Mitmachen hat sich gelohnt

Nationalsozialismus Der Sammelband „Braune Jahre in der Pfalz “ zeichnet ein vielfältiges Bild des Nationalsozialismus in der Provinz
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Die Macht der Gestapo ruht auf der Denunziation. Den Nachbarn verpfeifen ist Volkssport. Da wird beispielesweise der Philipp Bus, ein Veterinär aus Glan-Münchweiler, im Dezember 1941 bezichtigt, den Kriegsverlauf nicht ganz so günstig beurteilt zu haben. Die Verhöre der Polizei treiben Bus in den Selbstmord. Der Tierarzt galt als „Separatist“. Der „Separatismus“ war in der Pfalz eine buntscheckige Besonderheit, zu der wohl die Inflation, der Gegensatz zwischen Bayern und Pfalz, die französische Besetzung und Rheinbundträumereien beitrugen. Stark war der Separatismus 1923 / 24 an den Rändern und schwach in der politischen Mitte. Von rechts kam Franz-Josef Heinz, ein Landwirt aus Orbis in der Pfalz. Er war Vorsitzender der „Freien Bauernschaft“ und Mitglied der nationalliberalen „Deutschen Volkspartei“ gewesen. Heinz brach unter Kugelhagel Anfang 1924 in Speyer zusammen. Beim Attentat mit dabei Edgar Julius Jung, der später „Die Herrschaft der Minderwertigen“ schreiben sollte. Auf dem linken Flügel der „Autonomen Pfalz“ stand eine äusserst interessante Persönlichkeit: Adolf Bley aus Kirchheimbolanden. Er war ein erfolgreicher Unternehmer in der Papierverarbeitung. Als überzeugter Pazifist war Bley aus der Kirche ausgetreten und hatte sich geweigert, Kriegsanleihen zu zeichnen. Bley war bei der Münchner Räterepublik dabei gewesen. Zu seinen Brieffreunden zählten Kurt Eisner, Eduard Bernstein und Karl Kautsky. Für die USPD sass er im Gemeinderat seiner Heimatstadt. Fürs französische Militär ein Roter, für die deutsche Rechte ein Vaterlandsverräter. Nach dem Scheitern der Separatisten zog Bley sofort nach Frankreich um. Während des Krieges war ihm die Gestapo auf den Fersen. Bley tauchte in der Résistance unter. Für Bley war eine selbstständige Pfalz ein Versuch den „Frieden im Kleinen“ zu wahren.



Misslebige werden die Nazis gerne als „Separatisten“ bezeichnen. In Zeiten des braunen Aufstieges konnte man so Gerichtsprozesse anzetteln und in die Presse kommen. Die Nazis wurzeln in der armen, protestantischen Nordpfalz, dort wo die Felder schmal und karg sind und die Arbeit im Steinbruch ein Glücksfall. Viele Funktionäre der NSDAP kommen nun aus einer Schicht, die nicht so recht weiss, wo sie hingehört. Ihr Wissen trotzten sie sich dem Kastensystem durch Fleiss ab. Jetzt aufgestiegen, treten sie sofort nach jenen, die ihnen durch den Kampf gegen das Bildungsprivileg überhaupt den Erfolg ermöglichten: Den Arbeiterparteien und Gewerkschaften. Nicht unwichtig, dass sich viele Volksschullehrer unter den Nazis fanden. Sie waren mit undurchlässigem Ständegeist besten auftraut. Josef Bürckel, der Gauleiter der Pfalz, bestätigt Bebels These, wonach „der Antisemitismu der Sozialismus der dummen Kerle ist“ . Bürckel galt als „roter Gauleiter“, sprach vom „Sozialismus der Tat“ und schenkte dem Führer eine „judenfreie“ Pfalz. Bürckel beherrschte alle populistische Mätzchen und schuf später einen hochmodernen Medienkonzern.



Der katholisch Block erscheint unberührt vom Lauf der Dinge. Sicher und mächtig ruht er in der Südpfalz und in der Landstuhler Gegend. Vom Sportverein bis zum Kirchenchor hat er das Alltagsleben im Griff . Nur junge Männer liebäugeln manchmal mit den Nazis, deren Wahl der Klerus als unvereinbar mit dem katholischen Glauben ablehnt. Als Pfälzer Spezialität kandidieren Zentrum und Bayerische Volkspartei (BVP) mal vereint, mal getrennt. Die Katholiken bieten jedem etwas. Der Gewerkschaftler Jakob Dörler warnt vor der „Herrenschicht“, die die „soziale Entrechtung der Arbeiter und Angestellten, die Zerschlagung der Demokratie und die Ausschaltung des Parlamentes“ erstrebe. Auch der „Christliche Pilger“ ist hellsichtig und vermutete dass die neue Regierung für die „deutschen Katholiken nichts Gutes“ verheisst. Andererseits stimmte die BVP 1925 für Hindenburg als Präsidentschaftskandidaten der Rechten und gegen den Zentrumsmann Wilhelm Marx.

