Sebastian Puschner
Ausgabe 5116 | 04.01.2017 | 06:00 39

„Das Establishment übt sich in Leugnung“

Interview Yanis Varoufakis über die verschiedenen Deutungen der Griechenlandkrise

„Das Establishment übt sich in Leugnung“

„Wir haben viel zu tun“

Foto: Yorgos Karahalis/Bloomberg/Getty Images

Seit seinem Rücktritt als Finanzminister Griechenlands im Juli 2015 ist von Yanis Varoufakis nur noch vergleichsweise wenig zu hören – zumindest in Deutschland. Im Februar 2016 hatte der Ökonom die europäische Bewegung DiEM25 mitgegründet. Deswegen verbringe er weiter viel Zeit in Flugzeugen, sagt Varoufakis, sei aber weiter in Griechenland zu Hause und plane auch nicht, daran etwas zu ändern. Warum Griechenland trotz einer mit 46,5 Prozent weiter nur knapp über Spanien liegenden Jugendarbeitslosigkeit hierzulande aus dem Fokus der Medien verschwunden ist? „2015 rebellierten wir inmitten dieses Schulden-Gefängnisses namens Griechenland“, sagt er, „und wie Sie wissen, haben Gefängnisaufstände einen Nachrichtenwert. Letzteren haben wir verloren, als die Griechen nach dem Staatsstreich der Eurogruppe und der Troika im Sommer 2015 zu stillem Leiden zurückkehrten.“

der Freitag: Herr Varoufakis, die Arbeitslosigkeit in der Eurozone ist auf 9,8 Prozent gefallen, den niedrigsten Wert seit Juli 2009. Man könnte meinen, die Dinge würden besser ...

Yanis Varoufakis: Ich garantiere Ihnen eines: Wer im Stadium der Verleugnung verhaftet bleiben will, kann das auch heute problemlos tun, indem er Daten entsprechend liest. Wer aber die ungeschönte Wahrheit will, der muss wissen, dass sich der Zustand der Eurozone nur mit zwei Worten beschreiben lässt: Stagnation und Zerfall.

Die ungeschönte Wahrheit, bitte.

Im gemeinsamen Wirtschaftsraum der Eurozone sind heute sechs Millionen Leute weniger in Vollbeschäftigung als zu Beginn der Krise. 3,5 Millionen Menschen mehr brauchen Arbeitslosenunterstützung. Das Bruttoinlandsprodukt ist auf dem Niveau von 2007 – pro Kopf ist es niedriger, weil es sich auf eine größere Zahl von Bürgern verteilt. Investitionen in die Realwirtschaft fallen heute um 11,7 Prozent niedriger aus als zu Beginn der Krise. Schlimmer, noch viel schlimmer ist der Blick auf die Bestandteile der Eurozone.

Deutschland steht gut da.

Ja, die Kapitalströme rauschen in die Banken der Überschussländer wie Deutschland oder Holland. So werden weiter ohne Unterlass Wüsten in der Peripherie kreiert: Brutale Krise in Griechenland oder Portugal, ein untragbarer Zustand in Italien, Frankreichs Staatshaushalt außer Kontrolle, Bankensysteme, die effektiv insolvent sind.

Es gibt ja noch die EZB. Mario Draghi hat deren expansive Geldpolitik bis Ende 2017 verlängert und die Anleihenaufkäufe von April an ein wenig gedrosselt.

Draghi ist between a rock and a hard place: Denn das Quantitative-Easing-Programm ist am Limit und zugleich scharfer Kritik aus Deutschland ausgesetzt, bevor es seine Ziele erreicht hat. Draghis Akt der Verzweiflung zuletzt ist den konkurrierenden Forderungen an ihn geschuldet: Deutschland will zum Schutz seiner Altersvorsorge und kleinen Banken ein Ende von Quantitative Easing, der Rest der Eurozone will die Fortsetzung, um Italien, Spanien und so weiter drin zu halten. Zu Draghis Problemen gehört, dass er wegen rechtlicher und politischer Zwänge nicht mehr italienische, spanische und portugiesische Anleihen kaufen kann, ohne viel mehr deutsche zu kaufen. Zudem kann er das von der EZB gedruckte Geld nicht in eine ausreichend große Menge von Anleihen stecken, die direkt produktiven Investitionen, etwa in erneuerbare Energien, zugute kämen. Und er hat es nun mit dem Trump-Effekt und steigenden Zinsen in den USA zu tun – in einer Zeit, in der die Investitionen in Europa, verglichen mit den Spareinlagen, im Keller sind.

Das ist der Punkt, an dem viele dem deutschen Finanzminister sagen: Mach endlich deinen Job und investiere! Darauf antwortet Schäuble: Tue ich doch längst.

Europas politische Klasse hat eine Falle gebaut, die Austeritätsfalle. Sie ist reingefallen, was sie im Nachhinein der EZB anlastet. Aber der Stand staatlicher Investitionen ist der niedrigste seit 1950, und das vor allem in Deutschland, wo die öffentliche Hand schon seit Jahren die Infrastruktur vernachlässigt, obwohl sie kostenlos Kredite aufnehmen kann. Die paar Milliarden jetzt? Zu wenig, zu spät. Das ist der Skandal, für den die Deutschen ihre Regierung verantwortlich machen, die Pflichtverletzung, für die sie Schäuble kritisieren sollten.

