schlesinger
09.04.2012 | 19:18 114

Der ganz reale Judenhass

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied schlesinger

Der Antisemitismusvorwurf gegenüber Grass ist hohl. Und er verhindert Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Unwesentlich ist die Frage "Wer ist Antisemit?". Wesentlich ist die Frage "Was hindert den Frieden im Nahen Osten?".

In der aktuellen Debatte um Grass' Gedicht und sein mutmaßlich antisemitisches Motiv kann hilfreich sein, sich den heute ganz real existierenden Judenhass vor Augen zu führen. Das Wort ist gut gewählt. Es geht nicht um Abneigung, Vorurteile oder Naserümpfen. Es geht um Hass, der tödliche Folgen haben kann.

Das geistliche Oberhaupt der Palästinenser in Ost-Jerusalem, Mufti Muhammad Achmad Hussein, zuvor Imam der Al-Aqsa Moschee Jerusalems, hielt im Januar diesen Jahres anlässlich des 47-jährigen Bestehens der Fatah eine Ansprache:

Der Vorredner Husseins sprach zur Einleitung:

Unser Krieg mit den Abkömmlingen der Affen und Schweine [den Juden, Anm.] ist ein Krieg der Religion und des Glaubens. Lang lebe die Fatah! [Ich begrüße Sie,] Unser ehrenwerter Scheich.

Mit mildem Lächeln und friedvollem Ton in der Stimme führte Scheich Hussein anschliessend aus, was man hinsichtlich der Radikalität allenfalls von Julius Streicher kennt:

Vor 47 Jahren hat die Revolution der Fatah begonnen. Welche Revolution? Die moderne Revolution der Geschichte des Palästinensischen Volkes. Tatsächlich ist es so, dass Palästina als Ganzes eine Revolution ist, seit [Kalif] Omar gekommen ist [um Jerusalem im Jahr 637 zu erobern], und das setzt sich heute fort, und wird dauern bis ans Ende aller Tage. Die glaubwürdige Hadith** aus den zwei zuverlässigen Sammlungen Bukhari und Muslim sagt:

"Die Stunde der Auferstehung wird nicht kommen solange Ihr nicht die Juden bekämpft. Der Jude wird sich hinter Steinen und Bäumen verstecken. Dann werden die Steine und Bäume ausrufen 'Oh Muslim, Diener Allahs, hier ist ein Jude hinter mir, komm und töte ihn.'"

Scheich Hussein versuchte sich später zu rechtfertigen. Man habe seine Anmerkungen aus dem Kontext gerissen. Das könnte sein. Doch bezeichnenderweise wollte er sich mit dem Hinweis verteidigen, dass diese Ereignisse erst mit dem Ende aller Tage eintreten würden. Damit ist offenkundig, dass er sich von dem Gesagten inhaltlich gar nicht distanzieren will. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls hat Ermittlungen aufgenommen.

Nun ist der Mufti von Jerusalem kein Offizieller der Fatah. Er hat seine seine Worte selbst zu verantworten. Insofern geht jene Kritik deutlich zu weit, die Sätze wie die des Mufti nimmt um triumphierend auf "die gewaltbereiten Palästinenser" zu zeigen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass es immer wieder Araber und Perser gibt, denen es nur bedingt um eine politische Lösung mit Israel geht.

Dasselbe gilt für die israelische Seite. Es gibt nicht wenige, die kein Einvernehmen mit den Palästinensern wollen. Sie wollen sie am liebsten weg haben. Das wollte Staatsgründer Ben Gurion, das will der amtierende israelische Premierminister Netanjahu mitsamt seinem Außenminister Lieberman.

Radikalität als Ausgangspunkt

Radikalität findet man in beiden Lagern. Alles andere wäre ein Wunder.

Wie konnten die zionistischen Juden nicht radikal gewesen sein? Sie hatten ihr historisches Gepäck bei sich und durften sich ein Scheitern nicht erlauben. Sie wußten, dass sie Unrecht verursachen würden. Das lässt sich bei den Vordenkern des Zionismus wie Herzl, Jabotinsky, Lichtheim und anderen ungeschminkt nachlesen. Der Satz vom "Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" war späte Propaganda. Die Zionisten selbst wußten es besser.

Hinsichtlich Radikalität gilt für die Araber dasselbe. Wie hätten sie untätig bleiben können und zusehen wie das Land, das sie seit Jahrhunderten als das ihre betrachten, in fremde Hände übergeht? Diese Ausgangslage musste zwangsläufig zum Zusammenstoß führen.

Die bis heute zentrale Frage ist nur ob man willens ist, das Unrecht von früher der Vergangenheit zu überantworten und für das Heute einen realen Kompromiss zu finden.

Hier kann man an Grass anknüpfen. Der bezeichnet Israels Premier Netanjahu als Gefahr für den Frieden. Und tut das zurecht, als er auf den fortschreitenden Siedlungsbau verweist.****

Vielleicht mit Ausnahme von Yitzhak Rabin strebten alle israelischen Ministerpräsidenten mehr oder weniger offen nach dem "ganzen Israel", also einschließlich des biblischen Judäa und Samaria (= arabische Westbank). Im kolonialen, nationalen 19. Jahrhundert, der Anfangszeit des Zionismus, mochte das Pochen auf ein größeres Herrschaftsgebiet salonfähig gewesen sei. Heute gilt das nicht mehr. Alle Welt sieht das, aber Israel kann seinen Kurs dank amerikanischer Unterstützung fortsetzen. Und wundert sich über die Ablehnung und nennt ihn Antisemitismus.

Aber was ist nun mit dem Mufti? Sind dessen Hetzreden und die Reden all derer, die ihm ähneln nicht bedeutsam? Sollen sie keinen Einfluß haben auf israelische Sicherheitspolitik? Ist nicht allzu verständlich, dass man mit Radikalen gar nicht verhandeln will? Dass Gespräche mit der Hamas nach Auffassung von Netanjahu tabu sein müssen?

Nein. Das Gegenteil trifft zu.

Rabin wußte es besser

Die Lösung hat Yitzhak Rabin Anfang der 90erJahre formuliert. Während des beginnenden Oslo-Prozesses haben jüdische Radikale wie etwa Baruch Goldstein oder palästinensische Radikale des Islamischen Jihad und der Hamas versucht, die Annäherung mit Attentaten zu vereiteln.

Rabin wollte sich nicht beirren lassen:

Man muss so hart gegen die Terroristen vorgehen, als gäbe es keine Verhandlungen und man muss die Verhandlungen so weiter führen, als gäbe es keine Terroristen.

Diese kluge Einsicht wird seit langem ignoriert. Radikale wird es auf beiden Seiten geben, bis zum Ende aller Tage. Wer seine Politik davon bestimmen läßt macht sich zur Geisel der Fundamentalisten.

Im Fall Netanjahus dürfte zutreffen, dass er sich gar nicht als Geisel sieht. Ihm kommen die Radikalen entgegen. Solange man der Welt zeigen kann, welche niedere Gesinnung der Gegner hat, kann das edle Projekt "ganz Israel" mit gutem Gewissen vorangetrieben werden. Die nimmermüden israelischen Verweise auf Angriffe der Palästinenser haben einen weiteren Schönheitsfehler: Die Araber haben so gut wie nichts mehr, über das sie verhandeln könnten. Israel besetzt das Land, verwaltet das Wasser, erhebt die Zölle, kontrolliert die Grenzen.

Israel will einen Diktatfrieden zu seinen Bedingungen und wähnt sich dank amerikanischer Unterstützung so stark, davon nicht abweichen zu müssen. Das gefährdet den Frieden.

Deshalb hat Grass in dieser Hinsicht recht. Mit Antisemitismus hat das nicht das Geringste zu tun. Man kann es auch anders sagen: Selbst wenn Grass Antisemit wäre, wäre seine Kritik wenigstens in Teilen zutreffend.

Ginge es um eine innenpolitische Frage in Deutschland, um Neonazis etwa, die jüdische Gräber schänden, dann wäre die Debatte um Antisemitismus relevant.

In der Debatte um Krieg oder Frieden im Nahen Osten ist sie weitgehend irrelevant.

--------------

PS.: Und was ist mit dem iranischen Präsidenten und seinen fortgesetzten Drohungen? Hierzu hat der israelische Schriftsteller David Grossman einen erhellenden Beitrag verfasst.

** Hadith, hier: Behauptete mündlich überlieferte Anweisung, Belehrung oder Darstellung Mohammeds.

**** Nicht im Gedicht "Was gesagt werden muss", sondern im nachträglichen Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (114)

alalue 09.04.2012 | 21:53

Genau so ist es.
Allerdings sind Sie bei den Palästinensern zu vorsichtig: dort gibt es eine große Fraktion Salafisten, die sind ultraradikal.
Die beten genau das nach, was Hussein vorbetet: jeder Stein, den ein Jude zum Schutz suchte, wird zu den Muslim sprechen....

Und selbst wenn die alle vernünftig wären: es gibt internationale islamistische Organisation, die immer wieder Selbstmordattentäter aus irgendeinem Loch holen und in Stellung bringen, da kann man sicher sein.

Der Staat Israel wurde auf Unrecht aufgebaut, doch jetzt sind es über sieben Millionen, der Staat existiert seit über 60 Jahren.

Diejenigen, die Grass verteidigen, für die Palästinenser eintreten sollten ehrlich sagen, welche Ziele sie für die Palästinenser akzeptieren: Zerstörung Israels, die Fahne Allahs über ganz Palästina, wie es in den Statuten der Hamas heißt,
oder ein wirksames Existenzrecht Israels.
Das geht nicht, wenn die Palästinenser zu leicht an Israel herankommen können: die brüten immer Attentäter aus.

Da braucht man sich doch nur die Verhältnisse in Afghanistan und dem Irak ansehen: dort gibt es wöchentlich Anschläge, gegen die eigenen Leute, weil keine Spur der Ungläubigen mehr bleiben darf, die gewählten Regierungen werden als Kollaborateure angesehen.

Die Palästinenser dagegen bleiben ganz sicher ganz friedlich....

Und diese Verlogenheit, diese unglaublich freche Verlogenheit: diese Stelle aus de Koran bezieht sich ja auf das jüngste Gericht, vorher meinen wir das gar nicht so....
Es gibt genügend Stellen, an denen direkt zum Mord an Ungläubigen aufgerufen wird.

