Fast fand ich Ulla gut

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Ich spreche mit Ulla Schmidt über ihren Ausflug mit dem Dienstwagen. Erst stehe ich auf ihrer Seite, dann treffe ich eine Philosophin.

Ulla klopfte an die Tür. Ich öffnete. Ulla sagte: „Sebastian, ich habe das Sommerloch erschossen. Guck hier.“
„Ulla, du hältst einen toten Hasen in der Hand.“
„Das Sommerloch sieht eben aus wie ein toter Hase.“
„Das Sommerloch sieht aus wie ein toter Hase?“
„Das Sommerloch sieht aus wie ein toter Hase.“

„Ulla, warum hast du das Sommerloch erschossen, das aussieht wie ein toter Hase?“
„Das Sommerloch ist schuld, dass um die Sache mit meinem geklauten Dienstwagen so ein Wirbel gemacht wird in den Medien.“
„Dann musst du aber auch die Medien erschießen.“
„Wie sehen die Medien denn aus?“
„Ich glaube, wie ein Eichhörnchen.“

Ulla hatte Recht. Es war nicht viel passiert. Sie war mit ihrem Dienstwagen in Urlaub gefahren, das war legal, aber weil Berlin gerade in der Sonne döste, stürzten sich alle auf eine Geschichte, die zu einem anderen Zeitpunkt niemanden interessiert hätte.

„Ulla“, sagte ich, „empöre dich, so laut du kannst.“
„Weißt du Sebastian, in Diktaturen dürfen die Leute nicht zur Wahl gehen, ohne erschossen zu werden und hier rufen sie das Ende der Demokratie aus, wenn ich mit meinem Auto ins Ausland fahre. Im Grunde ist in meinem Fall die Öffentlichkeit eine Diktatur und ich werde erschossen.“
„Ulla, gewagte These, aber ich bin auf deiner Seite.“

Ulla und ich kamen uns an diesem Tag unendliche weise und richtig vor. Dass unsere Argumente eine mundgeblasene Glaskugel waren und die Realität ein Haufen Hooligans, die eine Schubkarre voller Pflasterscheine schoben, erkannten wir erst einige Tage später.

Ich saß mit dieser Frau zusammen, wir kannten uns lange. Sie hatte eine Jugend hinter sich, gegen die ein Aufwachsen in Simbabwe ein Kaffeekränzchen war und viel besser wurde es danach nicht. Ich sagte: „Mein Telefonanschluss spinnt, aber was erzähle ich da, du hast wirklich Probleme.“
„Sebastian“, sagte sie, „erzähl doch keinen Blödsinn. Ständig höre ich von anderen, dass sie sich damit und damit rumschlagen, aber das seien ja keine Probleme im Vergleich zu meinen.“

„Und das stimmt nicht?“
„Nein, denn das Problem ist für ihn so groß, wie mir meines vorkommt. Jemand, der ohne Training fünf Kilometer joggt, der ist nachher genauso erschöpft wie jemand der mit Training 50 Kilometer joggt. Die Probleme sind immer so groß, wie sie einem im Vergleich zum Rest des eigenen Lebens vorkommen. Ich meine, wenn ich jemanden treffen sollte, der es noch schlimmer hatte als ich, denke ich ja nicht: Oh nein, mir geht es ja doch ganz gut, die blauen Flecken sind ja gar nicht so blau. Ich denke immer noch: Wenn ich den erwische, drehe ich ihm den Hals um. Mein großes Problem bleibt mein großes Problem, egal wie groß die Probleme der anderen sind.“

„Also ich weiß ja nicht...“
„Oder nimm die Sache mit dem Dienstwagen und dieser Ulla Schmidt.“
„Vorsichtig. Ulla und ich sind so.“
Ich kreuzte Mittel- und Zeigefinger.
„Man könnte ja sagen, dieses blöde Sommerloch und in anderen Ländern seien das doch Peanuts. Die Leute setzen aber nicht die Maßstäbe aus anderen Ländern an oder die Maßstäbe einer anderen Jahreszeit. Und wenn das Sommerloch noch jedes kleine Problem gigantisch werden lässt, dann ist es für die Menschen eben auch gigantisch. So gigantisch wie zu einer anderen Jahreszeit ein Flugzeugabsturz oder eine Finanzkrise. Das muss man akzeptieren.“ „Also ich weiß ja nicht, so ein Ausflug mit dem Dienstwagen ist doch keine große Sache.“

Dann trat ich in ein Kaugummi.
„Verdammt noch mal“, fluchte ich, „was haben diese Kaugummis auf dem Gehweg verloren. Wenn ich den erwische, dann drehe ich ihm den Hals um.“

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

07:28 31.07.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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