Frage nach Alternativen bleibt aktuell

Rezension Vor kurzem starb der Historiker Eric Hobsbawm. Sein letztes Buch ist der Geschichte des Marxismus und dessen Bedeutung für die Herausforderungen unserer Zeit gewidmet.
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Die Geschichte des «kurzen 20. Jahrhunderts», die er gründlich erforscht hat, war in seinen eigenen Lebensweg eingeschrieben, der vor wenigen Wochen endete. Die Rede ist vom britischen Historiker Eric Hobsbawm, der mit einem marxistisch geschulten Blick die Entwicklung des Kapitalismus wie jene der gegen die bürgerliche Herrschaft gerichteten Bewegungen untersuchte. Das letzte Buch, das noch zu seinen Lebzeiten erschien, soll hier etwas genauer vorgestellt werden.

Nach dem Ende der Sowjetunion und des «realexistierenden Sozialismus» schien das Denken von Karl Marx und Friedrich Engels jegliche Bedeutung für ein vertieftes Verständnis unserer Zeit verloren zu haben. Das Ende aller Krisen war angesagt und damit auch das Ende einer Theorie, mit der die Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Gesellschaft erklärt werden sollte. Ein paar Unerschütterliche hielten an der Aktualität marxistischen Analysen fest – und fanden durch die globale Finanzkrise 2008 ff. Bestätigung. Zu diesen gehörte Eric Hobsbawm, der sich mit seinen Arbeiten zur Epoche von der Französischen Revolution bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sowie mit einer umfassenden Untersuchung über das 20. Jahrhundert als «Zeitalter der Extreme» einen Namen weit über linke Kreise hinaus gemacht hatte.

Das zuerst 2011 in englischer Sprache erschienene Buch Wie man die Welt verändert führt ins Zentrum von Hobsbawms intellektuellen Interessen zurück: Wie gestalten Menschen ihre eigene Geschichte und welche Bedeutung haben dabei die Vorstellungen, die sie sich von der sozialen Wirklichkeit machen? Sein Augenmerk richtet sich dabei vor allem auf jene, die von der Macht ausgeschlossen sind, aber das Potenzial in sich tragen, eine ganz neue Gesellschaft zu errichten. Dies war zumindest die Hoffnung von Karl Marx, die er von den frühen kommunistischen Bewegungen der 1840er Jahre übergenommen hatte. Eric Hobsbawm betont, aus der politökonomischen Analyse des Kapitalismus ergebe sich nicht zwingend die Schlussfolgerung, dass das Proletariat das kapitalistische System sprengen und den Weg für den Kommunismus freimachen werde. Der Gedanke der Befreiung war ein philosophischer – nicht einer, der sich aus reiner Beobachtung ergab.

Keine Gewissheiten

Marx und Engels ist immer wieder vorgeworfen worden, einen Geschichtsdeterminismus zu vertreten, also von einer Zwangsläufigkeit der Entwicklung des Menschengeschlechts auszugehen. In einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem Kommunistischen Manifest, einem der wirkungsmächtigsten Texte der Moderne, weist Hobsbawm nach, dass die beiden nicht in Wahrscheinlichkeiten oder gar Gewissheiten gedacht und argumentiert haben. Der Kerngedanke des Manifests liege darin, die Möglichkeit geschichtlichen Wandels «durch gesellschaftliche Praxis, durch kollektives Handeln» herauszuarbeiten, so der Autor.

Die Existenz von gesellschaftlichen Klassen war eine Entdeckung, die bereits andere vor Marx und Engels gemacht hatten. Die Gründerväter des Marxismus arbeiteten aber erstmals die Bedeutung des Klassenkampfes als Motor der menschlichen Geschichte heraus. Dabei waren sie jedoch nicht von triumphalistischen Vorstellungen besetzt, sondern sahen auch «den gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen» als durchaus denkbaren Weg, wie im Kommunistischen Manifest nachzulesen ist. Hobsbawm erinnert in diesem Zusammenhang an Rosa Luxemburg, die angesichts der Schrecken des Ersten Weltkriegs von einer Wahl zwischen Sozialismus oder Barbarei sprach.