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Ehemaliger Nutzer 09.04.2012 | 22:02

Ja. so schaut's aus. Es wird Politik gemacht. Und die von Netanjahu ist der Versuch, Maximalinteressen Israels auf Kosten der anderen Beteiligten durchzusetzen. Das ist schlechte Politik, weil letzten Endes, die Kosten dieser einseitigen Politik den Nutzen übersteigen werden. Schon jetzt knistert es im israelischen sozialem System. Auch da facht Netanjahu eher das Feuer an. Er ist einfach nur ein schlechter Ministerpräsident Israels. Leider fehlt es bisher an ernstzunehmenden politischen Gegenspielern in Israel, die wirklich eine Politik des Ausgleichs nach Innen und nach Aussen durchsetzen könnten.

schlesinger 09.04.2012 | 22:34

@alalue Danke für Ihre Hinweise. Ich denke, dass ich mit den Palästinensern nicht zu vorsichtig bin, denn gerade deshalb habe ich mit dem Mufti eine radikale Stimme zu Wort kommen lassen. Nur hilft der Verweis auf radikale Kräfte wenig weiter, siehe oben.

Letztes Jahr in Tel Aviv habe ich aus dem Mund eine Unteroffiziers der Artillerie Kommentare über die Araber gehört die gut in die deutsche Zeit vor 60 Jahren gepasst hätten.

Sollte Abbas nun sagen: Schaut Euch die rassistischen israelischen Soldaten an, mit diesem Land können wir nie Frieden machen!

Nein. Weiter kämpfen und ausbluten kann für keine Seite eine Perspektive sein.

schlesinger 09.04.2012 | 22:37

@hardob Aus unserer Sicht mag Netanjahu ein schlechter Politiker sein. In Israel steht er unangefochten. Wie Sie sagen: Ohne echte Herausforderer.

Die sozialen Unruhen des letzten Jahres hat er bislang gut überstanden. Es könnte sein, dass sich das dieses Jahr ändert. Die Zustimmung zu seiner rigiden Sicherheitspolitik und seiner Förderung der Siedlungen wird nicht darunter leiden.

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Ehemaliger Nutzer 09.04.2012 | 22:43

@Andreas Kuntz

Reicht mir als Begründung nicht/Verstehe ich nicht. Darin schwingt dann der Vorwurf mir gegenüber, ich sei "unsachlich" gewesen? Also wann und wo? Oder ist es die Tatsache, dass ich Grote nicht mit derbsten Beleidigungen überziehe? Lies erst mal, was ich bisher geschrieben habe und verschaff dir mal einen fundierten Überblick über einen anderen Menschen, bevor du mit größtmöglicher Brachialität verbal über ihn herfällst. Und überleg mal, wer dem Grote'schen "Dauerlauf" Futter gibt. Ob ich das bin oder du.

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Ehemaliger Nutzer 09.04.2012 | 22:59

Na so schwer ist das doch nicht!

Hardobs Kommentar ist ein Beispiel dafür, wie sachliche Kritik sprachlich gebaut wird: "schlechte Politik" eines "schlechten Ministerpräsidenten" usw.

Die Einschätzung mag man sachlich teilen oder nicht - darauf kommt es gar nicht an - aber es ist eben etwas anderes als Grass Literaturnobelpreisniveau... (und braucht auch nicht mit einem Aufschrei angeblich "gleichgeschalteter" Medien zu rechnen etc.)

Denn - der entscheidende Punkt - man macht sich DAMIT eben nicht zum falschen Märtyrer, der scheinbare Tabus bricht, die keine sind (Israel-Kritik im sachlichen Ton findet man in jeder dritten Zeitung).

Grass hat hingegen protonazistische-Stammtisch-muss-doch-mal-gesagt-werden-Stimmungen bedient.

Das ist ein Unterschied.

Jedenfalls für mich.

Hans Springstein 09.04.2012 | 23:05

Ich finde Ihren Text gut bzw. interessant und was Sie schreiben bedenkenswert. Gut finde ich, dass Sie auf die Radikalen auf beiden Seiten aufmerksam machen, bzw. an Sie erinnern. Müßig ist natürlich darüber zu diskutieren, wer zu erst da war, auch ob erst der reale Judenhass da war oder erst der reale Araberhass ...
Zu Ihrem PS bezüglich des iranischen Präsidenten ein Hinweis auf einen Beitrag von Knut Mellenthin in der jungen Welt vom 7.4.2012: "Ahmadinedschad und die Sache mit der Landkarte". (www.jungewelt.de/2012/04-07/012.php) Er macht darin auf noch andere Radikale aufmerksam: "Es erregte andererseits beim politischen Mainstream keinen Protest, als der angesehene israelische Historiker Benny Morris, Professor an der israelischen Ben-Gurion-Universität, in der österreichischen Tageszeitung Standard am 12. Mai 2008 erklärte, »die letzte Chance« gegen Iran sei der Einsatz israelischer Atomwaffen. »Es reduziert sich auf die Frage, ob Israel zerstört wird oder der Iran zerstört wird. Und ich hoffe, die Israelis verstehen, daß es besser ist, den Iran zu zerstören, als selbst zerstört zu werden.«"
Für mich ist nicht die Frage, wer den ersten Stein wirft, sondern wer als Erster mit dem Hass aufhört oder ihm wenigstens die Grundlagen entzieht ... Aber die Hoffnung, dass das mal aufhört, erscheint mir (immer noch) illusorisch.

hadie 09.04.2012 | 23:19

Scheich Hussein sprach über eine Endzeit-Vision seiner Religion, nicht über Handlungsempfehlungen an irgendwen. Da geht es naturgemäß etwas grobkörniger zur Sache, die "Hure Babylon" hat sich ja auch bei ähnlicher Gelegenheit einiges anhören müssen. Die Friedenskooperative hat ein Antwort-Gedicht an Grass veröffentlicht, in dem alles drinsteht:
www.friedenskooperative.de/gifs/pm_koop_zu_grass_gedicht2012.04.07.pdf

Hans Springstein 09.04.2012 | 23:30

Nachtrag an schlesinger:
Vielleicht ist der Begriff "Radikale" auch in dem Zusammenhang nicht ganz zutreffend, da "radikal" ja eigentlich für "an die Wurzel gehend" oder "grundsätzlich", was aber umgangssprachlich längst verwischt wurde (leider), siehe www.duden.de/rechtschreibung/radikal
In diesem Sinne müssten die von Ihnen so Benannten eigentlich ihr tun in Frage stellen ...
Stattdessen wäre doch die Bezeichnung "Extremisten" die passendere.

schlesinger 09.04.2012 | 23:34

@Springstein Korrekt, die Suche nach dem "wer hat angefangen" ist irreführend. Die Konstellation musste es mit sich bringen.

Richtig und wichtig auch Ihr Hinweis auf die Fehlinterpretation des oft wiederholten "der Iran will Israel von der Landkarte tilgen" (bit.ly/HXRDvl).
Allerdings würde ich nicht soweit gehen deswegen Ahmadinejad und Chamenei als für Israel ungefährlich einzustufen.

Nur: Es macht einen großen, sehr großen Unterschied festzustellen der Iran agiert gegen Israel durch Unterstützung der Hezbollah, und der Behauptung Iran wolle (falls möglich) Israel atomar angreifen.

bertamberg 09.04.2012 | 23:37

@ ans Springstein schrieb am 09.04.2012 um 21:05 und hadie schrieb am 09.04.2012 um 21:19

Die Lehre aus der Geschichte kann nur sein, zu fragen, wer bislang an den Kriegen gegen den Irak, in Afghanistan verdient hat, und wem eine Verminderung der Gewalt hätte nutzen können und es nicht tut.

Wohin Torschlußpanik (Die Parole "Volk ohne Raum") und Hass ( "Die Juden sind unser Unglück") führt, hat Deutschland und die Welt von den Nazis und deren Finanziers gezeigt bekommen.

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Ehemaliger Nutzer 09.04.2012 | 23:40

@ schlesinger 20:37

Ja, leider, da unterscheidet sich Isreal nicht von vielen Ländern in der Welt. Ich fürchte sogar eine Tendenz, das schlechte Regierungen durch noch schlechtere abgelöst werden, weil über all nach einen Sündenbock für die Fährnisse des gegenwärtigen Alltags gesucht wird. So könnte auf Orban, den nehme ich mal als Beispiel, einer folgen, der ihn weit rechts überholt und großungarische Pläne mit einer reinungarischen Bevölkerung tatmäßig in Angriff nehmen will.

Wenn ich darüber nachdenke, beginne ich mir, wie andere auch, Sorgen zu machen.

ed2murrow 09.04.2012 | 23:43

@ bertamberg

Es geht einen Tick härter: Die von Ihnen zitierten (Er)Schlagbegriffe wurden bereits ab der Werdung Deutscher Nation geprägt, in Zeiten höchsten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umbruchs durch Industrialisierung, territoriale Reichswerdung und Herausbildung ausgeprägter Klassen.
Was ich mich für Deutschland seit 1989 frage ist, ob da nicht in nuce Vergleichbares angelegt ist.

Hans Springstein 09.04.2012 | 23:47

@schlesinger
Ich will mich gar nicht mit Ihnen streiten, weil ich den Eindruck habe, dass wir die beschriebene Lage ähnlich sein.
Aber wir dürfen doch beide davon ausgehen, dass der "sehr große Unterschied" gar nicht so sehr groß ist und auch Israel aktiv gegen und im Iran ist. Die israelische politische Führung ist sicher nicht friedlicher gegenüber dem Iran eingestellt, usw. : "Le Figaro: Israel's Mossad recruiting Iranian dissidents to work against Tehran regime" (www.haaretz.com/news/middle-east/le-figaro-israel-s-mossad-recruiting-iranian-dissidents-to-work-against-tehran-regime-1.406712)
Ich weiß nicht, wer von beiden zuerst damit angefangen hat ...
Und ich nehme an, ich verstehe Sie richtig, dass Sie auch der Meinung sind, dass die Behauptung, der Iran baue eine Atombombe, um Israel damit anzugreifen, eben eine durch nichts bewiesene Behauptung ist.