Das haben Sie ja schon getan, in der Eurogruppe. Schäuble hat sie dann als Professor verspottet. War es naiv zu glauben, in diesem Gremium makroökonomische Debatten führen zu können?

Ich gestehe: Ja, ich verwendete die Sprache der Makroökonomie, um über makroökonomische Fragen zu sprechen, von deren korrekter Beantwortung das Leben meiner Leute abhing. Ich stellte meine Zahlen vor, meine Analyse – alles korrekt, alles präzise. Ich forderte die anderen Mitglieder der Eurogruppe auf, mir eine Zahl oder auch einen Teil meiner Analyse zu nennen, der ihrer Meinung nach nicht korrekt war. Aber sie haben das einfach nicht gelesen. Und das ist es, worüber Sie und Ihre Leser sehr besorgt und verärgert sein sollten, ob Sie mit meiner Sicht der Dinge übereinstimmen oder nicht: Erstens wurden die Vorschläge des Finanzministers eines hoffnungslos bankrotten Landes nie gelesen. Zweitens wurden Lügen erzählt wie die, dass wir falsche Zahlen, schlechte Analysen und stümpferhafte Vorschläge vorgelegt hätten.

Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle dabei, dass es in den Medien 2015 sehr viel mehr um Ihre Person, Ihre Lederjacke und Ihr Motorrad ging als um Inhalte?

Lassen Sie mich zuvor noch etwas zu Ihrer vorherigen Frage sagen: Besorgt es Sie nicht, dass Ihre ökonomische Lage von einer Eurogruppe abhängt, wo makroökonomische Entscheidungen von Ministern getroffen werden, die es als unhöflich betrachten, wenn dort solide makroökonomische Analysen verwendet werden? Könnte das nicht die Erklärung für diese nicht enden wollende Krise sein? Zur Berichterstattung über meine Person: Ich lehne das ab und hatte nie etwas damit zu tun. Wann immer ich im Zentrum einer Story stand, wusste ich gleich, dass die für die Europäer entscheidenden Themen dabei unter den Teppich gekehrt werden würden.

Wie sehen Sie heute den Umgang deutscher Medien mit Ihnen?

Die Frage sollte eher die nach dem Umgang mit ihrem Publikum sein. Harte Kritik an meinen Positionen wäre nicht nur in Ordnung, sondern die Pflicht deutscher Medien gewesen. Aber massiv zu verfälschen, was ich sagte, nicht über meine Vorschläge zu berichten und zugleich zu behaupten, ich hätte keine – das war Zeichen einer verkommenen Medienlandschaft, die Ihrer Demokratie schadet.

Sie waren bei Günther Jauch.

Ich hatte erst abgesagt. Doch Jauchs Mitarbeiter bekniete mich: Mein Auftritt als ein langjähriger Warner und Freund Deutschlands solle dienen, um eine neue Brücke zwischen Griechen und Deutschen zu bauen. Wer die Sendung sah, der weiß: Das war eine zynische Masche, um noch mehr Hass zu stiften und so die Quote zu heben.

Gerade wird viel über Fake News und die Macht sozialer Medien diskutiert. Einige machen diese für den Brexit und die Trump-Wahl verantwortlich.

Zuerst hat sich das Establishment in Leugnung geübt. Dann, als seine absurde Handhabung der Krise Monster wie Trump, den Brexit oder die AfD erzeugt hatte, machte es die Technologie verantwortlich. Alles, um einen aufrichtigen Blick in den Spiegel zu vermeiden. Ich bestreite nicht, dass die sozialen Medien die Toxizität des heutigen nationalistischen Revivals verstärken. Aber sie für die Ursache zu halten? Es wäre lachhaft – wenn es nicht so gefährlich wäre.

Warum dieses nationalistische Revival? Warum kein Erstarken der linken Kritik am Status quo?

Blicken Sie auf 1930, dann haben Sie Ihre Antwort. Wann immer eine Finanzkrise die Geldkreisläufe des Kapitalismus zersplittern lässt und das Establishment die Kosten dafür den Schwächsten aufzwingt, dann werden Xenophobie und Autoritarismus folgen. Und das heißt: Quasi-Faschismus, Patriarchat, Menschenhass.

Vielleicht hat das Ganze ja auch mit einer linken Leerstelle zu tun, dem Fehlen überzeugender Ideen und Narrative.

Es hat nie an Ideen gemangelt. Was es gab, wie um 1930: eine sozialdemokratische Partei, die allzu sehr darauf bedacht war, sich ins Establishment zu integrieren. Und tiefe Spaltung inmitten guter, anständiger Leute: Liberale, Marxisten, Feministinnen, Grüne. Während sich die Fanatiker hinter gefährlichen Vereinfachungen sammeln, neigen die Progressiven dazu, gegeneinander zu kämpfen und damit jener nationalistischen Internationalen zum Opfer zu fallen.

