Kommissar Käsespätzle ermittelt

Regionalkrimis Warum im Allgäu mehr gemordet wird als im Nahen Osten.
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Wäre der Krimi das wahre Leben, wäre Deutschland längst tot. Verblutet. Durchsiebt. Erdrosselt. Zermatscht. Denn Mörder müssen morden, und sie müssen es häufig tun. Nicht nur in Berlin, Hamburg und München. Sondern auch im Allgäu, an der Nordseeküste, auf Rügen, im Schwarzwald, im Münsterland, am Niederrhein, in Garmisch, in der Eifel, in Rheinhessen, auf Hiddensee, in Lippe, in Oberschwaben, in Heidelberg, ja sogar in Bonn.

Der Regionalkrimi ist neben dem historischen Roman und dem nächsten Auswurf von Thilo Sarrazin die wirtschaftliche Grundlage einer jeden Buchhandlung, vielmehr noch: Der Regionalkrimi ist die Buchhandlung. Einst beschränkte sich ihre Beliebtheit auf die jeweilige Region, nun aber wollen auch Sylter wissen, wie im Schatten der Zugspitze gemordet wird. Aha, auch so brutal.

Der Regionalkrimi zeigt, dass Erfolg und Einfallslosigkeit kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Ein brummiger Ermittler, harte Schale, weicher Kern, löst in der Provinz irgendeinen Fall mit einer Wasserleiche oder einem erschossenen Bauern. Das Motiv hat mit etwas zu tun, das sehr sehr weit in der Vergangenheit liegt, am besten Inzucht. Dabei verzehrt der Ermittler regionale Spezialitäten, besucht Orte der Region und fährt an Sehenswürdigkeiten vorbei. Die Menschen, auf die er trifft, sind ebenfalls mittel- bis sehr verschroben, niemals aber dreidimensional. Sie sagen dann je nach Herkunft Moin oder Grüß Gott. Das nennt der Experte Lokalkolorit. Der Regionalkrimi ist ein Heimatroman, der Blut an seinen Händen hat.

Die Sprache hat in diesen Krimis keinen Wert an sich, sondern soll wie ein alter Lastwagen bloß den Inhalt transportieren. Das erklärt Sätze wie diesen: „Das Kopfsteinpflaster vor dem liebevoll sanierten Bauernhaus hatte sich in einen aufgepeitschten See verwandelt.“ Oder diesen: „Er radelte seit über zwanzig Jahren. Nicht professionell, aber fanatisch. Er war fitter als ein Nike-Turnschuh.“ Aus Rücksicht auf die Autoren sollen die Titel an dieser Stelle verschwiegen werden. Die Sprache ist nicht schlicht, denn das würde so etwas wie eine bewusste Entscheidung zur Schlichtheit voraussetzen. Die Sprache ist einfach schlecht, weil der Autor es nicht besser kann.

Vielleicht ist das auch ein Grund für den Erfolg. Nicht nur, dass ein Ermittler in einem Mordfall ermittelt, etwas, dem der Deutsche auch vor dem Fernseher gerne beiwohnt, sondern auch, dass sich die Geschichte genauso liest, als habe der Leser sie selbst geschrieben. Dass er sie trotzdem nicht selbst schreibt, ist ein Fall für sich. Ein verschrobener Ermittler ist schon darauf angesetzt. Er isst sehr gerne Käsespätzle.

20:53 27.09.2012
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