Die AfD erntet

Rechtsaußen Über 25 Jahre war Holger Apfel aktives Mitglied in der NPD. Jetzt hat er ein Buch über seine Zeit in der Partei herausgebracht. Ein Einblick in rechte Denkmuster
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Die AfD erntet
Mittlerweile kein Parteimitglied mehr - Holger Apfel

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Holger Apfel war jahrelang Vorsitzender der NPD. 2013 trat er „unter unappetitlichen und bis heute nicht ganz geklärten Umständen“ (Patrick Gensing) aus der Partei aus . Apfel hat seine politische Erfahrung im Buch „Irrtum NPD“ niedergeschrieben. Es gibt eigentlich keinen Grund, das Buch eines ehemaligen Nationaldemokraten zu lesen. Zudem es sich größtenteils um Tratsch aus dem Innenleben der Rechten handelt, für dessen Verständnis man Spezialist sein muss. Aber manchmal gelingt es Apfel mit dem Treppenhausgeschwätz aufzuhören und zu erzählen, wie die Braunen ticken.

In der Schule, so Mitte der achtziger Jahre, war Apfel, der einzige, der mit einem Diplomatenkoffer in der Hand rumlief. Schon damals waren für ihn „konservativ“, „patriotisch“ und vor allem „honorig“ Zauberwörter, die ihn noch heute gefangen halten. Am Bahnhof kaufte er sich ab und zu eine von Gerhart Freys Zeitungen . Der spätere Verlagskaufmann bemerkte sofort, dass Frey, der „schlaue Fuchs“ ein- und denselben Artikel – nur leicht verändert – in verschiedenen Publikationen abdruckte. Es war die Zeit, in der die Republikaner unter Schönhuber aufstiegen. Apfel schwankte. Ein biederer Wahlspott brachte dann die Entscheidung zugunsten der NPD.

Apfel schenkte der NPD zwei Erkenntnisse: Nur wenige wollen nach Königsberg zurück und viele tragen Blue Jeans. Im Ausland fährt die Meinung der NPD noble Karossen und hier lungert sie mit Skinheads und Bierflaschen rum. „Pimp up the NPD“ dachte sich Apfel und begann zu lackieren. Apfel verhielt sich wie der Wolf im Märchen von den Sieben Geißlein: Kreide fressen, nochmals Kreide fressen und sich nach außen entteufeln. Apfel sagt dazu: „Ich hatte die Illusion, die NPD nach dem Vorbild der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) reformieren zu können.“ Also genau das, was Theodor Adorno befürchtete: „Ich habe keine Angst vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“ Selbstverständlich zog die NPD in Sachsen nicht zweimal in den Landtag ein, weil Apfel ein so guter Kosmetiker ist. »2004 ist die NPD nicht wegen Apfel gewählt worden, sondern wegen Hartz IV“, schreibt Kerstin Köditz in ihrem Buch „Und Morgen? Extreme Rechte in Sachsen.“ Es ist immer noch das Beste, was es zu dem Thema gibt.

Glaubt man Apfel, so gehörte er innerhalb der NPD zu den wenigen, die mit Geld umgehen konnten. Apfel startete seine hauptamtliche Karriere bei der NPD im Verlag der „Deutschen Stimme.“ Er baute sie zielstrebig aus. Am Ende gab es bis zu zehn bezahlte Mitarbeiter, einen florierenden Versand, ein Haus in Riesa und vor allem einen Adressenpool. Die „DS“ war das „Kraftzentrum“ der Nazis. Allerdings wurde die „Kuh zu oft gemolken“. Am Ende mussten das Versandgeschäft und der Warenbestand verkauft werden. Weitere finanzielle Schlappen Niederlagen waren die Veruntreuung durch den ehemaligen Schatzmeister Erwin Kemna und ein getürkter (sic!) Rechenschaftsbericht, der Hunderttausende von Euros kostete. 2011 im Jahr des Reaktorunfalls von Fukushima scheiterte die NPD denkbar knapp bei den Wahlen zum Landtag in Sachsen-Anhalt. Der NPD-Spitzenkandidat hatte vorher in Internet-Chats E-Mails zu Gewalt aufgerufen. Hier zeigt sich ein radikaler Unterschied zur AfD. Verbale Exzesse schädigten die NPD, während die AfD dadurch regelmäßig beflügelt wird. Es gilt jetzt als cool, chic und couragiert, sich als Opfer einer vermeintlichen „Polictical correctness“, eines angeblichen „Antifa-Zeitgeistes“ zu inszenieren.

2006 geht die NPD im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern äußerst geschickt vor. Sie kombiniert „weiche Themen“ wie die miese Infrastruktur auf dem flachen Land mit der bewährten Hetze gegen die „polnische Wirtschaft“. Die NPD verkleidet sich als Partei der vergessenen Menschen in einem vergessenen Land. Für die verwahrloste Bushaltestelle, das verfallene Dorfschulhaus, der verschuldete Verein sei kein Geld vorhanden, aber dafür würden Multi-Kulti-Projekte in der Großstadt und EU-Zahlungen an Polen großzügig finanziert. Hinter der Propaganda steckte Michael Andrezweski, ein regional bekannter Rechtsanwalt und ein Meister in Sachen Sozialdemagogie. Er trat als Kümmerer auf. Wer Beratung in Sachen Stromsperre und Hartz-4-Sanktion wünschte, dem wurde mitgeteilt, an seinem Schicksal sei je nach Bedarf Pole, Flüchtling, Erwerbsloser, Weltsozialamt, Islam oder nomadisierendes Finanzkapital schuld. Apfel schreibt über den Wahlsieg: „Ähnlich wie zehn Jahre später im AfD-Wahlkampf war es richtig, in einen Flächenland, in denen Menschen abseits von Leuchttürmen wie Rostock und Schwerin in Vergessenheit geraten, Schulen im ländlichen Raum geschlossen, Polizeireviere dichtgemacht und Verkehrs-Infrastruktur ausgedünnt wird, genau hier den Finger in die Wunde zu legen.“ Die AfD will die Gewerbesteuer abschaffen. Dann werden die Gemeinden noch weniger Geld haben und noch mehr veröden. Dann wird es einen fälschlicherweise wieder einen Grund geben, die AfD zu wählen. Es ist der Weg nach unten.

