„Das Wunder von Trani“

TV-Kritik Am 18.September 1943 sollten in dem süditalienischen Ort Trani 50 Zivilisten erschossen werden. Oberleutnant Friedrich Kurtz ließ sie frei.
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Am 18.September 1943 sollten in dem süditalienischen Ort Trani als Vergeltung für die Erschießung von fünf deutschen Soldaten aus einem Hinterhalt 50 Zivilisten erschossen werden. Oberleutnant Friedrich Kurtz ließ sie wieder frei.

Am 08.10.2012 zeigte Das Erste von 23.30 - 00.15 Uhr den Dokumentarfilm DAS WUNDER VON TRANI, in dem Christian Gropper zu rekonstruieren versucht, was damals geschah und wer daran beteiligt war. Die letzten Überlebenden, vier alte Männer, darunter ein ehemaliger deutscher Soldat, schildern, wie die 50 Geiseln zusammengetrieben wurden, wie Bürgermeister und Bischof mit dem zuständigen Offizier verhandelten, der sich offenbar dahingehend äußerte, es gehe ihm darum, die Wahrheit zu erfahren – was an sich schon bemerkenswert ist - , und wie er schließlich die Erschießung abblies und die Geiseln ziehen ließ.

Vorausgegangen war die Erschießung von 5 deutschen Soldaten, die zum Bier holen in das Städtchen gefahren waren, durch englische/ kanadische (?) Soldaten aus einem Hinterhalt. Für jeden der Toten sollten 10 Italiener erschossen werden. Man kann spekulieren, dass sie deshalb überlebten, weil der deutsche Oberleutnant bereit war, die andere Seite anzuhören. Und weil er dem, was er hörte, Glauben schenkte. Kein „Weichei“ übrigens, sondern, so sein letzter überlebender Untergebener, ein „harter Hund“. „Ich bin ihm aus dem Weg gegangen“.

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/12030498_das-wunder-von-trani

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/wdr/2012/das_wunder_von_trani-100.html

http://www.nordsee-zeitung.de/region/bremerhaven_artikel,-Das-Wunder-ihres-Lebens-_arid,816896.html

Ca. 17 000 zivile Opfer der Deutschen in Italien hatten weniger Glück. Ich sage es einmal so: sie hatten es nicht mit Helden zu tun, sondern mit gedankenlosen Mitläufern, Befehlsempfängern – oder auch skrupellosen, sadistischen Schweinen. Und die können auch durchaus heute noch viel Verständnis erwarten, wie erst vergangene Woche die Einstellung der Ermittlungen zum Massaker von Sant'Anna di Stazzema durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft zeigt. Dort waren ca. 560 Menschen umgebracht worden, darunter viele Frauen und Kinder. Die Überlebenden erleben jetzt ein blaues Wunder made by Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

Die kennt nun zwar keine Gnade, wenn einer einen Button mit einem Bild der hinlänglich bekannten Prügelglatze vom 30:09.2012 am Revers trägt. Der Prügelglatze selbst attestiert sie ein quasi angeborenes Recht auf Notwehr, das automatisch immer dann eintritt, wenn sie Unschuldige ohne Grund zusammengeschlagen hat. Und zu vermutlichen SS-Mördern bringt sie seitenlanges Verstehen und Entlasten, aber wenig Beweise zustande. Der Täter ist immer das Opfer, lautet offenbar die Devise in Stuttgart – sofern gegen ihn/ sie ein Links-Verdacht besteht. Und für hinreichend willfährige RichterInnen hat offenbar die CDU gesorgt.

http://www.staatsanwaltschaft-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1279380/index.html?ROOT=1177700

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ermittlungen-zu-ss-massaker-justizminister-prueft-laenger.979e1a4d-156e-4d6f-9d3a-e7cee2ad7eb1.html

http://www.bei-abriss-aufstand.de/2012/10/10/bericht-aus-dem-gerichtssaal-muller-gegen-muller/

In Stuttgart hat man aus der misslungenen Vergangenheit offenbar seine eigenen Schlussfolgerungen gezogen. Zivilcourage wie die, die Oberleutnant Friedrich Kurtz 1943 in Trani zeigte, und die nach den Standards der „Inneren Führung“ bei deutschen Soldaten heute der Normalfall sein sollte, möchte man, soweit das im Stuttgarter Rahmen möglich ist, offenbar früh- und rechtzeitig durch „Strafen“ unterbinden. Es könnte ja zur Gewohnheit werden. Der Untertan mag grün wählen, Untertan aber soll er bleiben. Häußler und Prügelglatze sei Dank.