Kann Ihre Europa-Bewegung DiEM25 das ändern?

Wenn sie es nicht kann, dann ist Europa am Ende. Was wir tun, das ist so schlicht wie unerlässlich: Wir versuchen über Länder-, Partei- und Ideologiegrenzen hinweg ein Bündnis von Demokraten – Linke, Grüne, Liberale, unabhängige Denker, progressive Konservative – zu schließen und auf der Grundlage gemeinsamer humanistischer Grundsätze eine Agenda für ein internationalistisches, fortschrittliches Europa zu entwerfen.

Was heißt das konkret?

Die erste große Herausforderung ist gerade, eine Strategie für einen Green New Deal zu entwerfen, wir werden sie Ende Februar in Paris vorstellen – als ersten Schritt auf dem Weg zu einer Agenda, die wie ein Magnet für Europäer wirken soll, die genug haben von ihrem inkompetenten Establishment. Und zugleich entschlossen sind, den Vormarsch der nationalistischen Internationalen zu stoppen.

Bisher wirkt es, als stieße DiEM25 in polyglotten Städten wie Paris und Berlin auf Interesse, außerhalb davon aber kaum.

Alle progressiven Bewegungen haben ihren Anfang in Städten genommen. Wo war die Wiege der Politik? In der Polis, in der Stadt. Aber Sie haben Recht: Wenn wir nicht darüber hinaus wirken, werden wir keinen Erfolg haben. Wir stehen noch am Anfang. Und wir haben viel zu tun.

Zur Person

Yanis Varoufakis, 55, hat in Großbritannien einen Bachelor in Wirtschaftsmathematik und einen Master in mathematischer Statistik erworben. Er promovierte mit einer unter anderem spieltheoretischen Analyse von Streiks und lehrte etwa in Glasgow, Sydney, Stockholm, Austin – und Athen, wo er derzeit freigestellt ist. Sein Buch Der globale Minotaurus von 2011 dreht sich um die Entstehung der Finanzkrise. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch Das Euro-Paradox (Kunstmann 2016, 384 S., 24 €)

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/16.

Kommentare (39)

Querdenker 04.01.2017 | 08:41

Mit wem hatte Syriza in Griechenland gleich noch mal koaliert: Unabhängige Griechen?

Mein Eindruck ist ja, daß ein Yanis Varoufaki mit seiner Eurozonen-Kritik von einem Bernd Lucke (AfD-Gründer) sehr viel weniger entfernt ist, als etwa von einem Jürgen Trittin (Grüne) - was schon mal auf Grund der Profession vernünftig erscheint.

Und dass das sozialistisch geprägte "Establishment" in Brüssel und Berlin im Gleichschritt mit der europäischen "Linken" genau das gerade mit großem Eifer importiert: "Quasi-Faschismus, Patriarchat, Menschenhass." - und damit leider auch die Situation von den im Interview eingangs beklagten vielen Millionen in Europa ohne Vollbeschäftigung deutlich verschlechtert.

Übrigens, Herr Varoufakis: Was die guten und die anständigen Leute und wer die "Monster" sind, wird demnächst in Deutschland das „Abwehrzentrum gegen Desinformation“ beurteilen.

Ja, es fühlt sich schon irgendwie an wie 1930.

na64 04.01.2017 | 09:24

Was hasst du Angst!?.
Meine eigene Unzulänglichkeit, das verschlossene und unbefriedigende in meinem Ich, in meinem Wesen verleitet mich dazu falsche inspirierte Handlungen im Affekt, die neue Enge in sich beherbergen zu begehen. Da man jetzt dann nur diese neue Enge betrachtet, die man ja selbst verursacht hat löst sich das wirkliche Angst problem gar nicht, da man es ja auch gar nicht mehr erkennen, ansehen will, soll, da in dieser Enge das erscheinen einer neuen Angst verborgen ist und auch ein Bedürfnis dadurch Gestalt angenommen hat, dass wiederum auch ein Geschäft mit Gewinn darstellt. Dieses Verhalten zeigt auf das die Menschen nicht bereit sind ihr Verhalten, Ihre Motivationen und Inspirationen kritisch zu Hinterfragen und neue Richtungen im Denken und Handel aufgreifen können, bzw. wird dies nicht zugelassen, da dass gewohnte System der bestehenden Ausbeutung so beibehalten werden soll. Das ist evolutionäres gewohntes Muster- Raster-denken. Die Fiktion, dass Augenmerk ist auf die Vergangenheit gerichtet und was sich da bewährt hat ist und soll auch in zukünftigen Zeiten weiterhin gut sein. Durch dieses Verhalten entstehen eine Vielzahl an Zwängen und die eskalieren auch in den unterschiedlichsten Gewaltformen, da ja jeder um sein überleben in dieser eingeengten Atmosphäre, für mehr Raum für die eigene persönliche Entfaltung kämpfen wird. Es ist ein Geschäft geworden diesen Raum der Entfaltung zu beengen zu begrenzen und auch nur gegen monetäre Mittel sind diese Grenzen dieser Enge von der eigenen Person weg, hinter dem Horizont zu verbannen, so dass man Sie nicht sieht, welche wiederum andere Menschen in noch mehr Ausgrenzung ein engt.
Und Angst, vor was hast du jetzt eigentlich Angst!?.