Eine wechselvolle Geschichte

Hobsbawms Buch, das zu einem bedeutenden Teil schon früher veröffentlichte Beiträge umfasst, geht auch der Frage nach, wie aus den bruchstückhaften theoretischen Hinterlassenschaften von Karl Marx ein Werk werden konnte, dass die intellektuellen Debatten in Europa und anderswo über Jahrzehnte hinweg prägte. Marx sah sich selbst als einen Gescheiterten an, doch dank der umfangreichen Editionsarbeit von Engels und dessen Mitarbeitern konnte ein erster Textkanon des Marxismus geschaffen werden. Das Interesse der sozialdemokratischen Parteien an einer Ausgabe aller veröffentlichten Schriften und vorhandenen Manuskripte von Marx war allerdings nicht sehr gross.

Die Editionspraxis änderte sich erst mit der Revolution in Russland. Das neu gegründete Marx-Engels-Institut in Moskau nahm die Arbeit an einer Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) auf, die aber aufgrund des stalinistischen Terrors (dem auch der frühere Leiter des Instituts, David Rjasanow, zum Opfer fiel) nicht abgeschlossen werden konnte. Ein weiterer Versuch wurde in der DDR der 1950er Jahre mit den bekannten blauen Bänden der allerdings keineswegs vollständigen Werke von Marx und Engels (MEW) begonnen. Das Projekt einer neuen Gesamtausgabe startete Mitte der 1970er Jahre als Koproduktion der Institute für Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion und der DDR. Mit dem Zusammenbruch beider Staaten ging die Verantwortung auf eine Stiftung über, die nicht mehr ideologische, sondern wissenschaftliche Motive in den Vordergrund stellte. Die Publikation der neuen MEGA soll bis 2030 abgeschlossen sein.

Ist der Marxismus damit endgültig zu einem blossen Gegenstand der Forschung geworden, ohne dass von ihm noch Impulse für das Denken und vor allem auch das Handeln von Menschen ausgehen würden? Das Buch mit dem Titel Wie man die Welt verändert verspricht etwas anderes – und die Gestaltung des Umschlags soll vermutlich eine Lesepublikum mit Träumen und Wünschen nach Veränderung ansprechen: Der dort abgebildete Che Guevara kommt im Buch nur ganz am Rande vor, doch der Verlag setzt offenbar auf den Wiedererkennungswert dieser Revolutionsikone.

An die eigene Aufgabe glauben

Der Historiker Gerd Koenen, der das Buch in der Neuen Zürcher Zeitung rezensiert hat, moniert, die Publikation halte «leider gerade das am wenigsten, was der Titel verspricht». Es handle sich vielmehr um «ein Stück antiquarischer oder archivarischer Geschichtsschreibung» (NZZ, 31. Oktober 2012). Diese Kritik halte ich für überzogen, denn Hobsbawms Texte arbeiten sich nicht nur an vergangenen Ereignissen und Entwicklungen ab. Sie schälen auch das heraus, was an marxistischer Theorie und Politik unerledigt geblieben ist. Nur wer davon ausgeht, dass wir bereits in der besten aller möglichen Welten, muss sich für das Uneingelöste im Marxismus nicht mehr interessieren.

In zwei Aufsätzen setzt sich Hobsbawm mit Werk und Wirkung des italienischen Marxisten Antonio Gramsci (1891 – 1937) auseinander. Dessen Denken kreiste um die Frage der Hegemonie: Wie kann eine bislang subalterne, in Abhängigkeit gehaltene Klasse dazu befähigt werden, an ihre geschichtliche Aufgabe der Befreiung zu glauben – und auch für andere Klassen glaubwürdig zu sein? «Revolution» bedeutet in diesem Sinne nicht nur einen Akt der Machtübernahme, sondern vor allem eine Verwandlung der gesellschaftlichen Beziehungen.

