Des Armen Armut

Hartz-IV Bettina Kenter-Götte berichet in ihrem Buch „Heart´s Fear“ aus der „Schreckenskammer der Gesellschaft“
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Des Armen Armut

Foto: Miguel Villagran/Getty Images

Der Lebenslauf ist eine Bedrohung für die Mitwelt. KG hat eine Berufsausbildung, kann Fremdsprachen und arbeitete schon früh mit Grössen ihres Faches wie Giorgio Strehler vom Theater „mondo piccolo“ in Mailand und dem australischen Regisseur Peter Weir zusammen. Wenn also Hartz-IV selbst so jemanden peinigt, dann kuscht man am besten und schuftet auch unter Mindestlohn, der eh nicht zum Mindesten reicht.

Erst stand sie mit dem „Armen Mann aus dem Toggenburg“ auf der Bühne. Dann stand sie als arme Frau Schlange vor der „Tafel“. Arm machten sie Kindererziehung, Krankheit und die Kirch-Pleite. Es macht keinen Spass, den eignen Abstieg aufzuzeichnen. Kenter-Götte hat es trotzdem getan und zwar in Form der Montage. Sie vermischt Erlebtes mit Zitaten. Nochmal danke für´s Aufzeichnen des sozialdarwinistischen Fieberwahns der SPD, der den Sozialstaat zerschlug. Schröders „Niedriglohnland“, die Vernichtungsdrohung Münteferings „Wer arbeitet, soll etwas zu essen haben, wer nicht arbeitet, braucht nichts.“, und Clements Parasitenvergleich. Noch in Verwesung begriffen trat die Partei nach unten.

Kenter-Götte zeichnet die Zukunft des aufgeschlossenen, gebildeten Mittelstandes vor. Kgs zunehmende Isolation beruhte also nicht nur darauf, dass sie kein Geld hatte, um ein Bier in der Kneipe zu trinken. Ihre Anwesenheit ist das Morgen für die anderen: Trotz Berufsabschluss, trotz Fleiss, trotz Sprachen und frühem Erfolg schuftest du dich dem Flaschensammeln und der Grundsicherung entgegen. Dir wird es wie der Kenter-Götte ergehen. Darum das sofortige Abwiegeln, wenn KG gegeüber Freunden erwähnte, dass Arme Fussfesseln tragen und ihre inneren Organe verkaufen sollten. Keinen Gedanken verschwenden, dass jeder nur 12 Monate von Hartz IV entfernt ist.

Als Schauspielerin weiss Kenter-Götte, dass Klappern zum Handwerk gehört. Trotzdem ist sie immer noch überrascht, mit welcher Mischung aus Infamie und Beschönigung der Abriss sozialer Grundrechte gelang. Sie kommt dem Sozialdarwinismus auf die Schliche. Er wurde geschminkt wie eine alte Vettel, wie „eine zahn- und haarlose moribunde Hundertjährige“. Er überfiel in kleinen Schritten das Land, raubte hier die Zähne, stahl dort die Brillen und plappterte dabei munter über „Florida-Rolf“. „Sprachköder“ wurden ausgelegt und „Hehlwörter“ erschaffen. Die Mietmäuler der Allzureichen nennen es „soziale Modernisierung“ und „aktivierender Sozialstaat“ , wenn zahnlos die Alte nach Pfandflaschen sucht.

Armut tötet leise still und leise. Ein paar Zeilen in der Lokalpresse wegen eines Wohnungsbrandes oder eines Selbstmordes. Aber bei Gott weder Stromsperre noch fehlende Medikamente erwähnen.

Die Barbarei der Ökonomie legt ihren Schatten über alles.Das Wohnamt riecht nicht gut, das Erlebnisbad ist für Arme verboten, der einst so zärtliche Galan fährt allein in Urlaub und Briefkästen essen Seelen auf. Da kann immer eine Nachricht, die Nahrung oder Wohnung wegnimmt, von der Arge, bei der alles im Argen liegt, um Kenter-Göttes Sprachspiel zu zitieren, drin sein.

Kenter-Götte kommt von der Schlacht bei Lobositz einfach nicht los. Wie der Bräker ist sie arm und belesen. Vielleicht deshalb ihr verblüffender Vorschlag: Mitten im Rummel wegen frivoler Blicke fordert sie ein „ ´Me-too` der Armutsgeschändeten“. Sie hat ja auch richtig beoabachtet: Lautstark leiden hehre Gestalten unter dem Werk des Dichters Eugen Gomringer und eher unbemerkt tauscht die Hochschwangere ihr noch gebliebenes Selbstwertgefühl gegen verfaulte Radieschen. Kenter-Göttes Erkenntnis: Eine verrohte Gesellschaft braucht Selbstveredelung und Distinktionswahn.

Vorworte schrieben die Linke-Vorsitzende Katja Kipping und Fred Schirrmacher, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Sprecher der Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV.

Bettina Kenter-Götte: »Heart’s Fear. Hartz IV - Geschichten von Armut und Ausgrenzung«. Verlag Neuer Weg, Essen 2018. 181 Seiten, 12 Euro. ISBN-978-388021-494-1

12:22 23.07.2018
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