Trotzdem bröckelt der einst so stolze „Zentrumsturm“. Im März 1933 kommt der ehemalige Reichskanzler Brüning nach Kaiserslautern. Zu seinem Schutz formiert sich die Pfalzwacht, der bewaffnete Arm der Katholiken, und verliert die Schlacht gegen die brutal draufschlagende SA. Gleichzeitig ködern die Nazis geschickt mit Konkordat und Antibolschewismus. In der Pfalz sind sie zudem noch zurückhaltend. Das benachbarte Saargebiet ist gut katholisch und soll heim ins Reich.

Dem hohen Klerus geht es um den Erhalt der Institution. Die Pfarrer vor Ort scheinen durch eine Art Kokon, dem katholischen Milieu, geschützt zu sein. Trotzdem wurden fünf katholische Priester aus der Pfalz ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Der erste und überhaupt der erste in Deutschland war der Geistliche Friedrich Seitz aus Schallodenbach. Er hatte sich freundlich zu polnischen Zwangsarbeitern verhalten. Die Liturgie kennt weder Volk noch Rasse. Der NSDAP-Gruppenleiter aus Mehlbach verriet Seitz.

Nach der Befreiung, die für ein Seitz keine verbrauchte Sonntagsrede war, kam der grosse und anrührende Moment. Seitz las in der Fruchthalle das Gedicht „Kinderschuhe aus Lublin“ von Johannes R. Becher vor.



Wesentlich anfälliger als die Katholiken waren die Protestanten, die in der Pfalz, die Mehrheit stellten, für den Nationalsozialismus. Ludwig Diehl, der spätere Bischof der evangelischen Landeskirche, trat bereits 1927, wahrscheinlich um schlimmeres zu verhüten, der NSDAP bei. Im November 1933 waren etwas „mehr als die Hälfte der Theologen der Landeskirche Mitglieder der DC (Deutsche Christen). Jeder fünfte evangelische Pfarrer war Mitglied der NSDAP. 1934 trat die neue Landessynode zum ersten mal zusammen. Theologiestuden wurden verpflichtet „der SA, SS oder einer anderen nationalsozialistischen Formation“ beizutreten. Die Versammlung endete mit dem Horst-Wessel-Lied. Die Pfälzer Protestanten schlossen sich der „Deutschen Evangelischen Kirche“ an.



Überbleibsel einer einst mächtigen Arbeiterbewegung sind in Kaiserslautern das Naturfreundehaus im Finsterbrunnertal und die Büchergildeabteilung der Buchhandlung Blaue Blume. Vor 1933 umfasste das Arbeitermillieu „alle Facetten“ des Lebens. Entscheidend geschwächt war es allerdings durch die Spaltung. In Lambrecht gab es die SPD-nahe „Freie Turnerschaft“ und ein paar Kilometer weiter in Neustadt an der Weinstrasse übte der kommunistische „Roter Sport“. Stark war man noch, wenn man zusammenarbeitete. Bei den Betriebsratswahlen in den Guilini-Werken in Ludwigshafen siegte eine Einheitsliste aus Sozialdemokraten, Kommunisten und Christen klar über die Nationalsozialistische Betriebsorganisation. Auf Widerstand wurde stets mit der „Abstrafung des gesamten Millieus“ reagiert. Mölschbach, ein Walddörfchen in der Nähe Kaiserslautern, hatte mit Heinrich Edinger einen kommunistischen Bürgermeister . „Am 15. September 1933 erfolgte eine Besetzung des gesamten Dorfes durch 200 Mann Hilfspolizei, SA und SS. Daei wurden 22 Bewohner in Schutzhaft genommen, da `mit dem Versuch der Fortführung marxistischer Ideen gerechnet werden muß`“. Bei den Reichstagswahlen im November 1933 gab es in Lambrecht mehr als 13% Enthaltungen, „der höchste Prozentsatz in ganz Deutschland.“ Die Repression des Regimes war unerbittlich. Otto Michel, einfaches KPD-Mitglied vom Kotten aus Kaiserslautern, stirbt nach jahrelanger Haft im Konzentrationslager. Gegen Ende des Krieges musste sich das Regime auf seine erbittersten Gegner stützen. Zahlreiche Antifaschisten wurden in die Bewährungseinheit 999 gepresst.



