Wir alle arbeiten sehr gerne

Die Buchmacher Die meisten Arbeitgeber verstehen nicht: Es geht ihren Beschäftigten um Sinn und Gestaltungsfreiheit. Nicht um Geld

Die eine historische Leistung kann man Adam Smith nicht absprechen: Noch über zwei Jahrhunderte nach seinem Tod beschäftigt der schottische Moralphilosoph eine Unmenge von Menschen damit, all die Irrtümer zu widerlegen, die er der Menschheit zu seinen Lebzeiten eingebrockt hat.

Eine neue Folge aus dieser Reihe von Widerlegungen ist gerade als eBook in deutscher Übersetzung erschienen: Der US-Psychologe Barry Schwartz erklärt, welch fatale Folgen Smiths Erklärung für das Verhältnis der Menschen zur Arbeit bis heute hat. Das Büchlein Warum wir arbeiten basiert auf einem Vortrag Schwartz‘ bei der „Technology, Entertainment, Design“-Konferenz (TED) in Kalifornien im vergangenen Herbst. Ende Februar soll es die Schrift auch als Taschenbuch zu kaufen geben.

Nur für Geld – für nichts anderes – nehmen wir Menschen Arbeit auf, so beschreibt Schwartz das, was Adam Smith der Nachwelt wirkungsvoll als Erbe hinterlassen hat. Sein berühmtes Beispiel einer Stecknadelfabrik legte das Fundament für den Siegeszug des Prinzips der Arbeitsteilung; Taylorismus und Behaviorismus besorgten dessen massenhafte Implementierung über die Zeit der industriellen Revolution und den Bereich des produzierenden Gewerbes hinaus. Menschen als Arbeiter funktionieren demnach wie gut geölte Maschinen, so man sie nur effizient organisiert und mit Anreizen lockt.

Dies sind allesamt keine klugen anthropologischen Ableitungen, erklärt Schwartz, sondern Ideologien, welche Institutionen prägen, die dann wiederum uns Menschen prägen. Eigentlich seien wir alles andere als arbeitsscheu. „Stattdessen können wir davon ausgehen, dass so ziemlich jede Arbeit das Potenzial hätte, den Menschen befriedigende Aufgaben zu bieten“, schreibt Schwartz. Und er illustriert dies dankenswerterweise nicht mit den bunten Wohlfühlwelten der Konzerne aus dem Silicon Valley à la Google mit bunten Couchen, Meetings am Kickertisch und Fitnessräumen. Sondern mit leidenschaftlich arbeitenden Friseurinnen und Hausmeistern in Kliniken, die dort nach Aufgabenbeschreibung eigentlich nur die Treppe wischen und schmutzige Bettwäsche einsammeln sollten. Die in ihrer Arbeit aber vor allem Erfüllung finden, weil sie den Angehörigen Schwerstkranker aufmerksame und verständnisvolle Ansprechpartner sein können. Weil nicht ihre angebliche Faulheit mit Anreizen zu übertölpeln und mit Überwachung zu regelmentieren versucht wird, sie vielmehr über das verfügen, was Menschen laut Schwartz gerne und gut arbeiten lässt: einen erkennbaren Zweck ihres Tuns und einen Nutzen der Produkte ihrer Arbeit sowie das Vertrauen und die Freiheit, die sich ihnen am Arbeitsplatz stellenden Probleme eigenständig zu lösen. Das ist ein wertvoller Fingerzeig in die Zukunft, geht man davon aus, dass es auch nach der Automatisierung zahlreicher Tätigkeiten und der Einführung eines Grundeinkommens noch genug zu tun gibt.

Gegenwärtig aber sind Sinnhaftigkeit und Gestaltungsfreiheit die absolute Ausnahme in den Arbeitswelten: Für 90 Prozent der Arbeitnehmer ist Arbeit mehr eine Quelle der Frustration als der Erfüllung, so die jüngste Ausgabe einer seit knapp 20 Jahren laufenden Befragung des Gallup-Instituts von 25 Millionen Menschen aus 189 Staaten. Die meisten also „verbringen die Hälfte ihres wachen Daseins damit, Dinge zu tun, die sie lieber nicht täten, und das an einem Ort, an dem sie lieber nicht wären“, resümiert Schwartz.

Info

Warum wir arbeiten Barry Schwartz Irmengard Gabler (Übersetzung) S. Fischer Verlag 2016, 112 Seiten, 6,99 € (eBook)

06:00 10.02.2016
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