Israelische Kriegsverbrechen? Na und?

Ein Sack Reis in China Wie eine Frau auf Facebook die Vergewaltigung und Tötung eines Mädchen durch Soldaten so interessant findet wie einen umgefallenen Sack Reis in China.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Obwohl israelische Soldaten während der Unruhen am Gazastreifen in den vergangenen Wochen von ihren bequemen Positionen hinter dem gut gesicherten Grenzzaun Palästinenser gezielt getötet haben, haben Premierminister Netanjahuund sein rechtsradikaler Außenminister Lieberman wieder von ihrer „most moral army“ geschwafelt.

Es gibt viele, nein: sehr viele, nein: unzählige gut dokumentierte Berichte über Kriegsverbrechen- und Völkerrechtsvergehen der israelischen Armee seit ihrer Gründung im Jahr 1948.

Um an einem drastischen Beispiel zu zeigen, wie absurd die Formulierung „most moral army“ ist, habe ich einen Bericht der israelischen Tageszeitung Haaretz aus dem Jahr 2003 zusammengefasst. Der Aufhänger der Haaretz lautete:

Neu veröffentlichte Dokumente von Haaretz schildern die lange verborgen gebliebene Geschichte von etwas, das [Staatsgründer] Ben-Gurion eine „entsetzliche Grausamkeit“ nannte: Im August 1949 nahm eine IDF-Einheit ein Beduinenmädchen gefangen, hielt sie in einem Negev-Außenposten fest, vergewaltigt sie, richtete sie anschliessend auf Befehl des kommandieren Offiziers hin, und verscharrte sie in einer Grube in der Wüste. Zwanzig Soldaten, die an der Episode beteiligt waren, einschließlich des kommandieren Offiziers, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und ins Gefängnis gebracht.*

Dieser Vorgang fand demnach zu einer Zeit statt, in der die junge israelische Armee schon „Erfahrungen“ gesammelt hat mit der hundert tausendfachen Vertreibung von Arabern aus Palästina.

Den Bericht kannte ich noch nicht und war tatsächlich schockiert, weil ich zwar schon viele Berichte über Kriegsverbrechen kenne, aber eine brutale Serienvergewaltigung nach vorangegangenem Schabbat-Segensspruch durch den Kommandeur und abschliessender Hinrichtung des Mädchens doch aus dem Rahmen fällt.

Natürlich gefallen solche Berichte nicht allen, und schon gar nicht Leuten die es für partout unmöglich halten, dass ihre Armee genau das tut, was man ansonsten bei anderen zutiefst verachtet.

Einen Kommentar auf Facebook zu diesem Bericht fand ich besonders bemerkenswert.

Eine deutsche Frau mit einem wahrscheinlich deutsch-jüdischem Namen, deren Facebook-Seite echt zu sein scheint, und die ihren dort geposteten Photos zufolge vielleicht 60 Jahre alt ist hat geschrieben:

Vor 50 Jahren ist in China ein Sack Reis umgefallen.

Ein Reiskorn wird bis heute vermisst.

Das wäre mal ein Bericht und ne Schlagzeile wert.

Eine Frau liest also einen Bericht über die Vergewaltigung eines Mädchens, das anschliessend erschossen und in der Wüste namenlos verscharrt wird, und findet, das sei so interessant wie das denkbar Un-Interessanteste überhaupt?

Das Wesentliche, das ein bisschen Furchteinflössende an der Antwort dieser Dame besteht in dem nicht Gesagten: Sie sagte ja gerade nicht, dass der Bericht erfunden und unwahr sei. Sie scheint akzeptiert zu haben, dass sich eine der renommiertesten Tageszeitungen Israels so eine umfangreiche und auf Gerichtsdokumenten beruhende Geschichte kaum aus den Fingern gesogen haben kann.

Der Kommentar der Dame bedeutet daher im Grunde folgendes: „Ja und? Dann wurde vielleicht ein unnützes Araber-Weib von unseren edlen Soldaten benutzt, und anschliessend entsorgt. Wen interessiert es?“

Damit steht sie nicht alleine da. Denn immerhin meinte der frühere Ober-Rabbiner der israelischen Armee, Oberst Eyal Karim, dass sexueller Missbrauch in Kriegszeiten erlaubt sei:

Da im Krieg der Sieg unser Ziel ist, erlaubte die Tora unter diesen Umständen dem Individuum, den bösen Drang zum Zwecke des Erfolges des Ganzen zu befriedigen.*

Die Dame von Facebook also teilt lediglich die Moral des früheren Oberrabbiners der israelischen Armee.

Damit muss sie ja auf der richtigen Seite stehen.

Wie weitere ähnliche Kommentare auf Facebook zeigen, vertritt die Frau eine Massen-Meinung, die ebenso unreflektiert und falsch ist wie die entgegen gesetzte Massen-Meinung, wonach dieser Bericht nur zeige, wie ganz besonders brutal die israelische Armee ist. Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery meinte völlig zurecht:

Jede Armee besteht aus allen Arten von Menschen, anständige Jugendliche mit einem moralischen Gewissen, neben Sadisten, Idioten und anderen, die unter moralischem Wahnsinn leiden.
In einem Krieg gibt man allen Waffen und eine Lizenz zum Töten, und die Ergebnisse sind vorhersehbar.

Und die Moral von der G’schicht mit der Facebook-Dame: Zuerst kommen die eigenen Leute, egal wie realitätsfern und ideologisch verklärt das Bild der Eigenen ist, dann kommt die notdürftig aufgeklebte Moral, und dann, ganz spät oder nie: die Anderen.

Falls sie noch leben.

13:20 22.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

schlesinger

"Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" Jorge Louis Borges
schlesinger

Kommentare 1