Wer vor 1933 in Kaiserslautern am Kiosk nach einer Zeitung suchte, hatte die Qual der Wahl: Es erschienen neben der NSZ-Rheinfront, die liberale „Pfälzische Volkszeitung“ (10.800) aus dem Rohr-Verlag, der katholische „Pfälzer Volksbote“ (10.500), die „Pfälzische Freie Presse“ (6800) der Sozialdemokraten und die nationalistische „Pfälzische Presse“. Wer als „unabhängig“ auftrat, war zumeist deutschnational. Die kleinen Blätter waren auf überregionale Nachrichtenagenturen angewiesen, auf vorgefertigte Inhalte, auf „zentral hergestellte Matern“. Damit waren sie vom Hugenberg-Imperium abhängig. Am 13. März 1933 verwüstete ein SS-Kommando in Kaiserslautern den sozialdemokratischen Verlag und verhaftete deren Geschäftsführer. Die linke Presse wurde verboten, die bürgerliche der Zensor unterworfen und der Aufstieg der „NSZ-Rheinfront“ begann. . Verlage, die sich nicht gefügig zeigten, wurden mit dem Entzug der amtlichen Bekanntmachungen bedroht. Für überregionale Meldungen war allein das Deutsche Nachrichtenbüro (Darf nichts bringen) zuständig.

Die „Rheinfront“ beherrschte den „schmeichelnde Ton“, lockte mit Sportpokalen, Preisausschreiben und Abonnentenprämien. Gleichzeitig berichtete sie über Einweisungen und Gerichtsurteile. Es war Werben und Drohen in einem.



Die Nazis sind jetzt die Herren der Kultur, aber keinesfalls ihre Auslese. Gaukulturwart ist Kurt Kölsch. Führt man seine sonstigen Titel auf, war Goethe dagegen ein Inkognito. Was die NS-Schriftsteller und Journalisten eint, ist ihre Abneigung gegenüber dem Abenteuer der Sprache, das einem an der nächsten Plakatwand begegnen kann. Dr. Hermann Emrich vom Volksbildungsverband propagiert eine „scharfe Kampfansage gegen allen Intellektualismus und Aesthetizismus“. Dr. Rober Oberhauser, für das Feuilleton der NSZ-Rheinfront zuständig, schreibt eine Hitlerhymne nach der anderen und fordert, „dass Kunst kein Selbstzweck sein darf, sondern Charakter sein muss“. Und Kurt Kölsch meint, dass „es weniger um formvollendete Reimerei“ denn „auf den Herztakt des Volkes“ ankomme. Kölsch kann man vieles vorwerfen aber gewiss nicht „formvollendete Reimerei“. Nach dem Krieg machten die Schriftleiter als Redakteure munter weiter. Oberhauser begegnen wir beim Feuilleton der „Rheinpfalz“.Kölsch wird wieder Lehrer, sattelt auf Mundart um, gewinnt den Wettbewerb in Bockenheim und sitzt für die Sozialdemokratie im Gemeinderat. Er und die anderen „Männer von der Presse“ waren wohl zu klug, um nicht zu wissen, dass ihr Herrscherlob eher zweitklassig war, aber es winkte viel Geld. Das Gehalt eines Journalisten bei der NSZ-Rheinfront konnte die Höhe eines Oberbürgermeisters einer Großstadt erreichen.

In Germersheim richtete die Militärgerichtsbarkeit mindesten 47 Soldaten hin. In Frankenthal versetzt das „Gesetz über die Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die Eltern gehörloser Schüler in Angst und Schrecken.

Braune Jahre“ tippt eine ungeheure Anzahl von Biographien aus allen Gruppen der Bevölkerung an. Daraus ergibt sich die bittere Erkenntnis: Es hat nur wenigen geschadet, überzeugter Nationalsozialist gewesen zu sein. Nicht nur in der Pfalz.

Gerhard Nestler, Roland Paul und Hannes Ziegler (Hrsg.);

Braune Jahre in der Pfalz
Bezirksverband, Pfalz, Kaiserslautern 2016,446 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
24,90 Euro
ISBN:978-3-927754-85-0



19:43 27.12.2016
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