Ich steige zum Journalisten zweiter Klasse auf (Lindberg 19)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal gelingt es ihm, seinem Idol Giovanni di Lorenzo einen Schritt näherzukommen.

Februar 2011

„Lindberg! Lindberg! Aufwachen.“
Ich öffnete die Augen. Mein Mitbewohner Frank, der mieseste Musiker aller Zeiten, stand neben meinem Bett.
„Lindberg! Lindberg! Na endlich.“
Ich warf einen Blick auf den Wecker.
„Frank, es ist kurz nach Acht. Kennst du das Konzept ‚Schlaf‘?“
„Ich bin Künstler. Ich schlafe nicht, nur weil es dunkel wird.“
„Und was willst du von mir?“
„Ich will wieder ein Konzert organisieren. In der Kneipe nebenan.“
„Das kannst du mal schön alleine machen. Das letzte Mal reicht mir noch. Ich trete kein zweites Mal vor null Zuschauern auf.“
„Du warst aber auch wirklich grottenschlecht.“
„Verzieh dich. Ich will weiterschlafen. Und viel Erfolg bei dem Versuch, den Wirt davon zu überzeugen, so eine Flasche wie dich auftreten zu lassen.“
„Ich brauche deine Hilfe sowieso nicht“, sagte er.
Daraufhin stürmte er aus meinem Zimmer.

Natürlich konnte ich nicht mehr einschlafen. Ich versuchte es noch eine halbe Stunde, dann gab ich auf. Ich zog die „Zeit“ auf meinen Schoß und begann zu lesen, verfiel aber nach zwei Minuten ins Grübeln.

Es bestand überhaupt kein Zweifel daran, dass ich zu den besten Lokaljournalisten der Welt gehörte. Aber dieser Titel hatte ungefähr so viel Bedeutung wie „bester Skifahrer Irans“ oder „höchster Berg der Niederlande“. Wenn ich im Neujahrskonzert der Meinungsführer die erste Geige spielen wollte, musste mein Name in den großen Zeitungen des Landes stehen. Noch immer träumte ich von einer Anstellung bei der „Zeit“, so sehr, dass ich mir jede Woche ein Exemplar kaufte und mich in meinem Urteil bestärkte, dass die meisten Reporter meine Fähigkeiten nicht annähernd erreichten. Sie waren bloß früher geboren worden, in einer Zeit, als noch Stellen zu vergeben waren. Nur darin bestand ihre Leistung.

Leider sah Chefredakteur di Lorenzo das anders. Seine Absage vor einigen Monaten hatte ja selbst ich nicht übersehen können. Aber irgendwie musste es doch möglich sein, ihn von meinen offensichtlichen Fähigkeiten zu überzeugen. Da fiel mir ein, dass die „Zeit“ ja auch einen Online-Auftritt hatte. Online-Journalismus galt damals noch als Journalismus zweiter Klasse. Ein Ort, an dem die journalistischen Tugenden sehr nachlässig gepflegt wurden, häufig auch gar nicht. Zumindest dort müsste es doch eine Chance für mich geben. Der Weg zum gedruckten Wort wäre ja dann nicht mehr weit.

Was aber sollte ich den Leuten von Zeit.de anbieten? Auf Journalismus mit mehrstündiger Recherche hatte ich keine Lust, insgesamt schienen mir Fakten bei der Ausübung meiner Tätigkeit eher hinderlich, weil sie häufig den schönen Formulierungen im Weg standen. Ich erinnerte mich daran, dass es dort das Ressort „Musik“ gab, wo junge und junggebliebene Redakteure über Bands und Musiker schrieben, die irgendwas ganz anderes machten als die anderen oder es so machten, wie es seit Bob Dylan oder Joy Division niemand mehr gemacht hatte. Das fanden die Redakteure dann immer großartig, besonders wenn es junge Solokünstler waren, die entrückt wirkten.