Vor dieser Grenze, da Sie mir zeigt, da in diesem Zwischenraum ein Teil meine Ignoranz enthalten ist und den will ich nicht betrachten.

mister-ede 04.01.2017 | 16:19

Knapp 3 Billionen Euro haben Deutschland und die Niederlande in den letzten Jahren an Exportüberschuss (Importdefizit) aufgebaut. Damit fehlen den Bürgern dieser Länder rund 30.000 Euro und daneben ist Deutschland damit auch hauptverantwortlich für den Niedergang Südeuropas, die Eurokrise und auch für die aufziehende Weltwirtschaftskrise.

http://www.mister-ede.de/politik/weltversorger-schattenseiten/5728

Ökonomische Dummschwätzer wie Sinn und Co. haben Europa zerstört. Den Zerfall aufzuhalten ist inzwischen fast unmöglich, so sehr haben diese neoliberalen Hetzer die Europäer gegen einander aufgebracht.

Was der Nationalismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, ist der heutige Wirtschaftsnarzissmus einer verkorksten Elite.

zelotti 04.01.2017 | 16:44

Ja, strukturell antisemitische Gläubigerkritik und prinzipiell unhaltbare Positionen: Zugleich mehr Geld und weniger Erfüllung von Auflagen der Gläubiger fordern. Das ist ein Widerspruch. Es ist Populismus, der nur die Zustimmung der eigenen Wählerschaft sich versichern will, indem die anderen schuld sind, aber sogar eine Lösung der Krise blockiert.

Demagogisch nationale "Demokratie" in Position bringen nach dem Motto: Wir sind für Zuckerbrot statt Peitsche. Die anderen beuten uns aus, die anderen sind an unserer Krise schuld usw. Nicht Griechenland ist bankrott, erhält kein Geld mehr am Kapitalmarkt und wird von anderen Staaten am Leben gehalten, sondern das Land werde von den anderen Staaten, vor allem denen die sich am meisten engagieren, geknechtet. USA und Russland finanzieren gar nicht, aber schuld ist Merkel, die noch finanziert. Nun will man als Linker das natürlich gerne hören, dass Merkel schuld ist, und hat eine Sympathie für alle Opfer. Dabei übersieht man völlig den demagogisch nationalistischen Diskurs, die Stilisierung der eigenen Nation zum Opfer fieser Finanzmächte.

Was wäre denn die Alternative? Ein Staatsbankrott, mit dem Varoufakis sogar noch Vabanque spielte.

In der Flüchtlingskrise zeigt die linke Syrizaregierung wessen Geistes Kind sie ist. Natürlich entschuldigt man sich auch da für seine Untätigkeit und schlechte Behandlung der Refugees durch die wirtschaftliche Situation und fordert Hilfe ein. Ja, da man sich selbst nicht zuständig erklärt, heisst es, wir haben doch der EU bescheid gesagt, sie habe aber nichts getan.

Reinhold Schramm 04.01.2017 | 17:37

“Was es gab, wie um 1930: eine sozialdemokratische Partei, die allzu sehr darauf bedacht war, sich ins Establishment zu integrieren.“ * * * - )

Die gesellschaftspolitische Verantwortung der Sozialdemokratischen Partei in der Weimarer Republik für die legale Machtergreifung der deutschen Kapital-Faschisten 1933, das wäre eine andere Diskussion -die bisher so in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht geführt wurde- auch heute!

Flegel 04.01.2017 | 18:28

Zu gern genoss er die öffentliche Aufmerksamkeit

Varoufakis' behauptete als Finanzminister 2015 von Anfang an, die Troika-Hilfen seien kein Akt der Solidarität europäischer Bürger & Steuerzahler mit dem griechischen Volk gewesen, sondern ein Akt der Selbsthilfe des europäischen Finanzsektors zu Lasten der EU-Bürger. – Und er hat recht!

In seinem gemeinsamen Buch, zusammen mit Stuart Holland und James Galbraith "Bescheidener Weg zur Lösung der Eurokrise“, stellte er fest:

"Unter dem Vorwand, Griechenland retten zu müssen, wurden hohe Verluste aus den Büchern der Banken auf die schwachen Schultern der griechischen Steuerzahler verschoben in dem vollen Bewusstsein, dass die Kosten, weil die griechischen Schultern zu schwach dafür waren, auf Deutschland, die Slowakei, Finnland, Portugal und so weiter überschwappen würden.

Natürlich gab es keine Rettung Griechenlands und keine Solidarität mit den verschwenderischen Griechen. Der griechische Staat erhielt Kredite in Höhe von 240 Milliarden Euro, damit über 200 Milliarden Euro Steuergelder an die Banken und verschiedene Hedgefonds fließen konnten. Diese Milliarden bekam Griechenland unter der Bedingung drastischer Sparauflagen, die die Einkommen der Menschen um ein Viertel reduzierten, weshalb es sowohl für die öffentliche Hand wie für den privaten Sektor in Griechenland unmöglich wurde, ihre alten und neuen Kredite zurückzuzahlen."

