Schönschwätzers Abgang

Völklinger Hütte Grewenigs Vertrag als Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte geht nur noch bis Juni 2019. Vielleicht ist dies für die Saar ein politischer Neustart.
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Hätten die Zuhörer Ohren zum hören, Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, hätte sich längst um Posten und Pension geplappert. „Christian Boltanski ist der beste vorstellbare Künstler für das Projekt und unsere Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter haben ihn auch verdient…“, sagte Grewenig anlässlich einer Kunsteröffnung. Allein in „unsere“ ist ein brutales Schulterklopfen , ein leutseliges Grauen verborgen, gesteigert durch das in diesem Fall aufdringlich zeitgerechte „Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter“. Nach Verschleppung, nach Unterernährung , nach dem Genickschuss unterm Saarhimmel haben es sich die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter „auch verdient“ gewürdigt zu werden. Vorher gewiss nicht. In „auch verdient“ verbirgt sich behaglich das rindslederne Gemüt, dem es, laut dem Historiker Erich Später, mühelos gelingt Schädelschau und Festmahl zu vereinen.

Zur Eröffnung der Saison 2018 machte der Kreuzritter Meinrad Maria Grewenig mobil:

„Deshalb lassen Sie mich an den Anfang dieser Rede dies aufnehmen und die Linie zurückverfolgen bis zu Pontius Pilatus, dem Statthalter Roms in Palästina, als seinerzeit die Juden Jesus Christus zum Tode verurteilt hatten.“ Grewenig propagiert den christlichen Antijudaismus. Nicht wenige sehen darin den Weg zur Shoa. Der Skandal war: Alle blieben ruhig sitzen. Im Gegenteil. Artig bedankte sich der Ministerpräsident Tobias Hans für die Brosamen der Unterstützung bei den Röchlings, so dass diese sich im Glanz der reumütigen Sünder sonnen durften.

In Grewenigs „ästhetischen Leuchtturm, der auf wissenschaftlichem Fundament ruht“ findet die Phrase zu sich selbst.

Grewenig hat einen langen Text über die bischöflichen Gärten in Salzburg geschrieben. Gleich zu Beginn: „Gärten und Gartenanlagen haben die Salzburger Fürsterzbischöfe und die Äbte der Benediktinerabtei St. Peter zu allen Zeiten angelegt.“ Grewenig, ganz Herrenreiter, lässt die Höflichkeit gegenüber den Gärtnern und Landarbeiter vermissen. Vielleicht haben doch sie die Gärten angelegt. Dann sollte es heissen: Fürsterzbischöfe und die Äbte …..liessen anlegen. Ein paar Zeilen weiter. „Auf besondere Art wird so in dem geistigen Fürstentum Salzburg eine Kontinuität bei gleichzeitig höchster Aktualität in den Hervorbringungen der Gartenkunst gewahrt, die nicht in dynastischen Erbfolgen wurzelt.“ Die Konstruktion des Satzes will Beifall und verstellt, dass Grewenig „geistig“ mit „geistlich“ verwechselt. Er meint das geistliche Fürstentum Salzburg.

Grewenig behauptete das Weltkulturerbe Völklinger Hütte geriete in Gefahr, sollte die Hermann-Röchling-Höhe ihren ursprünglichen Namen Bouser Höhe wieder erhalten. Die dafür verantwortliche UNESCO verneinte. Selbstverständlich fand Grewenig auch die Verlegung von Stolpersteinen vor den Eingang der Hütte als „würdelos“ und „in hohen Maße ungeeignet“.

Grewenig hatte ein schlichtes Konzept für die Völklinger Hütte: Ausstellen, was glitzert und glänzt. Das hätte auch eine Elster gekonnt. Nur schmeisst die nicht mit Imponiervokabeln um sich und verlangt kein so hohes Gehalt.

Das Beste an Grewenig sind freilich seine Vornamen: Meinrad Maria. Ich kann sie nicht oft genug schreiben. In Meinrad Maria klingt wundersam zart und stur verschmockt schon der Damenprediger, der jeden Unfug in Zuckerwatte verpackt.

Meinrad Maria Grewenig hat in der Historikerin Inge Plettenberg die kongeniale Mitstreiterin gefunden. Ihr blasierter Tonfall plaudert über den Antisemiten und Kriegsverbrecher Hermann Röchling: „Seine Nähe zu Hitler kann man auch übertreiben......Er hat ihm (gemeint ist Hitler) also nicht auf dem Schoß gesessen und er hat auch nicht so ohne weiteres ihm seine Dinge unterbreiten können.“ Plettenbergs Trick: Sie rennt mit Getöse offene Türen ein. Niemand hat behauptet, dass Röchling auf Hitlers Schoss gesessen habe.

