Eine Liebe kurz vor Gorleben (Lindberg 6)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel aus seiner Biografie. Diesmal fährt er nach Niedersachsen, um sich auf die Schienen zu setzen.

Kapitel 5 (November 2010)

Es kam der Tag, an dem ich mit 50 Leuten angekettet auf den Gleisen saß und in eine von diesen 50 verliebt war. Die ganze Zeit hatte ich mit mir gerungen, es ihr zu sagen und dann suchte ich mir den bescheuertsten Moment aus, den es dafür gab. Das ist eine Warnung. Vor Sachen, die sich wie Liebe anfühlen.

Es war zu einer Zeit, als Proteste noch erlaubt waren. Erst die schwarz-grüne Koalition sollte einige Jahre später den politischen Widerstand unter Strafe stellen. Die Wähler der Konservativen trieb es ohnehin selten auf die Straße, und die Grünen dachten sich, wenn sie an der Macht seien, gebe es doch keinen Grund mehr, sich zu beschweren. Also hatte sich die Koalition gedacht: Was überflüssig ist, können wir auch gleich verbieten - und erließen ein Gesetz, das jeglichen Protest untersagte.

2010 aber war es geradezu Mode, auf die Straße zu gehen. Besonders wenn der Atommüll ins Zwischenlager Gorleben transportiert wurde, ein Vorgang, der heutzutage ja außerordentlich friedlich verläuft. Die Ereignisse waren ungefähr so ritualisiert wie Karneval oder die Wahl zum Bundespräsidenten. Die Gegner des Transports ketteten sich auf die Schienen, die Polizisten sägten sie los und am Ende warfen sie sich gegenseitig vor, immer gewalttätiger zu werden.

Auch ich glaubte damals, es habe einen Sinn, sich mit anderen Idealisten oder Idioten auf ein Gleis in der niedersächsischen Provinz zu setzen.
„Los Frank, wir fahren nach Gorleben“, sagte ich zu meinem Mitbewohner, dem schlechtesten Musiker aller Zeiten.
„Warum das denn?“
„Weil wir uns dort für eine bessere Welt einsetzen.“
„Kann ich meine Gitarre mitnehmen?“
„Klar. Ich habe die Hoffnung, dass ein Polizist sie zu Kleinholz verarbeitet.“

Zwei Stunden später saßen wir in einem Bus voll mit Aktivisten und anderen Berufs-Besorgten auf dem Weg nach Niedersachsen, dem damals schon langweiligsten Bundesland aller Zeiten. Die Proteste waren das einzige, was die Bewohner vergessen ließ, dass ihr Leben so abwechslungsreich war wie die Landschaft, die sie umgab.

Am Abend erreichten wir einen großen Platz an einem Wald, auf dem schon einige Leute ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Wir taten es ihnen gleich und setzen uns dann zu ihnen ans Lagerfeuer. Dort begann die Karriere von Frank, der sich seine Gitarre schnappte und ein ergrautes Protestlied von Pete Seeger und Joan Baez nach dem nächsten zupfte. Den Linken war es völlig egal, was man für einen Dreck spielte, Hauptsache die Botschaft stimmte. Sie waren begeistert und lobten sein engagiertes Spiel. „Hast du gesehen, wie die auf mich abfahren?“, sagte er mir nachts im Zelt. „Ja Frank, ich bin ebenso ungläubig wie du.“

Am nächsten Tag war ich voller Entschlossenheit, den Castor-Transport aufzuhalten und den Staat zu Fall zu bringen. Dann aber geschah etwas, das mir nur unter außergewöhnlichen Umständen passierte: Gefühle. Positiver Art.

Es war kurz vor dem Mittagessen, als ich Anna entdeckte. Anna trug Rastalocken, einen großen, grauen Baumwollpullover und alte Jeans und sie war unsere Köchin. Sie stand hinter einem großen Topf, in dem sie mit einem Holzlöffel rührte. Manchmal wischte sie sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, einmal steckte sie den Finger in den Topf und dann in ihren Mund. Das gab mir den Rest. Ich verliebte mich unverzüglich.