Der «realexistierende Sozialismus» litt darunter, dass er der Revolutionierung des Alltags kaum Gewicht beimass. Dort, wo dies geschah – beispielsweise während der chinesischen Kulturrevolution –, führte der Prozess zumeist nicht zu mehr Volksherrschaft, sondern kippte vielfach in neue Formen der Unterdrückung. Dazu passen auch Hobsbawms Bemerkungen zur Situation in China: Wichtige politische Entscheidungen entstünden dort «aus den Auseinandersetzungen einer kleinen Gruppe von Herrschenden an der Spitze, und allein schon das Wesen dieser Auseinandersetzungen bleibt unklar, weil sie nie öffentlich diskutiert wurden.»

Traditionen verdeutlichen

Doch noch einmal zurück zu Gramsci: Hobsbawm lobt ihn für seine «Weigerung, das Terrain konkreter historischer, sozialer und kultureller Realitäten zugunsten von Abstraktion und reduktionistischen theoretischen Modellen zu verlassen». Dies habe es auch ermöglicht, dass Gramscis Werk «die Abschottung in akademischen Ghettos überlebt, was das Schicksal so vieler Denker des ‹westlichen Marxismus› zu sein scheint». Eine seine Stärken bestand darin, dass er eine Theorie des Politischen entwickelt hat, welche die Politik nicht auf die Frage nach der Macht und deren Institutionen reduziert, sondern diese als eigenständige Sphäre wahrnimmt, in der es um die existenziellen Fragen der Gesellschaft geht.

Auch Hobsbawm hat es geschafft, über kleine intellektuelle Zirkel hinaus wirksam zu werden und geistigen Einfluss zu nehmen. Dies zeigt sich schon an der Tatsache, dass einige seiner Buchtitel zu weit verbreiteten Redewendungen geworden sind – beispielsweise «das Zeitalter der Extreme» als Bezeichnung für das 20. Jahrhundert. Lange Zeit sah es nicht danach aus, denn seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Grossbritanniens, der er 1936 beigetreten war, hatte Auswirkungen auf Hobsbawms akademische Karriere. Seit 1947 war er an der Universität tätig, doch erst 1971 erhielt er eine Professur. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er einer Gruppe kommunistischer Historiker an. Im Anschluss an die gewaltsame Niederschlagung des Ungarn-Aufstands im Herbst 1956 traten viele von ihnen aus der Partei aus, doch Hobsbawm harrte aus – und übte dort Kritik. Seit der 1970er Jahren gehörte er zu den intellektuellen Köpfen des eurokommunistischen Flügels. Mitglied der Kommunistischen Partei blieb Hobsbawm bis zu deren Auflösung 1991.

In der bereits erwähnten NZZ-Rezension kritisiert Gerd Koenen (der sich früher selbst einmal als Marxist bezeichnet hatte), dass Hobsbawm die «‹Aktualität›» von Marx lediglich mit «der Wiederkehr des katastrophischen Moments in der kapitalistischen Ökonomie begründet», es aber bei «allgemeinen Feststellungen» belasse. Tatsächlich greift Hobsbawm neuere Entwicklungen wie das Aufkommen der ökologischen Frage nur ganz am Rande auf. Auf der anderen Seite setzt er sich durchaus kritisch mit dem auseinander, was von der Arbeiterbewegung geblieben ist. Der transnational organisierte Kapitalismus trifft auf Organisationen der Lohnabhängigen, die «trotz ihres theoretischen Internationalismus», den sie einstmals vertraten, an den Nationalstaat gekettet bleiben. Wo dieser an Bedeutung verliert, geht auch ihr Einfluss zurück, wie sich am Beispiel des europäischen Integrationsprozesses zeigen lässt. Doch auch unter den Bedingungen einer Transnationalisierung jenseits des Staates gehen die politischen Auseinandersetzungen weiter. Sie zu begreifen, um sie selbst führen zu können (und nicht nur geführt zu werden): dazu bedarf es kritischer Theorie, die sich mit den Traditionen des Marxismus auseinandersetzt. Diese Traditionen zu verdeutlichen, trägt das Buch von Eric Hobsbawm Wesentliches bei.

Eric Hobsbawm: Wie man die Welt verändert. Über Marx und Marxismus.Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn. München: Carl Hanser Verlag 2012, 448 S.

16:25 03.12.2012
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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