Die objektiven Zahlen bestätigen ihn: 77 Prozent der Hilfen gingen an Finanzsektor.

Von den bis Mitte 2013 nach Griechenland geflossenen knapp 207 Milliarden Euro sind gut 77 Prozent direkt (58,2 Milliarden für Bankenrekapitalisierung) oder indirekt (101,3 Milliarden für Gläubiger des griechischen Staates) an den Finanzsektor geflossen, auch nach Deutschland. Für den Staatshaushalt blieben aus den Rettungsprogrammen weniger als ein Viertel.

Die EZB-Studie "The Janus-Headed Salvation" weist aus, dass es in erster Linie vor allem die Bankenrettung und ihre Folgen gewesen sind, die Griechenland in Not brachte.

Auch Yanis Varoufakis' Zustandsbeschreibung in diesem Text ist nicht zu beanstanden und hat doch etwas Boulevardeskes, wie immer, wenn er sich meldet.

„Ich stellte meine Zahlen vor, meine Analyse – alles korrekt, alles präzise… Aber sie haben das einfach nicht gelesen.“ – Tief, sehr tief sitzt die Kränkung! Zu gern genoss er die öffentliche Aufmerksamkeit, auch, wenn er uns heute etwas Anderes erzählt. Yanis Varoufakis‘ Homestory ist eine Hochglanzbroschüre, die seine Handschrift trägt und die ihm viel Spott einbrachte.

Tiefendenker 04.01.2017 | 19:56

Die Fakten und die Kritik von Herrn Varoufakis sind sicher richtig. Man muss jedoch ergänzen, dass sie formuliert werden vom Standpunkt des Kapitals aus, anstatt sie als Teil des Niedergangs des Kapitlaismus insgesamt zu verstehen.

Varoufakis versucht ja quasi argumentativ den Kapitalismus (insgesamt zu retten)... Es geht ihm nur insofern um Griechenland, als dass es ein Bestandteil davon ist. Ihm ist klar, dass wenn die Eurozone in seinen Bestandteilen scheitert, das Gesamtsystem scheitern wird. Dass die Oase Deutschland dafür blind bleibt, ist sein Ansatz.

iDog 04.01.2017 | 21:29

Das mag so erscheinen, aber wenn ich den Burschen richtig verstehe , sieht er strategisch keinen anderen Weg als den Kapitalismus ertmal zu entschärfen, damit er sinnvoll eingehegt werden kann. Der Mann ist schlau und hat sich u.A. mit Kommunisten, Marxisten etc. zusammegetan, die sicher einem strikten Befürworter des Kapitals nicht zuarbeiten werden. Ich bin mir recht sicher , dass Varoufakis sehr klar sieht wie sich der Kapitalismus in der Krise zerbröselt und dass es zuerst gilt den herbeigetrommelten Krieg als Rettung des Kapitals zu verhinderen, um der Lage konstruktiv entgegen zu wirken. So ist die europäische Ausrichtung zu verstehen.

Andere, die hier von Populismus, der an sich immer rechts ist, weil er prinzipiell aus Lügen besteht, oder Nationalismus reden verteidigen genau mit diesen Schuldzuweisungen das Kapital, welches keinesfalls als jüdisch oder dergleichen zu bezeichen ist, sondern als total anonymisiert. Gerade das aber können Kämpfer mit Kompetenz handeln im Gegensatz zum "ordinären" etablierten Linken, der mit dem Strom schwimmt. Gerade deswegen ist Varousfakis gefährlich aus Sicht des Kapitals. Gefährlich ist er mir lieber. Solche leute brauchen wir. Kapitalismus brauchen wir dagegen nicht mehr , der schafft sich, weil er die Arbeit abschafft , gerade selber ab, denn nur die Arbeit schafft wiederum Kapital. Das zu verstehen, und die Gefährlichkeit des untergehenden Kapitals übersteigt die Kompetenz der meisten. Ich denke Varousfakis versteht es. Aber er sagt : first things first. Und das ist Strategie und gibt ihm Recht.

Flegel 04.01.2017 | 22:11

Das Erbe von Yanis Varoufakis – eine Erinnerung

In Ergänzung zu meinem vorausgegangenen Beitrag in diesem Blog möchte ich an dieser Stelle gerne auf einen anderen Beitrag von mir zu diesem Mann hinweisen. Seine saubere Analyse bedeutet noch lange nicht, dass er daraus auch die richtigen Rückschlüsse zieht.

Die humanitäre Katastrophe Griechenlands wurde 2015 auch mit seiner Hilfe festgeschrieben und fand ihren schmutzigen Höhepunkt in der "einstimmigen Einigung" vom 13. Juli 2015.

Es war Yanis Varoufakis, der Herrn Schäuble die Steilvorlage für die Griechenlandkaperung lieferte.

zelotti 04.01.2017 | 22:27

Das Schöne an der Ökonomie ist, dass man jedes Argument auf den Kopf stellen kann, wie man will, und mitunter der Schwanz tatsächlich mit dem Hund wackelt.

