Robert Pattinson putzt sich die Nase

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Diesmal erzähle ich die auf jeden Fall wahre Geschichte, wie Graf Dracula und die Wintergrippe sich in einer Kneipe treffen und einen Mordkomplott schmieden.

Die Geschichte, die ich nun erzähle, ist so fantastisch, dass sie niemand für wahr halten wird. Sie hat sich aber genauso zugetragen. Wort für Wort. Sie endete am 12. Dezember 2009, ein Tag also, der von heute aus gesehen in der Zukunft liegt.

Am 12. Dezember 2009 entdeckte ein Polizist eine Leiche, die vor einem alten Bauernhof in der Nähe von Berlin lag. Als sich der Polizist hinunter beugte, entdeckte er zwei rote Punkte auf dem Hals der Leiche. Er verwarf die Idee, es handle sich um Bissspuren.
„Welcher Mensch beißt denn einem anderen Menschen schon in den Hals?“, dachte er.
Dann griff er in die rechte Gesäßtasche des Toten und zog dessen Geldbörse heraus. Als er auf den Personalausweis blickte, erbleichte er.
„Hans“, stammelte er, „Hans, komm doch mal her.“
Als sein Kollege auf den Ausweis sah, erbleichte er ebenfalls.
„Das ist ja… das ist ja nicht zu fassen. Weißt du, was das bedeutet?“ fragte Hans.
„Das bedeutet, dass die größte Geißel der Menschheit nicht mehr existiert.“

***

Am selben Tag saß Robert Pattinson in seinem Hotelzimmer und gab zum ersten Mal dem Drang nach, sich die Nase zu putzen. Pattinson, der in den Verfilmungen der Biss-Romane von Stephenie Meyer den Vampir Edward Cullen spielte, hatte sich bereits den ganzen Tag unwohl gefühlt. Gegen 10 Uhr hatte er zum ersten Mal gehustet, nun saß seine Nase zu wie Manhattan am Montagmorgen. Pattinson fühlte seine Stirn, dann rief er in der Hotellobby an und bat die Frau, ihm einen Arzt vorbeizuschicken.

Der Arzt tastete ein wenig an ihm herum und steckte ihm Geräte in den Mund, dann sagte er:
„Tja Herr Pattinson, ich befürchte, Sie haben Grippe.“
„Doch nicht etwa Schweinegrippe, oder?“
„Nein, eine ganz normale Wintergrippe.“
„Na dann ist ja gut.“
„Legen Sie sich drei Tage ins Bett, nehmen Sie das Medikament, das ich Ihnen verschreibe, und dann sind Sie wieder gesund.“
Bereits nach zwei Tagen war Pattinson wieder danach, Bäume auszureißen.

***

Es war am Mittwochabend, 2. Dezember 2009, als Graf Dracula die Einsamkeit seiner Zweizimmerwohnung nicht mehr ertrug und in die Kneipe auf der anderen Straßenseite ging.

„Eine Apfelschorle bitte“, sagte er zum Barkeeper und setzte sich an die Theke.
„Nicht mal Traubensauft?“, fragte der Barkeeper.
„Wieso Traubensauft?“
„Das sieht immerhin fast so aus wie Blut.“
„Hör mal zu - ich trinke die ganze Nacht nichts anderes als Blut. Da freue ich mich darüber, mal etwas anderes im Glas zu haben. Ich trinke das Blut nicht, weil es mir schmeckt, sondern weil es notwendig ist.“
„Oder Blutorangensaft?“
„Haben wir jetzt alle Gags auf meine Kosten durch?“
„Nein.“
„Was denn noch?“
„Ich hab noch ein schönes Stück Blutwurst in der Küche.“
„Wenn ich es nicht schon wäre, würde ich mich totlachen.“

Erst jetzt sah Graf Dracula, dass ein Mann am anderen Ende der Theke saß, eine zusammengesunkene Gestalt, die mit einem Kugelschreiber etwas auf ein Blatt Papier schrieb.
„Was schreiben Sie denn da?“, fragte der Graf.
Der Mann hob seinen Kopf.
„Nichts“, nuschelte er und schrieb weiter.
„Ich sehe doch, dass Sie etwas schreiben.“
„Das geht Sie nichts an.“

Graf Dracula, der Widerworte nicht gewohnt war, stand auf, ging zu dem Mann und nahm ihm den Zettel weg. Der Widerstand war gering. Der Fremde war schwach, unrasiert und stank nach Alkohol.