Hans Springstein 09.04.2012 | 23:53

@bertamberg
Ja, die Fragen "Wem nutzt es?" und "Wer verdient daran?" sind eigentlich immer die entscheidenden Frage. Und haben nichts mit "Verschwörungstheorien" zu tun, sondern mit ganz handfesten Interessen. Diejenigen, die an solchen Kriegen und Konflikten verdienen, haben sicher einen Horror vor der Verminderung der Gewalt, da solches ihre Profite zu schmälern droht ...

bertamberg 10.04.2012 | 00:13

@ ed2murrow schrieb am 09.04.2012 um 21:43

Aber sicher ist vergleichbares angelegt, wenn das Prinzip der Konkurrenz als gesellschaftliches Gestaltungsprinzip ohne globale Konkurrenz bleibt, wie es nicht nur in Deutschland, sondern global durch den Zusammenbruch der Systemkonkurrenz des Ostblocks Wirklichkeit wurde.

Die Biochemie der Stressreaktion lässt sich nutzen, gerade unter solchen Bedingungen, vgl. mein Beitrag unter
www.freitag.de/community/blogs/rick/leider-leider
bertamberg schrieb am 09.04.2012 um 22:02

Georg von Grote 10.04.2012 | 00:44

"Grass hat hingegen protonazistische-Stammtisch-muss-doch-mal-gesagt-werden-Stimmungen bedient. "

Wer so etwas sagt, mit dem lohnt es sich auch nicht, weiter zu diskutieren.

In dieser Behauptung steht nämlich auch, jeder, der Grass oder seine These verteidigt, ist automatisch ein Nazi und damit auch zwangsläufig ein Antisemit.

Ich hatte Sie für intelligenter gehalten, Herr Kuntz

miauxx 10.04.2012 | 01:34

Gefällt auch mir sehr gut der Text! Deutlich und sachlich mit den, m.E., richtigen Fragestellungen. Sympathisch ist mir v.a. auch dass nicht der Eindruck persönlicher Rechtfertigung a la ich in Deutschland möchte nun auch mal was dazu sagen dürfen entsteht, wie es eben Grass und vielen seiner Kommentatoren in Blogs derzeit der Fall ist.
Und schon die Eröffnung, der erste Absatz, ist klasse und könnte fast als Blog für sich stehen.

exit 10.04.2012 | 01:44

Fundamentalist - Extremist - Terrorist - Radikaler . . . Ebenda.

Bei den lieben Friedenskooperativen aus Bonn in ihrer – völlig richtigen, aber viel zu ruhigen Einwendung ist doch tatsächlich noch von 'Kontrahenten' – wie bei einem sportlichen Wettstreit die Rede.

Da scheinen mir nun völlig die Maßstäbe verloren gegangen zu sein . . .

Zwischen diesen 'Fronten' – um im Bild zu bleiben, verbraucht ein alter Mann 'seine letzte Tinte'. Ich jedenfalls wünsche Herrn Günter Grass kübelweise die Tinte, die er noch brauchen wird, um gegen diesen vielseitigen religiösen Irrsinn anzuschreiben.

Und möge er hierbei ruhig den Mut haben, so zu schreiben, wie sie ihn verspotten – graesslich.

schlesinger 10.04.2012 | 02:14

@exit Das Irrationale wird nie zu beseitigen sein.

Grass' Kritik hat seine Berechtigung, bei aller zutreffenden Kritik daran.

Die Kritiker Grass und allen voran die, die ihn als Antisemiten schelten wissen nicht oder - wahrscheinlicher - verdrängen dass es nicht wenige Stimmen in Israel gibt, die sein Gedicht begrüssen.

Gerade habe ich auf Facebook eine Nachricht eines Rabbi bekommen, der Grass Botschaft sehr wichtig findet (ich möchte hier seinen Namen nicht nennen, aber er ist aktiv bei Rabbis for Human Rights rhr.org.il/eng/).
Was sind diese Rabbis aus Sicht der Herren Broder, Wolffsohn etc.pp. Antisemiten?

Columbus 10.04.2012 | 02:32

Für mich, Herr Schlesinger, ist das die bisher klarste Darstellung des aktuellen Konfliktes zwischen Israel und Paläsinensern, hier in der dFC.

Die neuen Historiker Israels mussten lange gegen massive Hindernisse anschreiben, gar Lehrstühle im Ausland annehmen, und ebenso hält der Widerstand der Gutwilligen in Israel nur mühsam gegen die Radikalen stand.

Für die Palästinenser gilt das vice versa ebenfalls. Nur haben sie bald nichts mehr, was als Unterhandelspfand noch irgend etwas wert wäre, wie sie sehr richtig schreiben.

Wer wenig hat, dem wird am Ende auch das noch genommen.

An diesem kritischen Punkt, an dem es unweigerlich zu Gewalt kommen muss, denn Unrecht kann nicht durch Unrecht gut gemacht werden, schrammt der Israel-Palästina Konflikt entlang.
- Ich glaube immer noch, viele Israeli wissen das noch intuitiv.

Der Kurs der Netanjahu-Regierung, es ist leider nicht nur der Regierungschef, der Innenminister, oder Avigdor Lieberman und die Shas, sondern ebenso viele Anhänger die Ehud Barak an sich zog, ist mindestens seit der Antwort auf die großen Obama-Reden und dem UN-Auftritt Netanjahus zur Anerkenntnis Palästinas als Mitglied klar.

Er könnte nur durch Druck von Außen verändert werden. Man will viel von dem behalten, was man in Kriegen, die man nicht selbst inszenierte, einst gewann. Sowohl auf dem Golan, als vor allem auch im West-Jordan-Land. Die israelischen Siedlungsaktivitäten und ihre koninuierliche Unterstützung durch die Regierung sind eindeutig, und trotzdem wagt kaum ein westliches Land, mit Ausnahme Frankreichs und der Türkei, dagegen offen Politik zu machen.

Der Fernkonflikt mit dem Iran ist nur eine willkommene Gelegenheit, alle Bemühungen für einen substanziellen Wandel abzuwehren. Gäbe es in Palästina einen Frieden, Irans antisemitischer Präsident könnte sich keinen Tag länger als letzte Bastion gegen Israels beharrlichen Willen aufspielen.

Beste Grüße
Christoph Leusch

schlesinger 10.04.2012 | 02:37

@Andreas Kuntz
Nein. Den Mufti den Sie meinen war Amin al-Husseini.
Jener war gewiss kein Ghandi, nur hat man im Nachhinein ein bisschen viel in ihn hinein gelegt. Zu der Zeit zu der er mit den Nationalsozialisten anbandelte - vor dem Krieg und vor dem Beginn der deutschen Judenvernichtung - sah er in den Deutschen lediglich einen potentiell starken Verbündeten. Die Briten taten seiner Auffassung nach zu wenig gegen die jüdische Einwanderung. In Berlin ließ er sich üppig alimentieren. Ihn deswegen zum Co-Nazi-Mörder zu machen dürfte zu weit gehen. Habe mich allerdings noch nicht vertieft mit A.Husseini beschäftigt. Falls Sie einschlägige Nachweise haben wäre ich dankbar.

DrLecter 10.04.2012 | 02:55

Ja, ihre Details sind korrekt, aber man kann trotzdem zu anderen Schlüssen kommen....
Warum Israel/Palestina so ernst nehmen? Beim Lesen ihres Kommentars müsste einem doch klar werden, dass sich die beiden Seiten anscheinend gegenseitig verdienen?
Natürlich sollte man wissen, dass Israel mit Unterstützung des Restes der "freien" Welt dort mörderischen Landraub betrieben hat und es letztlich allein den Konflikt ausgelöst hat......

Das Wesentliche an der Grass Story, das ich nirgends geschrieben finde, scheint mir aber eigentlich etwas anderes.
Man hat hier einen Gipfel widerlichster Zusammenarbeit von Politik und Medien erreicht, wie er so noch niemals da war.
Der ganze Mainstream ist zu Grass gleichgeschaltet, alle politischen Parteien auch.
Wer am Morgen nach der Grass Veröffentlichung, zB in der "linksradikalen, antisemitischen" FAZ die Foren las, der konnte lesen, dass nahezu ALLE Beiträge Grass völlig recht gaben.... Sogar mein Kommentar wurde veröffentlicht, eine Seltenheit. Dann aber hat sich wohl ein höherstehender Verlags Angestellter mit den Kommentaren befasst, etwas das wohl gleichzeitig (zufällig?) in allen Medien dann stattfand, und es begann das grosse Reinemachen.
Die Zensur, die wir ja mittlerweile schon gewöhnt sind…

Medien und Politik, arbeiten in diesem Lande zusammen wie noch nie zuvor und versuchen die Bürger zu verdummen, und mit der Zensur anderer Meinungen zum Schweigen zu verdammen. Noch nie konnte man die Widerlichkeit des Mainstream, zB. Spiegel, Bild und Süddeutschen so deutlich beobachten.

Lassen sie es mich mal so sagen: Wenn es sich die deutschen Bürger/Wähler/Steuerzahler widerstandslos gefallen lassen, dass der Umgang mit der Grass Story im Sande verläuft, also dass auch in Zukunft in Punkte Israel es bei Strafandrohung niemand wagen darf die banale Wahrheit auszusprechen, dann verdienen diese Bürger/Wähler/Steuerzahler es auch, dass sie die ganzen Konsquenzen der ja von ihnen legitimierten Kohl/Schröde/Merkel Regierungen zu targen haben.
Und zwar auch künftig sowohl in kriegerischer (Nato-Mitgleidschaft), als auch in finanzieller (ESM) Hinsicht.

blog1 10.04.2012 | 05:33

@ Schlesinger

Ich stimme ihrem Beitrag zu, vor allem weil er ausgewogen und sachlich fundiert ist.

Alles was derzeit darauf hinwirkt, den drohenden Erstschlag Israels zu verhindern, ist der richtige Ansatz. Insofern hat auch der Beitrag von Grass seine Berechtigung, wenngleich ihm die Ausgewogenheit fehlt.

Der Schlüssel zur Lösung der Nahostproblematik liegt in der Frage, ob die Palästinenser einen eigenen Staat zugesprochen bekommen bzw. ob eine friedliche Koexistenz zwischen Palästina und Israel möglich ist. Derzeit wird dies durch radikale Kräfte auf beiden Seiten verhindert.