Die Kenntnisse über Grewenig habe ich zwei Büchern von Bernd Rausch entnommen. Dafür erst den Dank an Richard Zietz. Er hat auf seinem Blog beim „Freitag“

"Weltkulturerbe Völklinger Hütte - Das Erbe der Röchlings" ISBN 978-3-9819623-0-7

88 Seiten, 10,90 Euro, Saarbrücken 2018

und „100 Jahre Röchling. Ausbeutung, Raub, Kriegsverbrechen“. Saarbrücken 2017. ISBN 978-3-00-053761-5 . 102 Seiten, 9,90 Euro Saarbrücken 2017

besprochen.

Neben der Zeitung „Guddzje“ war er der einzige. Denn auch im Saarland steht das Wort Pressefreiheit auf dem Papier, das gewissen Leuten gehört.

Josef Reindl nennt im Vorwort zu „Das Erbe der Röchlings“ Grewenig „eine Lachnummer, einen Blender, eine Fehlbesetzung“. Lakonisch ein Leserbrief auf Spiegel-Online:

„Ich frage mich eigentlich, was z. B. eine Ausstellung über das alte Ägypten in der Völklinger Hütte zu suchen hat. Das ist schlicht neokonservativer Bildungswahn aus einem der uralten Völklinger Gymnasialknäste.“

Selbst der „Saarbrücker Zeitung“, die Rausch bislang noch nicht einmal ignoriert hatte, gelingt es an guten Tagen, wenn auch nicht Rausch zu verstehen, so doch zusammen zu fassen:

„Das geschah 2011, als die ICOMOS-Inspektoren der UNESCO den Zustand des Denkmals für bedenklich erklärten und mit der „Roten Liste“ und dem Entzug des UNESCO-Ehrentitels drohten. Kritikpunkt unter anderen: die nahezu ganzjährige Nutzung der Gebläsehalle als Haupt-Ausstellungsort. Das Industriekulturdenkmal von Weltrang sei nur mehr Kulisse, hieß es. Die Ausstellungen seien beliebig, banal, würdelos: Playboy, Asterix, Ferrari, die Queen oder Faszination Morgenland. Es fehle die sozialgeschichtliche Analyse oder die Aufarbeitung der Zwangsarbeiter-Ära.“

Wieso konnte eine solch kluge Redseligkeit 20 Jahre lang ein Weltkulturerbe leiten? Rausch findet die Gründe im Politischen. Grewenig ist bei den „Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Deren Faschingskostüme täuschen über die finanzielle Schlagkraft hinweg. Die Kreuzritter sind Katholiken, die den Mantel der Nächstenliebe gerne nach dem DAX und dem Kanonendonner hängen. Ihr Idol: Der Priester, der mit dem Stahlhelm auf dem Kopf die Messe liest. Franz von Papen, der „Totengräber der Demokratie“ (Rausch) war Mitbegründer der Kreuzritter in Deutschland und hatte familiäre Beziehungen ins Saargebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen Vertreter des Ordens Nazis bei der Flucht nach Südamerika.

Grewenigs Aufgabe war es, um eine schöne Formulierung der FAZ zu gebrauchen, die „Nachkriegsamnesie“ im Saarland zu vollenden. Vor 1955, vor der Rückkehr nach Deutschland, wäre es unmöglich gewesen, eine Siedlung nach einem Antisemiten und verurteilten Kriegsverbrecher zu benennen. Darauf weist Oskar Lafontaine in einem offenen Brief an die damalige Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer hin. Grewenig verkörpert das Bündnis von Katholiken und Deutschnationalen, das sich für das Saarland zweimal „desaströs“ (Bernd Rausch) auswirkte. Jede Erinnerung, dass es unter Johannes Hoffmann die Möglichkeit einer sozialen, europäischen und antifaschistischen Saar gab, sollte ausgelöscht werden.

Grewenigs Vertrag wurde nicht verlängert. Das ist sicherlich ein Erfolg der beiden Bücher und ihrer Mitstreiter: Manfred Engel-Pollack, Erich Später, Sadija Kavgic, dem Aktionsbündnis Stolperstein / Frieden, Antifa-Saar, der Linksjugend, der Bürgerinitiative gegen Vergessen und Gleichgültigkeit und vielen anderen. Es zeigt, dass beharrliche Untergrundarbeit sich zuweilen gegen die grossen Medien durchsetzen kann. Vielleicht hat jetzt die deutschnationale Rolle rückwärts an der Saar ein Ende gefunden.

Mehr Informationen über die Bücher:

www.ausstellung-rausch.de

Bestellung über rausch.b@web.de

12:43 26.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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