Der Graf las: „Killergrippe, Mördergrippe, Todesgrippe, Pestgrippe, Schwarze Grippe, Grabgrippe, Hinwegraffgrippe, Haigrippe, Monstergrippe.“
„Was hat das zu bedeuten?“
„Na ja…“
„Nun reden Sie schon.“
„Ich suche einen neuen Namen für mich.“
„Was soll das heißen, Sie suchen einen neuen Namen für sich?“
„Mein alter gefällt mir nicht mehr.“
„Und wie lautet der?“
„Das glauben Sie mir ja ohnehin nicht.“
„Das werden wir ja sehen. Also?“
„Wintergrippe.“
„Sie sind…?“
„Ja, ich bin die Wintergrippe.“
„Angenehm, und ich bin Graf Dracula, Sie wissen schon, der mit den Eckzähnen.“
Er setzte sich zu ihm.

„Warum wollen Sie denn einen neuen Namen?“
„Alle haben Angst vor der Schweinegrippe, aber niemand vor der normalen Wintergrippe. Und da dachte ich mir, wenn ich einen neuen Namen hätte, dann würden die Leute mir wieder die Aufmerksamkeit geben, die ich verdient habe.“
„Sind Sie denn gefährlicher als die Schweinegrippe?“
„Ich will nicht sagen, dass die Schweinegrippe ungefährlich ist, aber sehen Sie mal: An der Schweinegrippe sind in Deutschland bisher keine 40 Menschen gestorben. Wenn es gut läuft, schaffe ich in einem Winter in Deutschland 30000.“
„Interessant. Und was glauben Sie, wer Schuld daran hat, dass die Schweinegrippe die Aufmerksamkeit bekommt, die Sie verdient haben – mal abgesehen vom Namen. Die Pharma-Industrie?“
„Das sagen die Leute immer beim Bäcker und beim Friseur. Aber die Pharma-Industrie hätte doch keine Lieferengpässe für den Impfstoff, wenn sie das alles vorbereitet hätte.“
„Wer dann?“
„Ich denke, da treffen Politiker, die sich nach der Wahl als handlungsfähig präsentieren wollen, auf Medien, die ein Thema brauchen, auf das sie immer zurückgreifen können, wenn nichts anderes passiert.“
„Mm, da ist was dran.“

Plötzlich seufzte der Graf.
„Was ist denn los?“, fragte die Wintergrippe.
„Eigentlich geht es mir so wie Ihnen.“
„Wie meinen Sie das?“
„Wer interessiert sich denn noch für mich? Ich bin out.“
„Aber Vampire sind doch gerade wieder total angesagt.“
„Aber nicht Graf Dracula. Stattdessen fahren alle auf Edward Cullen ab aus diesen Romanen von Stephenie Meyer, vor allem seitdem Robert Pattinson ihn in diesen zwei Filmen gespielt hat.“
„Sie meinen dieses ‚Biss zum Morgengrauen‘, ‚Biss zur totalen Verblödung‘ und so weiter?“ „Genau. Furchtbar, oder?“, sagte Graf Dracula.
„Na ja, aber Sie müssen zugeben, Sie hatten auch nicht immer die besten Darsteller.“
„Bitte?“
„Na ja, Bela Lugosi sah ein bisschen aus wie frisch von der Jahrmarktsgeisterbahn gecastet und Christopher Lee wie ein Frührentner mit Zahnfleischbluten.“
„Unterstehen Sie sich, Ihr Wort gegen zwei der größten Charakterdarsteller des 20. Jahrhunderts zu erheben.“
„Ist ja schon gut.“
„Das waren noch echte Vampire, elegant und unheimlich, und nicht diese Ein-Mann-Boygroups. Vampire sollen nicht süß sein.“
„Vermutlich haben Sie Recht“, sagte die Wintergrippe, „aber was können wir schon ausrichten? Wir gehören beide zum alten Eisen.“

Betreten sahen sie eine Weile auf ihre Gläser. Dann sagte Graf Dracula:
„Ich hab’s.“
„Was denn?“
„Ist die Schweinegrippe eigentlich genauso eine Person wie Sie?“
„Klar, die wohnt irgendwo außerhalb von Berlin in einem alten Bauernhof. Warum fragen Sie?“
„Es ist doch so: Wenn es sowohl die Schweinegrippe als auch Robert Pattinson nicht mehr gebe, wären unsere Probleme gelöst, oder?“
„Das stimmt. Aber darauf können wir lange warten.“
„Nicht wenn wir nachhelfen.“
„Sie wollen die beiden umbringen?“
„Nur einen von beiden, den anderen übernehmen Sie.“
„Aber wenn ich die Schweinegrippe umbringe, fällt der Verdacht doch sofort auf mich.“
„Wer sagt denn, dass Sie die Schweinegrippe umbringen sollen?“, sagte Graf Dracula.
„Aber Sie haben doch gerade gesagt…“
„Nicht doch. Ich bringe die Schweinegrippe um und Sie Robert Pattinson. Da kommt die Polizei nie drauf. Abgemacht?“
Graf Dracula hielt der Wintergrippe die Hand hin.
„Ich fühle mich auf einmal wieder so stark“, sagte die Wintergrippe und schüttelte die Hand des Grafen.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

09:21 27.11.2009
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chrisamar | Community