Zur Frage des Erstschlags nur eine These. Israel kann diesen Erstschlag gegen den Iran nur durchführen, wenn es die USA an seiner Seite hat. Die USA beäugen das Regime des Iran wohl misstrauisch, haben aber primär ein Interesse daran, dass die Ölversorgung im Persischen Golf sichergestellt ist. Käme es also zu einer Blockade der Straße von Hormus, wäre die rote Linie für die USA überschritten. Dies hat Obama bereits erklärt.

Wir dürfen auch nicht übersehen, dass die USA insgeheim darauf hofft, dass sich das Regime im Iran innenpolitisch überlebt, schließlich geht es im Iran um die drittgrößten Öl- und die zweitgrößten Gasreserven der Welt. Oder glaubt irgendjemand daran, dass die USA Krieg gegen den Irak geführt haben, weil es dort Massenvernichtungswaffen vermutet wurden, die im Übrigen nie gefunden wurden. Es gab drei Gründe, warum die USA gegen den Irak Krieg geführt haben: Erstens Superbenzin, zweitens Normalbenzin, drittens Diesel.

Ein Angriff Israels würde die innenpolitische Opposition im Iran zum Erliegen bringen, wäre also in seiner Wirkung kontraproduktiv. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass die amtierende US-Regierung diese Situation nicht genauso einschätzt. Wird also Obama wiedergewählt und das erscheint mir beim derzeitigen Zustand der Republikaner sehr wahrscheinlich, dann kann Netanjahu diesen Erstschlag nicht durchführen, selbst wenn er wollte.

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist die Frage, ob die israelische Regierung auch gegen den Willen der USA einen "Präventivschlag" führt. Militärisch wäre Israel dazu in der Lage, obwohl ich bezweifle, dass die zum Teil tief in den Fels eingegrabenen Atomanlagen durch bunkerbrechende Bomben zerstört werden können. Netanjahu müsste diesen Erstschlag allerdings während der ersten Amtszeit von Obama durchführen, um Obama aus wahltaktischen Erwägungen heraus dazu zu bringen, den Angriff im Nachhinein für gut zu heißen. Ich halte dieses Szenario für eher unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar.

tlacuache 10.04.2012 | 10:24

"bertamberg schrieb am 09.04.2012 um 21:37"
Bertamberg, Sie schreiben langsam von mir ab
(gelbe Karte) ;-)
Nein, im Ernst, wie immer:
"WEM NUTZT ES?"
Es gibt genügend arabische, israelische und andere Waffenhändler, denen ist sowohl Religion als auch ihr Land egal, da geht es um Kohle, und sonst nichts, die sind aber sehr SEHR schlau, die Interessenlage zu ihren Gunsten auszunutzen.

@ hadie:
Danke fuer den Link!

@ schlesinger:
Endlich mal was gescheites zum Thema!
Insbesondere der Hinweis auf ..."verwaltet das Wasser, erhebt die Zölle"...
hat mir sehr gut gefallen.

Einzig zu bekritteln:
Fuer die juengeren Leser hier:
Was ist eigentlich aus Rabin geworden?
..."Rabin nahm am Abend des 4. November 1995 an einer großen Friedenskundgebung auf dem Platz der Könige Israels in Tel Aviv teil. Die Veranstaltung stand unter dem Motto:
„Ja zum Frieden, Nein zur Gewalt“ !!!!!!!!
Jigal Amir, ein jüdischer Fundamentalist und Rechtsextremist, passte den Moment ab, als der Premierminister die Bühne verließ und zu seinem Auto geleitet wurde, und schoss auf ihn. Rabin starb kurz darauf im Hospital"...

5 Sterne schlesinger

schlesinger 10.04.2012 | 12:32

@tlacuache Danke!
Die Büchse der Pandora wurde nach dem Sechstagekrieg geöffnet. Mit dem fulminanten Sieg schien die Verheissung zu Realität geworden zu sein.

Der damalige Premier Eshkol gab den Weg frei für die ersten Siedler (im Westjordanland).
Für Rabin war es im Grunde schon zu spät. Mit Stellungnahmen zu den Siedlern wie der folgenden vor der Knesset unterschrieb er sein Todesurteil

„Ihr seid nicht Teil der israelischen Gemeinschaft. Ihr seid nicht Teil des demokratischen, nationalen Lagers, dem wir alle in diesem Haus angehören, und sehr, sehr viele im Volk verabscheuen Euch. Ihr habt nicht Teil am zionistischen Werk. Das vernunftbegabte Judentum speit Euch aus. Ihr habt Euch außerhalb des jüdischen Rechts gestellt. Ihr seid eine Schmach für den Zionismus und ein Schandfleck für das Judentum.“

bit.ly/IFCSus

goedzak 10.04.2012 | 14:23

xxm, Du unterliegst einem bedauerlichen Irrtum, wenn Du glaubst, es ginge Kuntz Co. um Argumente, um Diskussionen, die ja normalerweise auch zu dem Ende eines Konsenses oder wenigstens gegenseitiger Anerkennung führen könnten. Du kannst ihn noch so nett um Verständnis und Gerechtigkeit bitten, das einzige, was Herr K. u.a. wollen, ist, so selbstgefühlt geniale Wortschöpfungen wie 'linksbraun' hier anzubringen. Wenn die Typen sowas bei weltonline auf anderen derartigen Plattformen posten, ernten sie zwar Beifall, aber das ist doch lange nicht so geil, wie hier in diesem feindlichen Umfeld Welle zu machen.
Du hast nur die Wahl, ihm die Freude zu machen oder nicht.

blog1 10.04.2012 | 16:16

@ tlacuache

Schön wieder etwas von Ihnen zu hören. Das mit den Gasreserven von Iran habe ich bereits angeführt.

Ihre Einschätzung, die Turkmenen betreffend, könnte stimmen, liegt aber im Einflussbereich von Russland.

Die 3 großen Militär- und Atommächte USA, Russland und China werden versuchen, die Welt unter sich aufzuteilen, was den Zugriff auf die Energiereserven betrifft. Künftig wird es auch um die Süßwasserreserven (das blaue Gold) gehen. Hier liegt Russland vorne. Der Baikalsee in Sibirien repräsentiert ca. 20% der gesamten Reserven des sog. Oberflächenwassers.

Ian Bellyn 10.04.2012 | 16:23

Eine wunderbare Darstellung Herr Schlesinger, die Not tat und tut. Besonders Ihre zu Beginn geäußerte Kritik an dem Abdriften auf unzeitgemäße Fragen ist zu befürworten. Besonderes Lob aber verdient Ihr Hinweis darauf, dass jede Debatte, die sich am Vorwurf des "Antisemitismus" im Konfliktfall Israel-Iran abarbeitet, den Konfliktfall selbst aus den Augen verliert und damit sowohl Israel wie den Iran schädigt. Sie selbst benutzen richtigerweise den Begriff "Judenhass". Ich unterstütze diese Herangehensweise sehr und will dies kurz begründen:

Der Antisemitismusbegriff ist ein ca. 150 Jahre alter Begriff. Deswegen ist er zwar nicht grundsätzlich gebrauchsunfähig geworden, aber er bedarf einer dringenden Erneuerung. Diese ist zwar im Gang, nur halt leider noch nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Das Problem des Begriffs ist aber weniger sein Alter, als vielmehr der mit seinem Alter einhergehende Eurozentrismus. Meine These ist: der Antisemitismus in seinem Grund ist die Urangst des Abendlandes vor dem Morgenland (wie sie sich etwa in den Auslassungen eines Sarrazin sehr apodiktisch manifestiert). Diese Urangst hat zunächst nichts im Besonderen mit Juden zu tun. Dass sich aber diese Urangst in Europa auf die Juden rassistisch verengte, ist der Tatsache geschuldet, dass die Juden in Europa als die Repräsentanten des Orients in Europa schlechthin wahrgenommen wurden.
Die faschistische Verfolgung der Juden in Europa mit ihrer Kulmination im Holocaust hatte nun meiner Meinung nach einen gewissermaßen paradoxen Effekt auf die Begriffspraxis: Zum einen den realen Verlust der Verengung des Begriffs auf die Juden im europäischen Bewusstsein, zum anderen aber geradezu die vollständige Versteifung auf eben diese Verengung in der praktischen Anwendung des Begriffs. Denn das, was eigentlich mit dem Antisemitismus bezeichnet werden sollte, hat sich von den Juden als Ihren Repräsentanten im Wesentlichen gelöst. Die Juden werden heute nicht mehr als Repräsentanten des Orients wahrgenommen, im Gegenteil: sie sind viel mehr als wesentliches Fundament der europäischen Kultur im europäischen Bewusstsein verankert, was die besonders in Nazideutschland gültige Synonymie von Antisemitismus und Judenhass aufgehoben hat. Dieses Auseinanderfallen von Antisemitismus und Judenhass wird leider kaum reflektiert, was dazu führt, dass ein absolut eurozentristischer Begriff fälschlicherweise auf den arabischen Judenhass übertragen wird und folglich Ahmadinedschad als Antisemit gilt. Genauso falsch aber ist es auch, den Begriff auf heutige explizit antizionistische bzw. bloße Kritik an der Außenpolitik Israels anzuwenden; denn auch hier handelt es sich – wenn überhaupt – um Judenhass, nicht aber um Antisemitismus. Diesen fälschlichen Gebrauch des Begriffs meine ich, wenn ich von einer vollständigen Versteifung auf die Verengung des Begriffs spreche. Der wahre Antisemitismus, die Angst des Europäers, wird vielmehr offenbar im heutigen Antiislamismus; denn es ist der Islamismus, der als die heutige Bedrohung aus dem Morgenland wahrgenommen wird.

