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Ich habe Twitter entdeckt. Damit mache ich mich auf die Suche nach Frauen, die mich regelmäßig bewundern.

Ich lebe, weil ich bewundert werden will. Natürlich verrate ich das niemandem.

Ich habe mein erstes Groupie wiedergesehen. Nina saß hinter der Supermarktkasse. Ich sah nach links unten, sie nach rechts oben. Nach 23 Sekunden packte ich meinen Eistee und ging. Was uns verband, lag zehn Jahre zurück. Sie, 15, schrieb mir, 14, einen Brief und gestand: „Du bist so witzig, ich habe mich in dich verliebt. Ich habe extra für dich schon ein Kilo abgenommen.“ Das war mir ziemlich egal. Ich übte mich in seelischer Grausamkeit und ließ sie ein Wochenende hoffen. Dann schrieb ich ihr: „Du, das mit uns wird nichts.“

Ich habe Twitter entdeckt. Es ist was mit Internet. Auf Twitter schreiben Menschen über höchstens 140 Zeichen, was auf ihrer Pizza liegt und welche Farbe der neue Pullover hat. Andere lesen das, wenn sie ihnen followen. Sie heißen deshalb Follower. Ich übersetze das mit Bewunderer. Der erfolgreichste deutsche Twitterer heißt Sascha Lobo. Er hat fast zehntausend Follower. Zehntausend Menschen hängen an Lobos Fingern, wenn er schreibt: „Tipp: Der Track von Edelwiser scheint grossen Anklang zu finden - Mass Customization im Alpinbereich. #next09 #medienpartner.“

Sie sind vernarrt in diesen Menschen. Ich will auch Follower, also Groupies. Deshalb habe ich angefangen zu twittern. Ich twitter, welche Musik jeder hören, welchen Text jeder lesen und welches Youtube-Video jeder sehen muss. Also genau das, was die Menschheit braucht. Besonders von mir. Nach drei Tagen hatte ich 19 Follower. Noch 9981 bis Sascha Lobo. Dann dachte ich um.

Kürzlich sah ich einen Fernsehbeitrag, in dem Sascha Lobo eine Follower-Party feierte, er hatte also alle zehntausend Follower eingeladen. Er hatte Glück, dass nicht alle zu seiner Party kamen. Seitdem denke ich: „Was soll ich überhaupt mit zehntausend Followern? Niemals passen die in meine Wohnung.“

Deshalb werde ich die zwei größten Trends des 21. Jahrhunderts verbinden: Twitter und Casting. Ich habe Regeln aufgestellt, wer mich followen darf. Selbstverständlich nur Frauen. Diese müssen lange blonde Haare haben und von vorteilhaftem Bau sein und mir regelmäßig Sätze twittern, in denen sie meine Vorzüge preisen. Außerdem müssen sie mir sagen, was auf ihrer Pizza liegt und welche Farbe der neue Pullover hat. Sonst schmeiße ich sie raus: „Du, das mit uns wird nichts.“

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

11:28 09.05.2009
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