Es ist gut, es ist brutal

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich habe den Auftrag, den Ruf von Ultimate Fighting aufzupolieren. Außerdem betätige ich mich auf dem gesellschaftskritischen Sektor.

Ich habe gehört, dass die Jugend mal wieder in Gefahr ist. Nicht wegen der Arbeitslosigkeit oder eines schlechten Schulsystems. Es liegt daran, dass zwei Männer mit nacktem Oberkörper in einen Drahtkäfig steigen, sich gegenseitig auf den Kopf hauen und in die Kniekehlen treten. Und wer durch Tod oder auf andere Art anzeigt, dass er aufgibt, hat verloren.

Das Spektakel heißt „Ultimate Fighting“. In einigen Tagen machen das einige Menschen in einer Kölner Mehrzweckhalle. Viele Menschen sagen: „Um Gottes Willen, wenn das die Kinder sehen. Das ist ja Gewaltverherrlichung.“ Ultimate Fighting ist das neue Komasaufen, noch bevor Komasaufen das neue Ego-Shooting werden konnte.

Gestern hat mich ein Mann angerufen.
Er sagte: „Ich bin der Manager von Ultimate Fighting. Ultimate Fighting hat ein Image-Problem und Sie müssen das ändern.“
Ich sagte: „Ich bin gegen jede Art von Gewalt. Ich bin aber auch für jede Form von Unterhaltung. Lassen Sie mich kurz nach… also gut, ich helfe Ihnen. Geben Sie mir einen Tag.“

Am Abend schlief ich bei den Spätnachrichten ein, es lief das übliche Geballer. Am nächsten Morgen schrieb ich ein Konzept, am Nachmittag rief ich den Manager an.
„Jetzt kommt die Lösung“, sagte ich.

Das Ultimate Fighting, das ich mir vorstelle, funktioniert so: Es treten nicht zwei Kämpfer gegeneinander an, sondern zwei Gruppen, die untereinander identisch gekleidet sind. Sie kämpfen nicht bloß in einem Drahtkäfig, sondern überall. In Häuserschluchten, im Wald, in der Wüste, in den Bergen, über Wasser, unter Wasser, tagsüber und nachts, bei Regen und bei Schnee. Das sorgt für mehr Action. Eine der Gruppen ist die gute Gruppe, die gegen die böse Gruppe antritt, um irgendwelche Werte zu verteidigen, die in jedem Kampf benannt werden und nur Vorwand sind.

Nun kommen die Medien ins Spiel. Sie müssen in ihrer Berichterstattung die Trennung zwischen Gut und Böse stärken. Niemals dürfen sie gut über die Bösen berichten oder böse über die Guten. Sie dürfen sich aber vorher aussuchen, welche Gruppe sie für gut halten und welche für böse. Sie sind außerdem verpflichtet, Pressemitteilungen der Gruppe wortgetreu und ohne Prüfung abzudrucken, die sie unterstützen. Im Gegenzug dürfen die Journalisten bei den Kämpfen, vor allem bei den Außeneinsätzen, dabei sein.

„Oh“, sagte der Manager.
„Ich bin noch nicht fertig“, sagte ich.

Das Ultimate Fighting, das ich mir vorstelle, hat alle Regeln abgeschafft. Die Kämpfer dürfen die Augen zerkratzen, beißen, an den Haaren ziehen, kneifen, spucken, beleidigen, auf die Wirbelsäule schlagen, allesamt Aktionen, die momentan verboten sind. Und weil auch Waffen erlaubt sind, Schießgewehre, Kettenfahrzeuge, mit Sprengstoff gefüllte Metallbehälter, gehe ich davon aus, dass nicht jeder lebendig aus dem Ring steigt.

„Das ist ja brutal, das wird ja sofort verboten“, sagte er.
„Das wäre mir neu“, sagte ich.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

10:16 29.05.2009
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