Freilich muss ich nun eingestehen, mit meiner Ausführung keinen Beitrag zur Diskussion des Israel-Iran-Konflikts geleistet zu haben. Aber ich denke, dass meine Ausführung ein Beitrag dazu sein kann, dass die Gefahr des Abdriftens der Diskussion des Israel-Iran-Konflikts durch einen reflektierten Umgang mit den Begriffen verhindert oder zumindest gemindert werden kann. Und als solchen Versuch lese ich auch Ihren Beitrag Herr Schlesinger

Anmerkung zum Schluss: Meine obigen Ausführungen sind der Versuch einer Reflektion eines Begriffes und enthalten keine vorsätzlichen Diskriminierungen. Falls diese dennoch herausgelesen werden, bitte ich darum, sie mir sachlich aufzuzeigen, damit ich mich entsprechend erklären kann bzw. diese entschärfen oder zurücknehmen zu können. Ich nehme an Herr Schlesinger wird es jedoch begrüßen, wenn hier nicht meine These diskutiert wird, sondern sein Beitrag. Auf eine Diskussion werde ich mich also nicht einlassen. Falls Diskussionsbedarf besteht, werde ich entsprechend in Erwägung ziehen, meine These in einem eigenen Beitrag auszuarbeiten, wo sie dann entsprechend diskutiert werden kann. Danke.

Ian Bellyn

schlesinger 10.04.2012 | 18:21

@Ian Bellyn
Danke für die ausführliche Kommentierung!
Eine immerhin interessante These. Genuin Ihre oder stützen Sie sich auf bereits bestehende Thesen? Wobei ich nicht der Meinung bin es müssten immer "große Namen" herhalten, um einer Aussage Gewicht zu verleihen.

Plausibel scheint mir in jedem Fall Ihr Absatz "Dieses Auseinanderfallen von Antisemitismus und Judenhass [...] führt [dazu], dass ein absolut eurozentristischer Begriff fälschlicherweise auf den arabischen Judenhass übertragen wird und folglich Ahmadinedschad als Antisemit gilt."

Wären die iranischen Führer Antisemiten wie wir den Begriff verstehen und vor allem wie der Begriff bei uns historisch belastet ist erginge es den Juden im Iran schlecht. Tut es keineswegs.

tlacuache 10.04.2012 | 18:42

Keine Panik blog1,
das blaue Gold wird demnaechst in verschiedenen Blogs hochaktuell,
aber vorneweg, auch wenn sich schweizerische Schokotrinkhersteller schon in verschiedenen 3. Weltlaendern um's blaue Gold bemuehen, eine Boden-Luft-Rakete kostet bald soviel wie eine kleine Meerentsalzungsanlage, angeblich ist aus Meerwasser Trinkwasser zu machen nur 7 mal so teuer wie aus Suesswasser Trinkwasser.
Diese Problematik bleibt dann Ländern wie China, Indien, Pakistan und dem nahen Osten vorbehalten...
Das uns indirekt sehr wohl betroffen wird...
Gruss
;-)

lyrith 10.04.2012 | 20:16

Sieh mal einer an, man kann die ganze Angelegenheit also auch ziemlich entspannt (na gut, das Wort "entspannt" passt bei dem Thema wohl nicht so ganz) diskutieren und einen echten Erkenntnisgewinn erzielen. Und wie macht der verdienstvolle Herr Schlesinger das? Er sagt einfach, was er weiß und denkt, ohne sich für irgendwas zu entschuldigen, ohne zu behaupten, jemand hindere ihn.

kenua 10.04.2012 | 21:01

Ein allgemeines Prinzip, man sollte es mal in einem eigenen Blog klären: sieht man alles ganz prinzipiell, dann kann man alles und jedem Prädikate wie gewaltsam, eigennützig und sonst noch anhängen.
Um eine Diskussion zu ermöglichen, müssen halbfeine Unterschiede gemacht werden.

Eine halbe Million Palästinenser wurden vertrieben, aus denen sind jetzt 5, glaube ich, geworden.
Die haben Heimweh nach einem Land, das sie nie gesehen haben, und das mehr oder weniger Wüste ist: also haben die einen Schuss.
Aber ihre Väter und Großväter wurden vertrieben.

Ich bin der Meinung, daß Israel Lebensrecht hat, und daß die mir lieber sind als ein radikal-islamistischer Salafistenstaat, den die Palästinenser aufbauen wollen.

Nach dieser Zeit gibt ihnen die Vertreibung nicht diese Rechte, die sie in Anspruch nehmen wollen: ein harter Kern läßt sich nie überzeugen, und die geben keine Ruhe, bis die Fahne Allahs über ganz Palästina weht.
So ergreife ich die Partei Israels, aber die Vertreibung ist eine Tatsache.
Wenn man das ableugnet, wird man so wie die.

ed2murrow 11.04.2012 | 01:06

Lieber Schlesinger,

ich sage es Ihnen ganz offen, gezögert zu haben, den Kommentar abzusetzen. Denn bei aller Berechtigung Ihrer Ausführungen, es gibt da (nota bene: in meiner Wahrnehmung) ein Ungleichgewicht, die ich in Ihrem Blog wahrnehme.

Wir sollten uns dazu einig sein, dass Muhammad Ahmad Hussein nicht nur irgendein Mufti irgendeiner Moschee ist. Husseins Bezeichnung lautet seit 2006 Großmufti von Jerusalem. Er ist damit das religiöse Oberhaupt sämtlicher (sunnitischer) Muslime der Region. Ferner war er nicht nur, sondern ist meines Wissens nach wie vor Imam der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Sie ist das drittwichtigste Heiligtum des sunnitischen Islam.

Nun mag das vielleicht für deutsche Augen, die mit derartiger Symbolik nicht (mehr) sehr vertraut sind, erst recht nicht mit der Einsetzung geistlicher durch weltliche Herren, als ziemlich belanglos erscheinen. Immerhin ist in Europa das, was sich Investiturstreit nennt, schon etwas länger her. Politische Realität in Jerusalem ist aber, dass Hussein durch die PNA eingesetzt wurde, so wie sein Vorgänger seitens der PLO. Dieses ganze politische Machtgefüge ist darüber hinaus religiös durch die Rolle der Moschee überfrachtet, die nicht nur des Anlasses wegen (Sharon), sondern wegen der Bedeutung als heilige Stätte Namensgeberin für die 2., die al-Aqsa-Intifada war.

Die Verschärfung des Tons Husseins, der eigentlich als Moderater als Ersatz für den seines Amtes enthobenen Ekrima Sa'id Sabri eingesetzt wurde, deutet daher mit einiger Wahrscheinlichkeit auf eine Verschärfung des Machtkampfes zwischen Hamas und PNA hin, bei der naturgemäß die Moschee und die religiöse Führung, wollten wir das Obige als richtig voraussetzen, eine eminent wichtige Rolle spielen. Dass der Ausspruch auf einem „Fest der Fatah“ fiel, würde sodann auf Bündniskonstellationen hinweisen. Im Gegensatz zu Ihnen gelange ich also zu der genau umgekehrten Schlussfolgerung: Nicht Hussein hat „seine Worte selbst zu verantworten“. Und ich meine auch, dass dies trotz der „innerpalästinensischen Aussöhnung“ noch lange nicht tempi passati sind, auch wenn man Ihren Schilderungen entnehmen könnte, es handele sich hier um ein isoliertes Ereignis.

Eine letzte Bemerkung: Diese Radikalität, die darin liegen mag, zum innenpolitischen Machtkampf die Radikalisierung gegenüber Juden zum Vehikel zu machen, steht meiner Auffassung nicht im Kontrast zum Zionismus. Der Zionismus sieht einen Staat der Juden, nicht einen jüdischen Staat vor. Das ist der wesentliche Unterschied, der zu beachten wäre. Denn die Radikalisierung wäre vor allem dort zu verorten, wo der jüdische Staat gefordert wird, in der Ultraorthodoxie. Sie wäre also als das Spiegelbild zu den Äußerungen Husseins zu benennen.

Beste Grüße, e2m

schlesinger 11.04.2012 | 10:39

@ed2morrow
Sehr schöne Ergänzung! Natürlich hat die Position Hussein's eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Ihrem ersten Teil stimme ich daher rundweg zu und sehe es insofern nicht als Widerspruch, als ich durchaus sagen wollte, dass radikale Stimmen nichts Ungewöhnliches sind und sie im Kräftespiel auch gezielt genutzt werden. Ähnliches ist ja auch auf israelischer Seite zu beobachten: Solangte es die radiaklen Siedler und die extreme Hügeljugend gibt, kann sich Netanjahu mit gewisser Berechtigung als Moderater verkaufen. Das ist eine gängige Taktik.

Ihren zweiten Teil lese ich als nicht zwingende, aber immerhin mögliche und jedenfalls interessante Hypothese!
Nochmals vielen Dank für den konstruktiven Beitrag, wie übrigens alle hier. Bemerkenswert, bei diesem Thema.

schlesinger 11.04.2012 | 10:50

Nachtrag ed2morrow
Ihr "Der Zionismus sieht einen Staat der Juden, nicht einen jüdischen Staat vor" würde ich nicht zu sehr strapazieren. Viele zionistische Vordenker haben durchaus an einen explizit jüdischen Staat gedacht, als es um die Gründung einer Heimstätte ging. Man war sich auch damals bewußt, dass man ein demographisches Problem haben wird. Heute, mit Netanjahus Forderung nach Anerkennung eines "jüdischen Staates" ist das nur pointierter.

schlesinger 11.04.2012 | 13:22

@lebowski Ihr Einwand hat seine Berechtigung.

Man könnte das natürlich verstärken und darauf verweisen dass mit dem UN Beschluss 181 vom Nov. 1947 die Gründung Israels höchst rechtmäßig vonstatten ging.

Nur: Für die Moderne recht ungewöhnlich und aufgrund der Dimension besonders unrechtmäßig war die damit verbundene Vertreibung von 4/5 der ansässigen Bevölkerung, die nicht, wie die isr. Propaganda behauptete einfach nur gegangen ist oder von ihren Führern dazu aufgefordert wurde.

schlesinger 11.04.2012 | 13:39

@kenua
Dass die Palästinenser (welche: in der Westbank, in Gaza, oder die Millionen Flüchtlinge außerhalb Palästinas?) einen salafitischen Staat aufbauen wollen, ist neu. Hamas ist fundamentalistisch, und das auf eine Weise, dass ihr (in Gaza) zunehmend die Unterstützung entzogen wird.

