Übergänge meistern

Kommentar Leben heisst Veränderung, nicht Stillstand. Doch wie gut sind wir gerüstet, im Wandel zu bestehen? Viel hängt davon ab, über welches Kapital wir verfügen.
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Alles verändert sich, nichts bleibt, wie es ist. Wir möchten gerne festhalten, doch die Zeit geht weiter und wir altern in ihr. Unser Leben bewegt sich in Kreisen und Stufen, hebt und senkt sich – wir wissen oft gar nicht, wie uns geschieht. Wir haben etwas erreicht, ob es viel oder wenig sein mag, und wir wollen dem von uns gelebten Leben einen Sinn geben. Wie soll das aber gelingen, wenn zuletzt doch alles zerrinnt, auf das wir einmal stolz waren?

Sie mögen das für philosophische Gedanken halten, die ins Weglose führen, und halten sich lieber an das, was ist. Leben im Hier und Jetzt – nichts dagegen einzuwenden. Und doch werden wir immer wieder mit der Endlichkeit, der Vorläufigkeit des Lebens konfrontiert, auch wenn dieses 80, 90 oder mehr Jahre dauern mag. Dieses Leben steht nicht still, sondern ist stetigem Wandel unterworfen. Wir werden mit Veränderungen im eigenen Körper und Geist konfrontiert – und mit jenen unserer Mitwelt.

Wir leben in Übergängen, die mal mehr, mal weniger deutlich und spürbar sind. Das ist zum Beispiel der Wechsel vom Erwerbsleben ins Rentenalter, den viele Menschen als Befreiung empfinden. Nicht mehr dem Reich der Notwendigkeit unterworfen zu sein – das ist ein Ziel, das nicht Wenigen vorschwebt, wenn sie an die Zeit nach der Pensionierung denken. So ganz ohne Verpflichtungen zu sein, ist den meisten dann aber doch nicht genug. Vielleicht sind da die Enkelkinder oder gemeinsame Unternehmungen mit der Partnerin, dem Partner, die neue Erfüllung bringen.

Heute ist die Rede von einem «dritten» Alter nach dem von beruflicher Tätigkeit und familiären Pflichten bestimmten Leben. Dies sind die durch gesellschaftlichen Fortschritt gewonnenen Jahre in zumeist guter Gesundheit. Vergessen wir nicht: Innerhalb nur eines Jahrhunderts verlängerte sich die durchschnittliche Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre, die mehrheitlich frei von Einschränkungen und Behinderungen gelebt werden können.

Irgendwann lassen aber die Kräfte nach und der Prozess der Fragilisierung setzt ein, wie dies in der Gerontologie, der Wissenschaft vom Alter und vom Altern, untersucht und beschrieben wird. Die alternde Frau, der alternde Mann ist in zunehmendem Mass auf Unterstützung angewiesen. Hier ist das soziale Netz, über das Menschen verfügen, von entscheidender Bedeutung. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu nennt dies das «soziale Kapital». Wer viel davon besitzt, kann beispielsweise länger zuhause leben als Personen, denen lediglich ein schwaches Netz zur Verfügung steht. Ähnliches gilt für die finanziellen Ressourcen, das «ökonomische Kapital» Bourdieus.

Pro Senectute, die grösste Schweizer Fach- und Dienstleistungsorganisationen für Fragen des Alter(n)s und der Generationenbeziehungen, hat bei der Fachhochschule Nordwestschweiz eine Studie in Auftrag gegeben, die den Übergang vom «dritten» zum «vierten» Alter etwas genauer unter die Lupe nehmen soll. Vor allem geht es um die Frage, welche Formen der Unterstützung notwendig sind, um Menschen ein langes und zugleich auch gutes Leben zuhause zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wurden bereits bestehende Untersuchungen zu Rate gezogen sowie Gespräche mit Fachpersonen geführt. Die Studie mit dem Titel Erst agil, dann fragil wird demnächst veröffentlicht.

Die Untersuchung legt ihr wesentliches Augenmerk auf jene Personen, die über wenig Kapital im Sinne von Bourdieu verfügen und deshalb als «vulnerabel», das heisst, als besonders verletzlich gelten. Auch in einem reichen Land wie der Schweiz haben viele Frauen und Männer aufgrund dieses Mangels an Kapital keine Chance, ein gutes Leben im Alter führen zu können. Soll dies anders werden, bedarf es des andauernden Einsatzes für mehr Gerechtigkeit, auch im Alter. Pro Senectute setzt sich dafür ein.

14:30 24.08.2015
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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