Schon hatte ich eine Idee und zwei Stunden später einen Text, den ich direkt an die Online-Redaktion mailte. In dem Text war von einem jungen Singer/Songwriter namens Frank die Rede, der sich das Pseudonym Frank zugelegt hatte, weil er damit zeigen wollte, dass er als Künstler auf der Bühne auch der Mensch Frank sei und nicht bloß eine Kunstfigur. Frank lebte in einem Drecksloch in Berlin. Eine Entscheidung, die er bewusst getroffen hatte, weil er sich nichts aus weltlichen Dingen machte. Seine Musik sei eine Mischung aus dem frühen Leonard Cohen, dem mittelfrühen Bob Dylan, dem witzigen David Foster Wallace, Verzweiflung und Wut und habe ihn davor bewahrt, an seiner Heroinsucht zu Grunde zu gehen. Die Musik gab es bisher nur auf Kassette, weil modernere Tonträger dem reduzierten Sound die Glaubwürdigkeit nahmen. Bei seinen Konzerten in Berlin standen die Leute Schlange und bekamen dann den Mund nicht mehr zu. Als R.E.M. für die Aufnahmen zum neuen Album in Berlin waren, besuchten sie eines seiner Konzerte und wollten ihm danach direkt einen Plattenvertrag vermitteln, doch Frank lehnte ab. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Wörter davon wahr waren. Der Mail fügte ich ein eingescanntes Foto bei, das ich in Franks Zimmer gefunden hatte und das ihn als Achtjährigen beim Fußballspielen zeigte. Er war gerade umgegrätscht worden.

Eine halbe Stunde später bekam ich eine Antwort.
„Geiles Stück, geiler Musiker, nehmen wir auf jeden Fall mit. Muss mir direkt mal Kassetten von ihm besorgen. Wo gibt es die denn?“
Ich antwortete, dass ich ihm ein paar vorbeischicken könnte, würde aber noch was dauern, weil es verdammt schwer sei, die zu bekommen.

Ich konnte kaum glauben, dass es geklappt hatte. Musikredakteure glaubten einem aber auch alles, wenn es individuell, also bescheuert genug klang.

Am Abend kam Frank wieder in mein Zimmer.
„Tja, Lindberg, hat geklappt mit meinem Konzert. Morgen trete ich auf. Muss jetzt noch Plakate aufhängen. Hilfste mir?“
„Ich würde nie etwas tun, das deine Karriere fördern könnte.“
„Penner. Kommste denn wenigstens zum Konzert?“
„Nur, wenn es dein Abschiedsgig ist.“

Es dauerte nur knapp 30 Stunden, bis Frank mich wieder aus dem Schlaf riss. Es war drei Uhr in der Nacht.
„Lindberg, das muss ich dir unbedingt erzählen.“
„Frank, lass mich schlafen.“
„Jetzt hör mir doch einmal zu.“
„Ich gebe dir zwei Minuten und dann verziehst du dich wieder.“
„Pass auf: Die Kneipe war voll bis an die Fensterscheiben. Ich musste drei Zugaben spielen. Und ich hätte sogar Sex haben können.“
„Bist du sicher, dass du von deinem Auftritt sprichst?“
„Die Leute haben mich gefeiert, Lindberg, g-e-f-e-i-e-r-t. Hörst du?“
„Da muss irgendwas schiefgelaufen sein.“
„Ich habe mich ja auch erst gewundert, dass so viele Leute da waren. Also mit ein paar hatte ich ja gerechnet, aber dass die mir die Hütte einrennen? Niemals.“
„Und, woran lag‘s?“
„Nach dem Konzert kam ein Typ zu mir, der sagte, er sei durch einen Artikel bei Zeit Online auf mich aufmerksam geworden. Und dann habe er im Internet nach Auftritten von mir gesucht. Da stieß er auf meine MySpace-Seite mit dem Termin von heute. Und er war wohl nicht der einzige, dem es so erging. Wirklich, bis auf die andere Straßenseite standen die Leute an.“
„Besser sie gehen zu dir als zu Unheilig.“
„Nur eine Sache war merkwürdig.“
„Was denn?“
„Der Kerl sagte, er habe genau wie ich mal große Probleme mit Heroin gehabt. Wie ich das denn geschafft habe, davon loszukommen. Als ich ihn fragte, woher er die Information habe, sagte er, das habe doch in dem Artikel gestanden.“
„Was du nicht sagst.“
„Muss ich mir gleich mal im Internet ansehen. Die hätten mal vorher mit mir telefonieren sollen, anstatt einfach so über mich zu schreiben. Hast du eine Ahnung, wie die darauf kommen?“
„Frank, ich muss jetzt wirklich schlafen.“

07:31 11.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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