Ihr "ein harter Kern läßt sich nie überzeugen, und die geben keine Ruhe, bis die Fahne Allahs über ganz Palästina weht." lässt sich prima übersetzen in "ein harter zionistischer Kern läßt sich nie überzeugen, und die geben keine Ruhe, bis die Fahne Israels über ganz Palästina weht", das sind Gesinnungsträger, um es mit Amos Oz zu fomulieren "Hamas mit Kippa"...

Inzwischen ist es aber beinahe müßig über 2 Staaten zu sprechen, denn das wird nicht mehr geschehen.

ed2murrow 11.04.2012 | 14:11

Eine kurze, abschließende Replik, lieber Schlesinger:

„Ihr "Der Zionismus sieht einen Staat der Juden, nicht einen jüdischen Staat vor" würde ich nicht zu sehr strapazieren“

wäre richtig, gäbe es nicht die jüngsten Äußerungen Marcel Reich-Ranickis einerseits und Grossers andererseits, die -konträr- genau auf dieses Verständnisproblem hinweisen. Aber Sie haben insoweit recht, als eine Diskussion um die Ambivalenz von „Zionismus“ tatsächlich das zu verdecken geeignet wäre, was der Kern der Aussage Husseins ist: Der Tod aller Juden.

In der Hinsicht waren die Parolen des vormaligen Vordenkers und Warlord in Afghanistan, der in Pakistan sein Ende fand, geradezu moderat. Er hatte die andere Religion, die der Christen, immerhin aufgeteilt in Kreuzfahrer und Nicht.

lebowski 11.04.2012 | 14:24

Da streiten sich die Gelehrten. Es gibt Israel-Freunde, die behaupten, die arabische Bevölkerung wurde von den anrückenden arabischen Streitkräften 1947 dazu aufgefordert, das Kriegsgebiet- sprich Israel- zu verlassen, damit die Streikräfte freie Hand hätten.

Eine andere Frage, auf die ich schon mal eine Antwort finden wollte, ist, wie sah eigentlich die Bevölkerung aus, als Israel noch nicht existierte und nur eine tote Ecke im osmanischen Reich war.
Da ist die Quellenlage etwas dünn.
Aus einzelnen Fundstücken im Internet habe ich das so rekonstruiert, dass die arabischstämmige Urbevölkerung im 19. Jahrhundert im wesentlichen aus Fellachen bestand. Die Palästinenser bestehen im wesentlichen aus zugewanderten Arabern aus anderen Regionen, die vom Wirtschaftsaufschwung im "israelischen" Gebiet profitieren wollten.

Aber ich lasse mich da gerne eines besseren belehrten, wenn jemand einen guten Link hat.

Tatsache ist aber, dass Staatsgründungen immer mit Gewalt verbunden waren.
Während also der israelische Unabhängigkeitskrieg ca. 20.000 Todesopfer forderte, gab es bspw. bei der Spaltung zwischen Indien und Pakistan laut Wikipedia 750.000 Todesopfer.

lebowski 11.04.2012 | 14:29

@Schlesinger

"Nur: Für die Moderne recht ungewöhnlich und aufgrund der Dimension besonders unrechtmäßig war die damit verbundene Vertreibung von 4/5 der ansässigen Bevölkerung, die nicht, wie die isr. Propaganda behauptete einfach nur gegangen ist oder von ihren Führern dazu aufgefordert wurde."

Tatsache ist , dass Staatsgründungen immer mit Gewalt verbunden waren.
Während also der israelische Unabhängigkeitskrieg ca. 20.000 Todesopfer forderte und es ca. 750.000 Vertriebene gab, gab es bspw. bei der Spaltung zwischen Indien und Pakistan laut Wikipedia 750.000 Todesopfer.
Im übrigen wurde im Zuge der israelischen Staatsgründung natürlich nicht nur Araber aus Israel vertrieben sondern umgekehrt genauso Juden aus arabischen Ländern. Und der große Unterschied besteht eben darin, wie die jeweiligen Seite mit ihren Flüchtlingen umgegangen ist.

schlesinger 11.04.2012 | 14:31

Selbstkritik: Möglicherweise gibt es ein problem mit dem Video. Ich habe es als das erst beste mit radikalem Inhalt genommen. Davon gibt es zweifellos genügend. Habe auch versucht die Zuverlässigkeit zu prüfen, aber im Netz war weit und breit nichts zu finden.
Eine mit der Region und Nahostpolitik vertraute Bekannte gab zu bedenken:

das problem ist: mit diesem video hast du möglicherweise ein untaugliches beispiel für das gewählt, was du zeigen wolltest. – ich weiß dazu nur: die israelische botschaft hat dieses jahr dieses video in umlauf gebracht und hat damit politik gemacht. die rede selbst kennen wir hier nicht. wann diese unbekannte rede wirklich gehalten wurde, wissen wir auch nicht. dein wiki link besagt, dies sei am 5.1.2011 gewesen. wie dieser 5.1. zum 47 jahrestag der gründung von fatah passen soll, das wissen die götter! das gleiche gilt für den 5.1.2012. was der mufti dazu gesagt hat, wissen wir nur aus der israelischen presse. was er womöglich woanders gesagt hat, wissen wir nicht. dass er mit einleitung eines ermittlungsverfahrens auf allerhöchste anweisung hin nichts mehr dazu sagt, finde ich nachvollziehbar. das gehört nämlich in eine sog. schutzschrift, nicht unvollständig zitiert in die presse.
das video ‘spielt’ mit dem namen, dem titel und dem hadith – dazu fällt bekanntlich jedem das entsprechende ein. unterstützt durch die ‘begrüßung’, in der es mir nicht gelungen ist, die affen und schweine zu hören. kann sein, dieses koran-zitat wurde gesagt, kann sein auch nicht. – ich hätte es, sach ha’kol, besser gefunden, die hättest ein anderes beispiel für arabischen/palästinensischen/muslimischen judenhass genommen.

Sollte sich hieraus etwas ergeben, werde ich darüber berichten.

schlesinger 12.04.2012 | 00:11

@lebowski
Der Unabhängigkeitskampf Indiens mit der damit verbundenen Spaltung - ich bin hier nicht sonderlich bewandert - hatte ich bislang als genuinen Bürgerkrieg betrachtet. Falls das zutrifft wäre es gar nicht vergleichbar mit den Auseinandersetzung in Palästina im Vorfeld und während der Staatsgründung.

Wirklich kritisch wird es beim Punkt "Vertreibung von Juden aus arabischen Ländern".

Hier fehlt es noch erheblich an Aufklärung, da man diesen Punkt im Westen als gegeben ansieht. Weit gefehlt.

Die britische Publizistin jüdischer Herkunft Rachel Shabi hat in ihrem aktuellen Werk "Not the enemy - the story of israels jews from arab lands" den Nachweis erbracht, dass ein Gutteil der sogenannten Vertreibung dadurch zustande kam, dass der zionistische Untergrund und deren politische Führung teils propagandistische, teils terroristische Methoden anwandten, um die Juden aus den arabischen Ländern zur Emigration zu bewegen - bis hin zu Bombenanschlägen, die aussehen sollten als seien sie von arabischer Hand erfolgt.

schlesinger 12.04.2012 | 00:29

@lebowski
Sie sprechen gute, wichtige Punkte an!

"Da streiten sich die Gelehrten. Es gibt Israel-Freunde, die behaupten, die arabische Bevölkerung wurde von den anrückenden arabischen Streitkräften 1947 dazu aufgefordert, das Kriegsgebiet- sprich Israel- zu verlassen, damit die Streikräfte freie Hand hätten."

Nein. Die Gelehrten streiten sich hier gar nicht. Es gibt keinen einzigen Nachweis, dass solche Aufforderungen durch arabische Führer ergingen.

Das Gegenteil trifft zu:
In den Fünfziger Jahren, also kurz nach dem sog. Unabhängigkeitskrieg, ging der seinerzeit sehr bekannte britische Journalist Erskine Childers nach Palästina / Israel, um u.a. dieser Sache nachzugehen. Nach langer Recherche kam er zum Schluß: "There was not a single order, or appeal, or suggestion about evacuation from Palestine from any arab radio station, inside or outside Palestine, in 1948. There is repeated monitored record of Arab appeals, even flat orders, to stay put." (cit. David Gilmour, Dispossessed, S. 68)

Was die "arabischstämmige Urbevölkerung" anbelangt wird es ein wenig schwieriger. Im Grunde muss man in die vorbiblischen Zeiten zurück, um festzustellen, dass es eine gehörige Menge an Stämmen gab (Kanaaiten, Hetither, Philister, Jebusiten, Girgashiten, Amoriten...) zu denen dann die Hebräaer stießen. Alle lebten beeinander, vermischten sich auch. Aber das führt leider wirklich zu weit. Nur kurz: "Die Israelis" so wie man es heute gerne darstellt, hat es damals nie gegeben (Leseempfehlung: David und Salomo, Archäologen entschlüsseln einen Mythos, v. Israel Finkelstein und Neil Silberman).

Dann waren nach den Griechen und Römern rund ~ 1300 Jahre lang die Araber [verschiedener Herkunft] als dominierende Gruppe in der Region, was bei nüchterner Betrachtung klar machen sollte warum sie recht uneinsichtig sind bei der Behauptung Palästina sei genuin jüdisch.

lebowski 12.04.2012 | 13:52

Sorry Schlesinger, eigentlich ist nur der zweite Kommentar "offiziell". Das Problem beim Kommentieren auf der Freitag-Plattform ist, dass eine Reaktion auf abgeschickte Kommentare so lange dauert, dass man oft nicht weiß, ob ein Kommmentar angekommen ist oder nicht. Und so kommt es dann zu Doppelkommentierungen.
In diesem Sinn bitte ich Sie, den ersten Kommentar zu ignorieren.

Zu Ihren Argumenten:

Man kann auch die pakistanische und indische Staatsgründung mit der israelischen vergleichen. Zwei Bevölkerungsgruppen, die sich entlang religiöser Konfliktlinien auseinanderdividieren.

Das Buch der Journalistin kenne ich nicht. Ich werde es mir bei Gelegenheit zu Gemüte führen.
Ich mag allerdings generell nicht glauben, dass sich die Lage genau umgekehrt darstellt, wie sie normalerweise betrachtet wird: also die Araber wurden vertrieben, während die Juden durch jüdischen Terror nach Israel genötigt wurden. So einfach kommen Sie dann doch nicht davon.

en.wikipedia.org/wiki/Jews_outside_Europe_under_Nazi_occupation

Es gab noch in den Vierziger Jahren bedeutzende jüdische Gemeinden in der arabischen Welt. Die sollen alle durch aktionen jüdischer Terroristen und Propaganda nach Israel gedrängt worden sein? Never ever!