Auch nach seinem Austritt aus der NPD verwendet Apfel weiterhin die klassische Rhetorik der Rechten. Apfel ist weiterhin die Unschuld, die für ihr Handeln nichts kann. Apfel sprach vom „jüdischem Terrorstaat“, „Wohlstandsneger“ und „blühender Holocaust-Industrie“ Aber Apfel trägt dafür keine Verantwortung. Es war die „Schweigespirale“, die die NPD würgte und deshalb zu solchen „Provokationen“ zwang. So wurde Apfel buchstäblich genötigt „neue Tabus zu brechen“.



Für zwei Erkenntnisse muss man Apfel dankbar sein. Bei den Jungen Nationaldemokraten traf er Leute, die indigniert aufs Fußvolk herabschauten.

Aufgrund seltsamer Vorstellungen von Jugendarbeit und einer intellektuell-verächtlichen Haltung zur NPD, kam es schon bald zum Bruch. Man schwadronierte über realitätsferne „Konzepte“ – ich erinnere mich an zähe Debatten über die Gründung einer „ Greenpeace von rechts“ – während die von radikalen Jugendgruppen ausgehende Gefahr für die Akzeptanz in der Jugendszene verschlafen zu werden drohte.“

In die Gegenwart übersetzt. „Identitäre“ und „Ein-Prozent“ dürften eher zitatenreiche Pennäler sein, die gern über Gramsci und kulturelle Hegemonie plaudern, aber wenig Erfolg haben werden..

Brandgefährlich sind dagegen die Lodenmäntel und Trachtenjanker gutbürgerlicher Herkunft, denen man keine Verbindung zur NPD oder DVU nachweisen kann. Apfel erläutert dies am Beispiel Ulrich Pätzolds, der in der Kleinstgruppe „Deutsche Partei“ aktiv war. Am Anfang war Apfel begeistert: „Wegen seiner bürgerlichen Vita, seines seriösen Auftretens und geschliffener Ausdrucksweise versprach ich mir einiges von seiner Mitarbeit.“ Allmählich wird Apfel misstrauisch, „weil es Pätzold nicht mehr radikal genug sein konnte.“ Kurz nach der verlorenen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt trifft Apfel Pätzold in einer Kneipe am einem Tisch „mit rund 15-20 älteren, brav wirkenden Patrioten, die er zuvor lautstark unterhalten hatte.“

Pätzold nimmt sofort Bezug auf den verpassten Einzug der NPD: „Jovial fragte er mich unter Verweis auf die gerade verloren gegangene Wahl, unter beifälligem Kopfnicken und Volksgemurmel seiner Tischgesellen, ob ich nicht auch der Meinung sei, dass nun nur ein bewaffneter Volksaufstand helfen würde.“



Die Selbstradikalisierung und den Kontrollverlust des „Das wird man doch noch sagen dürfen“ hat Apfel früh erkannt. Er weiß aus langjähriger Erfahrung wie der „besorgte Bürger“ sich jeder Zeit in ein „Monster“ (Olaf Henkel) verwandeln kann: „Menschen wie Pätzold sollten einem bei der Unterwanderung von Parteien wie der AfD mehr Sorge bereiten als offene `Verfassungsfeinde`. Ihnen steht die Radikalität nicht auf der Stirn geschrieben. Sie lassen sich mangels politischer Biographie oft nicht `googeln`, kleiden sich bürgerlich, sind rhetorisch versiert und treten zunächst inhaltlich moderat auf. Solche Typen, die man vor allem in völkischen Kreisen antreffen kann, sind Gift für unverbrauchte Organisationen, weil sich hinter der Maske der Bürgerlichkeit parteipolitisch unbeleckte Dogmatiker befinden, die mehr Schaden anrichten als ehemalige, inzwischen vielleicht moderat denkende Ex-Mitglieder von NPD, DVU, REP, Freiheit oder `German Defense League`“.

Bei Apfel stellt sich nun der sonderbarer Fall ein, dass seine ehemalige Partei mausetot ist, aber deren Vorschläge um so lebendiger. Fazit aus Apfels Buch: Sozialdarwinismus und Verrohung sind um so erfolgreicher, je weniger sie sich mit der NS-Zeit beschäftigen.

Holger Apfel: Irrtum NPD - Ansichten - Einsichten - Erkenntnisse: Ein Vierteljahrhundert in der NPD, Gerhard-Hess-Verlag, Bad Schussenried, 2017, 380 Seiten, ISBN 978-3-87336-597-1, 19,80 EUR



09:10 19.09.2017
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