Staatsschulden sind ganz real, nämlich Schulden des griechischen Staates gegenüber Gläubigern. Richtig ist, dass eine griechische Staatspleite große institutionelle Gläubiger mit in den Abgrund gezogen hätte. Darum war es im Selbstinteresse Deutschlands eine Staatspleite aufzuhalten. Aber:

"Von den bis Mitte 2013 nach Griechenland geflossenen knapp 207 Milliarden Euro sind gut 77 Prozent direkt (58,2 Milliarden für Bankenrekapitalisierung) oder indirekt (101,3 Milliarden für Gläubiger des griechischen Staates) an den Finanzsektor geflossen, auch nach Deutschland."

verdreht nun die Situation. Bitte immer die Alternativen beachten.

Nehmen wir an, unser Freund betrinkt sich irgendwo, und wir stecken ihm Geld zu damit er den Wirt bezahlen kann und nichts aufs Maul kriegt oder Hausverbot. Technisch ist dann das Geld an den Wirt gegangen. Aber gesoffen hat er.

Flegel 04.01.2017 | 22:58

Angesichts der fortgeschrittenen Stunde mach ich es mir jetzt mal einfach und stellte hier mal Text ein, den man beim Handelsblatt finden kann.

„Nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Mitte September 2008 haben die meisten Staaten - darunter Griechenland - umfangreiche Garantien für ihre Banken abgegeben…

Die beiden EZB-Ökonomen Jakob Ejsing und Wolfgang Lemke haben in ihrer Studie untersucht, wie sich das auf die Beurteilung des Ausfallrisikos von Staatsanleihen und von Bankanleihen ausgewirkt hat. Sie konzentrierten sich dabei auf den Preis für Versicherung gegen Zahlungsausfälle der Staatsanleihen, die sogenannten Credit Default Swaps. Das Ergebnis: Das Kreditrisiko der Staaten ist durch die Rettungspakete massiv gestiegen, das der Banken in etwa gleichem Ausmaß gesunken. Griechenland war davon nach Irland unmittelbar nach der Lehman-Pleite am stärksten betroffen.

Mit diesem einmaligen Anstieg war es aber nicht getan, wie die Autoren feststellen. Nach den Rettungsaktionen führte jede Verschlechterung der Wirtschaftsperspektiven bei den Staatsanleihen zu einem stärkeren Anstieg der Risikoprämien als vor Ausbruch der Krise. Bei den Banken war es umgekehrt. Dort verflachte der Anstieg. Letztlich bedeuteten die staatlichen Rettungsaktionen für die Finanzbranche also: Die Risiken, die in den Bilanzen der privaten Banken schlummerten, wurden von den Staaten übernommen.“

Wünsche eine gute Nacht.

Flegel 05.01.2017 | 09:42

… Und um die Sache rund zu machen

noch ein Hinweis zum Thema Enteignung von Sparern, Aktionären und Anlegern.

„Never Let A Good Crisis Go To Waste“ ist die Devise des internationalen Finanzsystems. Das gestaltet und pflegt gemeinsam mit devoten Politikern eine verhängnisvolle Kultur des permanenten fiskalischen Tohuwabohu, um seine maßlosen Ziele zu erreichen und läuft nach immer demselben Ritual ab: Das Drehbuch wird von internationalen Geldinstituten geschrieben, willfährige Politiker arbeiten ihnen unter dem Chorgesang der meisten System-Medien als Erfüllungsgehilfen zu.

Die Politiker sind zugleich kalkulierter Bestandteil eines entsprechenden und hoch effizienten Belohnungssystems. Ein besonders unappetitliches Beispiel: José Manuel Barroso! Der fuhr dieser Tage schon seine zweite Belohnung ein. – Als es darum ging, den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Coalition Of The Willing von 2003 gegen den Irak zu organisieren, stand der Portugiese in der ersten Reihe neben George W. Bush und Tony Blair. Genau wie die beiden anderen müsste er eigentlich vor das Den Haager Kriegsverbrechertribunal gestellt werden – stattdessen bekam er nun ein Pöstchen ohne Geschäftsbereich bei Goldman Sachs. – Barroso war von 2002 bis 2004 Regierungschef von Portugal. Danach leitete er bis 2014 die EU-Kommission in Brüssel.

luddisback 05.01.2017 | 10:17

danke für ihre antwort. so ist das mit den brillen. ich habe varoufakis nie nationalistisch oder antisemitisch wahrgenommen. auch ist er nicht mehr teil der syrizaregierung, kann also nicht verantwortlich sein für etwas, das jene in der flüchtlingskrise entscheidet. aber sei es drum. ich hatte auch schon in den (prefaktischen) zeiten der griechenlandkrise das gefühl, dass darüber hierzulande sehr viel gelogen wird. mir war schon ganz schlecht von dem ganzen kampagnendreck und den schafen, die den unsinn nachplapperten.

zelotti 05.01.2017 | 15:18

Ich glaube, dass Varoufakis mit DiEM alles richtig macht, er ist auch kein Nationalist. Bedenklich finde ich dennoch nationale Opfernarrative und Kritik an Gläubigern. Weder fressen die faulen Griechen alles auf, noch ist Griechenland ein Opfer der bösen Troikamafia.

