Hör einfach auf zu atmen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich schreibe von einem Menschen, der wir alle sein könnten. Es geht um ein Leben, das schlingert, und um Menschen, die heilen können, ohne es zu wissen.

Und neben dir auf dem Bett die Frau, die sagt: Ich liebe dich.
Und du immer mit deinen Zweifeln.
Du denkst: Wir müssen reden.
Du sagst: Ich lege eine neue CD ein.

Und im Büro der Kollege, der immer fragt: Soll ich noch Kaffee mitbringen?
Und du sagst: Nein, danke. Ich trinke keinen Kaffee.

Du möchtest nicht klagen, der Beruf, die Leute. Andere Menschen haben niemanden und sitzen den ganzen Tag zuhause rum. Wenn du abends nach Hause kommst, willst du nicht sprechen und nichts sehen und nichts berühren. Vor dem Einschlafen nimmst du dir vor, dass alles besser werden muss. Nach dem Aufstehen tappst du in die Küche und hoffst, dass die Zeit, bis du losfahren musst, unendlich ist.

Eines Tages sagt sie: Wir müssen reden.
Du musst nun nicht mehr sprechen und nichts sehen und nichts berühren.

Wie Tage vergehen und Wochen und Monate. Im Internet schreibst du Menschen. Es ist Samstag und du hast dich daran gewöhnt, zuhause zu bleiben. Wo du auch hingehst, du schleppst ja doch alles mit dir rum.

Jemand schreibt dir: Gleich kommt mein Freund und dann lernen wir für die Uni.
Und du erinnerst dich an den Satz, der in deinen Kleidern sitzt und den Tapeten und im Essen und überall: Unser Leben ist langweilig, aber wir sind gesund.
Du legst dich ins Bett und hörst die Platte, die dir soviel bedeutet. Aber dann ist sie vorbei, und du kommst dir vor wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern.

Du hast dir vorgenommen: Nicht so werden wie alle hier. Anders sein. Deshalb besser sein. Keine Autos, keine Tanzfläche, keine Jobs, die dein Leben auffressen wie sich Tinte über ein Löschblatt verteilt. Die Frau, die abends so aufregend ist, auch am nächsten Morgen noch aufregend finden.

Wenn du die Filme aus Amerika siehst, denkst du für einen Moment, dass alles klappt. Und dann ist es wieder weg. Als habe jemand für eine Sekunde des Licht eingeschaltet und dann sofort wieder aus. Und als du zum Lichtschalter gehst, hat jemand die Sicherungen herausgedreht.

Du kennst jemanden, der sagt: Ich mag dich und ich finde es schön, wenn wir miteinander telefonieren.
Es gibt genügend Gründe, warum ihr nicht zueinander findet.
Sie sagt: Ich weiß nicht, ob ich ihn nicht doch noch liebe.
Du stellst dir vor, wie das ist, wenn er nicht wäre.

Du stellst dir vor, wie du sagst: Fahr doch heute Abend zu mir.
Und sie sagt: Ich nehme den Zug, in drei Stunden bin ich da.
Wie du am Bahnhof auf sie wartest, und dann steigt sie aus, und du fragst dich, wo auf einmal das ganze Licht herkommt.
Wie sie sagt: Hallo.
Und du: Hallo.

Und wie ihr dann achttausend Jahre stehen bleibt und dann achttausend Kilometer nebeneinander herlauft, ohne euch anzusehen. Und es tauchen Sätze auf wie „Mein Auto steht gleich da drüben“ und „Wir könnten noch…“. Und wie dann wieder diese Stille einsetzt wie das lauteste Orchester der Welt.

Wie ihr dann stehen bleibt, als hättet ihr euch abgesprochen, und du sagst: Ich könnte sagen, meine Augen glänzen und es wäre keinen Millimeter gelogen. Und wie du feststellst, dass Küssen immer wie das erste Mal Küssen ist.

Und du denkst, dass ein Traum wahr wird, wenn du nicht mehr aus ihm aufwachst. An der schönsten Stelle einfach aufhören zu atmen.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

22:01 24.08.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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