"was bei nüchterner Betrachtung klar machen sollte warum sie recht uneinsichtig sind bei der Behauptung Palästina sei genuin jüdisch."

Das steht nirgendwo in meinen Kommentaren.
Aber die Juden leben genauso lange in Arabien wie die Araber. Es geht also nicht darum, ob Palästina genuin jüdisch ist, sondern ob es genuin arabisch ist. Und das ist es eben nicht!
Die Juden haben genauso Anspruch auf eigenen Staat wie die Araber. Und man kann es ihnen nicht vorwerfen (und also Deutscher schon mal gar nicht), dass sie in den nachkolonialen Wirren und nach dem Holocaust die Chance auf einen eigenen Staat ergriffen haben.

schlesinger 12.04.2012 | 15:02

@lebowski
Ja, das alte Problem mit den Doppelkommentierungen. Scheint der FREITAG ebensowenig in den Griff zu bekommen wie den Umstand dass er die wohl mit Abstand langsamste Online-Zeitung der Welt ist (bezogen auf Aufrufzeiten).

Zu Ihren Hinweisen.
Wenn die Hauptursache der Trennung in Indien / Pakistan religiöser Art ist (das habe ich so in Erinnerung) trifft das in Palästina gerade nicht zu. Es geht zwar um einen jüdischen Staat Israel, aber dabei steht die Hoheit über das Territorium im Vordergrund, nicht die Religion. Es ist kein Religionsstreit, sondern ein Territorialstreit.

Meine Hinweise auf die Erkenntnisse von Rahel Shabi zum Stichwort "mutmaßliche Vertreibung von Juden aus arab. Ländern" sollte eine Korrektur zur bisher einseitigen und in Teilen nachweislich propagandistischen Darstellung sein. Daher auch die Formulierung "ein Gutteil", und nicht: "ausschliesslich".

Mein Satz "was bei nüchterner Betrachtung klar machen sollte warum sie recht uneinsichtig sind bei der Behauptung Palästina sei genuin jüdisch" hat mit dem "sie" nicht Sie zitiert :-) Mit "sie" waren die Araber gemeint.

Was den historischen Anspruch auf das Land anbelangt (den ich eher ungern strapaziere) sieht es in der Abfolge objektiv so aus, dass die Araber verschiedener Herkunft ab Mohammeds Zeiten ~ 630 n.C. bis 1948 ( ~ 1300 Jahre lang) die mit weitem Abstand dominierende Bevölkerung war. Deswegen sind die Araber "recht uneinsichtig bei der Behauptung Palästina sei genuin jüdisch". Scheint mir sehr nachvollziehbar, nach 1300 Jahren.
Ein britischer Journalist schrieb mal in Bezug auf die jüdischen Verweise auf die alte Heimat: Mit demselben Anspruch könnten die Amerikaner England übernehmen, weil sie dort früher gelebt haben.
Das Problem der jüdischen Immigration der neueren Zeit bestand nicht in der Immigration an sich, sondern darin dass für alle Beobachter klar war, dass es auf eine Inbesitznahme hinauslaufen würde. Und das war von den Zionisten ganz klar so gedacht. Insofern kann man sich über den arabischen Widerstand nicht wundern.

Ich halte es mit dem Satz von Amos Oz: Ein Ertrinkender (=die Juden im und nach dem Holocaust) hat jedes Recht sich auf den rettenden Baum zu flüchten, auch wenn bereits einer darauf sitzt. Nur darf er ihn nicht herunter stoßen. Genau das aber wurde und wird versucht.

Zum Grundverständnis unbedingt das Strategiepapier "Die eiserne Mauer" des äußerst einflußreichen Zionisten V. Jabotinsky lesen (www.transatlantikblog.de/jabotinsky-iron-wall/).

Die eindrücklichsten Hinweise, wie berechnend und in welchem arroganten Kolonialherrenstil die damaligen Zionisten agierten stammen nicht aus der Feder irgendwelcher Publizisten oder böswilligen Kommentatoren, sondern von den Zionisten selbst.

Dieses Vorgehen und der unterlassene jüdisch-israelische Versuch eines gütlichen Miteinander kann und muss man den israelischen Staatsgründern sehr wohl vorwerfen. Dasselbe gilt für die Besiedlung der Westbank.

Peleo 13.04.2012 | 00:47

Schon die Verwendung des eindeutigen Begriffs "Judenhass" anstelle des unklaren "Antisemitismus" sorgt für gedankliche Klarheit und ist deshalb ein Verdienst, Herr Schlesinger.

Die Diskussion hier ist eine Wohltat im Vergleich zu anderen.

Ein Gesichtspunkt kommt m. E. aber auch hier zu kurz. Die Unterscheidung zwischen dem israelischen Volk und der Regierung, auf die Grass sich herauszureden versucht, geht ins Leere. Natanjahu hat die Unterstützung der Mehrheit der Wähler, Schlesinger hat darauf hingewiesen. Alles rechtsextreme Nationalisten und Rassisten? Ist der Grund nicht vielmehr die in Israel täglich erlebte Bedrohung durch Hamas und Hisbollah? Die ja vom Iran unterstützt werden - nicht nur mit Worten. Hier schließt sich der Kreis zum Konflikt mit dem Iran. Weder Günter Grass noch seine Anhänger verlieren darüber auch nur ein Wort. Wie sehen Sie das, Herr Schlesinger?

schlesinger 13.04.2012 | 01:35

@Peleo
"Alles rechtsextreme Nationalisten und Rassisten? Ist der Grund nicht vielmehr die in Israel täglich erlebte Bedrohung durch Hamas und Hisbollah?"

Nein, ganz bestimmt sind es nicht alles Rechte oder Rassisten. Man sollte sehen dass es auch in Israel einen medialen mainstream gibt.

Die liberale, kritikfähige "Haaretz" ist zwar eine große Zeitung, gibt aber beileibe nicht den Ton an. Der wird von den konservativen Blättern wie Jerusalem Post, Yedioth Aharonot oder Maariv gemacht, von anderen Postillen nicht zu reden. Wer nun von Zeitungen, Fernsehen und fast allen maßgeblichen Politikern ohne Unterlaß gesagt bekommt wie friedensunwillig die Palästinenser sind, der müßte ein Heiliger sein um unbeeindruckt zu bleiben. Ich habe letztes Jahr in Israel von mehreren Leuten Äußerungen über Palästinenser gehört, die weit jenseits politischer Abneigung anzusiedeln sind, um es neutral zu sagen.

Und dennoch wäre es fatal, über die ganz realen Ängste und Sorgen der Menschen in Israel hinweg zu gehen. Ein Einschlag einer Qassam ist ein Einschlag einer Qassam, es gibt Tote und Verletzte, die Kinder bekommen Angstattacken, man verliert die Sicherheit eines normalen Lebens.

Politische Opportunisten wie Außenminister Liebermann und der radikale Teil der Siedlerbewegung, aber auch Netanjahu schlagen Kapital aus diesen Ängsten.

Die beinahe nicht oder nicht mehr mögliche Herkulesaufgabe besteht auf beiden Seiten darin anzuerkennen wie viel Leid alle Beteiligten schon erfahren haben. Eine Art Versöhnungskommission wie in Südafrika. Israel müsste sofort mit den Siedlungen aufhören, aber schon ab hier wird es illusorisch, obwohl noch mehr zu leisten wäre...
Ich fürchte, es kommt zu einem schlimmen Ende, und dazu braucht es keinen Iran.

Oberham 13.04.2012 | 11:28

Definiere Wahn!
"Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.»

Grass und wir alle vergessen, dass ohne die Freundschaft und die Gesundheit von vielen Menschen, uns schon längst nicht mehr zu helfen wäre!

In Israel gibt es Freundschaften zwischen Juden und Moslems, zwischen Israelis und Palästinensern.

Im Iran gibt es Millionen die Juden nicht hassen!

Auf diesem Planeten gibt es Milliarden die werden Antisemiten noch Fundamentalisten - welcher wahnhaften Art auch immer sind.

Doch der Wahn hat die Welt okkopiert - nicht nur jene Region - wir alle versuchen uns täglich mehr oder weniger gegen ihn zu stemmen und das Leben zu erhalten - sowohl das unsere, als auch jenes unserer Kinder und unserer Mitmenschen - manche von uns mehr, manche weniger - ganz wenige sind ein Teil des Wahns - leider oftmals an prominenter Stelle wuchernd - mag sein, dass der normale, gesunde Mensch viel zu viel gegen den täglichen Wahn ankämpft, als dass er je die Chance hätte, dorhin zu gelangen und mit Vernunft eine andere Welt zu gestalten.

Vielleicht wäre es viel besser wir würden hier über die tapferen alltäglichen Taten normaler Menschen bloggen, als uns ständig über die Facetten des Wahns auszutauschen, den wir damit als eine Art Naturgesetz akzeptieren und an seine Absenz gar nicht mehr glauben wollen, als sei jede Hoffnung ohnehin schon gestorben.

Peleo 13.04.2012 | 11:52

Danke für Ihre Antwort. Im "linken" Spektrum hier werden die Quassams ja oft als "Silvester-Raketen" verharmlost.

Die Unehrlichkeit in der Siedlungsfrage ist wohl ein Knackpunkt und wird zur Gefahr für Israel selbst. Nun kann man sagen: Die Bürger haben sie gewählt, sind also für die Folgen verantwortlich.
Hätte es die Bomben in Diskotheken und Linienbussen nicht gegeben, gäbe es auch diese Regierung nicht und nicht die Mauer. Hier bei uns redet davon niemand mehr, in Israel vergisst man das nicht.

Auch wenn die Rede von A. nicht korrekt übersetzt sein sollte: Hisbollah und Hamas werden solch feinsinnig-semantische Unterscheidungen wohl nicht interessieren. Mit Raketen aus Iran ist die Bedrohung für Israel auch dann real, wenn Iran selbst nicht tätig wird. Wären diese Ängste weg, könnte auch niemand daraus Kapital schlagen.