Ursache der Banken- und der Staatsschuldenkrise ist ordnungspolitische Schwäche. Das Narrativ von Varoufakis ist aber sich ausgerechnet gegen Ordnungspolitik zu stellen und gegen "Austerität" zu polemisieren auf eine populistische Art und Weise.

Ratatörskr 05.01.2017 | 16:03

"Das Narrativ von Varoufakis ist aber sich ausgerechnet gegen Ordnungspolitik zu stellen und gegen "Austerität" zu polemisieren auf eine populistische Art und Weise."

Nun weiß aber eigentlich jeder, dass die Austeritätspolitik bekanntermaßen eine Wirtschaftsstrangulierung ist! Und das seit Brüning und Merkel erneut!

Populistisch ist, dies zu leugnen! Weil es schlicht nachprüfbar ist. Also, das Rechtsgewinde ist der Verschluss des Wasserhahns und des Denkens. Ist soooo real und klingt so schön. Und ist so nachprüfbar.

iDog 05.01.2017 | 19:38

Ja , zwischen den Beiden Sätzen hätte ich einen Punkt machen sollen, denn sie haben nichts miteinander zu tun.

Was den Austritt der Griechen aus dem Euro angeht, so ist der mMn von Schäuble verhindert worden , denn der hat populistisch getönt : einmal sei es verboten aus dem Euro auszutrete , wenn man ihn einmal engeführt habe ( während andere EU "Gesetze" nach Belieben gebrochen werden) und also meinte Schäuble zum anderen, wer aber aus dem Euro autrete, der trete auch aus der EU aus. Das war Schäubles plumpe "Pistole" - ein Austritt aus der Eu ist an sich auch nicht Vorgesehen, wenn man einmal beigetreten ist - und wir wissen nicht in wie weit Schäubles Bluff mit dem Imperium, sprich der USA geleiteten NATO abgesprochen war, denn die hatte ganz sicher was dagegen, dass Griechenland aus der EU Austritt und zu einem Wackelkandidaten der Nato wird wie etwa die Türkei. Man hatte da ganz in der Nähe ja einen prima Krieg am laufen ...

Ich denke eine Absicht der Syriza Poliktiker dem Kapital, nicht mal dem griechischen , zuzuarbeiten ist nicht ersichtlich. Was wir aber wissen können ist, dass das Kapital offensichtlich geschafft hat den Grexit Plan zu vereiteln. Wir wissen nicht genau wie. Es hat Syriza in die Knie gezwungen, erst mit und dann ohne Varoufakis.

Und was hätte Varoufakis schon davon sich jetzt als Sprechen oder wie auch immer Opposition zut neoliberalen Austeritätspolitik eins EU-Schäubles aufzustellen? Er macht jetzt an sich nichts anders als vorher als Berufspoliktiker. Er ist mit dem Rest des Linken Flügels der Syriza gegangen.

Ich bin übrignes nun kein ausgesprochener Anhänger Varoufakis', aber immerhin ist er einer der Leuten hier in Europa die halbwegs vernünftiges Zeug erzählen , was man zB von den meisten Politikern nicht gearde behaupten kann , wenn man mal von Frau Wagenknecht oder Herrn Mélenchon absieht.

Giuseppe Navetta 06.01.2017 | 21:05

"Was der Nationalismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, ist der heutige Wirtschaftsnarzissmus einer verkorksten Elite."

Nich schlecht formuliert, Kompliment!

Allerdings sind es nicht nur ökönomische Flachpfeifen alla Sinn & Co., sondern auch so mancher Minister des Innneren oder anderer Ressorts, die im Grunde ein Fall für die Oberstaatsanwaltschaft sind und in einem Fall nicht nur wegen der Schreiber-Affäre. Was die "graue" Eminenz Italiens war, nämchlich Giulio Andreotti, dass ist für die hiesigen Gefilde der jetzige Innenminister. Gut nur für die politischen Mandatsträger hierzulande, dass eine Art Rest preußischen Untertanentums bei manchem Michel immer noch vorhanden ist, der ihm Glauben macht, er lebe noch im trauten "Mariental" der 50er, in der die Welt noch in Ordnung war - auch wenn es schon damals nicht wirklich so war, man denke nur an den Fall Viktor Agartz.

Aber da alle Staatsanwälte dem jeweiligen Landesjustizminister unterstellt sind, wird man bundesweite Aufklärung dem Bundeststaatsanwalt überlassen müssen, der aber, ganz im Gegensatz zu seinem Namen, keine staatsanwaltliche Kompetenz besitzt. So wird der "Michel" weiter gemütlich in seiner Traumblase vor sich hin dösen dürfen, gelegentlich sich von der AfD oder einer anderen ähnlichen Partei sich chauvinistisch bauchpinseln lassen und meinen, dass "sein" Deutschland auch nach der Verunstaltung des hiesigen Sozialsystem durch einen strafverurteilten Unternehmensberater, immer noch ein Hort der Sozialpartnerschaft sei, wie es den Vätern der Republik immer so vorschwebte und Adenauer & Co. repräsentativ so gerne verkauften, obwohl schon damals mehr Schein als Sein existierte.

