologie nicht nur am Ende, sondern auch am Anfang „stinkt“, sprich: immense Gefährdungen impliziert. Darüber wird hier zu Lande wenig gesprochen. Wir machen es uns leicht, wenn wir für das Uran nur die Wegstrecke ab deutscher Grenze ins Auge fassen. Ich habe schon des öfteren auf dieses Defizit verwiesen. Jetzt am 16. September kam mir die Reportage eines nigerianischen Reporters zu Hilfe. Der hatte auf eine in seinem Lande betriebene Uranmine hingewiesen und festgestellt, dass vom Wind aufgewirbeltes Uran-Oxid (Yellow cake) nicht nur die Minenarbeiter, sondern auch sämtliche, in der Nachbarstadt Arlit befindlichen 80.000 Einwohner kontaminiert. Die durchschnittliche Lebenserwartung der mittlerweile in einem Sperrbezirk (!) lebenden Menschen betrage heute nur 40 Jahre. Uran aus der afrikanischen Mine gelange heute auch nach Deutschland – und zwar über die AREVA, ein Unternehmen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Bezeichnend für die Rohstoffausbeutung in Afrika sei zudem, dass in den Kontrakten der Partner fast immer Auflagen für die Renaturierung und Gebietssicherung fehlten (ARD/“Kontraste“, 16. September 2010).

Selbst wenn die Situation in anderen Uranminen der Welt weniger menschenverachtend ausfällt, steht eines fest. Die Verstrahlung (ggf. abgemildert durch kürzere Arbeitsaufenthalte, Strahlenschutzbarrieren etc.) findet statt, und sie trifft vor allem Arme und Fremdarbeiter, die sich bei den großen Konzernenverdingen.

Dr.-Ing. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

Demo am 2. Oktober, 11 Uhr, Stadtwerke Düsseldorf, Höherweg 100

18:32 23.09.2010
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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sachichma | Community