Das kam mir überhaupt nicht gelegen. Ich war nicht nach Niedersachsen gefahren, um für eine Frau zu schwärmen, sondern um mich für den Erhalt der Welt einzusetzen. Einen Tag lang versuchte ich das Gefühl zu ignorieren, las Marx und Ché Guevara, dann aber gab ich es auf. Jedes Mal sah ich ihr beim Kochen zu und aß alles, sogar das Tofo-Chili-Con-Carne. Ich verwickelte sie in Gespräche („Toll, dieses Tofu-Chili-Con-Carne!“ „Ist doch ohne Carne, hihi.“). Aber ich traute mich nicht, ihr meine Gefühle zu gestehen.

Dann kam der Abend, als sich unsere Gruppe aufmachte, um sich an die Schienen zu ketten. Wir waren die letzten, die den Castor-Transport noch aufhalten konnten, bevor er die letzten Kilometer auf die Straße übersetzte. Anna kam mit und ich sorgte dafür, dass sie neben mir auf den Gleisen saß. Wir berührten uns mit mehreren Körperteilen. Als es dunkel wurde, erhielten wir Decken, eine Stunde später waren die meisten eingeschlafen, auch Frank, der uns die ganze Zeit mit dem Gesamtwerk von Ton, Steine, Scherben na ja unterhalten hatte.

„Anna, bist du noch wach?“
„Mmm.“
„Anna, ich muss dir was sagen.“
„Was denn?“
„Na ja... ich habe mich in dich verliebt.“
Sie seufzte.
„Lindberg?“
„Ja?“
„Du weißt doch, dass wir uns momentan um wichtigere Dinge kümmern sollten als unsere Gefühle.“
„Ich weiß, die Zukunft des Landes steht auf dem Spiel.“
„Der Welt, Lindberg.“
„Von mir aus auch der Welt. Bist du denn in mich verliebt?“
„Lindberg, diese Frage spielt momentan überhaupt keine Rolle.“
„Aber was hilft es uns, wenn wir in einer Welt ohne Atommüll leben, aber doch alleine einschlafen?“
„Lindberg, das musst du verstehen.“
„Ich verstehe, dass wir Menschen den Drang haben, die Welt ein bisschen besser zu machen, aber wir müssen auch mal an uns denken.“
„Das führt geradewegs in die Katastrophe.“
„Das führt zu mehr Menschlichkeit“, sagte ich.

„Ich finde, du hast Recht.“
Ein Mann drei Schlafsäcke weiter mischte sich in unser Gespräch ein.
„So ein Blödsinn, erstmal müssen wir die Welt in Ordnung bringen, dann uns“, kam es aus einer anderen Ecke.
„Natürlich müssen wir die Welt in Ordnung bringen, aber wir haben auch das Recht, glücklich zu sein“, sagte ein Kerl am anderen Ende der Deckenlandschaft.
„Laberlaberlaber.... warum sitzt du dann überhaupt hier auf den Schienen, wenn es dir ohnehin nur um dein persönliches Glück geht.“
„Halt bloß deine dumme Fresse. Geh dich erstmal waschen.“

So ging das munter weiter.Bis sich zwei Lager bildeten. Die eine Hälfte beschloss, sich loszuketten und die Schienen zu verlassen, und die andere beschloss, dass sie auch keine Lust mehr hatte und in die andere Richtung verschwand. Am Ende saßen nur noch Anna, Frank und ich auf den Schienen.

„Toll Lindberg“, sagte Anna.
„Das war doch nicht meine Schuld. Ich habe lediglich nicht bedacht, dass Linke niemals miteinander diskutieren können, ohne sich die Köpfe einzuschlagen.“
„Das hättest du wissen müssen.“
„Bist du in mich verliebt?“
„Jetzt fang nicht wieder damit an, Lindberg.“
„Gibst du mir einen Kuss?“

„The answer my friend is blowin' in the wind“, begann Frank zu singen und spielte dabei auf seiner Gitarre.

Und für einen Moment blickte ich wütend zu ihm herüber.
„Frank, jetzt halt endlich mal dein Maul.“
Er verstummte.
Als ich mich wieder zu Anna drehte, war sie verschwunden.

„Spiel's zu Ende, Frank.“
„The answer is blowing in the wiiiiind.“

08:34 12.11.2010
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