Markou Spyros 07.01.2017 | 13:36

Die Thesen von Varoufakis werden sich, früher oder später, bewahrheiten. Die EU läuft auf den falshcen Kurs. Dies glauben, laut neuester Befragungen in Deutschland, Frankreich, Holland, Griechenland, fast 80% durchschnittlich ! Es ist nicht nur die absurde Austeritätspolitik von Schäuble, die ganz Europa ruiniert, siehe den SPIEGEL - Titel vor 3-4 Tgaen: NOTAUFNAHME, zu viele Patienten, die Misere in den Krankenhäusern, erinnert mich an die Misere in den Krankenhäusern maeines Landes, nach der 7-jährigen katastrophalen Politik der Troika, die das Land retten sollte !

Es ist viel mehr, daß wir in das Alter des Feudalismus zurückgehen... Auf allen Ebenen. Warum hassen dieses Europa eigentlich, fast 40% der Jugend aller Europa-Staaten? Die Armaut wächst überall ! Der Wohlstand der Bürger wird ruiniert, die Jugendarbeitslosigkeit nimmt dramatisch zu, zum großen Ruhm der Bankers ! Die Deutschen Leser dieses gastfreundlichen Mediums sollten etwas mehr die Sache ...philosophieren, so wie wir Griechen es tun und mehr in die Dinge vertiefen ! Wohin führt die Globalisierung ? Warum wächst der Populismus in Europa ? usw.usw.

MARKOU SPYROS

mister-ede 07.01.2017 | 20:33

Danke für das Kompliment. Sie haben absolut recht, dass es am Ende die politischen Eliten sind, die diese von Sinn und Co. gepredigte neoliberale Ideologie in die Tat umsetzen.

Mir fällt allerdings auf, dass es eben nicht nur die Politik-Eliten sind, die dieses Narrativ inzwischen verinnerlicht haben. Auch in den Medien und selbst bei ganz normalen Menschen ist dieser Glaube an "Privat vor Staat", "Freihandel ist für alle gut" oder "der Markt wird es schon richten" so tief verwurzelt, dass ich das Gefühl habe, gegen eine Wand zu sprechen bzw. zu schreiben.

Wenn ich versuche, Leuten zu erklären, dass nicht alle Länder Exportüberschüsse haben können, habe ich immer das Gefühl, gleich kommen die mit einer Zwangsjacke für mich.

luddisback 10.01.2017 | 15:33

mich hat der griechenlandfeldzug (ich kann den euphemismus von der -rettung nicht ertragen) sehr an die wiedervereinigung erinnert (treuhand troika ...). aus der lebenserfahrung heraus würde ich sagen, dass der fraportdeal fraport nützen wird, nicht griechenland. die gut 1,23 mrd. euro kaufpreis fließen direkt zurück an deutsche banken.

ich weiß auch nach lektüre ihres artikels nicht, wie sie darauf kommen, dass der deal irgendwie gut für griechenland sein könnte. weil tsipras ihn nicht wollte? weil schäuble ihn unbedingt wollte? oder wegen der 5%, die fraport kurz abrutschte, seinerzeit? für mich sieht dieses "geschäft" aus wie jede andere neoliberale privatisierung, bei der funktionierender gesellschaftlicher besitz in privathand verschoben wird, wo er bleibt, solange es sich lohnt. ist dann die infrastruktur verschlissen, wird wieder verstaatlicht und saniert. hier: in 40 jahren?

mister-ede 10.01.2017 | 21:30

Dass der "Kaufpreis" direkt wieder an Banken zurückfließt, nutzt Fraport ja überhaupt nichts. Dass das Durchleiten des Geldes Griechenland nutzt, muss man allerdings auch bezweifeln. Es wäre wohl besser, wenn das Geld für Investitionen in Griechenland zur Verfügung stünde.

Klar ist aber, damit Fraport diese Milliarde wieder verdient, müssen sie die Flughäfen wirtschaftlich nach vorne bringen - und ich glaube, dass Fraport auch das Know-How dazu hat. In diesem Fall bekommt Griechenland dann aber neben Kaufpreis, den zugesagten Investitionen in die Flughäfen und der jährlichen Nutzungsgebühr auch eine ordentliche Gewinnbeteiligung und nach Ablauf der Konzession gut aufgestellte Flughäfen zurück.

Ich sage es mal so, ich wohne hier in Siegen-Wittgenstein und es wäre traumhaft, wenn Fraport mit einem solchen Deal auch den Siegerlandflughafen für 30 Jahre betreiben würde. Wir hätten einmalig das Geld, bekämen eine Gewinnbeteiligung, sofern Fraport es schafft das Ding mal in die Gewinnzone zu bringen, und nach 30 Jahren hätten wir dann sogar einen rentablen Flughafen. Das wäre also eine Privatisierung, die ich sofort mittragen würde, allerdings so blöd ist kein privater Investor, sich auf einen solchen Deal einzulassen.