Hier wird die Bedeutung dieser Dokumentation ersichtlich, die genau zum richtigen Zeitpunkt – aber zur falschen Uhrzeit – ausgestrahlt wurde. Im historischen Kontext mag Oberleutnant Kurtz ein Held gewesen sein. Dagegen spricht auch nicht, dass er für die Nicht-Erschießung offenbar nicht bestraft wurde. Und auch nicht später, als er sich an der Ostfront offenbar erneut einem Befehl widersetzte, der zahlreiche Menschenleben gekostet hätte. Es blieb bei einer Nicht-Beförderung, was immerhin darauf hindeutet, dass man sein Verhalten missbilligte.

Sein Heldentum bestand aber einfach in einem völlig normalen, menschlich korrekten Verhalten. Und das lernt man vermutlich weniger im Krieg als in der Zeit davor. Insofern geht der Film fehl, wenn er dies zu einem „Wunder“ überhöht. Denn hier ist kein Wunder passiert, vielmehr hat sich ein Mensch auch unter höchst erschwerten Bedingungen an seine Werte und Maßstäbe gehalten. Etwas, das viele noch nicht einmal unter normalen Bedingungen tun.

Es ist also das Unspektakuläre, das hier so spektakulär ist. Hier kann man sich nicht damit herausreden, das sei ja ein ganz besonderer Mensch gewesen. Nein, das Besondere ist hier, dass einer normal geblieben ist. Und er selbst hat sein Verhalten offenbar für so normal und selbstverständlich gehalten, dass er gestorben ist, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

Das haben andere getan, die unter Hitler auf ganz andere Weise „normal“ waren und sich danach als „Widerständler“ und Demokratielehrer verkauften. Oder so verkauft wurden. Stichwort: Oettingers Filbinger-Rede.

Eine negative Auswirkung solchen Mangels an Selbstanpreisung ist, dass wir viel über die Schweine hören. Auch über die Mitläufer. Dass bei den Nachgeborenen dadurch ein Bild totaler Ohnmacht entsteht, ein Gefühl, wer auch nur im Kleinen seinem Gewissen folgte, hätte zwangsläufig sein Leben verloren. Dass u.U. normale, unspektakuläre Menschlichkeit bei geringem Risiko viel Gutes bewirken konnte und bewirkt hat, geht dabei unter. Auch deshalb brauchen wir solche Filme. Und zwar zur Hauptsendezeit, nicht in der Nacht. Da kann dann die Jauche entleert werden.

Eine weitere Kritik noch zum Schluss. Der Film war nach dem Muster kriminologischer Geschichtsrecherche gestrickt. Zum Beispiel wird gesagt, nun habe man endlich den letzten lebenden Zeitzeugen gefunden, der etwas über das ungeklärte Schicksal des deutschen Helden von Trani sagen könne. Dann wird Koffer gepackt, mit dem Sohn des Zeitzeugen geredet, nach Italien gefahren, durch die Stadt flaniert, mit den überlebenden Italienern geredet.....und irgendwann dann erfährt man schließlich etwas von Friedrich Kurtz. Anstatt sich der Situation damals und heute auch mit seinen Gefühlen anzunähern und zu verstehen zu versuchen, wartet man (an)gespannt auf die Auflösung des Rätsels, während im Film Wichtiges an einem vorbei rauscht.

Das ist keine Aufklärung mehr, und wichtige Denkanstöße laufen ins Leere. Das ist schon wieder Verdrängung. Auf solche Sperenzchen sollte man deshalb verzichten und stattdessen Sachen sachgerecht darstellen. Sachen können auch aus sich heraus spannend sein. Und der Film scheint mir absolut sehenswert. Allein der Sache wegen.

Ein Hinweis noch: Wenn ich im Beitrag von Schweinen spreche, dann meine ich die, die sich schuldig machten und dies bis heute nicht bedauern und/oder sich bis heute der Bestrafung und Wiedergutmachung entziehen. Schuldig kann man werden. Aber man sollte dafür dann auch die Verantwortung übernehmen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Trani

http://www.resistenza.de/index.php/kriegsverbrechen

http://www.resistenza.de/index.php/kriegsverbrechen/spaete-prozesswelle/75-santanna-interview-mit-einem-prozessbeobachter

https://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/staatsanwaltschaft-laesst-ss-moerder-laufen

16:49 10.10.2012
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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