Gilt allerdings auch umgekehrt: Wäre die Unterstützung für die Siedler und die Besatzungspolitik weg, könnten Israelkritiker/-gegner/-hasser auch daraus kein Kapital schlagen.

Es gibt leider Anlass für Ihren Pessimismus.

schlesinger 13.04.2012 | 16:40

@Oberham: Ein schöner Hinweis. Gäbe es nur den Wahn, die große Politik, wäre es wohl gar nicht zum Aushalten. "In Israel gibt es Freundschaften zwischen Juden und Moslems, zwischen Israelis und Palästinensern." Leider immer weniger. Z.B.

Nearly half of Israel's high school students do not believe that Israeli-Arabs are entitled to the same rights as Jews in Israel, according to the results of a new survey released yesterday. The same poll revealed that more than half the students would deny Arabs the right to be elected to the Knesset. bit.ly/9GXE3r

schlesinger 13.04.2012 | 16:54

@Peleo
Die Rede(n) Ahmadinejads mögen zum Teil falsch übersetzt worden sein, und man tut gut daran zu fragen warum das so ist, aber zur selben Zeit hat man meines Erachtens kein Recht, die Sorgen der israelischen Bürger beiseite zu wischen: bit.ly/IJrMtK
Die Regierung Netanjahu wiederum hat kein Recht aus einer potentiellen Gefahr eine Kriegshysterie zu schüren.

Mit den Selbstmorattentaten ist es eine merkwürdige Sache: Ein Teil wurde Anfang der Neunziger von der Hamas und dem Islamischen Jihad deswegen verübt, um den Madrider bzw. Oslo Friedensprozess zu unterminieren. Ein anderer Teil wurde verübt, weil man hochgradig frustriert war, dass sich in den Palästinensergebieten ab Beginn des Prozesses alles verschlechterte: Die wirtschaftl. Situation, die rasante zunahme der Siedlungen, das Ausbleiben der zugesicherten Rückzüge der Armee. Man wollte den Oslo-Prozess, aber sozusagen den richtigen... Aus Sicht der Israelis war beides freilich derselbe Terror und niemand interessierte sich für Motive. Auch nachvollziehbar.

Peleo 13.04.2012 | 21:11

@ Schachnerin

Auch wenn Ihre Frage rhetorischer Natur ist: Ich weiß, dass es sich überwiegend um religiösen Fundamentalisten handelt, die glauben, von Gott ein Recht auf das Land zu haben. Politisch gesehen also Verrückte. Darunter auch welche, die völkerrechtlich argumentieren: Israel als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches. Auch nicht ernst zu nehmen.

Allerdings kann sich keine israelische Regierung über sie hinwegsetzen, selbst wenn sie es wollte. Die derzeitige will nicht einmal, im Gegenteil. Weiß ich auch.

Ob die jüdischen Fanatiker eine größere Gefahr für Israel sind als die äußeren Feinde, ist eine offen Frage.

Für mich ist auch offen, was Sie mit Ihrer Frage bezweckt haben.

Oberham 14.04.2012 | 01:07

@schlesinger: Hm - persönlich ist für mich das hypermaterialtisitsche Denken der Wurzelwahn und die Politik nur ein Vehicel - eine Facette des Wahns.
Es wurde ja hier von vielen schon angesprochen, dass die Israelische Regierung demokratisch gewählt wurde etc. etc. -
auch das von ihnen genannte Resultat einer Befragung stimmt sicher nicht hoffnungsvoll.

Dennoch - existiert noch eine kleine Dosis Restsolidarität unter den Menschen - ganz unabhängig von Herkunft und Rasse - die natürliche Veranlagung wäre empathisches Verhalten mit alltruistischen Grundzielen - die anerzogene ist empathisches Verhalten mit egoistischen Grundzielen - bilde dich aus, damit du gewinnst.

Rassismus, Nationalismus, religiöser oder politisch-ideologischer Fundamentalismus sind Spielarten, taktische Varianten, man könnte auch sagen Ornamente der Soziodynamik des Wahns.

Sitzen wir am Abend mit Freunden rund um ein Lagerfeuer am Strand oder im Garten oder in der Stube, harmonisch parlieren wir über ein erbauliches Thema - Kunst, Liebe, gemeinsame Abenteuer kurz das Leben (ich gehöre einer Generation an, die unglaubliches Glück hatte, was Zeit und Ort der Geburt angeht.... - ja - wir haben die Freiheit den Wahn zu ignorieren - doch - das führt jetzt immer weiter weg - .....)
ergibt sich ein Bild - wo man den Wahn kaum erkennt.

Blicken sie jedoch in ein Parlament, kann ich den Wahn aus den Bewegungen, den Blicken, den Gesten der dort agierenden Zombies entlarven - sie werden kaum ein ehrliches Wort, kaum eine natürliche Sekunde gefühlten Lebens dort beobachten, sondern den Wahn als groteske Inszenierung einer grauenhaften Gruppe erwählter Menschen - nur - es ist unser aller Wahn, der diese Gruppen formt.

Ich akzeptierte auch: Wahn ist Pragmatismus!

Gerade wir hier, die wir in einem freien Land leben, können uns nicht darauf hinausreden, dass wir Kompromisse eingehen müssten, dass pragmatisches Handeln alleine verantwortungsbewußt wäre!

Ja Freiheit bedeutet Verantwortung!
Die Verantwortung kompromisslos den Wahn zu bekämpfen und nicht nur am Abend in der Stube mit den Liebsten ein Mensch zu sein, sondern auch unter Tage bei der Arbeit - doch dort werden die meisten von uns zu Komplizen der Unmenschen - kurz des Wahns!

Bildungswirt 14.04.2012 | 20:23

Hallo Schlesinger,
gut recherchiert, solide in der Argumentation, brillant!
Grass soll mit großem Aufschrei in eine Ecke gepanscht werden, wo er einfach nicht hingehört. (Und die SPD-Spitze hat nichts Wichtigeres im vorauseilenden Gehorsam zu sagen als dass man auf den bewährten Wahlkämpfer Grass in Zukunft verzichten wolle. Peinlich.)
LG Bildungswirt

weinsztein 15.04.2012 | 06:02

Lieber @Schlesinger,

von Anfang an verfolge ich Ihren Blog.

Mit Sachkenntnis und vielen nachgereichten Argumenten im Diskussionsverlauf tragen Sie dazu bei, die FC von grotem Bloggequatsche und entsprechenden Kommentaren wegzuführen und zu zivilisieren.

Über den Kampf um Öl, Gas @ so, über damit zusammenhängende Hegemoniebestrebungen, über bisherige wie zukünftige Nahostpolizisten sollten wir hier demnächst reden.
Tut mir leid, ich lenke ab.

Danke, Schlesinger!

Free World 15.04.2012 | 15:05

"@C Leusch
Vielen Dank. Auch für Ihre Ergänzungen: In Ihrem "nur durch Druck von Außen" scheint mir ein wesentlicher Punkt zu liegen. Wer außer den USA könnte diesen Druck aufbauen? Offenbar niemand."

mag ja sein aber mit verlaub, erwartet man nicht von einem land - in dem fall einer weltmacht - mit interessen in allen möglichen regionen dieser welt, die zu dem durchaus widersprüchlich sein können und immer auch ein teil der nationalen innenpolitik dieses landes ist nicht ein wenig zu viel? zuviel altruismus?

nein, die aussage "nur durch Druck von Außen" ist am ende des tages sowohl völlig falsch als auch eine nebelkerze, die verhindert, dass sich alle jene an einen tisch zu setzen haben, die vor ort vor der direkten und eigenen haustüre dafür zu sorgen haben, das ihre jeweiligen, eigenen fundamentalisten in die schranken zu weisen sind, das ständige zündeln in welcher form auch immer dieser i.d.r herren zu beenden ist und man sich firedlich nebeneinander zu verständigen willens, bereit, in der lage zeigt. das kann a: NUR von innen kommen und b: MUSS den "Druck von Außen" versuchen in grenzen zu halten. auch gegen eine weltmacht.

schlesinger 15.04.2012 | 19:43

@Oberham 23:07

"Rassismus, Nationalismus, religiöser oder politisch-ideologischer Fundamentalismus sind Spielarten, taktische Varianten, man könnte auch sagen Ornamente der Soziodynamik des Wahns."

Gar nicht schlecht :-)

Was soll man sagen? all the world is a stage and were are merely players (Shakespeare),oder Nietzsches spielendes Weltenkind, das die Welt ständig aufbaut, um sie mit großer Lust wieder zu zerstören, oder (war es B. Pascal?) "Was der Mensch ist und was er sein soll, das passt ja wohl nicht immer". Oder noch trockener, in den Worten meines ehem. Soziologie Professors "Acuh wenn Ihnen das nicht gefällt meine Herren, im Grunde geht es immer nur um Macht, bei Ihnen zuhause, im Fußballclub und in der Regierung."
Was bleibt ist demnach kämpfen, gestützt durch Blochs Appell an die Hoffnung.

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Ehemaliger Nutzer 15.04.2012 | 21:03

@ schlesinger

>Rabin wollte sich nicht beirren lassen:

Man muss so hart gegen die Terroristen vorgehen, als gäbe es keine Verhandlungen und man muss die Verhandlungen so weiter führen, als gäbe es keine Terroristen.

Diese kluge Einsicht wird seit langem ignoriert. Radikale wird es auf beiden Seiten geben, bis zum Ende aller Tage. Wer seine Politik davon bestimmen läßt macht sich zur Geisel der Fundamentalisten.

Meinen herzlichen Dank an Sie , für das Zitat von Rabin und Ihre Worte, lieber schlesinger .

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omakruse 16.04.2012 | 00:27

Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Hadsch Hussaini und Günter Grass. Günter Grass war nur ein ganz einfacher kleiner SS-Mann. Hussaini war SS-Gruppenführer, das entspricht einem Zwei-Sterne-General!

Machen sie sich doch einfach mal die Mühe, wenigstens den Wikipedia-Eintrag zu lesen, oder besser noch, besorgen Sie sich ein Buch von Jeffrey Herf, dann brauchen Sie hier nicht mehr solchen verharmlosenden Unsinn zu veröffentlichen.